Himmlisches und humorig Irdisches zum Fest Mariä Aufnahme in den Himmel
Geschäftigkeit und Bedächtigkeit gehören zusammen. Helmut Müller gibt einen kleinen Einblick in die Werkstatt des Denkens und Schreibens beim Neuen Anfang. Im heutigen Beitrag soll deutlich werden, weshalb es einfach nur folgerichtig ist, dass die katholische Christenheit die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel feiert.
Das HB-Männchen
Kurz vor meinem Mittagsschlaf – Pensionäre dürfen das – fragt mich Patricia, unsere Redakteurin: „Kannst du was zu Maria Himmelfahrt texten?“ – „Hm, mal sehen, vielleicht kommt mir was im Schlaf.“ Tatsächlich kam mir etwas in den Sinn, allerdings nicht passend. Mir schwebte das HB-Männchen vor meinem inneren Auge – alle in meinem Alter wissen, was ich meine. Die anderen können ja googeln. Das HB-Männchen geht bei jedem Ärger in die Luft oder fährt aus der Haut. Dann kommt der Tipp in dem Werbe-Clip: “Mit einer kleinen Pause und mit HB wäre das nicht passiert.“ HB ist eine Zigarettenmarke. (“Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit”, Anmerkung d. Red.)
Es wird ernsthafter
Hm denke ich, in die Luft gehen oder aus der Haut fahren…? Das ist noch weit weg von jeder Theologie, vom Thema gar nicht zu reden. Alle meine Hintermänner und -frauen in der Redaktion werden denken: Spinnt der mal wieder? Ich muss mir also weiter Gedanken machen. Allmählich komme ich in die Gänge: Mit Maria begann die Erzählung, die wir als Geschichte glauben und die Heilsgeschichte schlechthin geworden ist. Gott – oder auch die Götter –, der oder die in allen Religionen im Himmel verortet werden, will eine Gestalt dieser Welt annehmen. Nicht wie in anderen Religionen, bloß mythisch in Menschen, Tieren oder anderen Naturgestalten, – nein, in einer konkreten Person, einem Mann, der später auch bei Ungläubigen als Mann aus Nazareth in die Geschichte eingegangen ist.
Botschaft vom Himmel
Die Geschichte beginnt mit einer Botschaft vom Himmel, die alle Mythen in den einen Logos wandelt. Und zwar damit, dass eine junge Frau von einem Engel gefragt wird, ob sie dabei mitmacht, ein Kind zur Welt zu bringen, ohne Mitwirkung eines Mannes (salopp ausgedrückt). Sie fragt kritisch nach und willigt im Vertrauen auf die Botschaft des Engels ein. Das Kind erhält den Namen Jesus, der endlich aus der Fülle von Mythen und von Heilsversprechen Logos, Geschichte werden lässt. Wir wissen und glauben, dass so die Heilsgeschichte begonnen hat. Diese junge Frau am Anfang hat mitgemacht bis zum Ende. Und sie war der Heilsgeschichte sogar voraus. Sie hat ihn „vom Himmel“ empfangen, ihm die erste Wohnstatt auf Erden – in ihrem Mutterschoß – bereitet.
Auf der Erde geht es weiter
Und ab da ging es sehr irdisch zu, unkomfortable Geburt auf freiem Feld, Migrantenschicksal in Ägypten. Dazu kamen bald Sorgen, die Eltern mit Hochbegabten haben: Er nimmt Reißaus auf einer Wallfahrt nach Jerusalem und verblüfft die Tempelaristokratie mit seinem Wissen. Das Selbstbewusstsein hat er offenbar nicht allein „vom lieben Gott“, sondern auch von der Mutter: Sie nämlich hat ihn zu seiner ersten Heilstat – dem Weinwunder zu Kana – ermutigt: Und da begann, jetzt auch vor den Augen der Öffentlichkeit erkennbar, die Heilsgeschichte. Die Frau aus Nazareth trat dann mehr und mehr in den Hintergrund. Ein Lob wird von Lukas – dem in einer Tübinger Doktorarbeit auch akademisch anerkannten Historiker – übermittelt: „Selig der Schoß, der dich getragen und die Brust, die dich gestillt hat!“ (Lk 11,27). Und dann erging es ihr wie allen Eltern, wenn die Kinder groß und selbstständig werden. Genaues wissen wir je nach Evangelientradition nur von seinem letzten oder den drei letzten Lebensjahren. Die Frömmigkeitstradition spricht von sieben Schmerzen, die ihr Herz durchbohrt hatten (drei schon vor seinem öffentlichen Wirken):
Durch die irdischen Schmerzen (des Sohnes) wird der Himmel geboren
- Die Weissagung Simeons
Ein Schwert wird deine Seele durchdringen. Schon beim ersten öffentlichen Auftritt mit dem göttlichen Kind im Tempel erfährt Maria, dass ihr Weg kein triumphaler, sondern ein schmerzensreicher sein wird.
