Vor Kant? Nach Kant? Die Vermessung des Globus intellectualis

In welche Richtung bewegen wir uns bei der Vermessung der menschlichen Vernunft? Das fragen sich auch heute noch junge Theologen, wie Helmut Müller kürzlich feststellen musste. Mit dem Vorwurf „das ist ja vorkantisch“ werden immer noch missliebige Meinungsgegner aus einem ernsthaften Diskurs ausgegrenzt. Philosophen sind da schon seit mindestens 30 Jahren entspannter unterwegs, wenn man dem Spaßvogel unter den Philosophen, Odo Marquard, glauben darf: „Kritische Philosophie“ dürfe nur noch „streng nach dem Königsberger Reinheitsgebot von 1781 gebraut werden“, meinte er einmal zum Jahr der Abfassung der Kritik der reinen Vernunft (KrV).

Kontrollierte Erfahrung – der Maßstab – die newtonsche Physik

Bei der Vermessung des Globus intellectualis wird jedenfalls immer noch sehr gern auf Kant als Geographen der menschlichen Vernunft zurückgegriffen. Kants Zentralwerk ist natürlich die KrV von 1781. Die newtonsche Physik ist für ihn das Grundmodell von Wissenschaft schlechthin. Hieran nimmt er bei seiner Vermessung Maß, und eine zukünftige Metaphysik soll offensichtlich auch hieran Maß nehmen. D. h. kontrollierte Erfahrung, wie sie die modernen Naturwissenschaften auf den Begriff bringen, ist der harte Kern wissenschaftlicher Vernunft. Diese Weise von Erfahrung ist denn auch Gegenstand der theoretischen Vernunft in seiner KrV. Weil darüber hinaus Wirklichkeit nicht erschöpft ist, aber mit theoretischer Vernunft nur unzulänglich auf den Begriff gebracht werden kann, wird nach Maßgabe der theoretischen Vernunft auch ein Kriterium für einen weiteren Bereich der Wirklichkeit gesucht, für Kant das moralische Handeln des Menschen.

Sittliches Handeln aus Pflicht – der kategorische Imperativ

Dieser Bereich der Wirklichkeit wird Gegenstand der praktischen Vernunft (KpV) von 1787. Für Kant darüber hinaus die einzige Möglichkeit, auch so etwas wie eine Metaphysik neu zu begründen. Jetzt transferiert er seinen Maßstab aus dem Bereich der Erfahrung dessen – was ist – und verlegt ihn dahin – was sein soll – und formuliert so seinen kategorischen Imperativ:Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Nach der Kontrolle der Erfahrung und einem letztlichen Handeln aus Pflicht, bemerkt er, dass sich immer noch ein Bereich der Wirklichkeit nicht nach seinen Vorstellungen vermessen lässt und sich seinem nach einem System strebenden Denken entzieht. Das ist die Natur in ihren Anmutungsvalenzen und ihrer Zielstrebigkeit. Beides kann nicht unter kontrollierte Erfahrung subsummiert und in pflichtgemäßem Handeln erzwungen werden und damit auch nicht Gegenstand der praktischen Vernunft sein.

Was bleibt? Anmutung und Staunen

Kant reserviert für diesen Teil der Wirklichkeit eine weitere „Vernunft“ – die Urteilskraft. Im System Kants bildet die KrV das Fundament und ist Erkenntnis im stringentesten Sinne. KpV und die Kritik der Urteilskraft (KU) von 1790 sind „weichere Formen“ von seinen Vermessungen des Globus intellectualis. Mit einer weiteren Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft von 1793/94 will er weiterhin schwer Messbares in seinem Globus intellectualis systemisch unterbringen.

Doch 1798 bricht es regelrecht aus ihm heraus: Sechs Jahre vor seinem Tod klagt er in einem Brief an einen guten Freund über einen „tantalischen Schmertz(Originaldiktion), in dem er bedauert, das „Ganze der Philosophie“ in den drei Kritiken und darüber hinaus nicht zum Abschluss gebracht zu haben. In seinem nachgelassenen Werk, dem opus postumum, skizziert er dann wenigstens – wenn er noch die Kräfte gehabt hätte – doch noch eine Systematik: Die KU würde dann am Anfang stehen und die KrV am Ende.

Die palliative Behandlung seines “tantalischen Schmertzes”.

Seine Idee im opus postumum ist nun die: Die „weicheren Formen“ ins Zentrum zu stellen und die KrV nur für einen Sektor menschlicher Wirklichkeit gelten zu lassen, nämlich den Bereich der Naturwissenschaften. Die Zugangsweise des kritischen Kant ist nämlich klassisch mechanistisch. Lebensvorgänge geraten unter das Seziermesser kontrollierter Erfahrung. Das hat schon Goethe kritisiert: „In den Experimenten spannt der Mensch die Natur auf die Folter und wer garantiert, daß die so erpresste sagt, was sie wirklich ist.“ Damit mahnt Goethe einen Verzicht hoher Stringenz der Erkenntnis an. Die Gegenstände der Erkenntnis werden es dem Erkennenden danken!

Die Leistung Kants läge also dann nur noch darin, statt einer Erkenntnistheorie eine überaus fruchtbare Wissenschaftstheorie für die aufkommenden Naturwissenschaften der Nachwelt geschenkt zu haben. Phänomenologie und Hermeneutik gehören dann zur Wirkungsgeschichte der „weicheren Formen.“ Dennoch sind auch Phänomenologie und Hermeneutik im Wesentlichen subjektivistische Ansätze. Die zeigen, dass die neuzeitliche Wende zum Subjekt nicht unumkehrbar gedacht werden muss. Mit Kant als dem Geographen der menschlichen Vernunft und seiner Vermessung des Globus intellectualis kann man offensichtlich auch noch mit Denken vor Kant kritische Philosophie betreiben, die das Reinheitsgebot von 1781 entspannt in kritische Erkenntnis einspannt. Ein Weg, der in der KrV mit dem Abschreiten der Wirklichkeit in der Enge spanischer Stiefel, einem Folterwerkzeug aus dem Mittelalter begonnen hat, endet quasi in den Hausschuhen des Opus postumum.


Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor, a. D., am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag.  Helmut Müller ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.


Beitragsbild: Alamy

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