Die Koalitionsverhandlungen sind noch nicht abgeschlossen. Aber immer wieder dringen Inhalte nach außen, die aus Sicht der christlichen Ethik blankes Entsetzen auslösen müssen. So ist dieser Zwischenruf von Dorothea Schmidt zum Aufschrei geraten.
Jetzt scheint es definitiv wirklich wahr zu werden: Deutschland schafft sich ab. In einer Regierung, deren Kanzler von der Union gestellt werden wird, bietet das bisherige Koalitionspapier ein familien- und gesellschaftspolitisch verheerendes Bild: Familien zählen nichts mehr, dafür sollen Abtreibungen außerhalb des Strafrechts geregelt werden — bei einer zugleich „solidarisch finanzierten Abgabe von Verhütungsmitteln“. Dieser Vorstoß verwundert einerseits kaum. Andererseits fragt man sich, wie einem entgangen sein kann, dass der breite Zugang zu Verhütungsmitteln keinesfalls, wie immer wieder behauptet wurde, Abtreibungen begrenzt hat, sondern diese beleg- und beobachtbar vermehrt. Statt das Problem an der Wurzel zu packen, kuriert die Politik die Symptome. Ohne Rücksicht auf menschliches Leben.
Politikversagen
Spätestens hier zeigt sich, wie die Union an ihrem eigenen Ast sägt. Die CDU von Konrad Adenauer existiert ja sowieso schon lange nicht mehr, aber jetzt scheint sich die Idee der Christdemokratie überhaupt ins Nichts zu verabschieden. Die Union greift blindlings nach den um sich greifenden Fangarmen von zeitgeistigen Ideologien und lässt sich von ihnen gefangen halten. Die eigenen geistigen, christlichen Wurzeln, ihre grundlegende christliche Wertorientierung scheint ihr mittlerweile völlig entgangen oder einfach egal zu sein: das christliche Menschenbild, die katholische Soziallehre, die evangelische Sozialethik, der Lebensschutz, überhaupt die Klarheit in bioethischen Fragen. Wer bislang immer noch hoffte, die Union würde die Bindung an grundlegende christliche Orientierungen in der Gesellschafts- und Familienpolitik durch die Stürme der Zeit retten, wird nun endgültig eines Besseren – genauer gesagt: eines Schlechteren – belehrt.
Auch ärgerlich wieder einmal: Familien werden links liegen gelassen, Mütter aufs Abstellgleis gestellt. Die gibt es noch. Allerdings meist bloß als Arbeitskraftreserve, die man lieber in ihrer ökonomischen Bedeutung sieht, als dass man ihnen und ihren Familien ernsthafte Förderung und sonstige (nicht nur finanzielle) Hilfen gewährt. Wenn auf Grund der demographischen Krise (sprich: Mangel an Kindern) Arbeitskräfte fehlen, holt sich Außenministerin Annalena Baerbock eben welche aus Syrien. Man fragt sich ernsthaft, ob der absurde Vorschlag der scheidenden Außenministerin und die widersinnige Denkweise dahinter auch in der neuen Bundesregierung auf positive Resonanz stoßen wird.
Die neue kalte und gottlose “deutsche Welt”
Da Kinder nun einmal betreut werden müssen, werden nicht etwa Familien gefördert, sondern KITAs selbstverständlich ausgebaut, denn jeder Erzieherin, die NICHT Mutter heißt, wird Vertrauen entgegengebracht. Willkommen in der technisch-mechanisch (noch) funktionierenden, aber kalten und gottlosen deutschen Welt.
Kinder brauchen nicht primär eine getaktete Betreuung. Sie brauchen zuallererst Liebe und Zuwendung. Zu meinen, das könne eine Mutter nicht besonders gut, ist so irrsinnig wie gefährlich. Mit klaren Belegen, die zeigen, wie wichtig die mütterliche (oder auch väterliche) Zuwendung zum Kind ist, könnte man Bände füllen.
