Theologie im Blick von Maulwurf und Adler
Der Engel des Herrn erinnert die Christenheit dreimal am Tag in der Zeit, dass sich Gott aus seiner Ewigkeit uns hier und jetzt offenbart hat. Helmut Müller ärgert sich darüber, dass gewisse Theologien mehr mit einem Maulwurfsblick der Vernunft als mit dem Adlerblick, etwa des Johannesevangelisten auf dieses Ereignis schauen. Er schlägt einen Bogen, wie er als kleiner Junge einmal die Erinnerung daran im Mittagsläuten „verbimmelt“ hat, bis zu einer Theologie, die den Zweifel nährt, dass Gott sich uns offenbart hat, statt den Glauben daran zu stärken und so auf andere Weise den Einbruch der Ewigkeit in die Zeit „verbimmelt“.
Die dreimalige Erinnerung des Einbruchs der Ewigkeit in den Dorfalltag
Im täglichen Angelus feiert die Kirche schon seit Jahrhunderten die Menschwerdung Gottes im Mann aus Nazareth drei Mal am Tag. In manchen Dörfern läuten deshalb heute noch die Glocken, morgens um 6, mittags um 12 und abends um 18 Uhr. Für die Leute auf dem Feld hieß das: Hut ab zum Gebet. Für uns als Jungs, vor allem im Herbst oder Winter beim letzten Glockenläuten aufhören zu spielen und ab nach Hause. So prägte dieses Läuten ganz profan unseren Alltag, nicht immer zu unserer Freude. Andererseits warteten wir in der Schule darauf, dass der Pfarrer – wenn er den Katechismusunterricht hatte – uns beauftragte, die 12 Uhr-Glocke zu läuten. Das ist mir alles noch bewusst, da ich einmal alle Glocken ausprobierte, weil ich nicht mehr wusste, welche die richtige war. So tief schnitt damals der Glaube an ein ursprünglich transzendentes Ereignis noch in die Immanenz sogar unseres Dorfalltags! Zu einem bestimmten Zeitkern sollte ich – als vielleicht 10-jähriger Bub – mittags um 12 Uhr an die Ewigkeit erinnern und hatte durch mein Herumgebimmel kläglich versagt, wie mir meine Klassenkameraden, nachdem ich vom Läuten zurückkam, spöttisch bestätigten, dass ich – woran keiner von uns dachte – die Erinnerung an den Einbruch der Ewigkeit in die Zeit verbimmelt hatte.
Offenbarung heißt: von Gott gesucht, nicht bloß von Menschen gefunden
Mit Judentum und Islam gehört das Christentum zu den drei Offenbarungsreligionen, die so genannt werden, weil in ihnen geglaubt wird, dass sich Gott den Menschen selbst offenbart hat und nicht bloß von Menschen gefunden, ersehnt oder mangels Wissen mit Naturphänomenen verbunden worden ist und schon gar nicht einem Strickmuster unserer Wünsche entspricht, wie Magnus Striet in die Enge geführt, neulich – wie er sagt „freimütig“ – zugab. Muslimen begegnet im Islam diese Offenbarung im geschriebenen Wort Gottes, dem Koran. Im Judentum hat Gott sich in seiner Geschichte mit Israel offenbart, es als Volk gesucht und gerufen, auf dass es höre. Im Christentum hat das geschriebene und gesprochene Wort – dessen Hörer zunächst nur Israel gewesen ist – im Mann aus Nazareth sogar unser Fleisch angenommen, mit einer Botschaft, wie wir mit der Unbill dieser Welt zurechtkommen.
Von Gott selbst gerettet und zum Mittun angeleitet
Vorab hat er uns von der Kausalursache dieses Übels – der Ursünde – erlöst, aber wir bleiben weiterhin die Wegbereiter des Übels in die Welt als Konditionalursache. D. h. wir eröffnen dem eigentlich schon besiegten Bösen weiterhin durch unser Mittun den Weg in die Welt. Wir sind also erlöst, aber nicht so, dass wir quasi schon mit einem Mausklick ins Reich Gottes befördert werden, wie man heute etwa eine Urlaubsreise in die Karibik mit einem Mausklick buchen kann. Nein, die Erlösung vom Grundübel in der Welt ist an unser Mitwirken gekoppelt, wie Augustinus schon erkannt hat: Jener, der uns ohne unsere Hilfe erschaffen hat, wird uns nicht ohne unsere Zustimmung erretten.
