Die Idee, dass Frauen Priesterinnen werden wollen, ist bereits hundert Jahre alt und reicht tiefer als der Kampf um Frauenrechte. Schon 1965 setzte sich die katholische Schriftstellerin und Intellektuelle Ida Friederike Görres intensiv mit der Frauenweihe auseinander und begründet ihre Ablehnung hauptsächlich theologisch. Der Zugang zum Priesteramt ist für sie kein letztes Symbol männlicher Vorherrschaft und keine Frage der Gleichstellung. Görres warnt davor, daraus eine Tragödie zu machen. Ihr Text könnte von heute sein:

Über die Weihe von Frauen zu Priesterinnen

In den zwanziger Jahren hörte ich zum ersten Mal, dass Frauen — deutsche Akademikerinnen — sich mit einem Gesuch um die Zulassung von Frauen zur Priesterweihe an Rom gewandt hätten. Damals wirkte das Gerücht als Kuriosum, fast als Witz. Heute soll die Frage in einigen Kreisen ernsthaft diskutiert werden, sie wurde sogar dem Konzil vorgelegt.

Diese Entwicklung ist an sich nicht verwunderlich. Nicht nur, weil im Konzilsklima vielen alles, auch das Ausgefallenste, möglich geworden scheint. Die Emanzipation der Frauen aus dem Alleinanspruch des Hauses, ihr Durchbruch in den männlichen Berufsraum, ist bereits hundert Jahre alt. Was einige Jahrzehnte lang nur auf der Anstrengung einiger, zahlenmäßig geringer, doch mit ungeheurer Treibkraft ausgestatteter Frauengruppen beruhte, wurde unerwartet und mit ungeahntem Erfolg durch die beiden Weltkriege zu einer Flutwelle, die das Angesicht der ganzen Erde verwandelt hat und noch nicht stillsteht. Der totale Krieg hat mit sprengender Gewalt die noch bestehenden Berufsschranken zwischen Männern und Frauen niedergelegt und weggefegt. Der universale Einsatz von Frauen aller Nationen, Stände und Klassen, an Stelle der kämpfenden oder gefangenen Männer, teils freiwillig, teils unfreiwillig, lieferte den unwidersprechlichen Beweis, dass sie noch zu viel mehr männlichen oder für männlich gehaltenen Leistungen imstande sind, als die kühnsten Vorkämpferinnen und Theoretikerinnen sich‘s vorher träumen ließen.

Die totalitären Systeme der Nachkriegswelt machten sich diese Erfahrung zunutze und behielten aus politischen wie wirtschaftlichen Gründen das weibliche Arbeitspotential ihrer Völker mobilisiert, während die freie Welt aus privaten und gesellschaftlichen Motiven einen ähnlichen Zustand förderten und zur Selbstverständlichkeit festigten.
Heute können, dürfen oder müssen Frauen jeden Beruf ausüben, zu dem sie die körperliche und geistige Befähigung nachweisen können — einer anderen Legitimation bedarf es nicht mehr: ob Schwerarbeit in Lagern und Bergwerken, Land- oder Industriearbeit; ob Wissenschaftlerin jeder Sparte; ob Taxichauffeurin oder Berufssportlerin, Chirurgin, Ingenieurin oder Atomphysikerin; in manchen Ländern als Ministerin, Botschafterin, Pilotin und Astronautin; sogar als Soldat und Offizier, als evangelische Pfarrerin — das Mädchen hat grundsätzlich so freie Wahl wie der Mann oder kann zu allem verpflichtet werden.

Das katholische Priestertum — eine letzte Burg?

