Die Schriftstellerin Caroline Danneil hat eine ungewöhnliche Meditation zu Maria und Marta (Luk. 10,38-42) verfasst, und sie spart sich dabei selbst nicht aus. Viel Freude bei der Lektüre!

Da habe ich wohl fälschlich angenommen, ich wäre die “Maria”! … Triumphierend, siegessicher, nicht wie die anderen Frauen im Kurs, die alle meinten, sie seien “Marta”.  

Oh, ich Unbesonnte! Ich Maria! 

Ich erzählte von meinen Jahren, die ich am Küchentisch sitzend bei meiner Tante verbracht hatte, als Kind dort im bestmöglichen Unterschlupf, in einer schlichten, hellen Küche mit einer lieben Frau, die kochte, backte, spülte, sich mit mir unterhielt, mich unterhielt, sich von mir unterhalten ließ, die selbstgebackenen Marmorkuchen und Kirschplotzer auftischte, dazu Apfelsaft oder Kaffee mit viel Milch. Ich war der Gast, die Lauschende, saß nicht ganz zu ihren Füßen, aber doch in ihrem Rücken, dann wieder ihr zugewandt, Gesicht zu Gesicht. Ich mochte mich, wenn ich bei Tante H. war. Tante H. mochte ich sowieso, mehr noch, ich liebte sie. Sie war mein Hafen. Bei ihr fand ich Rast. In ihrer Küche ging es mir gut. Ich musste nichts leisten, nichts beweisen, nichts aushalten, keine Katastrophe bezeugen oder verhindern – ich durfte mich ausruhen und einfach ich selbst sein, einmal ernst genommen, nicht geschlagen, gänzlich ohne Vorwurf oder Bedingung oder Beleidigung oder Misstrauen. Im Gegenteil, mit Liebe. Saß mitten in der Liebe, nicht nur in einer Küche.

Seit gestern bin ich Marta

Seit gestern Abend weiß ich: Ich bin Marta. Ein Beichtvater hat mir einen ,Kurswechsel im Glauben‘ nahegelegt. Marta nämlich meint – genau wie ich – alles richtig machen zu müssen. Sie will nichts falsch machen, schon gar nicht im Glauben, im Umgang mit Jesus. Sie will sich so sein Gefallen sichern und Strafe abwenden. Wahrscheinlich hat sie ihn in ihr Haus eingeladen. Und sie macht ja auch etwas richtig! Sie nimmt Jesus „freundlich auf“. Das ist wunderbar. Der richtige Impuls und Wunsch. Anschließend „sorgt“ sie, wie es für sie sicher selbstverständlich ist und dazu gehört, für ihn, bewirtet ihn, vielleicht kocht sie noch etwas nach? Sie meint immer noch, das Richtige zu tun. Aber sie steht, während sie dies in ihren Augen ,Richtige‘ tut, zugleich unter einem enormen Druck. Der ist so groß, dass es ihr (allein) zu viel wird. Sie muss sich von diesem Druck in einem Vorwurf erleichtern. Der Druck wird zuvor beschrieben; da heißt es: dass „Marta aber [!] ganz in Anspruch genommen war, für ihn [d.h. Jesus] zu sorgen“ (V.40). 

Da hat sich etwas zusammengebraut in ihr. Das ,aber‘ hat sie herausgesondert in eine Überforderung. Sie meint, das Richtige zu tun. Wollte es unbedingt. Fühlt sich verpflichtet im Kleinsten und unaufhörlich für den hohen, besonderen Gast zu sorgen. Wer sollte auch sonst tun, was getan werden muss? Es muss ja schließlich getan werden, hört man sie denken. Sie bleibt aber (!) in der Überforderung, im blinden Schaffen und Tun, in der Erfüllung des gesellschaftlich Erwarteten und Üblichen. 

Die Freundlichkeit des Anfangs, als sie Jesus empfangen hat – eine offene Freude wie eine offene Tür – ist in der Zwischenzeit einer Geschäftigkeit gewichen, die sie schwer werden lässt, unzufrieden. Wie alle, die so leben, wie auch mich. Aus etwas (gedacht, geplant) Schönem wird etwas (nur noch) Anstrengendes. 

