Interview mit Martin Brüske

Wer steckt eigentlich hinter dem Neuen Anfang? Wir führen Sie „backstage“ und stellen in loser Folge Gesichter der Initiative Neuer Anfang vor. Heute im Gespräch: Dr. Martin Brüske. Die Fragen stellte Patricia Haun.

Lieber Martin, Du bist einer der beiden Gründer des Neuen Anfangs. Was hat Dich bewogen, diese Initiative zu starten? Was war der Auslöser?

2019 startete der sog. Synodale Weg. Im Laufe des Jahres 2020 wurde immer klarer, dass es um einen radikalen Bruch mit der verbindlichen kirchlichen, in Schrift, Tradition und Lehramt, aber auch in der philosophischen Vernunft wohlbegründeten Anthropologie und Ethik gehen würde. Anfang 2021 hatte sich das so verdichtet – vor allem auch dadurch, dass zu meinem hellen Entsetzen etliche Bischöfe umgefallen waren und sich weit – allzuweit! – aus dem Fenster gelehnt hatten -, dass mir mein Gewissen sagte: Widerstand ist Pflicht! Der muss über Einzelbeiträge hinausgehen. Mit Bernhard Meuser war ich über diese Vorgänge schon lange im Gespräch. Wir setzten uns ins Benehmen, was zu tun ist. Daraus wurde die Initiative Neuer Anfang.

Welche Vision hattest Du und hat sich diese erfüllt oder kam es ganz anders?

Think big! Mir ging es nie nur um den Kampf gegen den theologischen Irrsinn des Synodalen Wegs. Das war nur der Anlass, der allerdings auch bis heute verpflichtet. Denn der Kampf gegen diese selbstmörderische Idiotie ist noch lange nicht gewonnen. Mir ging es vielmehr und zuerst und zuletzt völlig positiv um eines: Tiefenerneuerung der Kirche aus den Quellen der Schrift und der besten geistlichen Tradition. Das heißt immer: Neuentdeckung des Evangeliums im Heute. Rettend für die Kirche ist es, wenn sie sich als identisch mit ihrer Sendung wiederentdeckt. Sie ist – lebt – realisiert sich als Fortsetzung der trinitarischen Sendungen in die Welt hinein. Sonst stirbt sie an kirchlich-klerikalem Narzissmus. Das war die Vision von Papst Franziskus. Papst Leo hat sie – Gott sei Dank! – voll übernommen. Sie ist gültig. Es ist auch meine Vision. Evangelii gaudium ist DIE prophetische Vision der Kirche für heute: Ich will alles tun, damit die Kirche auch in unseren Breiten zu einer Kirche der missionarischen Jüngerschaft wird.

Wie wünschst Du Dir, dass es weitergeht mit dem Neuen Anfang?

Ganz einfach: Dass der Neue Anfang immer mehr, immer besser, immer tiefer und nachhaltiger dieser Vision der Erneuerung der Kirche aus den Quellen des Evangeliums dient.

Wo hast Du inzwischen Deinen Platz im Team gefunden und was sind Deine Aufgaben?

Einmal ist das die andauernde, genaue und analytische Beobachtung der Vorgänge in Kirche, Politik und Gesellschaft – soweit sie für unser Grundanliegen der Erneuerung der Kirche relevant sind. Ich gebe zu: Das ist zwar aufregend und spannend, aber wir leben in Zeiten, wo das manchmal auch ziemlich belastend sein kann und jedenfalls nicht immer vergnügungssteuerpflichtig ist. Dann beschäftigt mich die theologische und philosophische Arbeit im Hintergrund. In letzter Zeit war auch meine Arbeit für den Blog eher im Hintergrund. Das wird sich hoffentlich bald wieder ändern… Denn ich habe an sich große Lust am Schreiben.

Wenn Du nicht für den Neuen Anfang aktiv bist, wo findet man Dich dann?

Meine Frau und ich lieben die Ostsee und ihre Landschaften. Da zieht’s uns seit nunmehr fast zehn Jahren immer wieder hin. Dann habe ich eine große Liebe zur Musik von Gregorianik bis zum Jazz und Blues. Beethoven ist für mich ein ganz großer Stern am Himmel. Ebenso Anton Bruckner. Unter den Jazzern Miles Davis und Duke Ellington. Mozart und Bach sind eh außer Konkurrenz. Dazu bildende Kunst: Botticelli und C.D. Friedrich, Turner… Ach, es gibt so viel, an dem ich mich begeistern kann: Im Museum findet man mich jedenfalls auch. Und natürlich Literatur, besonders auch Lyrik.

