Wie kann die Transformation von einer Betreuungskirche in eine Kirche der Jünger und Freunde Jesu gelingen? In einem Vierteiler beleuchtet Bernhard Meuser das Projekt einer Kirche, in der Bischöfe und Gläubige gemeinsam der Kirche ein neues Gesicht verleihen und miteinander missionarische Dynamiken entwickeln. In Teil I geht es um die Apostel / Bischöfe als “Sorger der Kirche”.
Bischöfe – Sorger der Kirche
In seiner fundamentalen Untersuchung „Braucht Gott die Kirche?“ zeichnet Gerhard Lohfink (1934-2024) ein eindrucksvolles Bild der jesuanischen Anfänge. Die Jesusbewegung, aus der heraus sich die Kirche entwickelt, ist durch eine Dreierstruktur gekennzeichnet: Apostel, Jünger, Volk. Kursorisch gesagt, sind die Apostel (= Ausgesandte) die von Jesus ausgesuchten Verantwortlichen für die Errichtung der endzeitlichen Gottesherrschaft durch die Kirche. Die Jünger sind die in persönliche Nähe und Freundschaft mit Jesus gerufenen Träger der Mission. Und das Volk ist … das Volk, – all die Vielen, denen Gottes ganze, rettende Leidenschaft gilt.
Will man die westeuropäische Kirchenkrise im Dreierschema unterbringen, so finden wir die Apostel (heute die Bischöfe) verstrickt in Strukturen der „Religionsverwaltung“ (Martin Brüske) vor, in denen sie häufig keine evangelisierende Kraft entfalten können. Was die Jünger betrifft, so gibt es schlicht noch zu wenige davon, als dass von ihnen in der Breite missionarische Dynamiken ausgehen könnten. Und das Volk? Es bleibt ohne Salz und Licht.
„Eine Herde, die nicht zum frischen Wasser geführt wird, deren Durst ungestillt bleibt, Schafe, die kein Hirte vor dem Wolf mehr schützt, geschunden und verwundet, erschreckt und verängstigt …, am Boden liegend – so fand Jesus Gottes Volk vor.“ (Dietrich Bonhoeffer)
So finden wir heute die Leute vor, denen Gottes Liebe „bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,8) gilt.
Das „Testament” des Paulus
Wenn ein Bischof – also ein berufener Apostel – aus dem Amt scheidet und ein anderer Bischof wird, ruft das eine bestimmte Erinnerung an eine Szene aus dem Neuen Testament in Erinnerung. Die Rede ist vom 20. Kapitel der Apostelgeschichte, in dem sich die Biographie des Paulus auf eine emotionale Weise zuspitzt. Paulus geht. Sein Abschied von der Bühne ist keine sentimental journey; es wird kein see you later geben. Paulus geht ins Ungewisse. „Gebunden durch den Geist“ möchte er zu Pfingsten in Jerusalem sein („… und ich weiß nicht, was dort mit mir geschehen wird“). In Milet, an der heutigen türkischen Westküste, lässt Paulus die „Ältesten“ aus der Metropole Ephesos zu sich rufen, um ihnen etwas Wesentliches ins Stammbuch zu schreiben. Paulus will der nächsten Generation von Hirten die Essenz der Kirche einschärfen, will Gewissheiten vermitteln, die er selbst, „unter Tränen und vielen Prüfungen“ gewonnen, in Nachstellungen „erlitten“ hat. Man könnte sagen: Paulus macht sein Testament.
Mit seiner „Küstenpredigt” liefert der Mann, der sich für den Geringsten unter den Aposteln hält („… nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße“, 1 Kor 15,8), aber zum Begründer aller christlichen Theologie wurde, ein Seitenstück zur Bergpredigt, dem großen Vermächtnis Jesu. Das apostolische Vermächtnis des Paulus lautet:
„Gebt Acht auf euch und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist zu Vorstehern bestellt hat, damit ihr als Hirten für die Kirche des Herrn sorgt, die er sich durch sein eigenes Blut erworben hat!“
Apostel/Bischöfe sind die Sorger der Kirche.
Der Terminus „eigenes Blut“ ist dem Kreuzestheologen Paulus wichtig. Paulus will sagen: Hinter dem authentischen Fortbestand der Kirche steht das Herzblut Gottes. Prophetisch sieht Paulus, wie fragil das Wohl dieser „Herde“ ist, die Jesus zur Herzensangelegenheit Gottes gemacht hat. „Ich weiß“, sagt Paulus, „nach meinem Weggang werden reißende Wölfe bei euch eindringen und die Herde nicht schonen. Und selbst aus eurer Mitte werden Männer auftreten, die mit ihren falschen Reden die Jünger auf ihre Seite ziehen.“ Wohl jedem Priester, auf den das Schwert Bischof zu sein niedergeht, steht die paulinische Leidenschaft prototypisch vor Augen: „Seid also wachsam und denkt daran, dass ich drei Jahre lang Tag und Nacht nicht aufgehört habe, unter Tränen jeden Einzelnen zu ermahnen“ (Apg 20,28-31). Tränen, Blut, Martyrium sind die Ingredienzien kirchlicher Leitungsämter. Das Leo X. zugeschriebene Diktum: „Wo Gott uns ein Amt gegeben hat, lasst es uns genießen!“ führte direkt in die Spaltung der Kirche durch die Reformation.
