Zarte Zeichen der Hoffnung aus Deutschland nach Rom und wieder zurück. Anlässlich der Rom-Wallfahrt der Pilger des Neuen Anfangs fand am 5.1.2026 die Vorstellung der INSA-Studie über den christlichen Glauben in Deutschland statt. Thomas Philipp Reiter, Publizist und Podcaster, hat den Abend mit Podiumsdiskussion für uns zusammengefasst. Das ermutigende Ergebnis gibt Anlass zu Zuversicht und eröffnet Möglichkeiten für die Initiative „Neuer Anfang“. 

Ein römischer Abend zwischen Zahlen und Hoffnung

Rom, Palazzo Cesi, 6. Januar 2026 – Nur wenige Schritte vom Petersplatz entfernt, in den ehrwürdigen Räumen des Hotels Palazzo Cesi, fand gestern Abend eine Veranstaltung statt, die in ihrer Mischung aus nüchterner Analyse und vorsichtigem Optimismus symptomatisch für die gegenwärtige Situation der Kirche in Deutschland sein könnte. Hermann Binkert, Geschäftsführer des Erfurter Meinungsforschungsinstituts INSA Consulere, präsentierte die Studie „Christlicher Glaube in Deutschland“, und was folgte, war mehr als die übliche Zahlenpräsentation – für die anwesenden Pilger der Hoffnung der Initiative Neuer Anfang entfaltete sich ein Abend der Hoffnung.

Die Zahlen: Ernüchternd und erhellend zugleich

Die INSA-Studie, vom 5. bis 8. September 2025 mit über 2.000 Befragten durchgeführt, zeichnet ein differenziertes Bild des christlichen Glaubens in Deutschland. Die zentralen Erkenntnisse sind zugleich ernüchternd und erhellend: 42 Prozent der Deutschen glauben (eher) an Gott, während 45 Prozent ihn verneinen. Ein fast ausgeglichenes Verhältnis, das die tiefe religiöse Ambivalenz der Gesellschaft widerspiegelt.

Besonders aufschlussreich ist der Blick auf das, was Menschen unter „Christentum“ verstehen. Mit 28 Prozent steht „Gottes- und Nächstenliebe“ an erster Stelle – eine ethische Dimension, die offenbar auch vielen Nichtgläubigen zugänglich bleibt. Die „Orientierung an den Zehn Geboten“ folgt mit immerhin 24 Prozent, während der „Glaube an die Dreieinigkeit“ mit 22 Prozent auf dem dritten Platz landet. Das Christentum wird also primär als Liebesreligion wahrgenommen, erst danach als Offenbarungsreligion.

Auffällig ist die Diskrepanz zwischen Gottesglauben und christlicher Identität: 44 Prozent würden sich als Christen bezeichnen – eine Zahl, die nahezu identisch mit der Zahl der Gottesgläubigen ist. Doch unter jenen, die sich als Christen bezeichnen, glauben lediglich 40 Prozent, dass man ihnen ihr Christsein anmerkt. Eine erschreckende Unsichtbarkeit des Glaubens im Alltag.

Generationen im Glauben: Die Jungen überraschen

Eine der bemerkenswertesten Erkenntnisse der INSA-Studie betrifft die Altersverteilung. Während die 50- bis 59-Jährigen mit nur 33 Prozent Gottesgläubigen die skeptischste Generation darstellen, zeigt sich bei den 18- bis 29-Jährigen mit 53 Prozent eine deutlich höhere Glaubensbereitschaft. Diese Zahlen widerlegen das Narrativ vom linearen Glaubensverlust und deuten auf eine mögliche Trendwende hin – sofern die Kirche diese junge Generation erreicht und ernst nimmt. Damit würde Deutschland Entwicklungen aus Nachbarländern wie Frankreich und Belgien nachvollziehen. In Frankreich ist der Rückgang der Kirchenaustritte gestoppt, junge Menschen entdecken die Schönheit der Liturgie und die Tiefe der kirchlichen Tradition neu. In Belgien können ähnliche Entwicklungen beobachtet werden: wo Gemeinden mutig neue Wege gehen, wo sie den Glauben nicht allein als moralisches System, sondern als Lebensbeziehung vermitteln, dort geschieht Aufbruch.

Dies bestätigte auch Franziska Harter, neue Chefredakteurin der katholischen Wochenzeitung „Die Tagespost“, die zuvor als Korrespondentin der Zeitung in Paris gearbeitet hat. „Die Tagespost“ ist Mitveranstalterin der Pilgerfahrt des „Neuen Anfang“.

Der Ost-West-Unterschied bleibt freilich dramatisch: Während im Westen 45 Prozent an Gott glauben, sind es im Osten (inklusive Berlin) nur 27 Prozent. Doch auch hier gibt es Nuancen: Die Frage nach der christlichen Identität zeigt ähnliche Muster, mit 49 Prozent im Westen und 22 Prozent im Osten.

Lebendiger Glaube: Das Beispiel Fulda

Nach Binkerts Präsentation trug Christian Hümpfner, der 27-jährige Mitautor von „Gemeinsam lebendig bleiben„, die Studie „Wie lebendig ist unsere Kirche“ am Beispiel des Bistums Fulda vor. Seine Analyse zeigte konkret, wie sich die abstrakten Zahlen im kirchlichen Alltag manifestieren – und wo Ansatzpunkte für Erneuerung liegen.

