Freiheit wird neuerdings als eine Art autonome Freihandelszone zwischen Gott und dem Mensch neu definiert, wo man angeblich unabhängig vom Schöpfer-Gott moralische Entscheidungen nur nach eigenem Gewissen fällen kann, ohne dass Gott oder die Kirche etwas damit zu tun hätten. Beate Beckmann-Zöller geht der Frage nach, ob so eine Auffassung überhaupt mit einer von Gott gegebenen Würde und Autonomie vereinbar ist.

In manchen einflussreichen gegenwärtigen Denkrichtungen innerhalb der katholischen Universitäts-Theologie in Deutschland finden wir irritierende Vorstellungen über unsere menschliche „Freiheit“. Diese Vorstellungen könnten dazu führen, dass die herkömmliche Sexualmoral vollständig verändert werden würde. Schlagworte dazu sind: „Liebe ist Liebe. Es kann Gott und der Kirche egal sein, wie und wen ich liebe, ob Mann oder Frau.“ – „Die persönliche Intimität eines kirchlichen Mitarbeiters geht mich nichts an.“ (Bischof Bätzing, sinngemäß im Bunte-Interview 2-2022)

Freiheit wird verstanden als etwas, das unabhängig von der Beziehung des Geschöpfes zu seinem Schöpfer in moralischen Entscheidungen ausgeübt werden könnte, wie in einer Art „neutraler Zone“. Hier könnte der Mensch – so diese Auffassung – in seiner von Gott gegebenen Würde und Autonomie tun und lassen, was er vor seinem Gewissen verantworten kann, ohne dass Gott oder die Kirche etwas damit zu tun hätten.

Gibt es diese „neutrale Zone“ wirklich? Was steckt hinter einer solchen Idee?

Die neutrale Zone – eine Spielwiese

In einem Bild ausgedrückt: Es gibt – gemäß dieser Idee – zwischen dem Schöpfer-Gott und dem Geschöpf-Mensch eine Art großer „Spielwiese“. Auf dieser Wiese lässt Gott dem Menschen alle Freiheiten, so dass der Mensch eigene Spielregeln entwickeln und mit anderen Menschen aushandeln kann, ohne Gott oder die Kirche einzubeziehen; ohne dass das eine Auswirkung auf Gut oder Böse, auf mein ewiges Heil oder Unheil hätte.

Hinter diesem Bild der „Spielwiese“ und dem Verständnis von einer „neutralen Zone“, in der ich meine Freiheit gebrauche, steht ein bestimmtes Gottesbild. „Gott“ scheint hier zwar auch – wie in der kirchlichen Lehre bisher – das bzw. der „absolut Gute“ zu sein, der „liebe Gott“, der nur mein Bestes will. Aber es steckt noch mehr dahinter.

Die neutrale Zone – ein Schutz vor dem „Seins-Klumpen“

Letztlich stellt sich jemand, der eine solche Freiheits-Konzeption entwirft, Gott wohl etwa als eine Art „übermächtiges“ Sein vor, als einen Seins-„Klumpen“, unter dessen Gewicht das menschliche kleine Ich vollständig erdrückt werden würde. Es bliebe kein Platz mehr für die menschliche Selbstentfaltung, kein Raum für eigene kreative Ideen, keine Luft zum Atmen. „Wo Gott ist, da kann ich nicht sein“, hatten schon Jean-Paul Sartre und vor ihm Nietzsche sinngemäß formuliert. Das Ressentiment dieser einflussreichen Philosophen scheint auch in der gegenwärtigen Universitäts-Theologie als Hintergedanke latent weiter zu wirken. So wird die hierarchische Schöpfer-Geschöpf-Beziehung einseitig missverstanden und ein „Souverän“- oder „Herrscher“-Gottesbild zurückgewiesen. Denn es besteht der Verdacht, dahinter könne womöglich eine Art „übergriffiger Über-Vater“ stehen, der mir meine Kleinheit schmerzhaft zu Bewusstsein führt und mir sein Gesetz übermächtigend aufzwingen will, mich dressieren und disziplinieren würde.

 Gott auf Augenhöhe

Um dem zu entgehen, wird der „Seins-Klumpen“ in dieser Denkart nun derart zurecht modelliert, dass Gott für den modernen Menschen „erträglich“ bleibt: ein „lieber Gott“ auf „Augenhöhe“, der dem Menschen seine „Spielwiese“ überlässt, in die weder Gott noch Kirche mehr hineinregieren. Wir sind allerdings weder am Anfang noch am Ende unseres Lebens „auf Augenhöhe“, weder gegenüber anderen Menschen noch gegenüber Gott. Der Mensch bleibt ein abhängiges, vulnerables Wesen; möchte sich jedoch gern gegen diese Verletzlichkeit immunisieren.

 Gott – Vater und Freund, nicht Kumpel

Eine Möglichkeit zur Immunisierung ist dieser Entwurf eines Gottesbildes, in dem Gott keinesfalls hierarchisch „über“ dem Menschen stehen darf als Gott-Vater und Schöpfer, der seinem Geschöpf vor- und übergeordnet bleibt. Aufgrund dieser hierarchischen Position kann Er jedoch erst effektiv für mich – und die ganze Welt – da sein und wirken. Jesus zeigt uns in den Evangelien, dass dieses hierarchische Verhältnis zwischen Gott und mir kein bedrückendes Oben und Unten ist, nämlich keine „Knechtschaft“, sondern dass Gott mit uns eine „Freundschaft“ leben will: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde.“ (Joh 15,15)

Wenn jedoch allein diese nicht-hierarchische Freundes-Kategorie Jesu „auf Augenhöhe“ herangezogen wird, ohne das Schöpfer-Geschöpf-Verhältnis theoretisch mitzudenken, dann wird Gott zum „Kumpel“. Einen „Kumpel“ nimmt man weder als Vorgesetzten noch als Gesetzgeber ernst; den kann man entweder für sich und seine Ziele „gewinnen“, oder man sucht sich einen anderen Kumpel.