Der Geist der Schwere

Das Wichtige und Große verkümmert im Tunnelblick: Nur nichts falsch machen! Den anderen soll es doch gefallen! Das macht man doch so! Keine Pause, kein Besinnen, reines Tun, reines Sorgen in doppeltem Sinn. Aber genau diese Überforderung, dieses Rein-nach-der-Pflicht-Leben, dieses Abhaken des Anstehenden führt unweigerlich in die Marta-Mentalität. In die Blindheit gegenüber dem Wesentlichen. In die Arroganz gegenüber denen, die sich nicht überfordern (lassen) durch vieles äußerliche Tun, wie ihre Schwester Maria es gerade vorlebt. Sie bleibt im Hintergrund, am Boden, in der Ruhe, im Nicht-Reden, vielleicht nicht einmal im Jesus-Einladen. Ich denke, es war Marta, die bestimmter auftrat, nachdrücklicher, steuernder. 

Marta hält sich für richtiger und besser als Maria, die schließlich nur dasitzt und nichts Gastgeberisches tut. Sollte sie nicht mit-tun, mit-sorgen? Marta fühlt sich von ihrer Schwester im Stich gelassen und vielleicht auch von Jesus. Sie fühlt sich im Recht und Maria im Unrecht. Daher verlangt sie (barsch?, gekränkt?, vorwurfsvoll?) von IHM, dass er sich einmischt, dass er für sie Partei ergreift, sich durch Mitgefühl auf ihre Seite schlägt: „Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt?“ (V. 40) Sie sucht seine Aufmerksamkeit, seine mitfühlende, vielleicht gar sie bedauernde Aufmerksamkeit, sucht Sätze oder Gesten, die ausdrücken: Du Arme, du schuftest dich ja kaputt für mich! Was bin ich dir dankbar für deinen Einsatz! 

Der versteckte Stolz der Frommen

Im Zu-viel-Tun, im Zu-viel-Sorgen kann sich auch ein großer Stolz verstecken. Man ist stolz, bis an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit zu gehen. Freiwillig!  Zum Siegel fürs eigene vorbildliche Wesen, die eigene Kraft. So ist man, so zeigt man sich, so möchte man wahrgenommen werden, so großartig und einsatzbereit! 

Doch ist man auch bereit, etwas anzunehmen und zu empfangen und sein zu lassen und an den Herrn abzugeben? Kann man auch andere einfach mal machen lassen, oder aushalten, dass sie es jetzt machen? Hat man die Größe, sich einzugestehen, dass man es nicht hinbekommt, dass man zu müde ist, es nicht kann usw.?

Der Appell an Jesu’ Mitgefühl spitzt sich zu, weitet sich in einen Appell an sein Handeln. Jetzt ist es heraus: „Sag ihr doch, sie soll mir helfen!“ (V. 40) Marta selbst hat sich nicht getraut, Maria einzuspannen. Jetzt soll Jesus Maria zu ihrer Handlangerin machen. Diese da, beschäftigt mit Jesus, versunken, in ihrer mit Jesus geteilten, von ihm aufgespannten Welt. Unmöglich, dass sie, Marta, dazwischen gehen konnte, dazwischen gehen durfte. Jetzt soll Jesus es tun, sie endlich äußerlich zurechtweisen, wie Marta es innerlich schon getan hat, seit sie Jesus bewirtet, vielleicht sogar schon, seit sie ihn ins Haus eingeladen hat. Das muss doch auch Jesus so sehen, das kann er doch nicht anders sehen!