Nur das katholische Priestertum ragt als einsame und einzige Burg eines männlichen Berufsprivilegs, letztes Symbol einstiger männlicher Vorherrschaft: wie begreiflich, dass es den Verfechterinnen der totalen Gleichberechtigung ein Dorn im Auge sein muss, ja, ein rotes Tuch, eine wahrhaft unerträgliche Herausforderung! Und so wird denn auch diese Bastion mit Leidenschaft berannt, mit dem Ton der sittlichen Entrüstung und des lodernden Gerechtigkeitswillens, der sich durch keine Ausreden mehr abspeisen lässt: diese Ungerechtigkeit ist nicht länger zu dulden — auf zum Endspurt gegen Vorurteile und Entrechtung der Frau! Wer eine Ahnung hat von der rasanten Durchschlagskraft weiblichen Geltungstriebs, wird darüber nicht sehr staunen. Merkwürdiger, befremdend jedoch erscheint uns das Verhalten von Theologen, soweit es zur Kenntnis der Öffentlichkeit gelangt. Statt des klaren und scharfen Nein, das zu erwarten wäre, findet man ein mehr oder weniger verlegenes Schweigen, da und dort auch ein schwankendes Entgegenkommen, ja schüchternes Sympathisieren. Dies mag freilich auf der alterprobten männlichen Taktik beruhen, bei steigender weiblicher Lautstärke sich still zu verdrücken, um im Windschutz abzuwarten, bis die Erregung wieder abflaut. Doch könnte auch ein anderes Element mitspielen.

Es gibt im Kraftnetz der Gegenwart zwei wenig beachtete, doch täglich wachsende Mächte von stiller, doch ungeheurer Wirkung. Ein amerikanischer Soziologe nannte die „Weltmacht des Neides“: ihr entspricht die Weltmacht des schlechten Gewissens, die ihm antwortet. Das schlechte Gewissen nämlich all derer, die noch irgendwie an einem Privileg teilhaben, freiwillig oder unfreiwillig. Wer noch irgendeine Form von Hoheit oder Überlegenheit zu verwalten hat, sei es an Besitz, Rang, Stellung, Bildung, Autorität, tut es meist mit Unbehagen und Verlegenheit, fast Scham: Eltern vor ihren Kindern, Weiße den Farbigen, Aristokraten der Unterschicht gegenüber — auch der Mann vor der Frau. Einst gebrauchte und genoss der Privilegierte sein Vorrecht unbedenklich und unbekümmert, fast unbewusst, missbrauchte es oft gründlich. Als sich Widerspruch und fremder Anspruch darauf erhob, pochte der Besitzer auf sein Recht, blähte sich auch wohl auf, verklausurierte, bewies und verteidigte es. Heute schämt er sich, bezweifelt es im Herzen selbst und neigt dazu, den Angreifer und Ankläger durch äußerstes Entgegenkommen, durch Komplimente, Selbstbeschuldigung und Nachgiebigkeit zu beschwichtigen. Dies gilt auch hier. Diese Haltung finden wir bald allgemein bei Priestern Laien gegenüber, und natürlich verstärkt sie sich, wo Frauen als Laien und als Frauen sich als Entrechtete und Unterdrückte, um ihr gutes Recht, um seine Wiedererstattung Kämpfende gebärden.

Dazu kommt freilich noch die täglich wachsende populäre Vorstellung, das Alter einer Institution sei schon an sich ein Einwand gegen sie — wie und weil bisher die Langlebigkeit als Vorzug gegolten hat. Heute zählt es bereits zu den unbewussten, darum besonders mächtigen Voraussetzungen, dass alte Einrichtungen nur negativ begründet sein können: in Unwissenheit, Vorurteil, Machtkampf, Unterdrückungswillen und ähnlichen Ursachen. Mit vernünftigen und wertvollen Gründen rechnet man von vornherein nicht mehr. Dies erschwert jedem, der für Tradition irgendwelcher Art eintritt, das Gespräch: denn wie einst der Neuerer, befindet sich nun der Verteidiger eines Überlieferten von vornherein im Unrecht und auf der Anklagebank.

Die Frage reicht tiefer

Doch die Frage nach den Priesterinnen reicht tiefer als der alte Kampf um Frauenrechte und als der neue Krieg zwischen Progressisten und Konservativen in der Kirche. In der Gefolgschaft jener, denen es wesentlich um weibliche „Positionen“ zu tun ist, befindet sich jedoch wahrscheinlich noch eine größere Anzahl von Frauen, die nicht für sich, sondern für die Kirche einen Vorteil und Gewinn von ihrer Weihe zu Priesterinnen erwarten. Sie kennen die große Sorge der Kirche um den priesterlichen Nachwuchs. Sie brennen vor Eifer, sich ganz zur Verfügung zu stellen — und bei Betrachtung der priesterlichen Funktionen erscheint es ihnen ganz unbegreiflich, dass und wieso sie eigentlich dazu nicht geeignet sein sollten. Denn praktisch hat die Frau ja schon längst in jeder dieser Tätigkeiten „ihren Mann gestellt“. Dies lässt sich bis ins einzelne beweisen.

