Die Pilgergruppe der Initiative Neuer Anfang besucht heute Nachmittag die Gemeinschaft Shalom im Centro Giovanile San Lorenzo in Rom. Peter Esser, der zur Zeit zu Hause mit dem Redaktionsteam die Stellung hält, hatte die Rom-Reise vorbereitet und die Gemeinschaft Shalom bereits im Sommer 2025 besucht. Er teilt seine Eindrücke mit uns.
Raum der Sammlung für Jugendliche
Auf diese Kirche stößt man eher zufällig. Wer den Borgo Santo Spirito hinabgeht, entdeckt auf der linken Seite, leicht unterhalb des Straßenniveaus, die romanische Apsis einer kleinen Kirche, San Lorenzo in Piscibus. Her war einmal ein Fischmarkt. Und man merkt auch heute noch: Das war nicht die beste Gegend. Die Treppe runter – hier ist der Eingang. Kleine bunte Fahnen flattern über dem Zugangsweg. Sie zeigen an: Hier ist ein belebter Raum. Hier sind Jugendliche. Hier findet Gemeinschaft statt. Die Fahnen erinnern an tibetische Gebetsfahnen – und sind bestimmt von irgendeinem jugendlichen Abenteurer hier abgeliefert worden.
An einem Abend bin ich hineingegangen und habe den Raum von der Rückseite her betreten. Ein ungewohnter Eintritt in eine ebenso unkonventionelle Kirche. Der Kirchenraum ist einfach. Die geziegelten Mauern bleiben sichtbar. Es gibt keinen barocken Bilderschmuck, keine barockisierenden Zutaten. Stattdessen ein offener, zugänglicher Raum, fast im Geist der Gemeinschaft von Taizé. Einfache Holzbänke laden dazu ein, sich niederzulassen und der Liturgie zu folgen.
Nichts in diesem Raum lenkt ab.
Die Ordnung des Raumes führt zur Sammlung.
Gerade in einer Gottesdienstgemeinschaft, die vielfältig ist.
Erinnerungen an JP II
Der Raum ruht auf alten Rundsäulen, die ihn tragen und gliedern, ohne ihn zu überformen. Prägend ist auf der rechten Seite das große Holzkreuz, drei bis vier Meter hoch, schmucklos, mit einer kleinen Inschrift – das Weltjugendtagskreuz. Ohne viel Pathos ruft es Gedanken und Erinnerungen an Johannes Paul II wach.
ALLE sind willkommen
Es ist ein Raum des Gebets. Still – und zugleich offen. Alle sind willkommen. Als ich dort war, saß ein Obdachloser in einer der Bänke. Er erzählte, er schlafe unter den Bernini-Kolonnaden, „an der ersten Säule“. Während der Anbetung vor dem ausgesetzten Allerheiligsten blieb er sitzen und betete still. Niemand nahm Anstoß. Und wer als Fremder kommt, wird angesprochen – freundlich, ohne Aufdringlichkeit.
So kam ich mit den Menschen dort ins Gespräch. Die Sprachbarriere spielte kaum eine Rolle. Es gibt englische Besucher, englischsprachige Mitglieder. Die Liturgie war einfach und gepflegt. Jeden Tag ein anderer Priester – und doch stellte sich schnell ein Gefühl ein, angekommen zu sein.
Eine junge Frau lud den Obdachlosen Alexander von der ersten Säule ein, seine Wäsche bei ihnen zu waschen, organisierte mehrere Paar Socken und hörte sich seine Geschichte an. Abenteuerlich. Heimatlos. Aber nicht ohne Hoffnung. Er hatte vorher eine Stunde lang still vor dem Allerheiligsten gesessen.
Kirche konkret erfahrbar
Das Centro Giovanile San Lorenzo entstand Anfang der 1980er-Jahre auf Initiative von Papst Johannes Paul II. als Ort der Jugendpastoral im Herzen Roms, unweit des Petersdoms. Von Beginn an war es als offener geistlicher Raum gedacht: für Gebet, Katechese, Begegnung und internationale Gemeinschaft junger Menschen in der Kirche. Über viele Jahre wurde das Zentrum von verschiedenen kirchlichen Gemeinschaften getragen und geprägt, die jeweils ihre geistliche Erfahrung in der Kirche einbrachten. In den letzten Jahren liegt die Verantwortung bei der Shalom-Gemeinschaft, die das Centro im Sinne der missionarischen Sendung der Kirche weiterführt. Zum Profil gehört nicht nur die tägliche Liturgie und Glaubensunterweisung, sondern auch das bewusste Hinausgehen zu Großereignissen wie den Weltjugendtagen, um dort Zeugnis für die Kirche und aus der Kirche heraus zu geben. Das Centro Giovanile versteht sich so weniger als eine eigene Gemeinschaft, sondern als dienender Ort, an dem die Kirche für junge Menschen konkret erfahrbar wird.
Die Armen – der Schatz der Kirche
Was Johannes Paul II. als Erbe hinterlassen hat, ist die Präsenz einer Gemeinschaft, die einen Anlaufpunkt für jugendliche Pilger bilden sollte – in unmittelbarer Nähe des Petersdoms. Papst Franziskus hat dieses Erbe weitergeführt, indem er die Armen bewusst mit einbezog. Nicht so, als hätte dieses Bewusstsein je gefehlt. Aber er hat an etwas erinnert, das im Herzen der Kirche immer gegenwärtig ist: Der Schatz der Kirche sind die Armen.
Die Armen sind so ein Teil unserer Gemeinschaft, nicht Objekte unserer Mildtätigkeit. In ihnen begegnet uns Christus. Und in ihnen erkennen wir unsere eigene Bedürftigkeit vor Gott – die auch dann besteht, wenn wir uns warme Socken leisten können.
Der Auftrag: für die Jungen und für die Armen
Wenn wir das Volk von Evangelii Gaudium sein wollen und die Jüngergemeinde eines neuen Anfangs in der Kirche, dann tun wir gut daran, uns an der Botschaft dieses Raumes und dieser Gemeinschaft zu orientieren. Sie haben mir erzählt, dass sie mit dem YOUCAT arbeiten: mit Katechese über Jesus Christus. Von Christus erzählen ist ihr Auftrag.
Jesus selbst hat gesagt, die Armen werdet ihr immer unter euch haben. Man könnte meinen, mitten in Rom sei alles in Ordnung. Dort ist das Herz der Weltkirche. Dort wohnt der Papst. Dort gibt es Kunst, Geschichte, hohe Gebäude, Schönheit und Pracht. Und doch erinnert uns gerade in diesem Zentrum der Ästhetik die Präsenz der Armen daran, dass wir noch auf dem Weg sind. Im Evangelium bewundern die Jünger die prächtigen Weihesteine des herodianischen Tempels in Jerusalem. Jesus sagt: Von all dem wird kein Stein auf dem anderen bleiben.
Aber das, was wir einem Armen – und einem jungen Menschen um Jesu Willen gegeben haben, das wird nicht zusammenbrechen, sondern Bestand haben – über das Ende all dieser Pracht hinaus.
Der Autor ist 1962 am Niederrhein geboren, arbeitet als Cartoonist und Illustrator und begeistert sich für die Werke von J. R. R. Tolkien. Peter Esser ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“. Er hat die Pilgerfahrt 2026 in Rom vorbereitet.

