Das internationale Interesse an den Entwicklungen in der Kirche in Deutschland wächst. Wir teilen ein Interview des spanischen Portals “Religión en Libertad” vom 21. Februar 2026 mit Bernhard Meuser über den Neuen Anfang, den Synodalen Weg und die Aktion “Wir schreiben dem Papst”. Die Fragen stellte José M. Garcia Pelegrin.
Herr Meuser, können Sie etwas zum Ursprung der Initiative „Neuer Anfang“ sagen, sowie zu deren Aktivitäten?
Begonnen hat der „Neue Anfang“ irgendwann zwischen September 2018 und März 2019 mit einem „Arbeitskreis für Christliche Anthropologie“. Ganz zu Beginn bestand er aus zwei Personen – Dr. Martin Brüske und mir. Rasch gesellten sich aber andere Theologen, Philosophen, Ethiker und Anthropologen hinzu. Dr. Brüske und ich standen zu diesem Zeitpunkt schon länger in einem spannenden theologischen Austausch. Im September 2018 wurde die MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch publiziert, bei der uns manches ungereimt vorkam. Unser Unbehagen an der Studie verwandelte sich in Bestürzung, als wir sahen, welche Schlussfolgerungen auf der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischöfe aus der Studie gezogen wurden.
Zwischenfrage: Gab es auch persönliche Gründe für Ihr Engagement?
Was meine Person betrifft: Selbst von Missbrauch in der Kirche betroffen, verletzte es mich tief, dass „Missbrauch“ schamlos dazu benutzt wurde, eine seit fünfzig Jahren im liberalen akademischen Hintergrund kochende Agenda Wirklichkeit werden zu lassen – gegen Rom, gegen die kontinuierliche Lehre der Kirche, immer deutlicher auch gegen Papst Franziskus. Aber gut! …
Mit einem eigenen „Reform-Manifest” traten wir dann als „Neuer Anfang“ an die Öffentlichkeit. Spontan (und ohne jede mediale Unterstützung) unterschrieben über 6.000 Katholiken das Manifest, das im Januar 2022 an Papst Franziskus überreicht wurde und dessen nachhaltiges Interesse das Bekenntnis fand. Die von wenigen Idealisten unterhaltene Homepage des „Neuen Anfang“ wurde nach und nach zu einem Selbstläufer und zum Sammelbecken der offiziell unterdrückten Kritik am deutschen Synodalen Weg. Die FAZ rühmte die “messerscharfe, zumal philosophische Analyse der kirchlichen Verwerfungen“ auf dem Blog und befand: „Während Lehrautoritäten sich zuckersüß anfassbar machen, gehen dogmatische Aufklärer in den Untergrund, wo sie das Schisma im Detail beschreiben.“
Der „Neue Anfang“ achtete bewusst darauf, „Mitte der Kirche“ zu sein; man grenzte sich sowohl von reaktionären Tendenzen in der Kirche ab als auch von verstiegen Vorstellungen auf dem deutschen Synodalen Weg. Auf hunderten von Seiten untersuchte der „Neue Anfang“ quasi jede Äußerung, jedes Textdokument, jede Forderung der Synodalversammlung „sui generis“ (Kardinal Marx), klärte darüber auf und informierte auch die Weltkirche über den verhängnisvollen deutschen Sonderweg. Mit „Urworte des Evangeliums – Für einen neuen Anfang in der katholischen Kirche“ (Herder, Freiburg) legte die Initiative im Januar 2025 ein eigenes, in Synodalität erarbeitetes Buch vor. Dem „Neuen Anfang“ geht es um eine Kirche, die man, wie es im Buch heißt, „mit neuer Liebe lieben kann, weil sie mit ihren Lebenslügen schluss gemacht hat, weil sie ein Schutzraum für die Schwachen ist, weil sie dem Bösen widersteht und vor dem Zeitgeist nicht in die Knie geht. Es ist eine Kirche – näher an Jesus, näher am Evangelium und näher an den Menschen.“
Wie entstand die Idee zu Ihrer Aktion „Wir schreiben dem Papst“?