Wo schlägt das Herz der Kirche?
Als Gregor Hanke aus dem Amt als Bischof von Eichstätt schied, griff er viermal auf eine Herzmetapher zurück:
„Die Sehnsucht, den Herzschlag der Kirche zu spüren, bewegt mich. … Um diesem Herzschlag zu dienen, bin ich einst Priester geworden.“
Hanke entdeckte den Herzschlag der Kirche einmal an der Basis („… in Gesprächen und Begegnungen, in denen ich Anteil nehmen konnte am Glaubensweg und an der Gottsuche“ der Eichstätter Diözesanen), zugleich aber auch in der apostolischen Ermahnung von Papst Franziskus und seiner leidenschaftlichen Anteilnahme am Geschick der Kirche in Deutschland, wie sie zum Ausdruck kam im 19-seitigen handgeschriebenen Brief „An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“. Hanke schreibt:
„Der Papst gab Impulse für einen geistlichen Weg, den einzuschlagen er unserer Kirche in Deutschland riet, statt eines Um-sich-selbst-Kreisens. Erneuerung bedeutet laut Franziskus, aus der Frische des Evangeliums zu leben. Er sprach vom „Biss des Evangeliums“, der spürbar sein soll, und vom Primat der Evangelisierung, die damit beginnt, sich selbst zu evangelisieren, damit neues Leben und ein echter vom Evangelium inspirierter Geist wirksam werden.“
Der Maßstab des hl. Benedikt
Frische des Evangeliums! Biss des Evangeliums! Jeder Priester, der zum Bischof berufen wird, bringt seine Gaben, seine menschlichen Stärken und Schwächen und seine geistige Prägung mit. Als Benediktiner, der Gregor Hanke war und ist, maß er das vitale Level der Kirche, woran Ordensvater Benedikt die Kandidaten maß, die Mönch werden wollten:
„Man achte genau darauf, ob der Novize wirklich Gott sucht, ob er Eifer hat für den Gottesdienst, ob er bereit ist zu gehorchen und ob er fähig ist, Widerwärtiges zu ertragen.“ (Regula Benedicti 57,8)
Man könnte variieren: … ob die Kirche wirklich Gott sucht, ob die Leute, die darin zu Jesus gehören wollen, wirklich auf ihn hören möchten, ob sie in seiner Nachfolge bereit sind, „Widerwärtiges zu ertragen“, – etwa, ob sie bereit sind, die Last des gesamtgesellschaftlichen Widerspruchs zur Herrschaft Gottes in ihrem Leben geistlich zu bewältigen.
Im Hintergrund des Riesenrades, das ein Bischof nun einmal zu drehen hat, steht immer die Frage: Wie werden wir zu einer Kirche der Jünger? Verdammt uns das Milieu der Moderne dazu, eine Kirche der teilidentifizierten Mitglieder und toten Seelen zu sein? Gibt es eine Auferstehung aus der Kartei? Wie kann man sie inspirieren, die Dynamiken der Selbstevangelisierung, die in ausstrahlendes Evangelium münden? Oder wollen wir bleiben wie wir sind?
Auch der nächste Bischof von Eichstätt, Christian Würtz, bringt sich und seinen eigenen spirituellen Zugang mit in sein Hirtenamt. Geprägt hat ihn die Erfahrung der Treue Gottes, eines Gottes, der “mit uns ist”. Sein Leitwort als Bischof lautet: “Dein Reich komme!” Und so kann er beides verbinden:
„Ich vertraue, dass Gott sein Reich nach wie vor Wirklichkeit werden lassen möchte, denn er ist der Gott mit uns, der treue Gott, der uns alle dazu in der Taufe berufen hat.“
Als Hirte möchte er alle mitnehmen in ein gemeinsames Projekt Gottes, und bei sich und den anvertrauten Menschen sehen, ob man als Kirche noch auf der Spur Jesu ist.
Bernhard Meuser
Jahrgang 1953, ist Theologe, Publizist und renommierter Autor zahlreicher Bestseller (u.a. „Christ sein für Einsteiger“, „Beten, eine Sehnsucht“, „Sternstunden“). Er war Initiator und Mitautor des 2011 erschienenen Jugendkatechismus „Youcat“. In seinem Buch „Freie Liebe – Über neue Sexualmoral“ (Fontis Verlag 2020), formuliert er Ecksteine für eine wirklich erneuerte Sexualmoral. Bernhard Meuser ist Mitherausgeber des Buches “Urworte des Evangeliums”.
Beitragsbild: Fresko an St. Paul vor den Mauern; Abschied des hl. Paulus in Milet (Alamy)