Die andere Sicht Jesu

Doch, er kann. Ganz anders. Jesus kommt mit einer ganz neuen Sicht, einer, die mir und allen Martas dieser Welt nicht passt. Zwei Mal spricht er Marta an, nennt ihren Namen, ermahnt sie. Und, – wie im ,Amen, Amen‘ – ist das vielleicht von doppeltem Gewicht: „Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.“ (V. 41)

Sogar herabgewürdigt wird ihr Tun. Maria hat das „Bessere“ gewählt! Jesus lässt sich nicht vereinnahmen, nicht vor den Karren der eigenen Interessen spannen, so berechtigt sie zum Teil sein mögen. Marta ist bestimmt erschöpft, sie meinte ja, das Richtige zu tun. Wie stets bleibt Jesus absolut er selbst; er ist in höchstem Maß (ihr) zugewandt und abgegrenzt zugleich. Jesus bleibt unbestechlich, integer. Vollkommen. Er weist Marta auf den egoistischen und somit Gott verfehlenden Kern ihrer doch hilfreich gemeinten Tätigkeit(en) hin; diese sind „nicht notwendig“, „nur eines ist notwendig“, das, was Maria tut.

Was tut sie? „Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu.“ Das ist es, was uns Martas fehlt: das einfach Hinsetzen (mitten im Unvollkommenen, im Ungelösten, in den Sorgen, in dem, was doch noch unbedingt zu tun wäre usw.) zu Füßen des Herrn, ihn immer im Blick, ihm zuhörend; unser Herz ihm öffnend. Das ist es: Ganz da sein und lauschen. ,Hören‘ und ,Gehorsam‘ hängen zusammen, habe ich immer wieder vernommen, und nur so, im still Sitzen und Bereitsein. Dann, wenn wir uns bereit und Gott einen Platz in unserm Innern gemacht haben, kann er auch zu uns vor- und durchdringen. Als Stimme. Als Einsicht.

Wenn der Herr kommt – und er kommt ja zu uns, z.B. in der Eucharistie, wie zu Marta und Maria ins Haus – müssen wir, das ist das wirklich und unbedingt Notwendige, auf ihn achten, stillwerden, auch äußerlich ruhig werden, und ihn einlassen. Und uns auf ihn. Sonst nehmen wir ihn nur der Form halber, nur physisch auf, aber nicht seelisch-geistig. Also nicht wirklich. Und dann wird er auch, wenn wir zu beschäftigt sind für ihn, wenn wir nur bei uns sind mit unseren Sorgen und Mühen, nicht wirklich in uns geboren werden und lebendig werden können. Er wird nicht einziehen können in uns, wenn wir so „auf Durchzug“ leben. Wie ich.

Heute ist wieder ein schwieriger Durchzugs-Tag

Die Sorgen und Mühen fressen mich scheinbar auf, sodass kaum ein Krümel Gott übrig bleibt. Ich möchte so gern mich ins Tun flüchten, in den Schein von Kontrolle, dass es mir nicht zu nahe geht, wie’s meinen Kindern geht (denn oft kreisen meine Sorgen um die frisch erwachsenen Kinder). Ich möchte mir alles durch Tun vom Leib halten; mich wieder sinnvoll und nützlich fühlen, nicht gescheitert als Mutter.

Dabei war ich nie eine Marta-Mutter, was das tatsächliche Verhalten der vorbildlichen Gastgeberin Marta angeht. Wir hatten selten Gäste. Ich kochte selten für meine Kinder; nur, als sie klein waren, und da hauptsächlich Schnelles und Leichtes, immerhin selbstgemachten Kartoffelbrei, Fischstäbchen, Suppen, manchmal Pfannkuchen. Ich habe mein Desinteresse und meine Kochunlust nie für meine Kinder aufgeopfert wie andere Mütter, die sich überwanden. Im vollkommenen Marta-Sein habe ich versagt … 

Aber da, meine ich, kommt Jesus zu mir. Genau in diesem, weithin sich erstreckenden Versagen in meinem Muttersein für meine vier fast sämtlich erwachsenen Kinder – die Jüngste wird in ein paar Monaten 18 – streckt er mir seine Hand entgegen. Dort, wo ich mich nach ihm ausstrecke und schreie, hilf mir, Herr, mein Heiland, ich ertrinke! In Schuldgefühlen, in Bedauern, in Scham, es nicht wenigstens versucht zu haben, es besser zu machen. Als sie mich sehr gebraucht hätten, zum Beispiel in ihren beginnenden Pubertätsjahren, die bei manchen von ihnen sehr aus dem Ruder liefen, in Zeiten, in denen sie für sich litten wie Hunde, wie man so sagt, war ich mit meiner erhofften Schreibkarriere beschäftigt. Ich wollte als Schreibende sichtbar werden, was ja nicht falsch war, aber in dem Ausmaß, das ich gewählt hatte, war es falsch. Oh, diese Reue!

