Wegweisung aus dem 20. für das 21. Jahrhundert
Die philosophische Masterarbeit des jungen promovierten Physikers Simon Robert Müller über Das Verhältnis von Welt und Mensch bei Guardini und Heidegger als Grundlage einer Zeitkritik hat Helmut Müller inspiriert, darüber nachzudenken, was die beiden Zeitgenossen des 20. auch für das 21. Jahrhundert noch zu sagen haben.
Jugendkrisen im Priesterseminar zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Der erste Weltkrieg wurde einmal als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Was davor noch in der Wurzel vereint schien, zeigte sich – nachdem sich die Pulverdampf- und Staubwolken auf den Schlachtfeldern mit fast 10 Millionen toten Soldaten verzogen hatten – in vielfältiger Weise geradezu zersplittert. Zwei junge Männer, beide ohne Fronterfahrung, hatten etwa 1910 noch das Gleiche vor, in den Fesseln der Neuscholastik katholische Priester zu werden und befanden sich in einem Mainzer (1908 – 1910) und einem Freiburger Priesterseminar (1909 – 1911, vgl. 14f). Die Rede ist von Romano Guardini (*1885 -†1968) und Martin Heidegger (*1889 -†1976). Beide durchlebten in diesem Zeitraum eine Berufungskrise, ausgelöst durch den damals außerhalb der Priesterseminare herrschenden Neukantianismus. Bei Kriegsende war die Krise beider überwunden. Sie fanden sich allerdings in zwei weltanschaulichen Lagern wieder. In Engelbert Krebs hatten beide sogar einen gemeinsamen Lehrer. Guardini promovierte bei Engelbert Krebs, der auch Traugeistlicher Heideggers gewesen ist.
Überwindung mit Gott und ohne Gott
Guardini überwandt beide vorgenannte Denksysteme indem er die – nach dem späten Kant – in einen blinden Golph steuernde Vernunft (Kant AA XXIII, 75) durch einen von Bonaventura geprägten Glauben an die Offenbarung ergänzte. Heidegger überwandt beide Denksysteme, indem er an der Vernunft als einziger wahrheitsfähiger Erkenntnisquelle festhielt und den Vernunftbegriff des kritischen Kant – Hegel folgend – als eine in der Geschichte (15) sich entfaltende Vernunft verstand. Während also Guardini den neukantianischen Aufstand gegen die Ewigkeit, so später Walter Hoeres, schlussendlich über den Glauben an die Offenbarung überwunden hat, überwindet Heidegger Neuscholastik und Neukantianismus mit Hegel, indem er die Vernunft aus der neuscholastischen Ewigkeit und der neukantianischen Zeitlosigkeit, sich einfach im Verhältnis von Mensch und Welt in Zeit und Geschichte entfalten lässt.
Die Masterarbeit des jungen Physikers thematisiert die unterschiedlichen Denkergebnisse der beiden in ihren jeweiligen Kreisen einflussreichen Denker und darüber hinaus und ist hilfreich auch noch im 21. Jahrhundert, die unterschiedlichen Einstellungen zu den Allerweltsthemen „Welt und Mensch“ zu verstehen. Mittlerweile hat Müller auch eine Vortragseinladung zu den von Frau Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz organisierten Begegnungen in Mooshausen erhalten.
Zeit oder Ewigkeit
Die Auseinandersetzung der beiden jungen Männer mit den Denkkonzepten ihrer Studienzeit, die zu deren Jugendkrise führte, wirft ein Licht auf beider Welt- und Menschenverständnis. Müller markiert schon in der Einleitung seiner Masterarbeit (13), dass Guardini Mensch und Welt in der Neuzeit in einer anthropologisch/ethischen Perspektive beurteilt, während Heidegger in der nach der Jugendkrise entdeckten hegelschen Spur seine eigenwillige Ontologie entwickelt.
Beide fremdeln miteinander (14f) obwohl sie einander kannten. Müller bringt auch den Unterschied beider Denker auf den Punkt: Guardini bleibt seiner Tradition verhaftet: Die Überwindung der Neuscholastik durch Bonaventura verhindert nicht, dass „er einen stabilen metaphysischen Kosmos denkt„, während „den gerade Heidegger temporalisiert“ (15).
Guardinis Adlerblick im Glauben an Offenbarung auf Mensch und Welt
Die Gliederung der Arbeit ist so einfach wie aufschlussreich. Nach der Einleitung wird Guardini als Philosoph der Sorge – in einer seiner Grundaussagen dargestellt. Er reflektiert Mensch und die Welt in einem Horizont, der auch Transzendenz kennt. In den geschichtlichen Epochen (49 – 58) wird Epoche in ihrem Bezug zu dieser Transzendenz beurteilt. Müller schreibt: „Für Guardini ist die Antike wesenhaft darin geprägt, dass es keine wirkliche Transzendenz, kein Äußeres, keinen ‚feste[n] Punkt außerhalb der Welt‘ gibt.“ (50) Das Mittelalter erhellt Mensch und Welt durch die jüdisch-christliche Offenbarung: „Alle Göttlichkeiten, die zuvor in den Naturelementen waren, Daseinsaspekte der Welt, sammeln sich nun in einen lebendigen Gott.“ (51). Die durch die Offenbarung tiefere Einsicht in die Wirklichkeit „verblasst“ wieder in der Neuzeit: „Der Gedanke an einen außerhalb stehenden Schöpfergott verblasst und die Welt wird wieder zum All“ (55). Müller bringt es auf den Punkt: „Die Natur zuvor noch geheimnisumwoben und in einer ’numinosen Undurchdringlichkeit‘ erfahren, wird nun durch den autonomen Menschen als kontrollierbar und regulierbar betrachtet. Das Geheimnis wird zum Problem, die Natur offenbart sich nicht, sondern wird durchblickt“ (56).