In der Blindheit des Maulwurfs Theologie betreiben
Der eigentliche Anlass meiner Überlegungen war ein Artikel von Magnus Striet zum Tod von Jürgen Habermas in der Herder Korrespondenz (5/26) mit dem Titel „Und der Maulwurf gräbt weiter.“ Dabei meint er Habermas gänzlich auf seiner Seite zu haben, wenn er unsere Vernunft mit einem blinden Maulwurf vergleicht, der sich durch das Erdreich von Zeit und Geschichte gräbt, dem aber schon Kant einen Blick ins Ewige verwehrt habe. So weit folgt ihm auch Habermas mit dieser Metapher des blinden Maulwurfs, der sich durchs Erdreich wühlt irgendwie auf Hoffnung hin. Für jemanden, der sich Theologe nennt, müsste dieses Wühlen im Erdreich auf Hoffnung hin eigentlich in den Glauben hineinmünden, an den in unserem Dorf drei Mal am Tag erinnert wurde. All das ist mittlerweile so wundersam geworden, dass es einer neuerlichen Katechese bedarf. Eben das müsste doch eine Anfrage an und Aufgabe für die christliche Theologie sein! Offenbar ist das nicht mehr selbstverständlich. Nach 2000 Jahren kritischen Glaubens an die im Christentum ergangene Offenbarung in Lehre und Katechese gibt es Leute, die meinen, statt Katechese diesen Glauben durch fortschrittlich verstandenen Zweifel ersetzen zu können. Magnus Striet etwa lässt offenbar lieber den blinden Maulwurf der Vernunft weitergraben, als den durchaus schon nach allen Regeln der Vernunft geprüften Glauben, etwa an eine Offenbarung, weiter zu stärken. Als Offenbarungsreligion könnte man doch die zugegebenermaßen blinde Vernunft des Maulwurfs, die sich bloß durch Zeit und Geschichte nach Kant, Hegel, Marx und jetzt auch Striet graben kann, durch die Offenbarung mit einem Adlerblick des Glaubens ergänzen. Nicht umsonst stellt man den Johannes-Evangelisten mit dem Symbolbild des Adlers dar, da er sein Evangelium mit der größten Perspektive beginnt: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Mit dieser Perspektive lässt sich alles andere überblicken.
Womit um alles in der Welt haben wir eine Theologie verdient, die sich für diese wirklich von Gott geschenkte Perspektive nicht mehr interessiert oder über eine Problematisierung derselben nicht mehr hinaus kommt und dann das Gegenteil von dem tut, wofür selbst der weltanschaulich neutrale Staat sogar Gelder zur Verfügung stellt?
Ein nachmetaphysischer Philosoph sieht theologische Aufklärung kritisch
Im folgenden grenze ich mich von einer Theologie ab, die sich nur schwer von einer Philosophie lösen kann, die mehr oder weniger christliche Religionsphilosophie bleibt. Habermas macht offenbar in seinem Alterswerk Auch eine Geschichte der Philosophie ebenfalls diesen Unterschied: „Im Extremfall spitzt die theologische Aufklärung das ‚religiöse Weltverhältnis’ auf den Bezug zu einem anonymen ‚Unbedingten’ zu, das sich von Jaspers’ ‚Umgreifenden’ kaum mehr unterscheidet“(1). D. h. der Logos des Johannesevangeliums bleibt bei der letztgenannten Art von Theologie vorwiegend Geist und sogar fortschrittlich hinterfragter Geist. Der Logos bleibt wie Pallas Athene in der griechischen Sage bloß Kopfgeburt und dazu noch überflüssig oder auch lästig, wird nicht Fleisch und zwängt sich nicht durch den Schoß einer Jungfrau in die Welt. Einige Theologen (s. Verlinkungen), leider auch eine Handvoll Bischöfe, meinen in einer schlechten Possibilientheologie (was wäre wenn, aber nicht ist), die Fleischwerdung des Logos in einem Männerleib sei einer „Klugheit Gottes“ (Dorothea Sattler) geschuldet. Eine patriarchale Gesellschaft hätte der Menschwerdung Gottes in einer Frau schlechte Startbedingungen geboten. Hätte aber ein kluger Gott, so wie ihn Dorothea Sattler meint, nicht gleich schon in der Schöpfung das Zwittermodell der Schnecken auch für uns Menschen gewählt?
