Wer den Abgrund begreifen will, in den die deutschen Bischöfe uns vor allem in Forum 4 des Synodalen Weges führen, muss Nancy R. Pearcey lesen, empfiehlt Martin Brüske in der Rezension ihres Buch „Liebe Deinen Körper. Sexualität, Gender und Ethik aus Sicht von Medien, Politik und Bibel“.

 

„Nützliche Idioten“ – die Formel stammt, glaube ich, von Lenin – sind naive Menschen, deren Gutwilligkeit sich zum Transmissionsriemen für die Durchsetzung einer Ideologie gebrauchen lässt. In genau (und hoffentlich nur) diesem Sinne sind ein guter Teil der deutschen Bischöfe „nützliche Idioten“ – und vermutlich mit ihnen kein ganz kleiner Teil der Synodalen des Synodalen Weges.

Das sei ganz ausdrücklich zu ihrer Ehrenrettung gesagt: Wüssten sie was sie täten, dann wären sie nicht „nützliche Idioten“, sondern ihre Intention wäre verbrecherisch. Denn dann wären sie nicht nur ihr gutwillig-naiver Transmissionsriemen, sondern aktive Propagandisten einer zutiefst menschenfeindlichen und am Ende des Tages lebensvernichtenden Ideologie. Sie hätten sich zu aktiven Trägern der Kultur des Todes gemacht.

Ein „Must read“-Buch

Wer begreifen will, worin diese Ideologie besteht, wie sie als Weltanschauung wirkt, der sollte ein Buch lesen, das diese Zusammenhänge brilliant, kenntnisreich, mit einem ungeheuer weiten Horizont, überdies anschaulich und gut lesbar auf den Punkt bringt. Für den, der hier verstehen will, ist dieses Buch ein „Must read“: Nancy R. Pearcey, Liebe Deinen Körper. Sexualität, Gender und Ethik aus Sicht von Medien, Politik und Bibel, flüssig lesbar und sachlich genau übersetzt von Christian Beese.

Nancy R. Pearcey darf man wohl als eine der führenden evangelikalen Intellektuellen im angelsächsischen Raum bezeichnen. Dazu hat sie etwa der „Economist“ gekürt: „Amerikas führende evangelikale, protestantische, weibliche Intellektuelle.“ Entgegen der bei uns immer noch vorherrschenden und von gewissen Kreisen absichtsvoll gepflegten Klischees vom evangelikalen Amerika bedeutet das eine ungeheure Weite des Horizonts, der eine ebenso breite und detaillierte Kenntnis der Ideengeschichte von Plato bis zur Gegenwart ebenso einschliesst wie eine Fähigkeit, sich in den gesellschaftlich-politisch-ethischen Diskursen dieser Gegenwart virtuos, souverän und mit grösster Sicherheit zu bewegen.

Wir werden sehen: Die Leistung des Buches besteht gerade darin, die Tiefengrammatik und -semantik dieser Diskurse in ihrer übergreifenden Struktur quer über sonst getrennte Bereiche von Bioethik bis zur Transgenderdebatte und aus dem Raum der Ideengeschichte heraus deutlich zu machen.

Schöpfungstheologisch fundiertes Naturrecht

Für die katholische Leserschaft sei angemerkt: Irritationen sind marginal – Nebenkrater in Seitentälern von Nebenkriegsschauplätzen. (Den Umgang mit Begriff und Begriffsgeschichte von „Askese“ hätte man sich differenzierter gewünscht. Sachlich ist auch hier kaum ein Unterschied.) Viel wichtiger sind die schlechterdings grundlegenden Konsense. Letztlich vertritt Pearcey ein auf intelligente Weise schöpfungstheologisch fundiertes Naturrecht.

Und sie zitiert – immer zustimmend – an wirklich nicht wenigen Stellen Papst Johannes Paul II. Namentlich die „Theologie des Leibes“, „Evangelium vitae“ und „Veritatis splendor“, darüber hinaus Interpreten der „Theologie des Leibes“ und überhaupt der Anthropologie des hl. Papstes. Man kann festhalten: Zwischen der „Theologie des Leibes“ und der positiven Grundkonzeption des Buches besteht praktisch völlige Übereinstimmung.

Grundmuster der Trennung von Leib und Person

Die spezifische Leistung des Buches besteht nun darin, das ideologisch-weltanschauliche Grundmuster herauszuarbeiten, das den ethischen Debatten der Gegenwart von Abtreibung, über Sterbehilfe, Sexualethik, Homosexualität, bis zur Transgenderfrage zugrunde liegt. Dieses tatsächlich überall anzutreffende Grundmuster besteht – mit einem Wort – in der Trennung von Leib und Person. Damit aber in der Loslösung der Person aus dem Zusammenhang einer als sinnvoll, weil innerlich zielgerichtet („teleologisch“) verstandenen Natur.