Die Verkündigung als Unterricht, Theologie und Predigt ist längst kein männliches Prärogativ mehr. Die konservativsten Kreise erkennen den Beruf der Lehrerin als typisch weiblichen an, und zwar auf allen Sprossen der Wissensleiter, vom Kindergarten bis zum Katheder. Jährlich wächst die Zahl der Theologiestudentinnen, und der theologische Doktorhut ist nicht schwerer erreichbar als der anderer Fakultäten. Frauen haben sich in allen Sparten als Vortragsrednerinnen bewährt, warum sollte die Kanzel da eine Ausnahme bilden?

Kraft des allgemeinen Priestertums ist die Frau seit jeher zur Spendung der Taufe in Notfällen ermächtigt, als Hebamme und Krankenschwester übt sie das tatsächlich öfter aus als nichtgeweihte Männer. Geständnisse und Bekenntnisse intimster Art nehmen Frauen als Privatpersonen ungezählt entgegen — warum also nicht auch die offizielle Beichte? Weibliche Geschwätzigkeit ins Feld zu führen wäre lächerlich, nachdem die Frau ihre Verschwiegenheit im Arztgeheimnis wie auch im politischen Geheimdienst längst rühmlich bewiesen hat. Assistenz bei der Trauung, betonen die Theologen nachdrücklich, sei so wenig eine Sakramentsspendung wie die Assistenz bei einem Begräbnis — warum sollte eine Frau beides nicht verrichten, sogar ohne Weihe? Das allgemeine Priestertum befähigt die Frau so gut wie den Mann zum Mitopfer, also Mitvollzug der Eucharistie — warum nicht den einen Schritt weitergehen und ihr auch die Vollmacht zur Konsekration gewähren. Und was Firmung und Priesterweihe angeht — nach theologischer Lehre ist der Ordo nur einer, bloß in der Jurisdiktion gestaffelt, und wenn einmal gegen das Recht der Frau auf die Würde der Priesterin kein triftiger Einwand mehr erhoben werden kann, führt ihr Weg dann nicht logisch auch bis zur Bischofsweihe? (Man sieht bereits den Schatten einer legitimen Päpstin Johanna…)

Der Priester vertritt und verwaltet die Kirche: Frauen sind heute im Vollbesitz juristischer und volkswirtschaftlicher Kenntnisse; Frauen bewähren sich auf der ganzen Welt, selbständig und führend so gut wie ausführend und eingeordnet, in Organisationen und Körperschaften aller Art. Was wäre gerade das kirchliche Verbandswesen, was die Caritas ohne sie? Frauen sind Beamtinnen, Abgeordnete, Konsulinnen, Botschafterinnen — von Äbtissinnen und Generaloberinnen gar nicht zu reden. Wenn sie von der Dorfgemeinde bis zur Großmacht ihre Mitbürger vertreten dürfen, warum nicht auch das Gottesvolk, die Kirche?

Ja, man könnte sogar behaupten, dass Frauen zu manchen dieser Aufgaben kraft ihrer weiblichen Ausstattung sogar besser befähigt wären als mancher Mann. Die stärkere Einfühlung ins Einzelne und Persönliche, die stärkere Kontaktbereitschaft, der Sinn für das Schöne und Würdige, für das Detail, der gewiss dem Kult zugute käme – sollen alle diese herrlichen Möglichkeiten in der Kirche brachliegen, einem versteinerten Vorurteil zuliebe?

Priestertum im Geheimnis der Kirche

Viele dieser Aussagen können wir ohne weiteres annehmen. Doch sie führen uns geradewegs zum Kern der Frage:

Ist das Priestertum, das hier umstritten und angestrebt wird, eigentlich überhaupt das konkrete, dogmatisch bestimmte Weihepriestertum der katholischen Kirche und nicht vielmehr eine abstrakte, allgemeine Vorstellung, ein Wunschbild, das weit mehr der Praxis nicht-katholischer christlicher Bekenntnisse entspricht?