Zurück zum Koalitionspapier: Es gibt im Evangelium einen Satz, der sehr in die desaströse politische Lage in Deutschland hineinzusprechen scheint. Dort heißt es:
„Ich bin im Namen meines Vaters gekommen und ihr nehmt mich nicht an. Wenn aber ein anderer in seinem eigenen Namen kommt, dann werdet ihr ihn annehmen.“ (Joh 5,43)
Die göttliche Ordnung auf den Kopf gestellt
Wenn die CDU/CSU seit Jahren sich peu à peu ihrer christlichen Wurzeln entledigt, entsteht ein Vakuum, welches nicht etwa leer bleibt, sondern sofort gefüllt wird. Von wem? Es sei hier einmal direkt und ungeschützt ausgesprochen: Hinter den woken Zeitgeist-Ideologien, die letztlich Menschen, Demokratie und Freiheit zerstören, steht der Widersacher, der sich freudig die Hände reibt, wenn man da überhaupt von Freude sprechen kann. Es ist wohl eher Rache. Rache an dem, der sich Erlöser nennt und all dem, was er geschaffen hat. Die gute, Leben tragende und ermöglichende göttliche Ordnung wird auf den Kopf gestellt. Nach und nach hat die Politik den Lügen des Widersachers geglaubt und aus diesen Lügen eine Festung errichtet, die zu durchbrechen nun unmöglich erscheint. Dafür müsste die Lüge durch die Wahrheit ersetzt werden. Die wird aber bekämpft wie nie.
Die Medien-Arbeitsgruppe der Union erklärte nun, dass die „bewusste Verbreitung falscher Tatsachenbehauptungen“ nicht durch die Meinungsfreiheit gedeckt sei, weshalb es Gesetze „gegen Informationsmanipulation sowie Hass und Hetze“ geben müsse. Nur: Wer bestimmt, was falsche Tatsachenbehauptungen sind? „Hass und Hetze“ sind juristisch schlechterdings ungreifbare Begriffe. Auch Tatsachen sind immer wieder umstritten.
Wie war das noch mit der Laborthese (über den Ursprung des Corona-Virus’)? Betrifft das am Ende auch die Lehre der Kirche, wo sie nicht zum jetzt offensichtlich auch von der Union vertretenen kulturellen Mainstream passt? In ihren Stellungnahmen zu Abtreibung, Homosexualität, zur Gendertheorie und Sterbehilfe usw. usw.? Es schaudert einen, wenn man jetzt auch im Blick auf die Union sagen muss: Vermutlich.
Da muss man als führender Unionspolitiker schon auf sehr stabilem Fundament stehen, um diesem Streben Einhalt zu gebieten, auf das wahrhaft Menschliche zu verweisen und für die Wahrheit einzustehen. Wie sich herausstellt, war das von Friedrich Merz nicht fest genug: Statt vehement für das einzutreten, wofür deutsche Wähler die Union gewählt haben, gibt er dem Druck der Lautesten nach.
Auch die Kirchen versagen
Hier zeigt sich aber auch, wie sehr die Kirchen versagt haben. Sie haben es verpasst, die Botschaft Christi hochzuhalten und in Kirche und Gesellschaft einzutreten für die Wahrheit, für das christliche Menschenbild und alles, was damit zusammenhängt. Die katholische Kirche hat jahrzehntelang ihren Glauben nicht ernsthaft weitergegeben, die Theologie auch an den Hochschulen hat sich dramatisch von ihrer Bindung an den Glauben der Kirche entfernt, so dass sie immer mehr verkommen ist zu einer hohlen Lehre, die nach Bedarf, Gefühl, Lust und Laune mit allem Möglichen gefüllt werden kann — nur nicht mehr primär mit wahrhaft Geistlichen, an der Wahrheit Orientiertem. Spätestens auf dem Synodalen Weg hat die Kirche endgültig die Weichen gestellt für die Fahrt ins schöne neue Wünsch-dir-was-Land, in dem grenzenlos alles möglich ist, nur die Lehre der Kirche nicht mehr zählt. Aber es ist eben nur ein Land der Fiktionen. Der Schiffbruch an der Realität ist unausweichlich.
Und so fällt die Union, und mit ihr das abendländische christliche Erbe, gerade in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Die Frage ist, wer danach kommt. Und wer weiß, ob nicht unter den vielen, die abgetrieben worden sind, die richtige Person gewesen wäre, die es nun gebraucht hätte, das Land solide und mutig aus den Trümmern herauszuführen.
Dorothea Schmidt
arbeitet als Journalistin und regelmäßige Kolumnistin für diverse katholische Medien (Tagespost, kath.net, u.a.). Sie ist Autorin des Buches „Pippi-Langstrumpf-Kirche“ (2021). Sie war Mitglied der Synodalversammlung des Synodalen Weges und verließ gemeinsam mit weiteren Frauen Anfang 2023 das Gremium als Protest gegen die Beschlüsse des Synodalen Weges, die sich immer weiter von der Weltkirche entfernen. Schmidt ist Mutter von zwei Kindern und lebt mit ihrer Familie in Süddeutschland.
Beitragsfoto: KI-generiertes Bild mit MidJourney (nichtkommerziell genutzt)