Welche Schönheit rettet die Welt? – Ursprünglich wurde diese Frage spöttisch gestellt. Vor der Mutter vom Guten Rat jedoch verstummt der Spott, und die Frage stellt sich in allem Ernst neu: Welche Schönheit verhilft dem Ratschluss Gottes zu seinem Recht? Peter Esser sucht vor der Ikone der Mater boni consilii eine Antwort.

Die Erbarmende

Das Bild ist eine Ikone im Stil der Eleusa, der Erbarmenden, Mitleidenden: Maria und das Kind sind einander zugeneigt. Die Hände der Mutter liegen irgendwo außerhalb des eigentlichen Bildrahmens. Die Kleidung der beiden ist vornehm, zurückhaltend kostbar. Das Jesuskind umarmt seine Mutter, sucht Halt an ihrem Hals, schmiegt seine Wange an die ihre, aber der Blick geht in die Ferne, das kleine Gesicht ist ernst, wie in einer Schauung von Ereignissen in der Ferne. Es ist kein lockiges, idyllisches Kind, wie man es aus vielen späteren Kopien dieses Bildmotivs kennt, die sich besonders im süddeutschen Raum finden. Vielmehr begegnet uns hier das Bild eines kleinen Erwachsenen, mit freigeschorenem Kopf; das Haar befindet sich am Hinterkopf.

Der Bogen des Bundes

Die Mutter blickt nachdenklich, beinahe melancholisch. Ihre Zuneigung zum Kind ist allein durch die Neigung des Kopfes und die zärtliche Berührung der beiden Gesichter zueinander erkennbar. Ihr Blick ist asymmetrisch: Mit dem – vom Betrachter aus gesehen – linken Auge scheint sie auf das Kind zu schauen, während das rechte Auge aus dem Bild herausblickt und sich dem Betrachter zuwendet. Das zarte Rot ihrer Wangen, das goldene Haar unter dem Schleier, lassen sie in stiller Schönheit leuchten. Hinter Mutter und Kind ist ein Tuch mit floralem Muster aufgespannt, das die Kostbarkeit dieses Augenblicks in einem unbestimmten Raum andeutet. Dahinter wölbt sich etwas wie ein Regenbogen – das Zeichen des Bundes.

Während Maria in Weiß, Blau und Gold gekleidet ist, dominiert beim Kind die Farbe Rot: das Rot der Liebe, aber auch das Rot des Blutes, das Rot des Opfers. Das Kreuz im Heiligenschein des Kindes erscheint rot, ebenso die Tunika. So ist in der malerischen Erscheinung des Kindes – ohne jede Drastik, ohne explizite Darstellung – bereits das Kreuz angedeutet, das Opfer auf Golgotha.

Das Kind als Lamm Gottes

Die Theologin Margarete Strauss hat in der Weihnachtsoktav eine berührende Beobachtung formuliert: Der Engel verkündet den Hirten ein Kind im Futtertrog. Vermutlich verstehen die Hirten die Bedeutung dahinter – werden doch die neugeborenen Lämmer für das Opfer im Tempel genau so in die Futtertröge der Stallgrotten gelegt. Das Kind ist schon jetzt das Lamm Gottes.

Von einer »Anwesenheit« ist in den Berichten derer, die sich dem Bild betrachtend aussetzen, die Rede, und auch, dass ihnen der Gesichtsausdruck der Mutter und des Kindes zu verschiedenen Zeiten auch verschieden vorkommt.

Mutter vom Guten Rat

Es hat eine Zeit lang gedauert, bis dieses wunderbare, so plötzlich erschienene Bild zur Mutter vom Guten Rat wird. Freilich hatte die Kirche in Genazzano schon längst dieses Patronat erhalten, aber das Bild selbst wird erst nach der wunderbaren Weise des Erscheinens »Maria von den Engeln« oder »Maria vom Paradiese« genannt. Erst später spricht man auch in Hinsicht auf das Marienbild von der Mutter vom Guten Rat. Dabei ist hier kein funktionaler Rat nach der Weise eines Navigationsgerätes gemeint, sondern das Hinzutreten zum Heilsplan Gottes. Das heißt, zur Wirklichkeit des Kindes, das sie auf dem Arm trägt und das, wie bereits in der Stunde der Kindheit deutlich ist, einmal am Kreuz für unsere Sünden sterben wird.

Die Ratgeberin

Das Erscheinen des Bildes wird sich wohl nie endgültig klären lassen. Ebenso rätselhaft bleiben die plötzliche Verehrung und die Heilungswunder, die sich vor dem Bild ereigneten. Im Jahr 1903 fügte Papst Leo XIII, der in seiner Jugend in der Gegend von Genazzano aufgewachsen war und sowohl die Augustiner als auch das Gnadenbild gut kannte, den Titel Mater boni consilii den Lauretanischen Litaneien hinzu. So spielt die Ratgeberin von Genazzano auch im gegenwärtigen Pontifikat seines Namensnachfolgers Papst Leo XIV eine besondere Rolle: Sein erster Besuch als neu gewählter Papst führte ihn zur Mutter vom Guten Rat. Bereits zuvor hatte die Verehrung dieses Bildes eine bemerkenswerte Ausstrahlung erfahren – insbesondere in Süddeutschland. Maria Theresia förderte die Verehrung nachhaltig, und bis heute finden sich in vielen Kirchen Bayerns kleine Kopien des Gnadenbildes von Genazzano.

Während sich in der Kirche in Deutschland derzeit ein heftiger Streit um den Begriff des Rates und seine säkularisierten Formen entzündet, fragte ein Freund einmal – nicht ohne leisen ironischen Unterton –, ob es wohl auch eine Mutter vom guten Diözesanrat gebe. Doch über all dem steht das rätselhafte Bild aus Latium. Es lädt ein, uns selbst, unser Geschick und die Kirche in unserem Land mit großem und kühnen Vertrauen dem heilbringenden Ratschluss Gottes anzuvertrauen.


Peter Esser

Der Autor ist 1962 am Niederrhein geboren, arbeitet als Cartoonist und Illustrator und begeistert sich für die Werke von J. R. R. Tolkien.  Peter Esser ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.

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