Duc in altum – Fahrt hinaus auf die hohe See des Glaubens und werft die Netze aus, hieß es in seinem Apostolischen Schreiben zu Beginn des neuen Jahrtausends. In einer 20 Jahre alten Erinnerung dankt unser Autor, Helmut Müller, Johannes Paul II. dafür, von einem dieser Netze gefangen worden zu sein.
Beschämende Arroganz
Als der Papst 1987 nach München kam, ging ich nicht hin. Er fuhr 100 m an meiner Studentenwohnung vorbei, drei U-Bahnstationen weiter im Olympiazentrum feierte er die hl. Messe. Jeder der dorthin ging, war für mich ein Jubelperser oder hatte es aufgegeben kritisch zu denken. Ich glaubte, ihn durch meine Gleichgültigkeit „bestrafen“ zu müssen. Genauso wie Mendel Singer in Joseph Roths Roman Hiob, Gott durch Schweinefleischessen ärgerte, meinte ich – natürlich in unvergleichbarer kategorialer Verschiedenheit – Johannes Paul II. wegen seiner vermeintlich rückwärtsgewandten Theologie abstrafen zu müssen. Dem Kundigen wird spätestens hier klar geworden sein, dass ein schlecht verdautes Theologiestudium an einer deutschen Universität eine unselige Rolle im Zusammenhang mit diesem seltsamen Bestrafungsritual gespielt haben könnte. Ich gebe zu, dass dies nicht notwendigerweise der Fall sein muss, aber merkwürdig oft spielt ein Theologiestudium in dieser Hinsicht oben genannte Rolle. Mittlerweile habe ich längst meinen Frieden mit der Theologie Johannes Pauls II. gemacht und betrachte ihn sogar als meinen Spiritus rector. Deshalb empfinde ich sein Dahinscheiden als einen persönlichen Verlust. Ich hätte damals gerne eine lange Bus- oder teure Flugreise auf mich genommen und 20 Stunden lang Schlange gestanden, um wenigstens den toten Papst zu sehen. In Köln 2005 wollte ich die verpasste Chance nachholen – damals allerdings mit vier Kindern wesentlich unbeweglicher als in München und dazu auch noch älter. Doch der Bestrafte bin ich nun selbst. Ich habe es durch die herrschende theological correctness versäumt, einer Jahrtausendgestalt ohne viel Aufwand in die Augen blicken zu können. Jetzt ist es zu spät.
Demütige Erkenntnis
Erst in der letzten Dekade seines Lebens habe ich langsam gelernt, seine Größe zu begreifen und habe daraufhin aufgehört, theologisch korrekt zu denken und zu schreiben. Als er dann starb, erging es mir wie seinerzeit Heide Simonis in der verlorenen Schleswig-Holsteiner Wahlnacht 2005 angesichts einer großen Koalition, die sie nicht einschloss und sie in einem Moment der Unbedachtsamkeit fragen lässt: „Und was wird aus mir?“ Was wird jetzt aus so einem wie mir, dachte ich auch, der keine politisch korrekte Zeile zu Papier bringen kann bzw. bringen möchte? Der Papst konnte sich kraft seiner Persönlichkeit erlauben, von den Fußnägeln bis zu den Haarwurzeln politisch unkorrekt zu sein. Er zwang der Öffentlichkeit auf, Themen zu diskutieren, die sonst nie gewählt worden wären. In eine vom Zeitgeist regelrecht betonierte Erde hat er Furchen gepflügt, in die er seine Botschaft säte. In die gleichen Furchen tretend konnte man auch als kleines Licht und zu dieser Botschaft kongeniale Artikel oder Leserbriefe säen. Nach seinem Tode erhofften viele meiner Generation vom nächsten Papst einen pfleglicheren Umgang mit dem Zeitgeist. Es ist Gott sei Dank anders gekommen. Ich fragte mich, was würde Johannes Paul sagen, wenn er noch darauf hätte reagieren können, was da zum Besten gegeben worden ist: Der Reformstau wird nun ein Ende haben. Die kirchliche Verkündigung in puncto Sexualmoral muss nun offener werden. Die Ökumene muss wieder belebt werden. Die theologische Verkündigung darf nicht mehr gegängelt werden. Die Kirche muss sich wieder mehr um die Frauen kümmern, Frauen müssen ordiniert werden, der Zölibat sollte aufgehoben werden. Johannes Paull II. würde sagen:
Duc in altum – Fahrt hinaus auf die hohe See des Glaubens
“Duc in altum” beginnt Johannes Pauls II. erstes Schreiben zum Jahresanfang im neuen Jahrtausend. Es trifft seine ausgepumpten Mitarbeiter zu Beginn des Jahres 2001 sozusagen im Lehnstuhl, in den sie sich zurücklehnen wollten, um auszuruhen, weil sie stolz waren auf die reiche Ernte, die das Heilige Jahr 2000 eingebracht hatte. 23 Millionen Besucher, davon 2 Millionen Jugendliche an einem Wochenende, von denen 200.000 das Bußsakrament empfingen. Die linksliberale Presse Italiens war ob dieses Erfolgs traumatisiert. “Fahrt hinaus ins Weite”, macht weiter so, bekommen die ausgepumpten Mitarbeiter zu hören. Die gleichen Worte sprach Jesus, als seine Jünger todmüde nach einer Nacht vergeblichen Fischens auf dem See Genezareth an Land kamen. “Fahrt noch mal hinaus”. Dieser unverwüstliche Glaube an das Evangelium lässt ihn unermüdlich kämpfen gegen eine Kultur des Todes.”
