Des Kaisers neueste Kleider auf dem Laufsteg des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Einer Gruppe von Naturwissenschaftlern ist der Kragen geplatzt angesichts dessen, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk Geschlechter-Themen präsentiert. Er folgt einer rot-grün-gelben Bildungspolitik mit Gendern als zentralem Dogma, ignoriert natur- und humanwissenschaftliche Erkenntnisse, behauptet dabei aber Wissenschaftskompetenz. Eine Strategie, die schon andere Ideologien versuchten. 

In einem Beitrag in der Tageszeitung Die Welt wollen Naturwissenschaftler Schluss machen mit der Falschberichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: „Wir Wissenschaftler und Ärzte fordern den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf, biologische Tatsachen und wissenschaftliche Erkenntnisse wahrheitsgemäß darzustellen. Wir fordern eine Abkehr von der ideologischen Betrachtungsweise zum Thema Transsexualität und eine faktenbasierte Darstellung biologischer Sachverhalte nach dem Stand von Forschung und Wissenschaft.

Übergriffige Berichterstattung einer sich als Medikative konstituierende 4. Gewalt

Biologie und Medizin als Wissenschaften vom Leben, speziell auch von humanem Leben, beschäftigen sich eigentlich mit Vorfindlichem. Aristoteles, der erste abendländische Naturwissenschaftler von Rang hat dieses Vorfindliche  „physis“ (Natur) genannt. Er meinte damit ein von sich selbst her Aufgehendes. Unter mehreren möglichen anderen Gegenbegriffen bezeichnet er mit technē, das genaue Gegenteil von physis, ein eben nicht von sich selbst her aufgehen, sondern von Menschen Gemachtem. Diesen Unterschied scheint man im ÖRR nicht mehr zu kennen oder bewusst zu ignorieren. Der ÖRR verbreitet die Mär einer Gilde von Genderideologen, dass wir Menschen vornehmlich ein „Gemächte“[1] von uns selbst seien. Oder wie Descartes schon formulierte, wir seien Maitre et possesseurs de la nature. Was das für Umwelt und Natur bedeutet, wissen wir mittlerweile. Wir sind aus Schaden klug geworden. Was die eigene Natur – unseren Körper und Geist betrifft – ist der Schaden offenbar noch nicht groß genug, um daraus lernen zu können. Diesen Schaden, der schon eingetreten ist, wollen die Wissenschaftler, die den Aufruf unterzeichneten, vermindern und weiteren verhindern, wie ein Unterzeichner des Appells, etwa der Münchener Experte für Geschlechtsdysphorie (Geschlechtsidentitätsstörung) Alexander Korte. An einem Begriff wie Leben interessiert den ÖRR offenbar nur das Gemächte davon: Die Lebensstile und damit gibt er offenbar ein Spiegelbild gegenwärtiger Wissenschaftspolitik wieder.

Erforschung bunter Lebensstile angesichts einer Unterjüngung der Alterspyramide

Ein Beispiel: Fast 200 Lehrstühlen für Gender Studies steht gerade noch EIN unbefristeter Lehrstuhl für Demographie in Rostock gegenüber, obwohl in diesem Land immer weniger junge Menschen leben, denen aber immer mehr „bunte“ Lebensstile offeriert werden, dieses Leben zu leben. Die Alterspyramide unseres Landes zeigt, dass allerdings immer mehr Menschen dieses Leben schon ausgelebt haben. Warum also erforscht man eher Lebensstile und nicht vermehrt, wie das Leben selbst sich in dieser Gesellschaft verjüngt und auch noch das „graue Restleben“ im Pflegenotstand menschlich bleibt? Der ÖRR bietet sich nun als Laufsteg an, auf dem des Kaisers neueste Kleider – unter Vorspiegelung von Wissenschaftlichkeit – gezeigt werden, und es ist wirklich ein mediales Kunststück die Nacktheit des Kaisers darunter zu verbergen.

Die Kleidergarderobe des nackten Kaisers im letzten Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert ist es immer wieder Ideologien gelungen in den „Kleidern“ von Wissenschaftlichkeit aufzutreten. Und im beginnenden 21. Jahrhundert scheint das nicht anders zu sein.