Liturgie als archaischer Stachel im Fleisch der Moderne
Wie dem auch sei: Ohne Rückgriff auf die Perspektive des Johannesevangeliums und die tägliche Erinnerung im Engel des Herrn und für manche anderen ärgerlichen Konkretisierungen – enger Geburtskanal und in einen Männerleib eingepfercht – wird eigentlich metaphysisches Denken immer mehr von nüchternem, rationalem, nachmetaphysischem Denken dominiert. Eigenartigerweise fungiert aber eine ausgewiesene Religionsphilosophin, also keine Theologin, die emeritierte Dresdener Lehrstuhlinhaberin Hanna Barbara Gerl-Falkovitz als Platzanweiserin, wie sich Religionsphilosophie und Theologie in ihrer Auffassung von Offenbarung wesentlich unterscheiden sollten: Sie versteht die Offenbarung des Dreifaltigen Gottes als „Aufprall von außen“, also als massive Metaphysik und nicht als bloße Ausleuchtung des Innern, wie es eine ganze Reihe zeitgenössischer Theologen sehen, wobei Striet als Fundamentaltheologe meint, nur Licht in die Grabengänge des Maulwurfs bringen zu können. Hat er vielleicht wie der Maulwurf Angst, vom Adler (der Offenbarung) zur Strecke gebracht zu werden, wenn er das Erdreich durchbricht? Vermutlich will er seine Vernunft nicht der Überwältigung durch das Licht der Offenbarung, dem „Aufprall von Außen“ aussetzen. Klar, wenn Dunkelheit das Medium ist, in dem sich seine Vernunft wohlfühlt.
Auch da ist Jürgen Habermas, der nachmetaphysische Denker schlechthin, anderer Auffassung als Striet. Nach Habermas‘ Kritik der vernunftförmigen theologischen Aufklärung (191) findet er anerkennende Worte für die liturgische Praxis, die sich dem Licht der Offenbarung aussetzt und sie geradezu feiert. Er ist der emeritierten Dresdener Religionsphilosophin in dieser Hinsicht näher als Striet: „Am Schicksal entinstitutionalisierter Formen der allein auf Erleben gegründeten Religiösität scheint sich zu zeigen, dass Religionsgemeinschaften ohne den Kern einer liturgischen Praxis kaum Überlebenschancen haben. Diese fremd gewordene Praxis hält, auch wenn sie nur als ein archaischer Stachel im Fleisch der Moderne sitzt, einstweilen für die säkulare Umgebung die Erinnerung an ein starkes Transzendenzbewusstsein wach.“ (2) Für eine „entritualisierte Bildungsreligion“(3) scheint es keine Zukunft zu geben.
Offenbarung als Aufprall von außen
Ein Aufprall von außen, nicht nur als Offenbarung, sondern schon als Natur- und Schöpfungsordnung, scheitert nach immer weiter um sich greifender Auffassung daran, dass die Welt uns kein „lesbares Gesicht mehr zeigt“. Foucault schreibt: “Wir müssen uns nicht einbilden, dass uns die Welt ein lesbares Gesicht zuwendet, welches wir nur zu entziffern haben. Die Welt ist kein Komplize unserer Erkenntnis” (zit. nach Kreppner 1975, S.9). Der Maulwurf am Tageslicht ist offensichtlich noch hilfloser als im Erdreich. Der Schritt, die Welt zu „reparieren“, wenn sie ohnehin kein Komplize unserer Erkenntnis ist, liegt dann nahe. Judith Butler will sie etwa von der Zwangsheterosexualität und vielem anderen mehr befreien. Mit Genderstudies hat sich ein neuer leibverachtender Gnostizismus breit gemacht, der alles biologisch Leibhafte ignoriert und destruiert, was ein von der Biologie gänzlich losgelöster Geist nach Gusto konstruiert. Es wird nach dem Pippi-Langstrumpf-Prinzip gedacht und gehandelt: „Ich mache mir die Welt so wie sie mir gefällt“.
Mittlerweile glaube ich, dass mein Gebimmel zum 12-Uhr-Läuten des Engel des Herrn – auch wenn damals ein ganzes Dorf gefragt hat: „Was ist denn jetzt los?” – nicht so schlimm war wie das Versagen einer gewissen Theologie, die lieber wie ein ohnehin blinder Maulwurf weiter gräbt im Abraum von Zeit und Geschichte, als sich mit dem Adlerblick des Johannes-Evangelisten mit der Offenbarung als Aufprall von außen zu befassen.
1). Jürgen Habermas: Auch eine Geschichte der Philosophie. Band 1: Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen. Berlin 2019, 191.
2). Ebd., 200.
3). Ebd., 522.
Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag. Helmut Müller ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.
Beitragsbild: Weißkopfadler im Gebirge, © Adobe Stock