Das ist nun nicht etwa eine Konstruktion Pearceys. Pearcey muss eine nahezu enzyklopädische Leserin sein: Sie belegt ihre These mit einer erdrückenden Fülle von Material durch alle Schichten des Diskurses – in der Gegenwart vom Zeitungsartikel bis zur hohen Philosophie, in der Genese von Descartes bis Darwin. Der cartesische Dualismus von „Ausgedehntem“ (res extensa) und „Bewusstsein“ (res cogitans), dem ein „genuiner Begriff des Lebens“ (Thomas Fuchs) fehlt, ist ein Schlüsselpunkt, ebenso wie die metaphysische Überhöhung des Darwinismus, die die lebendige Natur der Sinnlosigkeit überlässt. Erinnern wir uns überdies, dass die Trennung von Person und Natur auf dem Synodalen Weg als Errungenschaft gefeiert wurde. Dies wäre ein weiterer Beleg für ihre These.

Welcher Mensch ist auch „Person“?

Pearcey macht weiter deutlich, dass die Trennungsthese – mit der immer wieder zugrundeliegenden grammatischen Tiefenregel der Zuordnung der Wirklichkeit zu zwei Stockwerken: Tatsachen und Werte, Biologie und gefühlte Identität, biologische Spezies und Person usw. verbunden – alles andere als evident ist, sie sich nicht auf die Naturwissenschaften berufen kann (im Gegenteil!) und letztlich metaphysischen Charakter hat. Sie muss – im problematischen Sinn – geglaubt werden. Denn an ihrer Begründbarkeit bestehen die grössten Zweifel.

Man kann dies etwa sehr klar an der Abtreibungsdebatte studieren. Als die Fraktion der Befürworter die biologisch unhaltbar gewordene „Zellhaufenargumentation“ – die frühen Stadien der Embryonal- und Foetalentwicklung seien noch nicht spezifisch menschlich – aufgeben musste, schaltete sie auf die „Personschaftstheorie“ um. Zwar seien auch die frühen Stadien menschlich, aber nicht jeder Mensch sei Person. Und nur Personen seien Träger von Rechten.

Das Problem ist nur: Welcher Mensch ist dann Person? Bei der Beantwortung dieser Frage gibt es keinerlei konsensfähige Kriterien. Sie reichen vom Beginn der Tätigkeit des Zentralnervensystems bis zur Fraglichkeit des Status dreijähriger Kinder. Salopp gesagt: 13 Bioethiker – 17 Kriterien (und das ist nicht einmal eine Karikatur). Mithin: In den Kriterien spiegelt sich weder Wissenschaft noch Vernunft, sondern nur private Präferenzen und Willkür.

Fatale Folgen der Spaltung von Person und Leib

Wie Pearcey zeigt: Diese grundlegende Trennung von Person und Leib zieht sich in Varianten durch alle Bereiche von der Abtreibung über die Sexualethik bis zur Genderdebatte. Sie hat drei fatale Folgen:

  1. Auf der Ebene des guten Lebens, seines Gelingens, seines Glückens, überlässt sie den Menschen der Fragmentierung. Das ist zutiefst inhuman. Sie weist keine Wege zu heilender Integration, sondern überlässt den fragmentierten und verletzten Mensch sich selbst.
  2. Sie unterminiert die Grundlagen der Menschenrechte. Die Entnaturalisierung der Person hat eine direkte Folge. Nicht mehr die Zugehörigkeit zur Menschenfamilie entscheidet über den Rechtsstatus, sondern willkürlich definierte Kriterien.
  3. Dies öffnet der willkürlichen Neudefinition menschenrechtlicher Ansprüche Tür und Tor. Das was Menschenrechte im Kern waren – Schutz gegen staatliche Willkür – löst sich auf. Die Gruppe, die am rücksichtslosesten agiert, hat die grössten Durchsetzungschancen.

Abgrund statt Verheißung

In aller Klarheit: Jeder der Pearcey studiert hat, wird die grundlegende anthropologische Weichenstellung – die Auflösung des Zusammenhangs von Person, Leib und Natur – in den Texten von Forum 4 wiederfinden. Was dort als Verheissung einer Emanzipation von einer vorgeblich rigiden und repressiven christlichen Moral verkauft wird, führt genau in diesen Abgrund. Will der grössere Teil der deutschen Bischöfe und der Synodalen das wirklich? Ich finde, der Preis, der für eine illusorische Emanzipationsverheissung am Ende gezahlt werden müsste, ist einfach zu hoch.

 

Nancy R. Pearcey, Liebe Deinen Körper. Sexualität, Gender und Ethik aus der Sicht von Medien, Politik und Bibel, Augustdorf 2019.


Dr. theol. Martin Brüske
Martin Brüske, Dr. theol., geb. 1964 im Rheinland, Studium der Theologie und Philosophie in Bonn, Jerusalem und München. Lange Lehrtätigkeit in Dogmatik und theologischer Propädeutik in Freiburg / Schweiz. Unterrichtet jetzt Ethik am TDS Aarau.

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