  • Die Nationalsozialisten kannten beispielsweise eine sogenannte „deutsche Physik“, die sie gegen Albert Einstein, Niels Bohr und überhaupt gegen den Beitrag jüdischer Physiker setzen wollten. Damit nicht genug, musste Darwins Selektionstheorie auch her halten im sprichwörtlichen Sozialdarwinismus, um die Überlegenheit der arischen Rasse zu behaupten, um die wissenschaftliche Blöße des braunen Gedankenguts zu bedecken. Nun könnte man meinen, dass der damals modische Braunton nur an dem Seienden von Physik und Biologie in ebengenannter Weise haften würde, der Braunton eben nur Seiendes sei. Weit gefehlt, selbst das eigentlich von allen Farbtönen freie Sein kam braun daher, wie Heideggers Rektoratsrede von 1933 zeigt: Auf dem damaligen Laufsteg der Wissenschaften wurden von den Naturwissenschaften, als Wissenschaften von Seiendem bis in die Geisteswissenschaften hinein, spezialisiert auf das Sein, Brauntöne präsentiert.
  • Nicht anders im entgegengesetzten Lager, dem Marxismus-Leninismus. Über Jahrzehnte, von den 30er Jahren bis auch noch nach Stalins Tod, herrschte in der Sowjetunion die Lyssenko-Biologie. Lyssenko war ein Agrarwissenschaftler, dem es gelungen war, die sowjetische Landwirtschaft zu dominieren, mit der Behauptung eines kruden Lamarckismus, dass Kulturpflanzen nicht genetisch bestimmt werden, sondern gänzlich Umweltbestimmungen unterworfen seien. Das war mehr als passend, nicht nur der Mensch wird vom „ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ (Karl Marx) bestimmt, sondern auch Kulturpflanzen, bzw. Organismen gänzlich von ihrer Umwelt. Pure Ideologie „kleidet“ sich also auch hier mit Wissenschaftlichkeit. Bis hinein in die frühen 50er Jahre hielt der Philosoph Ernst Bloch noch die Sowjetunion für ein Reich der Freiheit. Auf dem Laufsteg der Wissenschaften wurden auch hier von den Naturwissenschaften bis in die Geisteswissenschaften hinein „Kleider“ einer einzigen Farbe getragen, modisches Rot.

In der Zeit zerrissener Klamotten trägt man auch Regenbogendesign

Der in der Gegenwart vorherrschende Relativismus hat sich nun des Kaisers neueste Kleider angelegt, in Gestalt der Gender Studies, darunter ist er wissenschaftlich genauso nackt, wie unter der braunen und roten Ideologie. Darauf wollen die Naturwissenschaftler mit ihrem Artikel in der Welt hinweisen.

In einer Welt, in der zerrissene Kleider Mode geworden sind und man sie schon so kaufen kann, ist es auch nicht ungewöhnlich, dass man sich im Liebesakt quält und sich quälen lässt, Sadomaso ist quotenträchtig in Fifty Shades of Grey in die Kinos gekommen. Lebensstile, Gemächte von Menschen, absurd und „bunt“, offenbar bis „grey“ und nicht Leben ( physis) sind das alles beherrschende Thema.

Die Sexualität der Vielfalt, ein Projekt von Gender, ist Mode geworden. Absurditäten nehmen ihren Lauf: Selbst Akademiker, mit einem männlichen Körper „behaftet“, firmieren an der Universität Leipzig offenbar freiwillig als „Professorin“ benannt in Lehrveranstaltungen und an ihrer Bürotür. Für fast 200 Genderlehrstühle reicht offenbar das Geld in diesem Land, um selbst die bizarrsten Lebensstile zu erkunden und zu propagieren. Aber Leben selbst, noch vor jeder Differenzierung in Lebensstile, in seiner demographischen Perspektive, ist von minderem Interesse, und das in einem Land das Weltmeister im Nicht-Kinder-kriegen werden könnte.

Auf genannten Lehrstühlen, die sich als Webstühle entpuppen, werden munter des Kaisers neueste Kleider gewoben in allen Farben, bevorzugt im Regenbogendesign. Darunter sind nur 10 Weber, alle anderen sind Weberinnen. Liegt das vielleicht daran, dass Männer es nicht so mit Textilien haben? Aber dafür haben die Gender Studies sicher eine andere Erklärung. Lieber zu den Farben: Nicht rot, nicht braun, bunt sollen die neuesten Kleider dieses Mal sein. Der ÖRR macht da kräftig mit. Es braucht schon eine Menge Mut, dass sich da Wissenschaftler vom Fach rühren, sich gegen die 4. Gewalt im Staate, die Medikative, zur Wehr setzen und die Keule „Medienschelte“ und andere Keulen, die bis ins Persönliche gehen, nicht fürchten und zeigen, dass da wieder ein nackter Kaiser über den mächtigsten Laufsteg im Lande, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, geführt wird. Vielleicht findet sich ein kluges Kind, das fragt, „Ist jetzt der nackte Kaiser eine Mama oder ein Papa?“, vorausgesetzt, es hat noch nicht die Sendung mit der Maus gesehen!


[1] Gemächte ist eine Wortschöpfung des Philosophen Martin Heideggers. Er bezeichnet damit die technische und theoretische Übergriffigkeit des Menschen auf die Natur oder Naturdinge.

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von Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz-Landau. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag, Link: https://www.fe-medien.de/hineingenommen-in-die-liebe

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