Der Auslöser war Papst Leo selbst, der auf der Rückreise aus dem Libanon eine bemerkenswerte Äußerung in einem Interview machte. Er befürchtete, „dass viele Katholiken in Deutschland glauben, dass bestimmte Aspekte des bisher in Deutschland durchgeführten Synodalen Weges nicht ihre Hoffnungen für die Kirche oder ihre Art, die Kirche zu leben, widerspiegeln“. Bischof Bätzing und seine Leute hatten in Rom Eindruck gemacht mit dem Gerücht, 96% der deutschen Katholiken stünden hinter dem Synodalen Weg. Tatsächlich will jeder vernünftige Katholik „Reformen“. Bloß welche? Das Meinungsforschungsinstitut INSA hat 2025 reale Zahlen erhoben: An über 60 % der Katholiken ging der SW komplett vorüber, 21% waren positiv dazu eingestellt, während 17 % ein negatives Urteil hatten. Der mit allen medialen Instrumenten gepushte „Synodale Weg“ war von Anfang an ein elitäres Projekt, hinter dem weniger die Priester und gläubigen Laien standen, als ein laikaler akademischer und administrativer Mittelbau von nicht selten kirchendistanzierten Kirchenangestellten. Ein Freund meinte einmal: „Wo die Funktionäre ihr Leben nicht verändern können, verändern sie die Lehre.“ Weil wir die vielen „Unsichtbaren“ in der Mitte der Kirche (und in Treue zum Inhaber des Petrusamtes) einmal in die Sichtbarkeit bringen wollten, hatten wir zusammen mit der Tagespost die Idee zu „Wir schreiben dem Papst“. Tatsächlich wurden wir geflutet von Zuschriften, in denen sich der Status quo der Kirche in Deutschland grosso modo als ein flächendeckendes Desaster beschrieben fand. Dem Papst mochten wir nur eine 20-seitige Kompilation von Kernaussagen zumuten. „Das sind wohl meine Hausaufgaben?“, meinte Papst Leo bei unserem Gespräch im Januar in Rom.
Wie beurteilen Sie die Lage der Kirche in Deutschland im Allgemeinen?
Deutschland mit Frankreich zu vergleichen ist natürlich unzulässig. Aber man darf doch feststellen: In Frankreich stehen viele, wenn nicht alle Signale auf Aufbruch. Zu Tausenden lassen sich junge Leute taufen. Immer mehr (gerade junge) Menschen besuchen die Heilige Messe. In Deutschland lag der „Synodale Weg“ mit seinem notorischen Kreisen um sich selbst sechs Jahre lang wie ein Block quer über der Straße. Prozesse der geistlichen Erneuerung, missionarische Dynamiken und charismatische Aufbrüche gibt es durchaus, aber sie haben noch insularen Charakter und sind in der Regel nicht Früchte der Institution. Zu finden sind sie an den marginalisierten Rändern der Kirche, – dort wo kein Kirchensteuergeld hinkommt. Vom „System“ werden sie ignoriert, gar bekämpft oder in die rechte Ecke gestellt.
Ein katholischer Indikator war immer die Zahl der Priester- und Ordensberufungen. Wie steht es damit?
In der Ära Bätzing gingen sie dramatisch zurück, was weniger mit dem oft beschworenen Missbrauch (den es überall und in gleicher Quantität auch in der evangelischen Kirche gab), als mit der Identitätsdissolution, den innerkirchlichen Wirren und dem Anti-Priester-Ressentiment auf dem „Synodalen Weg“ zu tun hat. Inzwischen gibt es Bistümer, die keinen einzigen Neupriester mehr haben. Wie „katholisch“ ohne Priester funktionieren soll, ist mir unerfindlich. Noch eine sprechende Zahl: Laut der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) von 2023 glauben 68 % der katholischen Kirchenmitglieder nicht mehr an die Gottheit Christi, zahlen aber brav Kirchensteuer. Wo sollen da Berufungen herkommen?
Das hat dann aber doch auch mit dem Zustand von Katechese zu tun?
Richtig. Es wirft ein Schlaglicht darauf, wohin eine Lokalkirche ohne ambitionierte Katechese kommt. In deutschen Theologenkreisen ist „Katechismus“ ein Schimpfwort. In Wahrheit verachten sie aber nicht ein Buch, sondern die Inhaltlichkeit und Aussagbarkeit des Glaubens. Wo man nichts Genaues weiß, haben die Interpreten Konjunktur. Alle, alle, alle sollen sie kommen in dieses Ungefähre mit Namen Kirche („Ganz gleich, was Du denkst, lebst und glaubst …“). Man begreift aber nicht, dass eine konturlose, inhaltlich leere Gemeinschaft letztlich niemand anzieht, schon gar nicht junge Menschen.
Würde eine etwaige Synodalversammlung eben diese Lage verändern?