Das katholische Priestertum ist eine Erscheinung für sich, ableitbar nur aus dem Glauben, aus der Lehre, aus der Geschichte, aus dem wachsenden Selbstverständnis der Kirche: nicht bloß aus den religiösen Bedürfnissen der Gemeinde, schon gar nicht aus Prinzipien und Theorien über Männer und Frauenrechte, auch nicht aus der Notwendigkeit bestimmter Funktionen, die nach Belieben beliebigen Trägern zugeteilt werden können. Das Ur- und Leitbild des katholischen Priesters ist allein die lebendige Person Jesu Christi, und zwar in seinem Verhältnis zur Kirche: im Geheimnis seiner vollen und unauflöslichen Lebenseinheit mit ihr. Die alte Lehre, dass Jesus Christus wie der einzige Mittler so auch der einzige Priester des Neuen Bundes ist, umschreibt nur in anderen Worten diese eigentümliche, durch kein Gleichnis voll auszudrückende Zweifaltigkeit. „Haupt und Leib“ ist eins der Bilder, mit denen wir uns behelfen; „Ehe“ das andere: zwei in einem Fleische. Doch auch dieses ist unzulänglich, weil die Partner ja verschiedenen Ursprungs sind, die Kirche aber geht ganz und gar aus Christus hervor und existierte nicht ohne ihn. Darum trifft das von den Vätern unseres Glaubens geliebte Bild von der paradiesischen Ehe den Sachverhalt immer noch am besten: wie Eva aus Adam, zugleich seine „Frucht“ und seine Gefährtin, so entspringt die Kirche aus der Herzwunde des Gekreuzigten. Unzählige Male hat die frühe Kunst dieses Motiv gebildet. Diese Zweifaltigkeit von Haupt und Gliedern bedingt das allgemeine Priestertum. Die Kirche als das „Fleisch“ Christi, seine „erweiterte Person“, hat teil an seiner Würde und Vollmacht. Das „königliche Volk von Priestern“ ist diese sichtbare „Fülle“ und Ausfaltung Christi in Raum und Geschichte. Die jeweils lebenden Getauften und Gefirmten sind und „repräsentieren“ die Wirklichkeit Kirche, jeder in seinem persönlichen Leben, gemeinsam im Gottesdienst als Gemeinde.

Das allgemeine Priestertum kommt jedem Glied der Kirche zu, ob Mann oder Weib. Niemals galt die Weiblichkeit als Hindernis für die Eingliederung in Christus als „neues Geschöpf“. Gleichberechtigt, wenn dieses zweifelhafte Wort schon gebraucht werden soll, nimmt die Frau an allen Sakramenten teil — außer an dem einen, das gleichsam der „Reproduktion“ der Person Christi gilt und seiner pneumatischen Zeugungskraft in der Kirche. Denn auch das Haupt, das unsichtbare, hat seine sichtbare Repräsentation auf Erden bis zu seiner Wiederkunft: Er, der der Kirche einwohnt, inniger als die Seele dem Leibe, steht ihr zugleich gegenüber, machtvoll an ihr handelnd, betend, opfernd, vergebend, lehrend, leitend, neues Leben zeugend.

Dies geschieht durch den Weihepriester fortwährend am geheiligten und zu heiligenden Gottesvolk. Der Priester vertritt nicht nur die Kirche, als ihr Teil, er steht ihr auch gegenüber, ihr zuteilend, was sie ohne ihn nicht haben könnte. Man nennt den Priester häufig Stellvertreter Gottes. Das ist zumindest undeutlich: Stellvertreter Gottes sind auch der Vater, die Mutter, der König. Der Priester vertritt ausdrücklich Christus, das heißt Gott als den Menschgewordenen, und den Menschgewordenen als den Hohenpriester. „Er betet und bringt darin der Person aller (in persona omnium), doch er konsekriert in der Person Christi“, sagt Thomas. „Der Priester handelt nur deshalb an Stelle des Volkes, weil er die Person Christi vertritt, insofern dieser das Haupt der Glieder ist und sich selbst für sie opfert … Er ist mit einem unauslöschlichen Zeichen gezeichnet, das ihn gleichsam zu einem lebendigen Abbild Christi macht … .“ — so die Enzyklika Mediator Dei. Dieser „Charakter“ wird ihm durch die Weihe eingesiegelt, die „von oben“ kommt, das heißt ihm nicht „von unten“ durch Delegierung der Gemeinde zugeteilt, sondern indem der vom Ursprung der Kirche durch die Jahrhunderte herabquellende Stromlauf der apostolischen Nachfolge ihn aufnimmt, der von Bischof zu Bischof fließt und sich durch jeden Bischof durch die Handauflegung in die Priester aufzweigt. Der Priester ist so das Wirkorgan des Hohenpriesters Christus, des Hirten, Propheten, Königs und Stammvaters der Kirche.

