. . . aus dem Geist neomarxistischer Narrative
Wer die Abschlussdiskussion von Samstagmorgen auf der Synodalkonferenz erlebt oder mitverfolgt hat, dann noch zur Generation der 68er gehört, hört den sublimen Neomarxismus aus dem ganzen Quotengeschachere heraus, das nicht wenige der Diskutanten verwirrt und sogar Kardinal Marx erbost und Bischof Kohlgraf verärgert hat. Helmut Müller erinnert das, in einer Abwandlung an ein Diktum von Nietzsche, nämlich an die Geburt einer Tragikomödie aus dem Geist des kommunistischen Manifests von 1848, das auf die Höhe der Zeit gebracht lautet: Marginalisierte aller gesellschaftlichen Diskriminierungsformen vereinigt euch.
Christliche Nächstenliebe ist personalisiert und strukturiert
Es tut mir leid, mit diesem Sarkasmus zu beginnen, wo es doch um das Leid von Menschen geht, die in vielfältiger Form in dieser Zeit und in dieser Gesellschaft unter die Räder gekommen sind. Aber es hat mich entsetzt, wie die anwesenden Christen marxistische Narrative bedienen. Beinahe 200 Jahre nach Karl Marx haben Christen es immer noch nicht gelernt, den Ungerechtigkeiten in der Welt mit personalisierter christlichen Nächstenliebe zu begegnen, die sogar schon 1891 in Rerum novarum auch in Strukturen gegossen wurde, ständig fortgeschrieben und von Papst Leo offensichtlich zeitgerecht weitergeschrieben wird. Stattdessen bemüht man – für mich als altersmäßigen 68er leicht erkennbare – Klassenkampfparolen, sublimiert und multipliziert in Opfer/Täter-Figurationen, die sogar innerkirchlich als systemischer Machtmissbrauch angewendet werden.
… dagegen stehen stiefgeschwisterliche Narrative in neomarxistischen Klassenkampfparolen
Dabei sind viele junge Menschen in Narrativen gefangen und erkennen in ihrem Engagement für Gerechtigkeit nicht die bloß stiefgeschwisterliche, neomarxistische Verwandtschaft mit christlicher Nächstenliebe. Es ist schwer, sich aus solchen Narrativen zu befreien. Stattdessen bedienen kirchliche Kreise weiter besagte linke Narrative, die sich chamäleonartig immer neue Ersatzproletariate zu suchen scheinen, dabei aber das ursprüngliche Proletariat, die Arbeiterschaft, verlieren. Diese wählt dann in Deutschland mitunter AFD. Es werden in regelrechten Sprachdiktaten Marginalisierungen zurecht geschnitten, die dann insgesamt woke-isiert werden:
- Etwa die Schwarzen (wobei man nicht farbig, rot, gelb oder sonst was sagen darf), die einen strukturellen weißen Rassismus erfahren,
- die Migranten, die späte Opfer einer postkolonialen Gesellschaft sind, egal ob sie tatsächlich aus ehemaligen Kolonialgebieten kommen, es genügt die Vermutung,
- die Queeren, die von Heteronormalen gehasst oder wenigstens diskriminiert werden.
Das Diskriminierungs-Karussell dreht sich weiter und erfindet neue Narrative
Seit 2010 strukturiert ein neuer Begriff das Diskriminierungs-Karussell: Es ist der Begriff der Intersektionalität. Er wurde erstmals von der US-amerikanischen Juristin Kimberlé Crenshaw geprägt. Sie verdeutlicht anhand der Metapher der Straßenkreuzung, dass sich verschiedene Diskriminierungsformen, wie etwa Rassismus und Sexismus überlagern und gegenseitig verstärken. Intersektionalität beschreibt somit die Wechselwirkungen verschiedener sozialer Differenzlinien. Wesentlich ist dabei die Betrachtung der Interdependenzen verschiedener Diskriminierungsformen, also ihrer wechselseitigen Abhängigkeiten und Wirkungen. Wikipedia definiert Intersektionalität mit Diskriminierungsformen wie Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Antifeminismus, religiöse Verfolgung, Homophobie, Transphobie, Behindertenfeindlichkeit/Ableismus und Disablismus, Altersdiskriminierung oder Klassismus, die sich überschneiden können.