Was bedeutet es, Geschöpf zu sein?

Das Schöpfer-Geschöpf-Verhältnis ist keines, in dem ich fremdbestimmt (heteronom) bin; auch keines, von dem ich mich absolut loslösen könnte, um völlig selbstbestimmt (autonom) zu existieren. Sondern es ist eine einzigartige Beziehung: Wir sind als Gottes Gegenüber berufen (theonom) wie kein anderes Geschöpf (Tiere, Pflanzen, Dinge).[1]

Denn Gott ist nicht einfach ganz anders als der Mensch – und damit mir unverständlich, unerreichbar. Gott ist auch nicht einfach so wie wir – dann wäre Er als Gott uninteressant, unbedeutend. Gott ist uns ähnlich und doch zugleich anders, weil wir von Ihm als sein Ebenbild geschaffen wurden: zur Liebe, zur Vernunft, zur Verantwortung, zur Freiheit fähig, jedoch nicht auf absolute Weise wie Er, sondern auf relative.

Befreiung durch Christus oder „neutrale Freihandels-Zone“ der Theologen?

Im Blick auf die Dreieinigkeit wird in den gegenwärtigen Denkrichtungen nicht nur der Vater als Schöpfer und Gesetzgeber theoretisch ausgeblendet, sondern auch das Wirken des Heiligen Geistes. Der ist es jedoch, der den Menschen auf seinem Glaubensweg verstehen lässt, dass es sich um ein befreiendes und nicht um ein bedrohliches oder einengendes Vater-Kind-Verhältnis handelt; dass es um Liebe und nicht um Macht geht: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ (Röm 5,5)

Der Heilige Geist offenbart uns, dass Gott unser liebender Vater ist, dass Er keine abstrakte, sondern eine persönliche Beziehung zu uns wünscht. In dieser Liebe können wir, indem wir Christi Erlösungstat für uns persönlich annehmen, Befreiung erleben – Freiheit von Sünden und Lasten, Freiheit durch tiefe innere Heilung. Wenn jedoch diese subjektiv-persönliche „befreiende Erfahrung“ existenziell nicht gemacht und in der Folge theologisch ignoriert wird, dann muss ein abstraktes, neutrales Freiheits-Konstrukt gefunden werden: die neutrale „Freihandels“-Zone zwischen Gott und mir.

In dieser neutralen Zone darf Er mich nicht bedrängen. Auf meiner „Spielwiese“ der Freiheit beanspruche ich, zu meinem Vergnügen und auf meine Kosten zu kommen. Denn hier gelten nicht Seine, sondern meine Regeln zum freien Handeln.

Wenn ich mich nicht von Gott zur Fülle des Lebens befreien lasse, könnte ich meinen, durch die „neutrale Freihandels-Zone“ meine innere Leere füllen zu können. Diese Leere hat jedoch Gott für sich reserviert. Er möchte sie durch seine Liebesbeziehung mit uns Menschen ausfüllen.

Zur Freiheit befreit

Der Schöpfer und „gute Vater“ setzt seine Kinder frei, damit sie Seinen Ruf hören, Ihn freiwillig suchen, antworten und mit Ihm gemeinsam die „Wiese“ bespielen, und zwar nach Seinen klugen und freiheits-bewahrenden Regeln. Bewahrt wird die Freiheit auch gerade in der katholischen Sexuallehre, wenn wir Paulus‘ Warnung ernst nehmen, „die Freiheit nicht als Vorwand für das Fleisch“ zu nehmen, wenn wir also nicht groß von „Freiheit“ sprechen und damit aber nur unsere „Rücksichtslosigkeiten“, „Lieblosigkeiten“ und „egoistischen Begehrlichkeiten“ meinen.

Gott will unsere Freiheit, bringt sie hervor, erlöst uns durch Christus zu ihr hin und bewahrt uns durch den Heiligen Geist darin: „Zur Freiheit seid ihr befreit“ – „Zur Freiheit seid ihr berufen“! (Gal 5,1.13)


[1] „Die Dinge entstehen aus Gottes Befehl; die Person aus seinem Anruf. Dieser aber bedeutet, daß Gott sie zu seinem Du beruft – richtiger, daß er sich selbst dem Menschen zum Du bestimmt.“ Romano Guardini, Welt und Person, Mainz 1988, 144. Hervorhebung durch Bearbeiter.

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Von Dr. phil. Beate Beckmann-Zöller

 freiberufliche Religionsphilosophin, Familienfrau, Dozentin, Referentin in der Erwachsenenbildung, Autorin von Phänomenologie des religiösen Erlebnisses. Edith Stein und Adolf Reinach“ (2000), Frauen bewegen die Päpste. Hildegard von Bingen, Birgitta von Schweden, Caterina von Siena, Mary Ward, Elena Guerra, Edith Stein“ (2010), „Hingabe und Unterwerfung. Christentum und Islam (2016); ehrenamtlich engagiert in der Gemeinschaft Immanuel Ravensburg e.V.

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