Von daher — nur von daher! — erklärt sich die erstaunliche, uns heute so anstößig gewordene Selbstverständlichkeit, mit der bis vor kurzem die Priesterschaft schlechthin als „die Kirche“ bezeichnet und begriffen wurde, von ihr selbst, aber ebenso von den Gläubigen! Was sagt „die Kirche“ dazu? „Die Kirche“ verbietet … . „die Kirche“ befiehlt…. Hier wurde aus der Symbiose Christus-Kirche eben nur der eine Pol, aus der ganzen Gestalt nur das Haupt beachtet und betont, indes der Leib in den Schatten trat. In einer naiven, unbekümmerten und massiven Identifizierung des Priesters mit dem Haupt, das er doch nur vertreten soll, wurzeln auch letztlich die bekannten und betrüblichen Übergriffe und Übersteigerungen klerikaler Machtansprüche, deren die Geschichte voll ist — vom überlebensgroßen Gewaltregiment eines Bonifaz VIII. bis zur kleinlich- bürokratischen Tyrannei in den untersten Klerusrängen.

Heute, scheint es, leben viele unserer Priester derart im Schock und Schatten eines kollektiven schlechten Gewissens über solche Missgriffe und Entartungen ihrer Vorgänger, dass sie bereit sind, aus leidenschaftlichem Wiedergutmachungstrieb sich ins gegenteilige Extrem zu stürzen. Vor lauter Aufwertung des Laien und seines allgemeinen Priestertums wagen sie kaum mehr, ihre doch unveräußerliche, unverleugbare Würde wahrzunehmen, geschweige denn auszusagen. Viele möchten sie am liebsten wie einen zu schwer gewordenen Mantel abstreifen und willig den Laien anbieten.

So schwingt das Pendel wieder einmal ins andere Extrem hinaus. Anderseits stammte und stammt aus dem tiefen lebendigen Glauben und Wissen um die priesterliche Stellvertretung Christi auch die eigentümliche, willige, liebevolle Ehrfurcht und Erbötigkeit des katholischen Volkes vor seinen Priestern — eine Achtung und Liebe, die sehr wohl zwischen Amt und Person zu unterscheiden wusste. Sie verschwindet heute genau in dem Maß, als viele den Unterschied von Weihe- und allgemeinem Priestertum verwischen und in der Ganzheit „Christus und Kirche“ nur mehr den Faktor Volk-laos-Laie sehen und ernst nehmen wollen. (Deshalb müssen ausgerechnet Laien und Frauen heute vernünftigen, wenn auch unpopulären Widerspruch wagen, um das Gleichgewicht zu halten.)

Wem das Wort „Ehe“ hier nicht nur rhetorische Floskel ist, muss es als Bund zwischen Ungleichartigen, nicht zwischen zwei Gleichen verstehen. Aus der Verschiedenheit entsteht ihre Bezogenheit, aus der Bezogenheit ihrer Verschiedenheit ihr Lebensaustausch, das heißt Fruchtbarkeit. Hier ein abstraktes Prinzip nivellierender Gleichheit um jeden Preis durchsetzen zu wollen, bedeutet Sinnzerstörung.

Ein Sinnzusammenhang

„Aus dem Wesen der Kirche ergibt sich also das sichtbare Gegenüber von Priester und Laien. Das sakramentale Priestertum setzt notwendig ein Gegenüber voraus, einen Partner, ohne den sein Vorhandensein sinnlos wäre. Erst dadurch kann der Vorgang der pneumatischen Lebensvermittlung sichtbar in Erscheinung treten“,

so der gewiss keiner reaktionären Enge und Ängstlichkeit verdächtige Berliner Theologe Johannes Pinsk.

Im Verhältnis des Bischofs zur Diözese sieht er — nach uralter Überlieferung — die lebendige Darstellung der Hochzeit Christi mit der Kirche: der Bischof soll „die heilige Kirche als Gottesbraut unversehrt bewahren“. Des zum Zeichen wird ihm bei seiner Weihe der Ring angesteckt. Stirbt der Bischof, so heißt seine Kirche nicht verwaist, sondern verwitwet: ecclesia viduata.

