Paul M. Zulehner zur römischen Ablehnung der Laienpredigt
Rom hat Nein gesagt zur Laienpredigt in der Eucharistie. Wieder wird eine Kernforderung des Synodalen Weges in Deutschland zurückgewiesen. Und wieder mandelt sich die Szene auf – allen voran einer ihrer Vordenker, der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner. Bernhard Meuser hat Bedenken.
Paul M. Zulehner (* 1939) spielt seit fast unvordenklichen Zeiten die Rolle des Stachels im Fleisch einer Kirche, die sich weigert, im Rhythmus der Zeit zu tanzen. Es war klar, dass er nun auch nach dem römischen Nein zur Laienpredigt in der Eucharistiefeier gefragt würde. Seine originelle Auseinandersetzung mit dem Thema (zu finden auf seinem Blog) verdient Beachtung. Ich beschränke mich auf vier Argumente von Zulehner und gebe ihnen mal griffige Namen:
a) das Prozessions-Argument,
b) das Ministrantinnen-Argument,
c) das Brauchtums-Argument,
d) das Schuhlöffel-Argument.
Das Prozessions-Argument
Zulehner vergleicht das Verhältnis zwischen einer aufgeklärten deutschen und einer vormodernen römischen Kirche mit der Echternacher Springprozession: „zwei Schritte vor, einen zurück.“ Damit will er sagen: Wohin die Prozession letztlich geht, bestimmen wir. Mögen die Römer mit ihren Machtmitteln den angesagten laikalen Fortschritt aufs Erste vereiteln – wir reagieren flexibel, gehen halt mal einen Schritt zurück. Wenn wir demnächst aus dem Blickfeld geraten, setzen wir unseren Lauf fort. Dann geht es zwei Schritte nach vorne, – geschmeidig, pastoral, vielleicht ein bisschen subversiv. Die Community soll wissen: Hinter der gemimten Ergebenheit wohnt die Obstruktion, der fröhliche katholische Ungehorsam.
Das Fortschrittsmuster ist simpel und erfreut sich der Hegemonie über die Stammtische: Wo der antiklerikale Zeitgeist ist, ist vorne. Dass die moderne Prozessionsordnung ein Rückschritt sein könnte, kommt ihnen nicht in den Sinn. Es erfordert Vertrautheit mit der dogmatischen Denkform und ein sentire cum ecclesia, um die theologische Höhe zu halten und die integrale Einbindung der Homilie in die Liturgie der Eucharistie, den geweihten Priester und seine Sendung anzuerkennen. Der Bischof oder der Priester, dem durch Sendung und Amt die Vergegenwärtigung Christi in Wort und Sakrament anvertraut ist, soll auch als der authentische Lehrer und Ausleger des Evangeliums in Erscheinung treten. Das Argument „Wir fachlich bestens geschulten Laien können das viel besser, wenn man uns nur lässt“, könnte hin und wieder stimmen. Aber mir graut vor Fachinterpreten – mindestens dann, wenn sie nicht zugleich Liebhaber des Evangeliums und Nachfolger Christi sind.
Das Ministrantinnen-Argument
Dass die römische Weisung den Charakter eines netten Versuchs hat, macht Zulehner am Beispiel der Ministrantinnen deutlich: „Diese waren auch verboten. … Manche Dinge entwickeln sich einfach. Die Steuerungsversuche vatikanischer Behörden sind nur mehr begrenzt wirksam.“ Nun gibt es zum läppischen Aufreger vergangener Tage („Ministrantinnen am Altar, unfassbar!“) keine Ausführungen des letzten Konzils und auch keine kirchenrechtlichen Bestimmungen. Zum Zusammenhang von Wort, Sakrament und zum integralen liturgischen Charakter der Homilie aber gibt es eine ganze Menge an geltender Lehre und geltendem Recht (in Sacrosanctum Concilium, Presbyterium Ordinis, Dei Verbum; dazu disziplinarische Bestimmungen in can. 767 § 1 CIC).
