Eigentlich müsste sich jeder Katholik mit dem Münsteraner Dogmatiker und Dogmenhistoriker Michael Seewald freuen, dass der Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis 2025 u. a. an ihn als katholischen Theologen vergeben wird. Aber zu welchem Preis, wenn man von einem Gremium ausgezeichnet wird, das Theologie als Glaubenswissenschaft gar nicht wahrnimmt? Dem geht Helmut Müller nach.

Staunen, Verwunderung? Kann man sich wirklich freuen?

Da staunt der Laie – in Gestalt einer ZEIT-Redakteurin – und die Fachwelt wundert sich schon lange nicht mehr. Sie freut sich vielmehr, weil der Mainstream der theologischen Wissenschaft schon lange den nötigen Fachverstand verloren zu haben scheint. Die eine gewisse Ratlosigkeit beschreibende Redensart wird durch meine Abhandlung und Ergänzung noch größer, als sie schon ist. Aber bitte gedulden Sie sich, gegen Ende löse ich das Rätselhafte an meiner Behauptung auf.  

Die Preisvergabe wäre tatsächlich die reine Freude, wenn auch das Katholische im Sinne einer Ida Friederike Görres mit der Prämierung gemeint wäre:

Die Kirche: das Wort freilich im alten Vollverstand gebraucht, der nicht bloß den zeitlichen Ausschnitt der heute lebenden Katholiken meint, nicht ein System, eine Idee, eine Ideologie, eine Struktur, eine Gesellschaft, sondern das ungeheure Lebens-Gebilde, das von den Aposteln bis heute existiert, seine Geschichte erfüllend von Jahrhundert zu Jahrhundert, wachsend, sich entfaltend, kämpfend, erkrankend, genesend, sein Schicksal bestehend und der Wiederkunft des Herrn entgegenreifend.“ (I.F. Görres, Im Winter wächst das Brot. Einsiedeln 1970, S. 113f.).

Um diesen Sinn des Katholischen und die Geltung ihrer Dogmen hat Ida Friederike Görres nicht nur während der Würzburger Synode 1971 wie eine Löwin gekämpft. Sie schreibt: 

„Das Dogma, sagt C.G. Jung, ist immer Resultat und Frucht von vielen Geistern und vielen Jahrhunderten. Dasselbe gilt vom Zölibat, von der Priestergestalt [Seewald ist Priester!] und vielen anderen katholischen Lebenswirklichkeiten. Natürlich kann man sie nicht im Wortlaut des Evangeliums suchen, sind sie doch erst Teil jenes ‚Brotes‘, das aus der langen Fermentwirkung der Hefe in den ‚drei Maß Mehl’ entstanden ist.  Merkwürdig, dass die Angreifenden diese simple Tatsache der Entwicklung nicht begreifen, wo sie doch sonst unentwegt von Fortschritt und Evolution reden!…“ (ebd.). 

Normalzustand, wenn man mit den Formeln der Theologie wenig anfangen kann?

Dagegen meint Michael Seewald in einem Interview mit Joachim Frank:

„Wenn die Leute heute mit den Formeln der Theologie wenig anfangen können, sind wir kirchengeschichtlich wieder auf dem Normalzustand.“ 

Das heißt aber doch auch für den Theologen Seewald, dass es nicht tragisch sei, dass der Normalkatholik mit dem Gegenstand seiner Lehre nichts anfangen kann. Ist er für diese Gelassenheit dem Katholischen gegenüber prämiert worden? Der „zeitliche Ausschnitt der heute lebenden Katholiken“, den Ida Friederike Görres kritisch sieht, wird bei Michael Seewald offenbar zum Parademaß des Katholischen, das sich im Windkanal des Mainstreams formt. Das knorrige Zeitgerechte, das sich manchmal als unzeitgemäß aus dem Zeitgemäßen herausschält, vielfach Ärgernis Erregende, für das schon die Propheten des Alten Testamentes kämpften und das Jesus von Nazareth den Tod brachte, verliert offensichtlich im Windkanal der Zeitgemäßheit das Anstößige. Seewald meint: Auch scheinbar Festgefügtes kann sich verändern. Und was heute in der Dogmatik Geltung besitzt, verdankt sich nicht selten historischen Prozessen [!]…“. Dagegen wendet sich ein anderer Gläubiger, der wie Görres um das Katholische ringt und zwar der französisch-amerikanische Schriftsteller Julien Green: Er unterscheidet einen „goût pour la conformité au siècle“ – eine Anpassung an den Geschmack des Jahrhunderts – von einem „goût de la vérité“ – den die Zeiten durchhaltenden Geschmack der Wahrheit, wie ihn auch Görres sieht. Seewald dagegen findet offensichtlich nichts dabei – weil er sich mit dem von ihm definierten Normalmaß begnügt, dass nur 32 Prozent der Katholiken an die Gottessohnschaft Jesu glauben. 