Wie sollen nun eigentlich Frauen diesen Sachverhalt verkörpern? Priesterinnen im Heidentum sind durchaus sinnvoll, weil sie ja stets Göttinnen vertreten. Hier aber wird keine Göttin und auch keine vage „Gottheit“ dargestellt, sondern der in einem Menschen, dem Mann Jesus Christus inkarnierte Gott, der als solcher weiterlebende, immerdar gegenwärtige, handelnde Herr.

Und wer wagte, im Ernst zu behaupten (nicht nur als Schlachtgeschrei, wie es leider schon geschehen ist), es sei bloßer belangloser Zufall gewesen, dass Gott sich als Mann und nicht als Weib inkarnierte?
Ebenso läppisch ist die begleitende These, der Herr habe sich bei der Wahl seiner Apostel eben mit Männern begnügen müssen, weil die damaligen jüdischen Frauen noch zu „unentwickelt“ waren — wie anders, hätte er bereits uns hochstehende, gar akademisch gebildete Frauen zur Verfügung gehabt!

Paradoxerweise behaupten die Verfechterinnen dieser These gleichzeitig, die Frauen um Paulus und in der Urkirche überhaupt — die sie im gleichen Atemzug als orientalische Haremsweiber bezeichnen — hätten bereits als Diakonissen quasipriesterliche Funktionen besessen, aus denen man sie später zugunsten eines reinen Männerregimentes herausdrängte; Wiedereinsetzung der Frauen ins Weihediakonat und Fortführung desselben bis ins Priestertum wäre also nur geschuldete Wiedergutmachung einstigen Unrechts!

Tatsächlich kann man im Kirchenlexikon nachlesen, dass jene Diakonissenweihe niemals der priesterlichen gleichgesetzt wurde, so wie ja auch heute Jungfrauen- und Äbtissinnenweihe anderer und eigener Art sind. Man mag bedauern, dass die frühchristlichen „kirchlichen Stände“ der Jungfrauen und Witwen, noch in der Karfreitagsliturgie erwähnt, schon im Ausklang der Spätantike abgekommen sind — übrigens viel zu früh, als dass man die vielberufene „Frauen-Deklassierung“ durch Aristoteles via Thomas und die Scholastik dafür verantwortlich machen könnte. Aber der fast gleichzeitig mit jenem Versiegen auftretende Asketenstand, die neue Elite, im Ansehen beim Volk zeitweise den Klerus hoch überragend, stand von Anfang an und immer den Frauen offen. Die altchristliche Jungfrauenweihe gibt ein herrliches Zeugnis dafür. Man kann sogar annehmen, dass diese neue Möglichkeit allmählich oder rasch die „Postulantinnen“ jener Frühformen weiblicher Berufungen angezogen und aufgesogen hat. Niemand kann sachlich behaupten, dass damit jede weibliche Diakonie in der Kirche erloschen sei, obschon jener erste Ansatz nicht weitergeführt wurde. Er hat sich vielmehr in zahlreiche Formen zerspalten und ist auf andere Träger übergegangen, vor allem auf die weiblichen Orden und späteren Kongregationen. Bedeutung und Umfang dieses Dienstes gottgeweihter Jungfrauen in der Kirche kann überhaupt nicht überschätzt werden.

Sämtliche Werke der leiblichen und geistlichen Barmherzigkeit, Unterricht, viele Weisen der Seelsorgshilfe und Mission, auch Pflege des Gottesdienstraumes, der Paramente, der Kultgewänder, Herstellung der Hostien, wurden und werden unablässig geleistet, in erhöhtem Maß natürlich in Diaspora und Missionsgebieten. In Verfolgungs- und Notzeiten durften und dürfen Frauen häufig sogar das Allerheiligste aufbewahren und überbringen. Es ist durchaus denkbar und wünschenswert, dass Dienste solcher Art noch erweitert und entwickelt werden. Die neuen Säkularinstitute öffnen große, noch unausgeschöpfte Perspektiven. Heute gibt es auch außerhalb des Gelübdestandes eine Menge kirchlicher Hauptberufe, wie Katechetin, Religionslehrerin, Seelsorgshelferin, Missionsärztin — es hat überhaupt noch niemals so zahlreiche anerkannte Formen weiblichen Apostolates gegeben.