Katholisch.de ist natürlich tief enttäuscht: „Wer in Rom fragt, kriegt eine Antwort: Auf ihre Bitte um Predigt-Erlaubnis für Laien erhielten die deutschen Bischöfe aus Rom eine Absage.“ Mit anderen Worten: wer nicht fragt, bleibt Herr des Verfahrens. Ein pfiffiger Social Media-Kommentator brachte die Logik auf den Punkt. „Wenn die Polizei nicht präsent ist, klaut man.“ Es lebe der synodale Föderalismus! Zulehner zur Frage, warum die Bischöfe überhaupt Rom anfragten: „Sie waren so sehr auf die vorsynodale zentralistische Rolle Roms fixiert, dass sie sich nicht vorstellen konnten, dass sie das alles selbst hätten entscheiden können.“ Einfach machen, dann kommt der Rest der Kirche schon hinterher.
Das Brauchtumsargument
Paul M. Zulehner kennt natürlich das kirchliche Gesetzbuch; und er geht kreativ damit um: „ … zudem rechnet das Kirchenrecht mit einer Entwicklung des Rechts durch Gewohnheit. Natürlich: Es darf keine Widersprüche geben gegen eine sich ausbreitende abweichende Gewohnheit.“
Übersetzen wir einmal: Wir haben da so eine schöne Gewohnheit, einen liebenswerten, schon lange geübten Brauch, der in der Kirche unseres Landes einen unwiderruflichen festen Platz hat. Bei Licht besehen habe dafür selbst der „Codex Iuris Canonici“ Verständnis. Tatsächlich kennt auch das kirchliche Recht das „Gewohnheitsrecht“. Im reformierten CIC von 1983 wurde es „gänzlich aufgehoben und kann in Zukunft nicht wiederaufleben, … es sei denn, daß im Codex ausdrücklich etwas anderes vorgesehen ist, oder daß es hundertjährig oder unvordenklich ist….“ (Can. 5 — § 1.) So lange hat sich – meines Wissens – die Laienpredigt noch nicht eingeschliffen. „Das Recht, die heilige Liturgie zu ordnen, steht …“ nicht der pastoralen Improvisationsgabe, sondern „einzig der Autorität der Kirche zu. Diese Autorität liegt beim Apostolischen Stuhl und nach Maßgabe des Rechtes beim Bischof.“ (SC 22 § 1.)
Das Schuhlöffelargument
Paul M. Zulehner lässt den Leser zuletzt nicht über die intrinsische Motivation hinter der römischen Blockade im Unklaren: „Wenn Wort und Sakrament in der Eucharistiefeier eine Einheit bilden und Frauen am Dienst des Wortes beteiligt werden können, sind sie faktisch im Raum des ordinierten Amtes. Die Predigt von weiblichen Pastoralreferentinnen wäre dann gleichsam der Schuhlöffel für den Einstieg von Frauen ins ordinierte Amt.“
Nun mag es zwar auch in Rom den einen oder anderen geben, der sich sagt: Wehret den Anfängen laikaler, am Ende gar weiblicher Machtübernahme! Aber ich würde es Papst Leo eher nicht unterstellen und auch keinem seiner fünf Vorgänger nach dem Konzil. Wer sicherlich an den Schuhlöffel denkt, mit dessen Hilfe eines Tages eine Frau auf dem Stuhl Petrae sitzt, sind die deutschen Betreiber der Laienpredigt, wobei ich glaube, dass die Bischöfe hier eher die Getriebenen als die Treiber in der Angelegenheit sind. Ich vermute einmal mehr, dass die Weltmacht Feminismus auch hier den theologischen Ton anschlägt. Ihn kennzeichnet, dass jeder, aber auch jeder theologische Diskurs machtpolitisch geframt und linear umgedeutet wird als geschlechts- oder standesspezifische Ausgrenzung. Und so muss auch die liturgietheologische Frage, warum die homiletische Auslegung des Evangeliums in der Eucharistiefeier (und nur dort!) „kraft des Weihesakraments dem geweihten Amtsträger“ vorbehalten ist, als Beweis für die anhaltende klerikale Sklavenherrschaft herhalten. Und wieder ist Gelegenheit für das notorisch vorgetragene Narrativ, noch sei die Kirche die Sandburg einer paternalistischen Männerriege, die unter Umgehung der Menschenrechte die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an allen Funktionen und Ämtern in der Kirche verhindere. Und wieder ist die Kirche böse (was man sich beim SPIEGEL schon immer dachte). Nebenbei bemerkt: Priester sein heißt Dienen; wer das Amt der Macht halber sucht, ist definitiv dafür ungeeignet.