Wenn Ewiges im Zeitlichen aufgeht

Sein Lehrstuhl in Münster ist der Lehrstuhl Ratzingers und Rahners gewesen und ist ausgeschrieben für Dogmatik und Dogmengeschichte. Seewald scheint aus Dogmen vollständig Geschichte machen zu wollen. Das ist vermutlich auch mit dem Leibniz-Preis prämiert worden. Seewald folgt da offenbar Heidegger, der 1911 in einem Aufstand gegen die Ewigkeit – wie Walter Hoeres einmal formulierte – aus dem Priesterseminar ausgetreten ist. In Heideggers bahnbrechendem Werk Sein und Zeit erschöpft sich alles, was er vor seinem Eintritt ins Priesterseminar vertikal als Ewiges geglaubt hat, im Horizontalen und zerfließt wie die Uhren Salvador Dalis in der Zeit. Seewald ist dagegen im Priesterseminar geblieben und Priester geworden und hat von Heideggers Gedankengang offenbar übernommen, dass die Dogmen, um deren Geltung noch Ida Friederike Görres und auch Julien Green gekämpft hatten, sich komplett in Zeitgestalten auflösen und sogar verschwinden können. Was mich jedoch als gläubiger Laie am meisten erstaunt und als Theologe im Sinne Görres und Greens verwundert hat, war folgender Teil des Interviews der ZEIT-Redakteurin  Christina Rietz: 

ZEIT: Wann haben Sie bemerkt, dass Sie Ihr Leben der Theologie widmen wollen?

Seewald: Ich weiß nicht. Mit dem Großbegriff »Berufung« kann ich jedenfalls nichts anfangen.

ZEIT: Sie hatten kein Berufungserlebnis?

Seewald: Nein. Mir fehlt der metaphysische Überbau. Es ergab sich irgendwie so.

ZEIT: Wenn Sie kein Berufungserlebnis hatten, warum sind Sie dann Priester geworden? Da hätte es doch genügt, nur Theologe, nur Wissenschaftler zu werden.

Seewald: Ich habe keine andere Erklärung, als dass es mich gereizt hat. Ich brauche kein Amtspathos, das in frömmelnden Berufungserlebnissen gründet.

Wenn Wissenschaften Wirklichkeiten stiefmütterlich behandeln

Das erinnert mich an eine Tagung, die 1983 in Ottobeuren unter dem Thema Wissenschaft und Wirklichkeitserfahrung stattfand. Sie beschäftigte sich kritisch damit, dass verschiedene Wissenschaften das eigentliche Thema verloren haben, unter dem sie ursprünglich angetreten sind. Die Themen der einzelnen Referenten hießen: Psychologie ohne Seele, Pädagogik ohne Kinder, Medizin ohne Mensch, Biologie ohne Leben, Ethik ohne Ethos und last not least Theologie ohne Religion. Letzteres bestätigt er auf Fragen der ZEIT-Redakteurin schon zu Beginn des Interviews:

DIE ZEIT: Herr Seewald, Sie erforschen, wie sich die Glaubenslehre der Kirche über die Jahrhunderte verändert hat. Besorgt es Sie, dass viele Katholiken nicht an Dinge wie die Jungfrauengeburt, die leibliche Auferstehung Christi oder die Transsubstantiationslehre – also die Verwandlung von Brot und Wein in den Körper und das Blut Jesu – glauben?

Michael Seewald: Nein. Überhaupt nicht.

Theologe ohne metaphysischen Überbau und Priester ohne Berufung

Jetzt wundert sich auch der Fachmann nicht mehr: 

  • Wer kein Berufungserlebnis zum Priestertum hatte und auch gar nicht weiß, was das ist (s. o.), 
  • wem ein, wie er selbst sagt „metaphysischer Überbau“ fehlt
  • und keine andere Erklärung hat, als dass das Studium ihn irgendwie gereizt hat, 

da kann es wirklich nicht verwundern, dass er nicht besorgt ist, dass viele Katholiken das nicht mehr glauben, was er als katholischer Theologe lehrt (oder lehren sollte).

Das ist dann Theologie ohne Religion in höchster Potenz. Zusätzlich kommt dann auch noch der Verdacht auf, dass er möglicherweise selbst nicht das glaubt, was er lehrt.

Wir haben hier ein Paradebeispiel dafür, dass eine Wissenschaft den Bereich der Wirklichkeit verloren hat, für den sie ursprünglich angetreten ist. Zu Leben, Sterben und Erlösung des Mensch gewordenen Gottes fällt Michael Seewald nicht viel mehr ein, als:

Ab wann kommt man denn in den Himmel? Wenn man 51 Prozent der Lehre glaubt? Das Verhältnis von Wissen und Erlösung ist unklar.

Das Letztere zu klären ist eigentlich Aufgabe jeder theologischen Lehre: Das Verhältnis zwischen Wissen und Erlösung so weit einsichtig zu machen, dass ein den Glauben der Kirche annehmender Christ auch mit Vernunftargumenten ein ganzes Leben darauf aufbauen kann. Wenn diese Aufgabe theologischer Lehre tatsächlich geleistet wird, und das leistet etwa die KHKT in Köln, hat er nur eine kritische Bemerkung übrig. Sie sei ein als Hochschule getarntes Katechismus-Seminar. Kein Wunder, dass es sich ihm „nicht erschließt, wenn an einer Hochschule genau solche Klärungen zum Thema gemacht werden.

Das will er gar nicht. Heilsunsicherheit ist ihm offenbar lieber als Heilsgewissheit zum Thema zu machen. Die Preisverleiher kümmern solche innertheologischen Auseinandersetzungen erst gar nicht. Deshalb kann ich mich über diese Preisvergabe alles andere als freuen.


Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag.  Helmut Müller ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.

Melden Sie sich für unseren Newsletter an