Ich erinnere mich an den einfachen Holzsarg, in dem er auf dem Petersplatz aufgebahrt war. Jetzt wissen wir, welch gewaltiges Leben in diesem Sarg seinen Abschluss gefunden hat. Es ist nicht übertrieben, wenn wir sagen, dass wir Zeitgenossen einer Jahrtausendgestalt gewesen sind. Im Tode hat er endlich das Presseecho erfahren, das er eigentlich schon zu Lebzeiten verdient hätte. Wenn wir also darum wissen, wie groß das Leben war, das hier zu Ende gegangen ist, dann zeigt das Rudimentäre seines päpstlichen Wappens, was dieses Leben so groß gemacht hat. Es sind nicht die päpstlichen Machtinsignien, die Tiara, die Schlüssel Petri und die Stola des geweihten Amtes, sondern das schlichte Kreuz mit dem M darunter: Sich gänzlich – wie Maria – unter das Kreuz Jesu stellen – das ist das Geheimnis dieses großen Lebens. Das hat diese gewaltige Wirkung verursacht,
- den eisernen Vorhang in Luft aufgelöst,
- die Mächtigen vom Thron gestürzt, nicht nur hinter dem eisernen Vorhang, sondern auch davor: Stroessner in Paraguay, Jean-Claude Duvalier, genannt Baby Doc auf Haiti und Marcos auf den Philippinen
- und die Niedrigen erhöht, hunderte von Opfern dieser Mächtigen hat er selig und heilig gesprochen.
Hört auf mit der erbärmlichen Küstenschifffahrt!
„Duc in altum“, fahrt hinaus ins Weite, fahrt hinaus auf die hohe See des Glaubens, der hehren Ideale, bildet in eurer Liebe die Liebe des Dreifaltigen Gottes ab, lasst die erbärmliche Küstenschifffahrt sein, die mit Pille und Kondom, mit Libido statt Liebe auskommen will, nicht immer schnell in den nächsten Hafen fahren, wenn ein Wind manchmal mit Orkanstärken in Form monströser Presseechos aufkommt. Duc in altum – Fahrt hinaus auf die hohe See des Glaubens. Verteidigt das Leben in all seinen Bedrohungsszenarien gegen eine allseits um sich greifende Kultur des Todes. Setzt ein Evangelium des Lebens (evangelium vitae) dagegen. [Das ist jetzt 30 Jahre her] Das waren Losungen, die seinem Geist entsprachen.
Stecht also nicht mit theologischen Leichtmatrosen in See, könnte man sagen, und segelt nicht mit Lotsen, die in den blinden Golf kurzatmig hechelnder Reformvorschläge steuern, sondern fahrt mit langem Atem auf die hohe See des Glaubens. Werft dort Eure Netze aus. Mit Johannes Paul als Steuermann, möchte man hinzufügen. Man müsste mit Blindheit geschlagen sein, alles anders zu machen als Johannes Paul. Mir kommt Nietzsches Bild vom letzten Menschen in den Sinn, der sich mit einem „Lüstchen für den Tag und einem Lüstchen für die Nacht“ begnügt, und auf die Chance, nach den Sternen zu greifen, verzichtet. Auch wenn man’s nicht begreift und für sich zu schwer erachtet, anziehend scheint dieses Bild der Kirche allemal zu sein, wenn damals gerade Jugendliche millionenfach in die Stadt Petri wallfahrteten, um einem alten Mann das letzte Geleit zu geben. Es ist nicht die Macht und Pracht dieser Kirche, sondern die Wirkung einer Person, die ganz wie Maria unter dem Kreuz stand, wie es in ergreifender Schlichtheit auf dem einfachen Sarg Johannes Pauls II. zu sehen war. Und dieser Mann war nicht in Brokat bestickten Pantoffeln zu Grabe getragen worden, sondern in den verschlissenen Schuhen einer langen, anstrengenden Pilgerschaft. Sein Weg führte an der Spaßgesellschaft vorbei in das Reich Gottes. Der Mann in den Schuhen des Fischers hat das nie verheimlicht. Das kommt offenbar an.
