Guter Rat ist zugleich lieb und teuer. Wer sich von Rom aus Richtung Osten über die Autobahn zu den Monti Prenestini aufmacht, gelangt über eine gewundene Landstraße zu dem Bergrücken, auf dem das mittelalterliche Städtchen Genazzano liegt. Über dem Tal, durch das der Weg führt, ragen die Mauern des Schlosses der Familie Colonna steil in die Höhe. Das ist der Ort, der ein erstaunliches Marienbildnis beherbergt: Die Mutter vom Guten Rat. Peter Esser nimmt uns mit auf eine Erkundung.
Die selige Petruccia und der heilige Augustinus
Eine Augustiner-Terziarin, die selige Petruccia von Genazzano, hat ihr gesamtes Vermögen in die Erneuerung der zu diesem Zeitpunkt zerfallenen Pfarrkirche der “Mutter vom Guten Rat” der Augustiner-Eremiten gesteckt. Als sie etwa ein Jahr vor den Ereignissen, von denen hier die Rede ist, spöttisch gefragt wird, wie sie denn den Bau jemals vollenden wolle – die Kirchenwände ragten erst halbfertig in die Höhe, und ihr Vermögen ging langsam zur Neige –, antwortete sie:
„Macht euch keine Sorgen, meine Kinder. Bevor ich sterbe, werden die heilige Jungfrau und der heilige Augustinus die Arbeiten an der Kirche selbst vollenden.“
Zu diesem Zeitpunkt war Petruccia bereits sehr alt.
Die Legende
Ein Jahr später geschieht der Legende nach Folgendes: Während das Volk von Genazzano am 25. April 1467 das Fest des Evangelisten Markus feiert, erscheint plötzlich, von Engeln getragen, das Gnadenbild, das bis heute in der Kirche verehrt wird. Es lässt sich vor einer halbfertig aufgerichteten Wand nieder und verbleibt dort – ein hauchdünnes Fresko, das sich bis heute nicht mit der Wand verbunden hat. Es wird als vor der Wand schwebend beschrieben. Das Volk ist bestürzt, und nahezu unmittelbar darauf setzt der Pilgerstrom ein. Heilungen geschehen und werden dokumentiert.
Wunder . . .
Tatsächlich ist nicht bekannt, wie das Bild an diesen Ort gelangt ist. Gleichzeitig jedoch beginnt eine Wallfahrt, die nicht versiegt. Menschen werden geheilt, und gerade diese Heilungen sind tatsächlich bezeugt und überliefert. Unerklärliche Krankheiten, Schlangenbisse – all dies findet sich im ersten Kompendium der Wunder von Genazzano. Das Marienbild wird weit über die Grenzen der Region hinaus bekannt. Das früheste Zeugnis ist die heute noch erhaltene Inschrift unter dem Tympanon der Eingangspforte zur Kirche – die Marmorumrahmung ist als Relikt des Baus des 15. Jahrhunderts in den barocken Neubau gerettet worden:
„Im Jahr 1467 nach der Menschwerdung des göttlichen Wortes, am Fest des heiligen Markus, zur Stunde der Vesper, erschien von oben herab das Bild der Gottesgebärerin Maria, das ihr in diesem marmorgefassten Heiligtum verehrt.“
Kaum dreißig Jahre nach den berichteten Ereignissen ist diese Inschrift gefasst worden. Zugleich hat es eine kirchliche Untersuchung gegeben, deren Ergebnisse uns leider nicht überliefert sind, nach der jedoch die Wallfahrt weiterhin gefördert wurde. Man kann an dieser Stelle schlicht feststellen, dass das Erscheinen des Bildes überraschend war und wie ein Wunder wirkte – auch wenn die letzte Gewissheit darüber fehlt, wie sich das Geschehen im Einzelnen zugetragen hat.
. . . über Wunder
Die Legende von der Erscheinung des Bildes wird durch eine zweite Wundererzählung angereichert: Die Stadt Shkodra liegt unter der Belagerung der Türken. Bevor die Stadt eingenommen werden kann, löst sich das Fresko der Muttergottes von der Wand der dortigen Basilika und bewegt sich auf wunderbare Weise, von Engeln getragen, durch die Luft über das Meer hinweg. Zwei Albaner, die dem Gnadenbild besonders verbunden waren, folgen ihm der Legende nach auf Geheiß der Muttergottes zu Fuß über die Adria bis schließlich nach Genazzano.
Spekulationen und überzeugende Schönheit
Diese fantastische Erzählung hat Spekulationen über einen albanischen Ursprung des Gnadenbildes ausgelöst, doch konnte dies bisher nicht bestätigt werden. Handelt es sich um eine Translationslegende, ähnlich jener vom Haus von Loreto? Fest steht jedenfalls die Plötzlichkeit der Erscheinung des Bildes. Wurde es beim Bau der Kirche aus einem älteren Gebäude aus einer Übertünchung freigelegt? Oder von einer Skulptur verdeckt? Das sind die Hypothesen, die im Raum stehen. Entscheidend bleibt jedoch das unerwartete Erscheinen des Bildes und die sofort einsetzende Wallfahrt, an der sich im Laufe der Zeit Päpste, Bischöfe und das ganze Volk beteiligten. Wir wüssten es gerne, müssen aber das wundertätige Bild für sich selber sprechen lassen. Und da begegnet uns plötzlich eine rätselhafte Schönheit.
Der Autor ist 1962 am Niederrhein geboren, arbeitet als Cartoonist und Illustrator und begeistert sich für die Werke von J. R. R. Tolkien. Peter Esser ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.
Beitragsbild: Mittelalterliches Genazzano mit dem Heiligtum der Mutter vom Guten Rat / Adobe Stock – misterbike

