Der Exodus ist die Grunderfahrung des Lebens mit Gott. Gott holt seine Kinder – Männer und Frauen – aus der Sklaverei Ägyptens heraus und führt sie in einem dramatischen Wüstenzug über vierzig Jahre ins gelobte Land. Peter Esser macht den Selbstversuch mit Exodus90.
Flüssiges bricht nicht das Fasten!
Wie geht »Rheinische Askese«? – »Man muss auch mal auf ein Opfer verzichten können.« Und »liquidum non frangit ieiunium« weiß der traditionsbewusste Katholik und meint damit den Grundsatz, dass Flüssiges das Fasten nicht bricht. Also Prost!
Auch die Hochfeste gehören unbestritten nicht zu den Fasttagen. Und deshalb streichen wir sie im Kalender rot an und hoffen, dass sie nicht auf einen Sonntag fallen. Die Sonntage sind ja ohnehin vom Fasten ausgenommen, aber das Hochfest des hl. Josef? Und Verkündigung des Herrn? Uff, beides safe!
Halbzeit
Der Sonntag Laetare gilt als die Halbzeitpause der Fastenzeit. Und der Hinweis darauf, dass die Halbzeit eine gute Gelegenheit sei, sich mit dem göttlichen Trainer abzusprechen und das Spiel neu zu ordnen, gehört zum Predigtrepertoire. Vermutlich nicht nur im Rheinland.
Nach meiner Erinnerung hat Heinrich Spaemann in seinem Büchlein »Orientierung am Kinde« festgestellt, dass Gott dem Menschen seit seiner Erschaffung im Paradies einen Fastenvorbehalt mitgegeben habe. Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse sei ihm verwehrt geblieben. Da der Rheinländer aber offenbar separat erschaffen werden musste, weiß er nur zu gut, dass es nicht nur den Fastenvorbehalt gibt, sondern vor allem den Vorbehalt dem Fasten gegenüber.
Exodus 90 – Von Januar bis Ostern
Wie kam ich als bekennender Hochfest-im-Kalender-Markierer dennoch dazu, mich der Männerbewegung »Exodus90« anzuschließen? Wurde mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte? Im Prinzip war es so gekommen. Kein Pate hatte mir die Pistole auf die Brust gesetzt – dazu hatte meine Hausärztin gereicht. Am 6. Januar, dem offiziellen Exodus-Start, hatte ich bereits ein wenig Erfahrung im Verzicht und in der Königsdisziplin der Exodus-Männer, der kalten Dusche am Morgen. Vor allem hatte mich eine Wallfahrt gelehrt, Fasten nicht als Zumutung anzusehen, sondern als Geschenk zu erbitten und zu empfangen.
Das Commitment
Auf was lässt man sich ein, wenn man sich einer Exodus-90-Gruppe anschließt?
- Zunächst auf das hörende Gebet. Der Tag beginnt mit einer stillen Zeit, in der man einen Abschnitt der Bibel betrachtet, der werktags der Geschichte der Wüstenwanderung Israels und sonntags dem Tagesevangelium entnommen wird.
- Auf Bruderschaft. Von Jesus haben wir gelernt, zu zweit zu gehen. Die Jünger, die wir am Ostermontag auf ihrem Weg nach Emmaus antreffen, hatten diese Lektion verinnerlicht, und so konnte der Auferstandene in ihre Mitte treten und sich ihnen beim Brotbrechen zeigen.
- Die sogenannten »Disziplinen« sind nicht neu. Eiskalte Dusche, moderates Fasten und Abstinenz an Mittwochen und Freitagen, Verzicht auf Zwischenmahlzeiten und Süßigkeiten, eine gewisse geistige Disziplin im Verzicht auf unnötige Bildschirmzeit und Musikberieselung stellen den Alltag auf eine eher gesunde Basis. An der Verpflichtung, in der Woche dreimal Sport zu treiben oder für ausreichend Schlaf zu sorgen, scheitere ich bis heute. In einer gewissen Ergebenheit habe ich das Gassigehen und die Hundeschule am Samstag zum Sport erklärt. Sozusagen Hunde-Weit-Zerren.
- Und immer wieder wichtig: Ehrlichkeit bei den wöchentlichen Bruderschaftstreffen. Meist geht es nicht um asketische Höchstleistungen, sondern darum, sich in der Geduld mit uns selbst und mit den Wegen Gottes zu bestärken.