Die Narrative in der Echokammer der Synodalkonferenz
Man konnte in mancher Wortmeldung und manchem Zungenschlag erahnen, dass Echos dieser Begrifflichkeiten in eben beschriebenen Narrativen auch in der Synodalkonferenz der in dieser Weise „deutschen Kirche“ angekommen sind: Frau und Mann, jung und alt, Kleriker und Laie klingen in ihren tatsächlichen und vermuteten Machtgefällen dann schon recht altbacken. Nur mit Muttersprachlichen hatte man offenbar Probleme, obwohl doch Migranten ein anderes Wort dafür gewesen wäre. Vermutlich haben konservative Positionen und der Hinweis, sie wären das einzig wachsende Segment der Kirche in Deutschland, dafür gesorgt, dass dann nur knapp für drei Vertreter votiert worden ist.
Christliches Herausgerufensein in die Nöte der Welt statt Quotenregelungen
Nochmal an den Anfang zurück: Es wird überhaupt nicht bestritten, dass es Leid in diesen Formen, wie immer sie auch in dem Narrativ genannt werden, gibt. Aber haben wir nicht seit Christus und mindestens auch seit Rerum novarum sogar strukturell die Möglichkeit, diese Missstände in einem dem Christlichen angemesseneren Narrativ (Vgl. dazu Bischof Oster, ab Min 31,50) einzutüten? Jesus, hatte nicht nach einer Quotenregelung seine Jünger berufen – obwohl ihm eine sehr bunte Schar gefolgt ist. Sein Ruf in die Nachfolge war das Auswahlkriterium, dem zum Beispiel der reiche Jüngling nicht gerecht wurde. Allerdings andere Begüterte und Hochgestellte ließen sich davon nicht abschrecken, etwa die Frau des Chusa oder Nikodemus, die sicherlich nicht zum judäischen oder galiläischen Proletariat gehörten. Daraus lernen wir, dass schon in der Urgemeinde nicht Stand oder Marginalisierung in der Gesellschaft das Kriterium der „Herausgerufenen“ – der Ecclesia gewesen ist, sondern das fordernde metanoeite und das akolouthei moi mit ihren harschen Bedingungen. Das zeichnet die Follower Jesu aus, um den Nöten der Welt im anbrechenden Reich Gottes zu begegnen.
Herausgerufen wohin?
Die Geschichte dieses Herausgerufenseins hat nun gut 2000 Jahre auf dem Buckel und ist in 21 ökumenischen Konzilien mit den Herausforderungen der Zeit konfrontiert worden. Streit war in den Konzilien und auch noch nach den Konzilien vorprogrammiert. Auch das letzte Konzil wurde unterschiedlich rezipiert, wofür vor allem zwei junge Theologen standen – mittlerweile sind beide verstorben: Josef Ratzinger und Hans Küng. Der erste hat maßgebliche Texte des Konzils mit verfasst, der andere war an keinem einzigen beteiligt, hat aber alle Texte vor der internationalen Presse kommuniziert. Die Unterschiedlichkeit der Rezeption wird an zwei Begriffen deutlich. Ich will sie einmal durchdeklinieren. Sie könnten das Kriterium sein, den Wandel in der Kirche zu verstehen und das, was an besagtem Samstag, dem letzten Tag im Januar, in Stuttgart bei dem ganzen Quotengeschachere offenkundig geworden ist.
…in die Communio sanctorum?