Die Botschaft in den verschlissenen Schuhen eines großen Fischers
Der Papst aus Polen ist von Anfang an mit dem Programm angetreten, den Menschen wieder sub specie aeternitatis, als Wesen nach Gottes Bild und Gleichnis zu sehen und nicht sub specie tempore, wie ihn in einer Linie Feuerbach, Nietzsche, Heidegger, Sartre, Bloch, ja die ganze Moderne sieht, die dann von Theologen aufgegriffen worden ist und ein Gottesbild nach dem Bilde des Menschen entworfen hat, bzw. trotz Offenbarung vornehmlich von seiner Unerkennbarkeit redet. Um mit den Worten Blochs zu sprechen: homo homini deus – der Mensch ist des Menschen Gott. Natürlich können die rezipierenden Theologen nicht diese Plattheit des Gottesbildes aufnehmen, aber man erkennt noch diese Blochsche Matritze, auf der ein gewichtiger Teil der jüngeren Theologie geschrieben worden ist. Landauf, landab ist dann daraufhin nur noch die Rede vom menschenfreundlichen Gott. Wie kann er aber auch anders sein als nur menschenfreundlich, wenn wir ihn uns zurechtmachen?
Wo ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs in der kirchlichen Verkündigung geblieben, „vor dem Feinde und Widersacher verstummen“ (Ps 8,3) müssen, „der im Sturmwind daherfährt“ (Ps 104,3) und selbst von Jesus dem Christus berichtet Matthäus, dass die Menschen „den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels kommen sehen.“ (Mt 24,30)?
Verkündigung des ganzen Gottesbildes
Der Papst aus Polen versuchte wieder das ganze biblische Gottesbild zu künden, den barmherzigen Vater in „Dives in misericordia“ ebenso wie den gerechten Richter in „Veritatis splendor„, der uns empfindlich ins Gewissen redet. Dieser ganze biblische Gott wirkt unser Heil, versucht uns vor dem Bösen zu bewahren und zum Guten zu ermutigen.
Wer sich so bedingungslos wie er wie Maria unters Kreuz stellt, wird in dieser Welt das unterste zuoberst kehren und in der anderen Welt Gott schauen: „Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ Wie als Bestätigung des Himmels, stirbt Johannes Paul am Barmherzigkeitssonntag. Er selbst hat dieses Fest aufgrund der Visionen der Schwester Faustyna Kowalska, die er von Jugend auf sehr verehrte, eingeführt. Mit diesem Fest ist ein vollkommener Ablass verbunden, d. h. unter anderem, wer an diesem Tag mit den Sakramenten versehen stirbt, wird sofort bei Gott sein. „Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“
Seine Erfahrung zweier unmenschlicher Diktaturen hat ihn zum Anwalt des Lebens in allen Schattierungen seiner Bedrohung gemacht
- am Anfang und Ende des Lebens,
- durch Krieg und Gewalt,
- seiner technischen Reproduktion und Manipulation und der
- Verstaatlichung privater Lebensräume {z. B. der Familie}.
Ein Durchbruch der Gottesfinsternis in der Welt
In unterschiedlichsten Aktionsformen (in Lehrschreiben, Katechesen, Symbolhandlungen, Heiligsprechungen, Wallfahrten, Staatsbesuchen, privaten Audienzen) versuchte er das Programm seiner „Antrittsrede“ zu Beginn seines Pontifikats Redemptor hominis – Erlöser des Menschen – umzusetzen. Jetzt ist auch Johannes Paul so ein Mensch, wie ihn Charles Taylor fordert. Er hat die Gottesfinsternis der Welt durch und in seinem Leben durchbrochen und „eine säkulare Möglichkeiten übersteigende Liebe zum Menschen“ ansichtig werden lassen. Jetzt liegt dieses Leben abgeschlossen vor uns, ein Leben, das keine kleinmütige Küstenschifffahrt gekannt hat, ängstlich immer rettendes Land im Blick haltend. Da ist wirklich jemand ein Leben lang auf die hohe See gottvertrauenden Glaubens hinaus gefahren und ist als Menschenfischer nun im ewigen Hafen angekommen. 1980 bin ich dem Netz, das nur 100 Meter vor meiner Wohnung ausgeworfen wurde, entkommen. In der letzten Dekade seines Lebens, bin ich dann doch einer von denjenigen gewesen, die bei einer seiner Fahrten hinaus auf die hohe See des Glaubens von ihm gefangen worden sind. Und ich bin ihm dankbar dafür.
Auszüge aus: Gedenken an Papst Johannes Paul II. Duc in altum – Fahrt hinaus auf die Hohe See des Glaubens und werft eure Netze aus. In: Katholische Bildung, 112. Jahrgang, 3/2011, S. 97 – 102
Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag. Helmut Müller ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.
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