Heideggers Froschperspektive der Vernunft auf Mensch und Welt
Ganz anders Heidegger. Er wird als Philosoph des Seinsgeschicks dargestellt: Menschsein wird bei ihm nicht zwischen Zeit und Ewigkeit platziert, sondern bestenfalls sekundär thematisiert, weil eine ganz andere Bühne bespielt wird, die jedem Leser Heideggers Kopfzerbrechen bereitet – auch Guardini (14, Anm. 15). Was ist diese Bühne eigentlich, die er Sein nennt und welches „Geschick“ findet auf derselben statt?
Die Ausführungen Müllers zeigen, dass Heidegger die Ewigkeit der Neuscholastik und die Zeitlosigkeit des Neukantianismus in der Spur Hegels auf
- Zeit und Geschichte heruntergebrochen und
- die Geistminimierung der Neuhegelianer (Marx, Engels) beendet hat,
- Philosophie aus den Magddiensten der neuscholastischen Metaphysik befreit und
- zu einem Werk der Seinserhellung erklärt hat.
So verstehe ich die fünf grundlegenden Punkte, die den Denkweg Heideggers nach Müller bestimmen: „Die Wiederherstellung der Herrschaftsposition der Philosophie, die Geschichtlichkeit des Seins, die Relektüre der großen Philosophen, die Technik und die Sprache“ (64). Das bedarf einer weiteren Erläuterung. Denken und Welt werden wie bei Hegel zu den Seiten einer Münze, dem Sein. Philosophen haben das in den Epochen (z. B. 66) in unterschiedlicher Weise reflektiert. Technik und Sprache sind sozusagen neue Ausformungen des Seins bzw. diesem Gestalt gebende Transformationen des Seins in der Zeit.
Technik und Sprache als Seinsgeschick
Was die Technik anbelangt, hält Müller fest: „Das Sein ist in unserer Zeit also Technik; die Technik ist das Seinsereignis unserer Zeit“ (67). Ihr Wesen ist etwa verantwortlich für das „Fehl Gottes“ (ebd.). Müller stimmt Seubert zu:“[D]ie neuzeitliche moderne Technik [ist] eigentlich nicht ein, sondern […] das Thema seines [Heideggers] Denkens“ (ebd.).
Ähnlich ist es mit dem Verständnis von Sprache bei Heidegger. Sprache ist wie Technik kein reines Gemächte des Menschen. Das ist für Nicht-Heideggerianer, was die wenigsten sind, schwer verständlich. Sprache und Technik sind bei Heidegger Schickungen des Seins, Sprache schon immer, Technik so wie wir sie heute erfahren wird zur gegenwärtigen Schickung des Seins schlechthin. Das kann nur heißen: Wir haben weder Sprache noch Technik in unserer Gewalt, aber wir müssen mit ihnen umgehen, damit es nicht zu Fehlleistungen kommt. Im Hinblick auf Sprache würde Guardini sagen: In ihrer Verwendung dürfe es nicht zu einem „Fehl Gottes“ kommen, gerade so wie in der Verwendung von Technik. Bei Heidegger hat man aber den Eindruck, dass Sein sich gegenwärtig so schickt, dass Gott verfehlt wird. In unserer Epoche, so zitiert Müller eine Heideggerinterpretation Hölderlins „‚fehlen heilige Nahmen‘ [im Original], das Heilige ist nicht. Ob es in dieser Epoche nun de facto einen unverfügbaren Gott gibt oder nicht, spielt für Heidegger keine Rolle „(93). Selbstverständlich aber für Guardini.
Autonomie unter dem Horizont Gottes und in den Grenzen eines Seinsgeschicks
Da gehen die Wege Guardinis und Heideggers auseinander. Heidegger hält Sein und Mensch und wenn denn ein Gott vom Sein geschickt werden (!) sollte in einem – ich sage einmal – Verständnisdunkel. Sein, Mensch und Gottesverständnis sind seltsam ineinander verhängt. Müller schreibt: „Das Sein ist dem Menschen übereignet und der Mensch dem Sein vereignet„ (95). Ereignis als Substantiv – wäre dann im traditionellen Verständnis ein Platzhalter für Gott. Vielleicht versteht jetzt jeder Leser, weshalb Guardini bekundet, Heidegger nicht zu verstehen. M .E. kann Heidegger nur in der hegelschen Spur verstanden werden, in der Geist, Welt und absoluter Geist sich geschichtlich ineinander transformieren.
