Weil er „sie nicht bloßstellen wollte, beschloss er, sich in aller Stille von ihr zu trennen.“ (Mt. 1,19). Das passt zu dieser stillen, geradlinigen und unauffälligen Heiligkeit, die augenscheinlich nur im Hintergrund wirksam wurde, allerdings Heilsgeschichte schrieb. Wie der hl. Josef, der Patron aller Werktätigen, selbst in einem ganz und gar katholischen Bergarbeiterdorf nur hintergründig wahrgenommen wurde, davon berichtet Helmut Müller.

Heilige Unauffälligkeit

Der hl. Josef führte in unserem Bergmannsdorf im Saarland, das ganz und gar katholisch war, als Heiliger der werktätigen Männer erstaunlicherweise eine randständige Existenz im Hinblick auf fromme Aufmerksamkeit. Erst nachdem es mit dem Bergbau im Saarland zu Ende ging, wurde eine Josefskapelle gebaut. Wie das in einem gut katholischen Dorf von Werktätigen? Klar, der 19. März wurde in der Dorfkirche, wie überall in katholischen Landen, liturgisch als Fest begangen. Auch in unserer Dorfkirche, in der es noch eine Männer- und Frauenseite gab, hatte er einen herausgehobenen Platz. Auf der Frauenseite gab es vorne links einen Seitenaltar, der die Gottesmutter mit dem Jesuskind abbildet. Auf der Männerseite spiegelbildlich, genauso herausgehoben wie die Gottesmutter, der hl. Josef mit Schreinerwerkzeug und dem Knaben Jesus. Die Fenster auf der Frauenseite zeigten heilige Frauen und auf der Männerseite konnte man selbstverständlich männliche Heilige bewundern. Aber jetzt kommt’s: Die hl. Barbara auf der Frauenseite (!) hat dem hl. Josef, trotz der ihm geweihten Seitenkapelle, in Sachen frommer Aufmerksamkeit den Rang abgelaufen: Die hl. Barbara ist nämlich die Schutzpatronin der Bergleute. 

Gedenken des Josef-Tags im Schacht und “Schicht im Schacht” am Barbara-Tag

Die Bergleute im Saarland waren, anders als im Ruhrgebiet, noch im CGB – den christlichen Gewerkschaftsbund organisiert. Die Stahlarbeiter dagegen gehörten alle, wie im Ruhrgebiet, der IGBE, der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie an. Die CGB hat sehr genau darauf geachtet, dass am St. Barbara-Tag “Schicht im Schacht”, ein arbeitsfreier Tag, gewesen ist. Sehr viele Männer in unserem Dorf waren Bergleute, und da unsere Dorfkirche erst 1928 gebaut worden war, bekam sie auch ein Barbara-Fenster, natürlich auf der Frauenseite. Gender Trouble gab es damals noch nicht, sodass ganz fromme Bergleute auf die Frauenseite schauen mussten. Mein Vater dagegen gehörte nicht zu den Frommen, obwohl er den St. Barbara-Tag hoch und heilig hielt. 

St. Barbara und der liebe Gott im Himmel, der hl. Josef und Jesus in Haus und Hof

Als kleiner Junge identifizierte ich mich mit dem Jesusknaben und dem hl. Josef auf der Männerseite, zumal ich als Messdiener dort bei unzähligen stillen Messen diente, wenn mal wieder einer unserer Steyler Missionare auf Heimaturlaub war. Außerdem werkelten alle Väter in Haus und Hof an freien Tagen oder nach der Schicht. Ich nahm dann für gewöhnlich die Stelle des Jesusknaben ein und mein Vater war so etwas wie der hl. Josef. Gleichzeitig erlebte ich ganz drastisch, dass die Mütter die eigentlich Frommen im Dorf waren. Meine Mutter betete nämlich immer abends beim Zu-Bett-gehen, dass mein Vater nach der Nachtschicht am Morgen wieder heil und gesund nach Hause käme. So bekam ich als Kind den Eindruck, dass die hl. Barbara, neben dem lieben Gott, die nächstwichtigste Person im Himmel sei. Die Väter demonstrierten ihre berufliche Gefährdung mit einem spezifischen Bergmannshumor. Unter Bergleuten gab es nämlich den Spruch: “Der Bergmann hat jeden Tag sein Leichenhemd an.” Mein Vater kommentierte das noch mit demselben merkwürdigen Humor: „Zwei Finger hat die Gruwekatz schon von mir“: Bei einem Rangierunglück hatte er als 21-jähriger Bergmann zwei Finger verloren. Und die Gruwekatz war eine Figur, mit der die Väter – ich kann rückblickend nur sagen, mit einer schwarzen Pädagogik – deutlich machten, wie gefährlich ihr Beruf war. Kaum ein Bergmann in unserem Dorf ist bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts dann auch eines natürlichen Todes gestorben, sondern entweder durch einen Bergwerksunfall, wie ein Onkel von mir, oder durch die Staublungenkrankheit, Silikose, wie mein Vater und ein weiterer Onkel.