- Die Flucht nach Ägypten
Verfolgt von einem grausamen König muss die Heilige Familie ins heidnische Exil. Maria trägt das göttliche Kind nicht nur im Schoß, sondern durch die Wüste – fern der Heimat und unter Lebensgefahr.
- Der Verlust des zwölfjährigen Jesus im Tempel
Drei Tage lang lebt Maria in qualvoller Ungewissheit. Der göttliche Sohn ist verschwunden. Ihre Liebe, ihre Sorge – sie sind vollkommen menschlich und zugleich von übernatürlicher Geduld getragen.
- Die Begegnung mit Jesus auf dem Kreuzweg
Kein Schmerz gleicht jenem, den eine Mutter empfindet, wenn sie ihr gequältes Kind leidend und blutend sieht. Diese Szene, in der sich ihre Blicke kreuzen, ist von unergründlicher Tiefe.
- Die Kreuzigung und der Tod Jesu
Sie steht am Fuß des Kreuzes. Machtlos, ohne Wehklage, ganz hingegeben. Maria ist dort nicht nur als Mutter. Sie ist die Miterlöserin, die mit dem “Neuen Adam” das Opfer vollzieht.
- Die Abnahme Jesu vom Kreuz
Der entstellte Leichnam Jesu wird ihr in die Arme gelegt. Pietà – das ergreifende Bild der Mutter mit dem toten Sohn auf dem Schoß: ein Sinnbild des vollkommenen Opfers.
- Die Grablegung Jesu
Maria muss loslassen. Sie gibt IHN dem Grab hin, dem Tod, in der Hoffnung auf die Auferstehung. Ihr Schmerz ist dennoch unermesslich.
Mutter und Sohn im Himmel vereint
All dies lässt nur einen Schluss zu: Jemand, der Jesus in dieser Weise gefolgt ist – Maria hat sogar als Schrittmacherin die Nachfolge initiiert –, dem kann nur das gleiche Schicksal beschieden sein: Er wird den Tod nicht schauen und, wie es in der karmelitischen Spiritualität heißt, „himmelfähig“ werden. Der Kirche ist daher nichts anderes übrig geblieben, dies auch zu dogmatisieren: Unbefleckt im Schoß ihrer Mutter Anna empfangen und in den Himmel aufgenommen werden.
Das meint die Kirche mit vor- und vollerlöst: Die Vorerlösung wurde 1854 dogmatisiert und die Vollerlösung 1950 durch die Dogmatisierung der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel.
Schlüssig ist auch, wer von der Erbsünde befreit ist, kann nicht in einem Grab verwesen. Und Maria hat noch etwas mit ihrem Sohn gemeinsam: Sie haben die Folgen der Ursünde getragen ohne dieselbe begangen zu haben. Die Pietà, Maria unter dem Kreuz, zeigt dies wahrhaftig ikonisch an.
Hm, der Leser mag nun entscheiden, ob ihm diese kleine Erläuterung eine Bereicherung zum Fest “Mariä Himmelfahrt” ist, oder ob ich doch besser meinen Mittagsschlaf gehalten hätte.
Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag. Helmut Müller ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.
Beitragsbild: Fresco: Adobe Stock, Santa Maria delle Grazie, Varallo