Was magst Du uns über Dich verraten?

Hang zur Schwermut, Sehnsucht nach einer kontemplativen Lebensform in Stille und Einsamkeit, andererseits jemand, der mit Leidenschaft vermittelt: Ich habe wahnsinnig gern unterrichtet. Deshalb ist die Weise, wie Thomas von Aquin die apostolische Lebensform seines Ordens umschreibt, auch für mich maßgeblich: Contemplari et contemplata aliis tradere. In der Kontemplation leben und anderen die Früchte der Kontemplation mitteilen. Das ist für mich die ideale Umschreibung der theologischen Existenz. Daran orientiere ich mich.

Welcher Ort bedeutet für Dich Heimat?

Natürlich das Rheinland. Ein Ort: Die Rheinauen zwischen Baumberg und Urdenbach. Ich kann es nicht verhehlen. Aber in der Schweiz lebe ich sehr gern und fühle mich wohl.

Wenn Du drei Wünsche frei hättest für die Kirche in Deutschland, welche wären das?

  • Ich wünsche mir, dass ganz viele Menschen die Schönheit des Evangeliums und den Reichtum der kirchlichen Tradition neu entdecken und deshalb wagen, als Jüngerinnen und Jünger Jesu zu leben und so aus erfülltem Herzen mit anderen ihren Glauben teilen.
  • Ich wünsche mir die Auferstehung der Theologie in deutschen Landen. Denn sie ist tot. Zu neuem Leben kann sie erblühen, wenn sie radikale Kirchlichkeit und radikale Zeitgenossenschaft als Spannung und in unbedingter Ernsthaftigkeit in sich verknüpft und aushält. Im Augenblick ist sie ein Zombie, der seine Verwesung mit Tonnen von Schminke übertüncht, indem er intellektuellen Moden nachhechelt, die selbst schon wieder halbtot sind, wenn er sie einholt und beerbt. 
  • Eigentlich ist es ganz einfach: Ich wünsche mir mit einem alten, schönen, frommen Wort „Erweckung in deutschen Landen”. Viele Menschen, die den heute lebendigen Jesus als ihren Herrn und Heiland entdecken und annehmen.

Wie stellst Du Dir den Himmel vor?

In den letzten Jahren ist bei mir die Sehnsucht, einfach bei Jesus zu sein, permanent gewachsen.

Wer ist Dein Lieblingsbibelheld (außer Jesus)?

Ernsthaft: Johannes, der Evangelist. Und Paulus. Nicht ganz so ernsthaft: Ich mag die anarchischen Geschichten aus dem Richterbuch, z.B. Simson.

Gibt es eine(n) Lieblingsheilige(n)?

Irenäus von Lyon. Athanasius von Alexandrien. Aurelius Augustinus. Benedikt. Bruno. Ganz im Kern: Dominikus, Franziskus und Thomas von Aquin. Ignatius. John Henry Newman. Weniger geht nicht! Kritiker werden sagen: Das ist „maskulinistisch“. Aber das ist Blödsinn. Zu diesen Heiligen habe ich schlicht aufgrund meiner Biografie, meines geistlichen und intellektuellen Weges eine sehr persönliche Beziehung.

Welche Geistesgabe hättest Du am liebsten, wenn Du wählen dürftest?

Weisheit! (Ist doch klar….)


Dr. theol. Martin Brüske
Martin Brüske, Dr. theol., geb. 1964 im Rheinland, Studium der Theologie und Philosophie in Bonn, Jerusalem und München. Lange Lehrtätigkeit in Dogmatik und theologischer Propädeutik in Freiburg / Schweiz. Unterrichtete bis 2025 Ethik am TDS Aarau. Martin Brüske ist Mitherausgeber des Buches „Urworte des Evangeliums”.


Beitragsbild: Naturschutzgebiet zwischen Düsseldorf und Monheim: Die Urdenbacher Kämpe, © hespasoft / Adobe Stock
Autorenportrait: Thomas Esser

Post drucken

Melden Sie sich für unseren Newsletter an