Joseph Ratzinger verstand Kirche paulinisch als Communio (Röm 12, 4, Kol 1,18, Eph 4,15f): Die Christgläubigen sind Glieder an einem gemeinsamen Leib mit dem Haupt Christus, der dieser Communio bis zu seiner Wiederkunft den Beistand des Hl. Geistes verheißen hat. Bis dahin wird dieser Leib durch Priester und Bischöfe als das im Weihesakrament legitimierte Haupt und die durch das Taufsakrament zu Gliedern gewordenen Gläubigen repräsentiert. Das Konzil hat diesen Leib zudem als Volk Gottes begriffen, das in seiner sakramentalen Struktur auch demokratische Elemente beinhaltet. Die so begriffene Communio ist die DNA, die Erbsubstanz der Kirche.
…in ein Concilium, das um eine Quotierung seiner Mitglieder streitet?
Der andere Begriff heißt Concilium, ist nicht biblisch, bedeutet so viel wie Ratsversammlung und fordert eine gänzlich demokratische Architektur, wie etwa evangelische Landeskirchen sie haben. Auch im synodalen Prozess sind die Vertreter des „Hauptes“ die Bischöfe, die wir aus Schrift und Tradition herleiten, in eine Ratsversammlung integriert worden, „auf Augenhöhe“ mit den Verbandsfunktionären des ZdK, die in dieser Architektur ein Novum sind.
In der jüngsten Vergangenheit wurden in unvorstellbarem Ausmaß Verfehlungen, vor allem der Vertreter des Weihesakramentes, aufgedeckt. Im Bild gesprochen: In der Communio wurde „das Haupt“ gegenüber „den Gliedern“ im wahrsten Sinne des Wortes „übergriffig.“
Anstatt weiterhin Maß zu nehmen am Evangelium – wie es auch Papst Franziskus forderte, um die Communio (!) zu erneuern –, griff der Synodale Weg schon im Konzept als Ratsversammlung, die in der Schrift bezeugte sakramentale Struktur der Communio an und machte sie systemisch als Täterstruktur verantwortlich für den Missbrauch. Die Untersuchung in der evangelischen Kirche, die ähnliche Missbräuche feststellte, müsste diesen Vorwurf eigentlich falsifiziert haben. Aber das passt einfach nicht, weil man, ebenso wie diese, alles durch demokratisch legitimierte flache Hierarchien und Quotierungen als Concilium ersetzen will. Der ständig auftauchende Begriff „auf Augenhöhe“ ist verräterisch. Denn weder die Communio der Kirche noch die soziale Struktur der Spezies Homo sapiens ist so organisiert wie etwa ein Heringsschwarm, in der sich alle „auf Augenhöhe“ – d. h. bei Heringen, dem Seitenlinienorgan – befinden, sondern die Communio hat in Schrift und Tradition wie oben beschrieben immer Hierarchien ausgebildet.
Wer den Ruf hört und nicht, wen die Quote bestimmt oder zulässt, ist ein Herausgerufener
Der schlimme Missbrauch des „Hauptes“ gegenüber den „Gliedern“ im gemeinsamen Leib rechtfertigt noch nicht seine Nivellierung, so wie zündelnde Feuerwehrmänner nicht die Feuerwehr als solche diskreditieren. Es sollte jedenfalls kein Aufstand der Glieder gegen das Haupt in Wort und Tat stattfinden. Paulus weist schon in Kor 4,15f auch auf seine besondere Verantwortung hin: „Denn in Christus Jesus bin ich durch das Evangelium euer Vater geworden. Darum ermahne ich euch: Haltet euch an mein Vorbild“. Einige Bischöfe im synodalen Prozess scheinen aber die vorbildliche Vaterschaft aufgegeben zu haben, sodass sie in der Mehrheit nichts dagegen hatten, dass im Synodalen Weg sich die eigentliche Communio als Concilium konzipieren ließ, wie in einem Parlament.
