Der nicht allzu weite Blick des Saarländers über die Grenze nach Frankreich offenbart Erstaunliches. Erleben wir derzeit ein renouveau des französischen Katholizismus? Ist die „älteste Tochter der Kirche“ womöglich quicklebendiger, als man lange annahm? Tatsächlich gibt es Zahlen und Beobachtungen, die diesen Eindruck zumindest plausibel erscheinen lassen. Ein Beitrag von Pascal Rambaud.

Priester aus “Leidenschaft”

Im Jahr 2024 wurden in Frankreich 105 Priester geweiht, in Deutschland 29. In den französischen Priesterseminaren befinden sich derzeit rund 680 Seminaristen, in Deutschland dürfte die Zahl – selbst bei großzügiger Rechnung – bei der Hälfte liegen. Bemerkenswert ist dies auch deshalb, weil Priester in Frankreich in der Regel nur ein bescheidenes Einkommen haben und meist nicht auf eine ausgebaute hauptamtliche Infrastruktur zurückgreifen können. Der Priesterberuf verspricht dort weder materielle Sicherheit noch institutionellen Komfort.

Die Kirche ist JUNG

Auch die religiöse Praxis vermittelt ein ungewohntes Bild. Wer Gottesdienste in Paris oder in der lothringischen Provinz besucht, trifft auffallend viele junge Familien mit Kindern. Die Liturgie wird konzentriert und sichtbar ernsthaft mitvollzogen; wo Kniebänke fehlen, wird auf dem Boden gekniet, die Mundkommunion ist verbreitet. Zehntausende junge Soldatinnen und Soldaten nehmen jährlich an der Soldatenwallfahrt nach Lourdes teil, Hunderte empfangen dort die Taufe. Gleichzeitig bleibt das Christentum tief im kulturellen Gedächtnis verankert: Für fast 90 Prozent der Franzosen ist Weihnachten ein zentraler kultureller Moment, Krippe und Weihnachtsbaum gelten für zwei Drittel als spirituelles Erbe, und eine überwältigende Mehrheit wünscht sich, dass Weihnachten, Ostern und Himmelfahrt weiterhin sichtbar christliche Feiertage bleiben – keine „Jahresendfeiern“, keine „Happy Holidays“.

Christsein als Entscheidung

Und doch wäre es falsch, daraus eine Rückkehr zur Volkskirche abzuleiten. Die religiöse Praxis bleibt Sache einer Minderheit: Nur etwa 13 Prozent der Katholiken planen einen Messbesuch an Weihnachten, weitere zehn Prozent ziehen ihn zumindest in Betracht. Die oft zitierte Formel „Ich bin katholisch, aber ich praktiziere nicht“ beschreibt diese Spannung treffend.
Gerade hierin liegt jedoch der Schlüssel zum Verständnis der aktuellen Entwicklung. Frankreich erlebt keine kirchliche Normalisierung oder eine Rückkehr zur Volkskirche, sondern eine bewusste Konversionsbewegung. Viele der neuen Gläubigen stammen aus religionsfernen Milieus. Christlich zu sein ist für sie keine Tradition, sondern eine Entscheidung – oft gegen den Strom. Das Christentum erscheint als Gegenkultur zu Beschleunigung, Selbstoptimierung und moralischer Erregung. Ein Priester aus Toulouse brachte es kürzlich auf den Punkt:

„Wir wissen selbst nicht genau, was da gerade passiert.“

Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch der unterschiedliche Umgang mit kirchlicher Reform. Während in Deutschland der Synodale Weg stark strukturell, politisch und institutionell geführt wird, versteht man Synodalität in Frankreich eher als geistlichen Stil denn als Reforminstrument. Nicht Beschlüsse stehen im Vordergrund, sondern Haltungen: Hören, Unterscheiden, Glauben aneignen. Der französische Weg: eine leise Anfrage an den deutschen Weg, ob geistliche Erneuerung und Missionierung nicht vor struktureller Reform stehen müssen.


Pascal Rambaud,
Dipl.-Theologe , hat in Trier, Paris und Luxemburg Theologie und Pädagogik studiert. Er arbeitet als Sekundarschullehrer in Luxemburg. 


Beitragsbild: Imago/Imagebroker

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