Es würde hier zu weit führen, über wahren und falschen Feminismus zu reflektieren. Man müsste mit Blindheit geschlagen sein, würde man nicht das historische Unrecht, das Frauen auch in der Kirche durch Ausgrenzung widerfahren ist, ausmachen. Die Frage ist nur, ob die Kirche weiblicher wird, indem sich Frauen ermannen – im wahrsten Sinn des Wortes. Meiner Ansicht wird das Ganze nicht eher wieder in Balance kommen, ehe Männer und Frauen in der Kirche nicht in neuer, kühner Weise marianisch denken. Eine Kirche ohne Maria ist wie eine Hochzeit ohne Braut.
Laikaler Klerikalismus
Es gibt ganz wunderbare Laien von höchster theologischer und pastoraler Kompetenz. Nur Ignoranten würden verkennen, was sie in Katechese und Verkündigung, Evangelisation und Mission leisten. Man kann sich nur wünschen: Mehr davon! Tatsächlich gibt es Klerikalismus unter Priestern – vom Yellow-Press-Priester mit Fanbase bis zum menschenfernen Dompteur seiner Schafe – die der Idee Vorschub leisten, die Kirche brauche nur solche wie sie und der Laden würde wieder brummen. Papst Franziskus, der harte Worte für den Klerikalismus der Kleriker fand, hat zu verschiedenen Gelegenheiten mit ähnlichem Furor von der „Klerikalisierung der Laien“ gesprochen, sogar den Terminus „Halbpriester“ in den Mund genommen. Gemeint sind jene laikalen Funktionäre, die seit Jahr und Tag an den Drücker wollen und einen ressentimentgesteuerten Kampf gegen den Typus „Priester“ führen und über jeden Geländegewinn jubeln. In konzentrierter Form (die man auch auf dem deutschen „Synodalen Weg“ ausmachen konnte) stellen sie die Frage: Wozu braucht es in der Katholischen Kirche überhaupt den ordinierten Priester? Am 1. Oktober entschieden sich 95 gegen 94 Delegierte bei 9 Enthaltungen dafür, das müsse eine Arbeitsgruppe mal überprüfen. In einer Kirche, die diese Frage stellt, muss man sich nicht wundern, wenn 11 von 27 Bistümern im Jahr 2025 keinen einzigen Neupriester weihen konnten.
Die vehementen Reaktionen auf die römische Klarstellung zur Laienpredigt weisen einmal mehr darauf hin, wie sehr die Kirche in Deutschland aus den Fugen geraten ist. Die Kirche ist keine Anarchie, in der die Teile so lange herumliegen, bis sie willkürlich neu sortiert sind. „Das heilige Volk Gottes“, sagt Papst Leo, „ist … nie eine formlose Masse, sondern der Leib Christi oder, wie der heilige Augustinus sagte, der »Christus totus«: Es ist die organisch strukturierte Gemeinschaft, kraft der fruchtbaren Beziehung zwischen den beiden Formen der Teilhabe am Priestertum Christi: dem gemeinsamen Priestertum der Gläubigen und dem Priestertum des Dienstes (vgl. LG 10).
Bernhard Meuser
Jahrgang 1953, ist Theologe, Publizist und renommierter Autor zahlreicher Bestseller (u.a. „Christ sein für Einsteiger“, „Beten, eine Sehnsucht“, „Sternstunden“). Er war Initiator und Mitautor des 2011 erschienenen Jugendkatechismus „Youcat“. In seinem Buch „Freie Liebe – Über neue Sexualmoral“ (Fontis Verlag 2020), formuliert er Ecksteine für eine wirklich erneuerte Sexualmoral. Bernhard Meuser ist Mitherausgeber des Buches “Urworte des Evangeliums”.
Beitragsbild: Peter Esser