Männerbündisch
Überhaupt: Bruderschaften! Kritik an Exodus hat sich auch prompt am »Männerbündischen« entzündet. Kaum eine Entwicklung der letzten Jahre legt die Krise des Mannseins so offen dar wie das Misstrauen gegenüber männlicher Spiritualität und Gemeinschaft. Die Bruderschaft der Exodus-Männer hat sich einen verloren geglaubten geistlichen Raum zurückerobert, der früher von eben solchen Bruderschaften, Wallfahrtsgemeinschaften und Männerbünden geprägt war.
Wir sind bereits Kinder und Enkel der Koedukation im Erziehungswesen und in der kirchlichen Sozialgestalt. Das hat zwar gute Seiten, aber gesellschaftlich geduldete Männergemeinschaft findet nur noch in der Karikatur ihrer selbst statt. Diese Veranstaltung nennt sich dann »Vatertag«. Die Älteren unseres schütter gewordenen Kirchenchors erinnern sich noch daran, dass Proben früher noch getrennt nach Männer- und Frauenstimmen abgehalten wurden. Und ebenso der Chorausflug.
Gemeinsam wachsen
Solche Räume neu zu entdecken, ist kein Rückfall in alte Rollenmuster, sondern ein Versuch, geistliche Verantwortung neu zu lernen: Männer, die sich gegenseitig im Glauben stärken, einander Rechenschaft geben und gemeinsam wachsen.
Wo findet »Jüngerschaft« statt? In der gegenseitigen Ermutigung, im Verweis auf Christus, der unser Meister ist. Mich tröstet der Gedanke, den ich auf meiner Wallfahrt hatte, als es über eine Geröllhalde einen steilen Weg bergauf ging. Die Reform der Kirche besteht darin, in die Form Jesu Christi eingefügt zu werden. Das können wir nicht allein schaffen. Dazu brauchen wir das Weggeleit der Brüder.
»Dabei handelt es sich nicht um ein kleines, feines und kuscheliges Zusammenkommen, sondern um eine authentische, aufrichtige Brüderlichkeit in einer Gruppe von Männern, die gemeinsam ihre Komfortzone verlassen und ins Licht treten«
charakterisiert Exodus 90 die Bedeutung der Bruderschaft. Kommt also unsere Männergemeinschaft ganz ohne die Botschaft der Frauen aus?
Die große Reformerin
Als ich gemeinsam mit vielen anderen Pilgern meine Geröllhalde erklomm, bemerkte ich die erstaunliche Einheit, die uns miteinander verband – Fromme und Skeptiker miteinander, und mich traf die Erinnerung an die Reformbeschwörung zuhause: »Du hilfst uns, im Glauben den Wandel zu wagen« wird unser kleiner Kirchenchor zu Ostern singen, allerdings ohne mit diesem besungenen Wagnis konkrete Erwartungen zu verbinden. Die Einladung zur Gemeinschaft, zu Gebet und Fasten, zum Hören auf das Wort Gottes – hier kommt sie aus dem Mund der unwahrscheinlichsten Reformerin. Und alle Mitpilger und -pilgerinnen bezeugen, dass es sich hier um die Jungfrau Maria handelt. Ich muss aber nicht die Alpen überqueren, um Gott auf diese Weise entgegenzugehen. Es genügt der Gang bis hin zu mir selbst.
Verhärtet nicht euer Herz
Der Reformweg von Exodus 90 ist dem Auszug Israels aus Ägypten nachempfunden, damit die Brüder nicht beim Goldenen Kalb, bei den Wassern von Mériba oder den Fleischtöpfen der Knechtschaft stehenbleiben. Unsere Männer erkennen im marianischen »Was er euch sagt, das tut« ihr Programm.
Zu Exodus 90 hat sich jedoch ein Schwesterprogramm gebildet – Fiat 90, das sich an Frauen wendet. Während der Schwerpunkt der Männer auf dem Gewinn der Freiheit von Bindungen liegt, fokussiert Fiat 90 auf innerem Wachstum in Christus. »Siehe, mir geschehe nach deinem Wort.«
Zwei Wege – ein Ziel: Wachstum in der Beziehung zu Christus.
Peter Esser
ist 1962 am Niederrhein geboren, arbeitet als Cartoonist und Illustrator und begeistert sich für die Werke von J. R. R. Tolkien. Peter Esser ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.
Beitragsbild: Adobe Stock / wichit