„Frau Kirche…

Dies alles ist praktisch schon weitgehend das Diakonat, wie es heute für Männer — selbst für verheiratete Laien — so nachdrücklich angestrebt wird. Warum sollen dann Männer dazu geweiht werden, Frauen aber nicht? „Sind wir etwa der Weihe unwürdig? Ist die Frau zu unmündig, zu minderwertig dazu?“ ist schon beleidigt gefragt worden. Aber muss denn alles auf die Ebene von Prestige und Kränkung gezogen werden? Mir scheint, dass gerade diese Gegenüberstellung der Geschlechter im tatsächlich geübten Diakonat ein schönes Beispiel für die Unterscheidung ergibt:

Die Frau vertritt die Kirche als Leib, wenn sie diakonisch handelt. Sie wirkt dann aus der Kraft des allgemeinen Priestertums, aus der Weihe durch Taufe und Firmung — es bedarf hier keiner anderen. Der Mann jedoch, der nicht nur diese Tätigkeiten „an sich“ verrichten möchte, sondern dies als „Hand“, als „Organ“ des Bischofs, wie das Diakonat, das Weihediakonat, heute theologisch geschildert wird, der also im Bereich dieser Dienste den Bischof vertritt, soll dazu wirklich in das Kraftnetz der Stellvertretung des Hauptes Christus hineingehoben werden: eben durch die Weihe.

Mit Ergriffenheit las ich einmal, dass in einer kleinen Diasporagemeinde die Leute der jungen Arbeiterin, die — unbestellt — die beschriebenen Dienste zu leisten pflegte, den liebevollen Spitznamen „Frau Kirche“ gaben: eine durchaus richtige Intuition. Nie wäre ihnen eingefallen, ihren Pfarrer, nicht einmal ihren Bischof „Herr Kirche“ zu nennen. Darüber hinaus ist — von der männlichen Theologie her— immer und überall die Frau als Symbol der Kirche anerkannt worden: in jeder Mutter, jeder getreuen und fruchtbaren Ehefrau, in der Braut, in der Jungfrau. Auch dies ist echte „Repräsentation“, durch das Sein, als „Erscheinung“, nicht nur durch bestimmte Funktionen.

Angesichts dieses unermesslich reichen und längst noch nicht ausgeschöpften Angebotes an weiblichen Wirkungsweisen in der Kirche bleibt es unerfindlich, warum einige Frauen, die sich für besonders religiös begabt und begeistert halten, dieses Riesenfeld insgesamt verschmähen, um sich auf die spezifische männliche Form des Amtes zu kaprizieren und aus dem Verzicht daraus eine Tragödie zu machen. Ich habe noch nie bemerkt oder gehört, dass Männer etwa ihren „Ausschluss“ aus der Mutterschaft verwandten Erlebnissen und „Leistungen als Beleidigung und Entrechtung behandeln und eine Verschwörung der Weiber dahinter wittern.

Nur ein sehr tiefer Minderwertigkeitskomplex macht aus allem ein Vorrangsproblem, kann solche Überkompensierungstendenzen entwickeln und so unversöhnlich und unersättlich auf unerfüllbaren Ansprüchen beharren. Solche Haltung erinnert peinlich an das Märchen vom Fischer und seiner Frau.

Und noch Gründe praktischer Art

Dabei haben wir noch mit keinem Wort die sekundären, doch nicht minder gewichtigen Einwände gegen weibliches Priestertum gestreift. Denn nicht nur Gründe theologischer und dogmatischer Art, sondern solche aus der menschlichen Natur, lassen den Mann auch für die Praxis dieses Amtes geeigneter erscheinen. Selbst die Verfechterinnen der Priesterin können kaum fordern, dass nur Mannweiber oder Neutren hier zugelassen werden. Die „weibliche“ Frau würde gerade ihre besonderen und wertvollen Begabungen, die sie anderswo segensreich und unentbehrlich entfalten kann, hier eher als Handikap denn als Förderung erfahren, und ihre typischen Schwächen als haushohe Hindernisse.