Nach wie vor gilt das Befolgen des Herausgerufenseins des Evangeliums, nicht die Quotierung einer Ratsversammlung. Die lange zweitausendjährige Geschichte hat immer wieder trotz aller Fehlleitungen gezeigt, dass SEINE im Hl. Geist geleitete und begleitete Kirche immer wieder Menschen herausgerufen hat, wie es keine Quotierung geleistet hätte:
Wie der Hl. Geist „quotiert„!
- Von Hildegard von Bingen wurden Bischöfe und Könige belehrt.
- Katharina von Siena hat sogar Päpsten gezeigt, wo’s lang geht.
- Auch für eine Quotierung von Jugendlichen wurde gesorgt: Jeanne D’Arc, ein 17 jähriges Bauernmädchen wurde im männlichsten aller Männerberufe, dem des Kriegers, charismatisch wirksam.
- Ebenfalls ein Bauer, verheirateter Ehemann, zudem Vater einer unehelichen Tochter, der Österreicher Franz Jägerstätter hat die Gewissenslehre des II. Vatikanischen Konzils mit beeinflusst.
- Der Ire Matt Talbot, schon mit 13 – wie man sagen könnte – ein versoffenes Subjekt, falsifiziert das Freiheitskonzept deutscher Theologen wie das von Georg Essen und Magnus Striet, in dem er als Alkoholkranker zeigt, dass sich Freiheit an einem Liebesgehorsam zu Maria und Jesus messen lässt.
- Johannes XXIII. ein alter weißer – pardon – sogar „doppelt“ weißer Mann hat mit 81 Jahren das II. Vatikanische Konzil ins Leben gerufen, das – über konservative und liberale Kräfte hinaus, ob sie nun Communio oder Concilium darunter verstehen – , als Reform begriffen wird.
- Und last not least Josefine Bakhita, die wirklich vielfach intersektionelle Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen am eigenen Leib erfahren musste, hätte man durch keine Quotierung finden können: Schwarz, Frau, halbtot geschlagen, rassistisch von arabischen(!) Sklavenjägern zur Sklavin gemacht und verkauft, findet als katholische Ordensfrau den Sinn ihres Lebens und gibt sogar einem verwunderten Bischof spirituelle Impulse.
- Das alles sind keine bloß wunderlichen Ausnahmen, sondern könnten noch mit Namen wie der kleinen und der großen hl. Theresia, Franz von Assisi, Elisabeth von Thüringen, Aloyisius von Gonzaga, Carlo Acutis und vielen anderen komplettiert werden.
Wenn man all dies bedenkt, ist es sicherlich keine dumme oder senile Entscheidung, wenn man als Intellektueller wie Ernst Jünger noch mit 101 Jahren katholisch wird.
Der Heilige Geist hat sicherlich mit Quotierungen von in vielerlei Hinsicht Marginalisierten für eine Ausgewogenheit gesorgt, die keine Ratsversammlung hinbekommen hätte.
Ida Friederike Görres, die schon bei der Würzburger Synode Verwerfungen wahrnahm, hat es auf den Punkt gebracht, dass auch diese Kirche nicht heile Welt ist:
„Die Kirche ist der Mond, dessen Glanz durch unsere Sünden getrübt wird und schwindet bis zu scheinbar totaler Finsternis. Doch in der dunkelsten Stunde berührt sie Christus, die Sonne, aufs neue und füllt sie mit steigendem Licht“.
Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor a. D. am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Helmut Müller ist Mitautor des Buches Urworte des Evangeliums“. Zuletzt ist von ihm erschienen: Menschsein zwischen Himmel und Erde – Dominus-Verlag mit einer eindrücklichen Illustration von Peter Esser, in der der Wanderer nicht mehr seine Hand in das leere Räderwerk hinter dem Horizont streckt, sondern in das Deckengewölbe der Wieskirche schaut mit dem auf sein Herz zeigenden Christus. Die Spannung des Hineingenommenseins in die Liebe und das Hinaushängen Heideggers ins Nichts bestimmt die Thematik des Buches.
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