Nein. In keiner Weise. Es ist die falsche Lösung zu einer falschen Problemstellung. Die Absicht, den deutschen „Synodalen Weg“ durch eine „Synodalversammlung“ auf Dauer zu stellen, ist der letzte verzweifelte Versuch laikaler Reformkreise, reale Macht in der Kirche zu erobern und Zugriff zur Kasse zu bekommen. Noch sprudelt die Kirchensteuer, aber sie wird dramatisch zurückgehen. Der Verteilungskampf hat begonnen. Alle diese Organisationen und Verbände, deren Funktionäre im „Synodalen Weg“ agieren, hängen am Tropf der Kirchensteuer und fürchten um ihre Pfründe. Wir sehen den letzten Akt in einem Stück aus dem Jahr 2013. Damals hatte ein argentinischer Kardinal in seiner Rede im Vorkonklave von der kranken Kirche als der „gekrümmten Frau“ (Lk 13) gesprochen. Es ist die Kirche, die nicht „aus sich selbst herausgeht, um das Evangelium zu verkünden.“ Alle Übel, so meinte Bergoglio damals, „haben ihre Wurzel in dieser Selbstbezogenheit. Es ist ein Geist des theologischen Narzissmus.“ Die Kirche wird sich nicht aus der Krümmung aufrichten können, solange sie nicht zu Jesus umkehrt, solange sie sich nicht heilen und neu in die Sendung rufen lässt. Sie bleibt „die verweltlichte Kirche, die in sich, von sich und für sich lebt“ und deshalb nicht Salz und Licht der Welt sein kann.
Wie schätzen Sie nach Ihrem Papstbesuch das Wissen des Heiligen Vaters über den Synodalen Weg ein?
Ich bin mir absolut sicher, dass er mehr weiß und versteht, als viele Akteure in Deutschland denken.
Hängt es vielleicht damit zusammen, dass Sie nicht nur „prima fila“ bei der Generalaudienz, sondern eine 20-minütige Privataudienz bekommen haben?
Das kann ich nicht sagen. Schon Papst Franziskus zeigte den Vertretern deutscher Sonderwege und Sonderlehren spürbar die kalte Schulter. Trotz aller diplomatischen Nachhilfen wurde ihnen keine besondere Bühne gegeben. Das hat sich unter Papst Leo noch einmal verstärkt. Dass er nun einigen der schärfsten Kritiker des deutschen „Synodalen Weges“ gleich doppelt Gelegenheit gab, „The Voice of the Faithful“ zu sein, sagt alles.
Viele Katholiken – auch in Spanien – kennen Sie als „Vater des YOUCAT“, des Jugendkatechismus´ der Katholischen Kirche. Inwieweit hat er zur doktrinären Bildung junger Menschen beigetragen?
Das müssen Sie junge Leute fragen, die sich einer Schule des Glaubens mit dem YOUCAT unterzogen haben. Oder Sie müssten Katecheten und Priester befragen, ob sie mit dem YOUCAT die Köpfe und Herzen junger Menschen erreicht haben. Ich kann nur folgendes bezeugen: Als sich 2005 im Gespräch mit Kardinal Schönborn das Desiderat für einen Jugendkatechismus herausstellte, meinte der Kardinal: „Wenn man etwas für junge Menschen tun will, muss man es mit jungen Menschen tun.“ Als ich dann zusammen mit drei anderen Theologen die Idee weiterverfolgen durfte und wir tatsächlich 50 junge Menschen fanden, die in Sommercamps mit uns Katechismus studierten, ahnten wir nicht, wohin uns das führen würde: … dass der YOUCAT in Millionenauflage in Madrid verteilt werden würde, … dass er heute in fast 70 Sprachen der Erde vorliegt und noch immer für junge Katholiken der Einstieg in das Schatzhaus des Glaubens sein würde … Für mich (wie für die anderen Beteiligten) ist die ganze Geschichte das Wunder unseres Lebens und der Anlass, an die Führung Gottes zu glauben und sehr dankbar zu sein. Wichtig ist übrigens nicht allein das Buch, wichtig ist die Verbindung von „für“ und „mit“. Weltweit bleibt gerade eine rein frontale Katechese fruchtlos. Reiche Frucht aber zeigt sich, wo es eine neue Katechese gibt, in welcher der Prozess, der Dialog, das Gespräch, die echte synodale Einbeziehung junger Menschen in die Mission der Kirche eingeübt und praktiziert wird.
Beitragsbild: Bernhard Meuser copyright:Thomas Esser