Die männliche Kraft der Abstraktion, mag sie auch häufig als Kühle und sogar Armut erscheinen, ergibt unstreitig eine bessere, unentbehrliche Ausrüstung zur Seelsorge. Der Priester soll allen alles sein, und das nicht als Privatperson, sondern an Stelle Christi. Er steht wie kein anderer Beruf im ständigen Ansturm der Begegnungen und soll sich ihnen stellen. Er muss von der eigenen Privatsphäre wie von der fremden absehen können, er muss eine unabdingbare Distanz und Zurückhaltung üben, eine „Unpersönlichkeit“ bis zur Anonymität, die auch die Anonymität zum Beispiel des Pönitenten respektiert.

Diese Selbstverhüllung mit echter Güte und Teilnahme zu verbinden ist ja gerade die hohe Kunst priesterlicher Zuwendung. Die Frau mit ihrem Drang, alles „persönlich zu nehmen“, auf sich zu beziehen, den andern in ihr Gefühlsleben hereinzuholen, ihn für sich zu interessieren, ins Detail und ins Intime zu gehen, ihn durch Affekte zu beeinflussen, ihn festzuhalten — sie wäre hier schwer überfordert. Auch ihre weitaus größere Ausgeliefertheit an ihre körperliche und psychische Natur mit ihren Rhythmen und Schwankungen, die sie in jeder Hinsicht leichter und tiefer verwundbar macht, die starke Abhängigkeit im Denken und Urteil von privaten Bindungen, die zentrale Rolle und Macht des Erotischen aller Grade und Stufen in ihrem Leben, ihr Drang sich zu zeigen, sich mitzuteilen, wären hier zumindest fehl am Platze.
Allein schon die unbewusste und ungewollte Ausstrahlung der Weiblichkeit ist ein Phänomen, das sich dem Willen und der Kontrolle der Trägerin ebenso entzieht wie die männlichen Reaktionen, die sie auslöst. Die enorme Kollektivdisziplin der Klöster und der tabugeladene Schutz ihrer Tracht fielen hier ja weg, ebenso wie die „Tarnkappe“ der Säkularinstitute. Der Priester ist immer „exponiert“ und immer „öffentliche Figur“, die Priesterin wäre es erst recht. Jeder weiß um die Probleme, die sich aus dem Gegenüber von Priester und Frauen ergeben. Die Konstellation Priesterin — Männer würde die Variationsbreite möglicher Konflikte vervielfältigen. Wer nur etwas Erfahrung, nüchterne Menschenkenntnis, Phantasie und, nicht zu vergessen, Humor besitzt, könnte, ohne den Punkt auf jedes i zu setzen, wohl abschätzen, wieviel peinliche, groteske, heikle, komische und vollends unerträgliche Situationen sich zwangsläufig ergeben müssten.

Auch diese Gesichtspunkte — hier nur angedeutet — wären in einer redlichen Durcharbeit dieser Frage zu berücksichtigen. Auch abgesehen von der theologischen Basis, sehe ich keinen einzigen sachlichen Grund, um der Geltungssucht einer Handvoll Frauen willen die Glaubenserfahrung und die Vernunft von Jahrtausenden zu missachten. Unser Auftrag und unsere Chancen als Frauen im Gottesvolk und für das Gottesreich sind so reich, so vielfältig, so notwendig und unentbehrlich, dass wir es wirklich nicht nötig haben, die einzige verschlossene Tür zu bestürmen.


Quelle:
Der christliche Sonntag, 17. Jahrgang 1965, Nr. 25; Ausgabe vom 20. Juni 1965; S. 197-199


Ida Friederike Görres,

geborene Friederike Maria Anna Reichsgräfin Coudenhove-Kalergi, (1901-1971) war Schriftstellerin und katholische Intellektuelle. Nach einer Ausbildung als Sozialarbeiterin engagierte sich in der katholischen Jugendbewegung, vor allem im von Romano Guardini geprägten Quickborn-Arbeitskreis und wurde dort Bundesführerin. Im Ordinariat des Bistums Dresden-Meißen arbeitete sie später an führender Stelle in der Jugend- und Frauenarbeit. Ihr „Brief über die Kirche“ (1946) brachte ihr eine Rüge aus der Römischen Kurie und ein Redeverbot in einigen Diözesen ein. Nach Jahren schriftstellerischer Tätigkeit wurde sie 1969 in die Würzburger Synode berufen. Die Gedenkrede ihres Requiems hielt Joseph Ratzinger.


Bildquelle: Archiv; bearbeitet von Peter Esser

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