Hümpfners Beitrag verdeutlichte: Die Krise der Kirche ist nicht primär eine Strukturkrise, sondern vielmehr eine Glaubenskrise. Wo der Glaube lebendig ist, wo Menschen tatsächlich Begegnung mit Christus erfahren, dort wächst auch die Kirche. Die Frage ist nicht, ob wir kleinere oder größere Pfarreien brauchen, sondern ob wir überhaupt noch an die Kraft des Evangeliums glauben. Die an seinem Vortrag entbrannte Diskussion um das Für und Wider der Kirchensteuer ließ allerdings keine eindeutige Schlussfolgerung zu.

Die Podiumsdiskussion: Zeichen der Hoffnung

In der anschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von Martin Rothweiler, Geschäftsführer und Programmdirektor der deutschen Niederlassung von EWTN, entwickelte sich ein Gespräch, das von vorsichtigem Optimismus getragen war. Neben Binkert und Hümpfner diskutierten Franziska Harter, Stephan Georg Raabe, Leiter des Auslandsbüros Bosnien und Herzegowina der Konrad-Adenauer-Stiftung in Sarajevo, sowie Professor Riccardo Wagner, Professor für nachhaltiges Management und Kommunikation an der Hochschule Fresenius in Köln, über die gewonnenen Erkenntnisse, gespickt mit ganz persönlichen Glaubenszeugnissen.

Der Tenor des Abends: Die Initiative „Neuer Anfang“ könnte tatsächlich eine Trendwende begleiten, wie sie sich in Frankreich und Belgien bereits sanft abzeichnet. Entsprechend war die Atmosphäre im Palazzo Cesi geprägt von diesem Optimismus – nicht naiv oder realitätsfern, sondern nüchtern und gleichzeitig hoffnungsvoll. Zeigt doch die vorgestellte Studie die Probleme auf, aber auch die Potenziale. Sie dokumentiert den Rückgang, aber auch die Sehnsucht. Sie bildet die Krise ab, aber auch die Chance.

Was bedeutet das für den „Neuen Anfang“?

Für die Initiative „Neuer Anfang“ ergeben sich aus der Studie klare Impulse. Erstens: Der Glaube muss wieder sichtbar werden. Wenn 40 Prozent der Christen nicht glauben, dass man ihnen ihr Christsein anmerkt, dann brauchen wir eine neue Kultur des Bekenntnisses – nicht laut und aufdringlich, aber klar und freimütig.

Zweitens: Die junge Generation ist offener als erwartet. Hier liegt eine Chance, die wir nicht verspielen dürfen. Junge Menschen suchen nach Sinn, nach Gemeinschaft, nach Transzendenz. Kirche muss wieder lernen, diese Sehnsucht ernst zu nehmen und nicht mit pastoralen Programmen, sondern mit der Person Jesu Christi zu beantworten.

Drittens: Tradition und Wort müssen Hand in Hand gehen. Die Studie zeigt, dass 55 Prozent der Christen „Heilige Schrift und Tradition“ als gemeinsam verbindlich ansehen, während nur 21 Prozent sich auf „Schrift allein“ berufen. Das katholische Prinzip findet also auch unter Protestanten und Freikirchen Zustimmung und sogar 17 Prozent der Muslime in Deutschland können sich theoretisch vorstellen, christlich zu leben.

Räume für die Begegnung mit Christus schaffen

Die INSA-Studie gibt Zahlen an die Hand – aber Zahlen allein erneuern keine Kirche. Was erneuert, ist die Begegnung mit dem lebendigen Christus. Die Initiative „Neuer Anfang“ kann diese Begegnung nicht erzwingen, aber sie kann Räume schaffen, in denen sie möglich wird. Die Studie zeigt: Die Menschen sind nicht so gottlos, wie wir manchmal denken. Sie suchen. Sie fragen. Sie hoffen. Die Frage ist, ob wir als Kirche bereit sind, ihnen zu antworten – nicht mit Strukturdebatten und Machtkämpfen, sondern mit dem Evangelium.

Der Abend in Rom war ein ermutigendes Zeichen. Ein Zeichen, dass die Kirche in Deutschland nicht nur verwaltet werden darf, sondern dass die Menschen in und neben ihr auf Erneuerung hoffen. Ein Zeichen dafür, dass der „Neue Anfang“ mehr sein kann als ein frommer Wunsch – nämlich eine konkrete Möglichkeit.



Thomas Philipp Reiter
beschäftigt sich wissenschaftlich mit Theologie und berichtet aus Brüssel regelmäßig für Medien in ganz Europa und den USA. 2024 begleitete er Papst Franziskus auf seiner Apostolischen Reise durch Luxemburg und Belgien, was er in seinem Buch „Erinnerung – Papst Franziskus in Luxemburg“ (erschienen auf Deutsch und Französisch 2025 beim Kunstverlag Fink in Lindenberg/Allgäu) dokumentierte. Seine jeden Freitag erscheinende Sendung „Glaubst du das wirklich?“ zählt zu den meistgehörten Religionspodcasts. Für den Förderverein Niklaus von Flüe und Dorothee Wyss produziert er den Podcast „Bruder Klaus – Der Podcast“, der regelmäßig zu den Top-Ten-Religionspodcasts der Schweiz zählt. Inspiriert vom heiligen Vinzenz Pallotti trat er 2024 der Vereinigung des katholischen Apostolats (UAC) bei, in deren deutschem Koordinationsrat er Präsidiumsmitglied ist.

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