Was sagt uns das jetzt für die Probleme des 21. Jahrhunderts? Guardini und Heidegger sind trotz aller Unterschiede im Denken davon überzeugt, dass unser Menschsein mit keiner absoluten Autonomie begabt ist. Bei Guardini wird Autonomie in einer transzendenten Verantwortlichkeit vor Gott verstanden, also theonom. Bei Heidegger – wie immer auch bei ihm Gott und Ereignis einzuordnen ist – sind wir in ein Geschick verfügt, bei Müller hauptsächlich in ein Sprach- und Technik-Geschick. D. h. Sprache und Technik stehen beide nicht vollständig in der Gewalt des Menschen, sondern setzen noch zu erkennende Regeln voraus.
Autonomie als Macht des Willens
Wohin das führt, wenn darauf nicht Rücksicht genommen wird, zeigt der wichtigste und wirksamste Heideggerinterpret Jean Paul Sartre in seiner Interpretation von Heideggers Sein und Zeit schon im Titelbezug seines Hauptwerks Das Sein und das Nichts. Wenn Menschsein pures Geworfensein ist, dann will man wenigstens dieses Geworfensein autonom bestimmen, vor Niemandem als nur vor sich selbst verantworten – vielleicht noch in einem Habermaschen Diskursverständnis. Aber Judith Butlers Gender Trouble hat gezeigt, dass Sprachakte in Deutschland und anderswo tatsächlich schon zu Rechtsakten geworden sind, in denen der Einzelne sogar jährlich sein Geschlecht bestimmen kann, was bei Guardini noch Schöpfungsakt gewesen ist und bei Heidegger ein Geschick des Seins. Das Geschlecht, das sich so dem Willensakt des Menschen beugen soll, bei Guardini gar nicht möglich, bei Heidegger aber in seiner Nietzsche-Interpretation des Willens zur Macht (92f) im 20. Jahrhundert, schon fernes Wetterleuchten am Horizont gewesen ist, das jetzt im 21. in den Gesetzeskorpus von Staaten eingegangen ist, für Heidegger wohl „eine unheimlich eingreifende Bearbeitung des Wirklichen“ (104) wäre. Müller, als Kernphysiker, weist darauf hin und erwähnt in einer Fußnote (103, Anm. 392) auch ebensolche Übergrifflichkeiten in der Biologie, die auf die Verführung, die im Wesen der Technik lauert, neben der Sprache auch sie gänzlich zu unserem Gemächte (105) zu machen. Heidegger weist in dramatischer Sprache auf diese Verführbarkeit hin: „Etwas rast um den Erdball, was Nirgendwer nirgendwo mehr in der Hand hat, gesetzt, daß überhaupt je einer Etwas lenkte, der zu lenken meinte“ (106).
Wer denkt da nicht an KI? Der ethisch denkende Guardini weist auf christliche Tugenden hin (133). Für Heidegger ist dieses neueste Geschick der Technik abermals ein Hinweis darauf, dass „Gott vor uns auf der Flucht“ (129) ist, kein Wunder wenn man in Gott nicht den letzten Souverän alles Wirklichen sieht, sondern nur eine von vielen Schickungen des Seins in der Zeit ist. An dieser Stelle macht eines der letzten Worte Heideggers in einem Spiegelinterview doch noch nachdenklich: „Nur noch ein Gott kann uns retten.“ (117) Meint er ihn damit als letzten Souverän alles Wirklichen?
Guardini als Wegweiser auch des 21. Jahrhunderts
Ich habe mit der Krise zweier junger Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts begonnen und ich möchte schließen mit der Erkenntnis eines jungen Mannes in seiner Masterarbeit Anfang des 21. Jahrhunderts: Simon Robert Müller schlägt sich auf die Seite Guardinis, wenn er die Bedeutung von Offenbarung herausstreicht und die „Wesensbestimmung des Menschen als Person und Angerufener Gottes“ (127) nennt. Person ist, wer „in ein[…] echtes Ich-Du Verhältnis zu Gott treten kann und nicht [bloß] in einem ähnlich gearteten Mensch-Es Verhältnis zum Sein steht“ (125).
Da haben wir’s. Ein Es erweckt den Eindruck des machen, modellieren Könnens. In Guardinis Worten: Es wird nun alles „durch den autonomen Menschen als kontrollierbar und regulierbar betrachtet. Das Geheimnis wird zum Problem, die Natur offenbart sich nicht, sondern wird durchblickt“ (56). Jeder weiß von sich und noch viel mehr vom Du des Ehepartners und dem Du der Kinder, wie wenig das möglich ist und man besser die Finger davon lassen bzw. in einen wahrhaften Ich und Du Dialog eintreten sollte. Wenn man dazu noch Christ ist, sollte es ein Trialog werden und Gott mit einschließen.
Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag. Helmut Müller ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.
Beitragsbild: KI-generierte Montage nach Porträtaufnahmen Romano Guardinis und Martin Heideggers aus der zweiten Hälfte der 1920er Jahre.