Grottenschlechte Schauspielleistung, aber dogmatisch exakt

So bin ich groß geworden. Später wunderte es mich daher nicht, als ich erfuhr, dass in der Ikonenmalerei in Krippenszenen deutlich werden musste, dass Josef nur der Pflegevater Jesu ist, nicht dessen leiblicher Vater. Das gerät natürlich zu einem Kunststück, die Sorge Josefs für Maria und Jesus darzustellen und gleichzeitig deutlich zu machen, dass Jesus nicht sein leiblicher Sohn ist. Meinem Sohn ist das später allerdings als Grundschulkind in einem Krippenspiel gelungen, – man könnte sagen, in einer grottenschlechten Schauspielerleistung – , den hl. Josef dogmatisch richtig darzustellen, dass er eigentlich nichts mit der Herkunft des Kindes in der Krippe zu tun hat, aber doch offensichtlich die Vaterposition inne hatte. Dieses Kunststück gelang ihm, indem er sich interessiert überall umschaute, nur nicht auf das Kind und seine Mutter blickte.

Heilsgeschichtliche Hintergrundgestalt

Ja, heute an seinem Festtag sollten wir den hl. Josef wirklich so verehren, wie er es verdient und Gott es in seinem Heilsplan vorgesehen hat: Den Mut zu haben, entgegen damaliger gesellschaftlicher Gepflogenheit für ein Kind einzustehen und einer jungen Frau beizustehen, obwohl er wusste, dass das Kind der Frau nicht von ihm war und er alle verwunderten Blicke aushalten musste. Als das Leben des Neugeborenen gefährdet war, macht er sich noch in der Nacht auf und flieht nach Ägypten (Mt 2,13f). Ebenso hat er zusammen mit der Mutter den Zwölfjährigen nach der Pilgerfahrt nach Jerusalem, bis sie ihn dann im Tempel fanden, „voller Angst gesucht.“ (Lk 2,48).

Und nicht zu vergessen, was uns als Vätern nicht immer gelingt, unseren Kindern den Weg in die Berufswelt und Selbstständigkeit zu öffnen: Jesus hat offensichtlich das Bauhandwerk von seinem Pflegevater gelernt, so dass er wie in unserem Dorf üblich, nach dem Beruf seines Vaters genannt wurde: der Zimmermannssohn. In meiner Heimat wäre er der Bub vom Schreiner-Jupp oder Schreiner-Sepp gewesen. Wie dem auch sei: Josef stand seinem Pflegesohn offensichtlich nicht im Wege, dem größeren Auftrag seines himmlischen Vaters nachzukommen: den Weg des Heils für Menschen aller Zeiten und Geschlechter als buchstäbliche Hintergrundgestalt der Heilsgeschichte zu öffnen. Empfehlenswert ist der Podcast von Dr. Margarethe Strauß, die in wirklich erstaunlichen Geschichten zeigt, wie dieser buchstäbliche Hintergrundheilige Heil bewirkt hat und immer noch wirkt. Das verweist selbst die hl. Barbara im Saarland auf die hinteren Plätze. All das ist wert, ihn heute liturgisch mit Festcharakter zu ehren.


Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor a. D. am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Helmut Müller ist Mitautor des Buches Urworte des Evangeliums“. Zuletzt ist von ihm erschienen: Menschsein zwischen Himmel und Erde – Dominus-Verlag.


Beitragsbild: St. Josef Kapelle im Saarland / © Privat, digitale Bearbeitung: Peter Esser

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