Da ist Jesus, meine ich zu spüren, während ich diese Meditationen, die ich vorgestern, an einem besseren Tag begann, heute in meiner Holy Hour, die mir dieses Mal so schwerfällt, zu Ende bringe; da ist Jesus, der sagt: „Caroline, Caroline, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig.“ Ich bekomme eine neue Chance; jetzt, hier. Ich muss mir selbst vergeben für die Mutter, die ich war. Und begreifen, was für eine gute Mutter ich mittlerweile, in den letzten Jahren durch große Prüfungen, geworden bin. Und meine Kinder – ich muss sie loslassen! Sie so sein lassen, wie sie sind. Ihnen vergeben, dass sie nicht so werden und geworden sind, wie ich es gern gehabt hätte, sondern: besser! Viel besser! Anders. Schwieriger, eigenständiger, kantiger, undurchschnittlicher als gedacht. Schwierig, eigenständig, kantig, undurchschnittlich wie ihre Mutter (und ihr Vater). Ich muss sie „nur“ lieben, das ist das Notwendige.

Und Maria?

Was meint Jesus damit, sie habe ,das Bessere‘ gewählt? Was macht sie? Was ist dieses ,Bessere‘? Sie sitzt ihm, wie alle Schüler dem Meister, zu Füßen, hört zu. Sie geht mit seinen Worten mit. Sie nimmt sie auf. Sie hat Zeit für Jesus und Raum. Sie lässt sich belehren, korrigieren, trösten. Sie lässt sich helfen, etwas zeigen, berühren, meint nicht, selbst etwas tun zu müssen. Sie will beim Meister sein, den Erlöser nicht verpassen. Selbst dort, wo er ihr Schmerzhaftes zu Gehör bringt, vor Augen führt. Sie ist bereit für ihn.

Liebe ist Dasein-Für, Zeithaben, Sich-etwas-Sagen-Lassen, ist Ertragen. Maria liebt Jesus. Auch Marta liebt Jesus, aber sie verpasst ihn, deckt ihn zu mit ihren Nöten, ihren Vorstellungen, will ihn für ihre Zwecke einspannen. Will sicher auch das Lob oder die Anerkennung des Gastes für ihr Tun. Maria bekommt Zuwendung und Lob. Marta geht scheinbar leer aus. Zumindest lässt die Geschichte offen, was nach Jesu’ Ermahnung passiert ist, das Gewicht ist auf dem ,Besseren‘, dem notwendigen, unabdingbaren Lauschen der Schülerin, der Jüngerin Maria.

Ich meine, Jesus weht mich mit dieser Geschichte an, will mich erreichen, mich sanft ermahnen. Ich soll sehen, dass Jesus langsam auf Marta zugegangen ist, wie angeweht, ihr vielleicht das aus der Hand genommen hat, was sie gerade hereintrug, wenn sie es nicht schon längst abgestellt hat, während er sprach, einen Krug, eine Platte, und sie mit einer Handbewegung einlädt, und einem Lächeln, vielleicht einem Zunicken, sich neben Maria zu setzen – auf den Boden, dorthin, wo auch ich jetzt sitze. Jetzt spricht Jesus. Nur noch er.


Caroline Danneil
Jahrgang 1971, verheiratet, Mutter von vier Kindern, Ex-Lehrerin, Schriftstellerin, Konvertitin (24.06.2023), nachdem sie fast vierzig Jahre durch die Wüste gezogen war mit ihren Ersatzgöttern Kunst, Literatur und Selbst. Lieblingsvers in der Bibel: „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden.“ (Johannes 3, 30) 


Beitragsbild: Jan Vermeer, Christus bei Maria und Martha, vor 1654/55, Quelle: Wikipedia

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