Gott erscheint uns Menschen. Er lässt sich anschauen, schon in der Krippe. Franz-Josef Roth hat sich Gedanken über den Sinn von Krippendarstellungen gemacht. Er führt uns anhand von Weihnachtsliedern einen Weg vom Sehen über das Schauen bis zur Betrachtung.

Gott macht sich sichtbar

Zu den schönsten Aufgaben in meinem Beruf gehört, von den Grundlagen des christlichen Glaubens zu sprechen – und von der Hoffnung, die er eröffnet. In der Adventszeit führt mich dieser Auftrag regelmäßig in verschiedene Grundschulen meiner Stadt. In der Regel wird dort schon im Advent die Weihnachtsgeschichte in den Blick genommen. Ich erzähle sie nicht nur, sondern gehe dann auch in die Tiefe ihrer eigentlichen Bedeutung. Dabei geht es um den großen Zusammenhang: Vom Kreuz bis zur Krippe, von der Geburt Jesu bis zur Auferstehung. Es geht um Gott, der sich sichtbar macht. Um Gott, der sich anschauen lässt.

Stern über Bethlehem

Die Kinder in den Schulen singen Lieder, die vertraut sind. Eines davon: „Stern über Bethlehem“. Ein Lied, das man kennt – und doch, wie ich festgestellt habe, neu hören kann. Denn bei einer Zeile blieb ich dieses Mal hängen:

„Stern über Bethlehem, wir sind am Ziel. Denn dieser arme Stall birgt doch so viel.“

Wir sind am Ziel. Dieser Satz ließ mich nicht mehr los. Denn wenn das stimmt, dann ist die Krippe mehr als der Anfang einer Geschichte. Dann ist sie ein Zielpunkt. Dann geschieht dort etwas, das weit über Weihnachten hinausweist: In dem Kind in der Krippe lässt sich Gott anschauen.

Die Gottesschau beginnt JETZT

In den Tagen danach wurde mir noch deutlicher, warum mich diese Liedzeile so getroffen hatte. Im christlichen Glauben ist das Anschauen kein Nebenthema. Die Bibel spricht davon, dass der Mensch einmal Gott „von Angesicht zu Angesicht“ schauen wird. Die Theologie nennt das die Gottesschau – das Ziel allen Glaubens, aller Hoffnung.

Und genau hier bekommt die Krippe ihr Gewicht. Das Kind in der Krippe anzuschauen, ist ein Vorauszeichen dafür, eine Einübung: Gott macht sich klein, sichtbar, berührbar, damit wir lernen, ihn anzuschauen. Wer auf das Kind in der Krippe blickt, blickt nicht ins Leere, sondern auf Gott selbst – verborgen, aber wirklich gegenwärtig.

Die Krippe als Wegweiser

Und das verändert den Blick auf den Glauben. Er ist dann nicht nur eine Sammlung von Überzeugungen oder moralischen Regeln. Er ist ein Weg des Sehens. Ein Weg, auf dem wir unser Leben an Christus ausrichten, ihm folgen, in seinen Fußspuren gehen – in der Hoffnung, ihn einmal nicht mehr im Stall, sondern in seiner Herrlichkeit zu schauen.

Mir ist bewusst, dass dieser Gedanke für viele Menschen, selbst für manche Christen, fremd klingt. Doch ohne ihn bleibt die Krippe letztlich harmlos, folgenlos und folglich sinnlos. Dann ist sie Dekoration, Brauchtum, nostalgischer Schmuck. Mit ihm aber wird sie zum Wegweiser: Gott zeigt sich – damit wir lernen, IHN zu sehen.

Sinn von Krippendarstellungen

Diesen Text hatte ich ursprünglich in der Woche vor dem Heiligen Abend zur Veröffentlichung an anderer Stelle verfasst. Die Christmette am 24. Dezember in St. Maria in Stuttgart, die im Ersten des deutschen Fernsehens übertragen wurde, hat mich jedoch dazu bewogen, den Gedanken des Sehens noch einmal weiterzuführen und grundsätzlich über den Sinn von Krippendarstellungen nachzudenken. Dabei soll es hier nicht darum gehen, die konkrete Jesusdarstellung aus besagter Christmette zu beurteilen; das ist andernorts bereits ausführlich und vielfach sachlich geschehen. Hier geht es vielmehr um die Krippendarstellung als solche und um ihre Beziehung zu dem, was wir an Weihnachten im Innersten feiern.

 Aufbrechendes Leben

Ein traditionelles Weihnachtslied bringt das Geheimnis unseres Glaubens, das jede Krippe zur Erscheinung bringen möchte, auf eindrucksvolle Weise zum Klingen: „Jauchzet, ihr Himmel“ (Gotteslob Nr. 251). In dem Lied heißt es unter anderem:

“Gott wendet sich den Verlorenen zu; Gott und der Sünder werden Freunde; seht die Liebe, die sich hier als Liebe zeigt; Gott wird ein Kind, träget und hebet die Sünd.”

Wenn das der Fall ist, dann kann eine bildliche Darstellung dieses Geheimnisses nicht anders als verheißungsvoll und damit wirklich nur schön sein. Genau darum darf dann das Kind in der Krippe, der menschgewordene Gott, überhaupt nicht als Sinnbild einer verletzten und deformierten Menschheit dargestellt werden. Vielmehr muss eine Krippe Ausdruck jenes aufbrechenden Lebens sein, das uns beim Anblick eines Säuglings oder eines kleinen Kindes unwillkürlich berührt, hoffen lässt und nach Ewigkeit heischt. Ein anderes Weihnachtslied verdeutlicht das noch einmal. Dort heißt es

„Glanz strahlt von der Krippe auf“ (Gotteslob Nr. 227,4).

Schönheit als Wesen einer Krippe

Das Wesen einer Krippe ist demnach Schönheit. Deshalb gilt – auch bei aller kulturellen Vielfalt – für jede Darstellung, die das Geheimnis der Menschwerdung Gottes wirklich zur Anschauung bringen will, dass sie die Schönheit Gottes in ihrer zartesten und zärtlichsten Form zum Ausdruck bringen muss.

Das Kreuz bleibt. Der leidende Gottesknecht hat seinen Ort in der Passion. Die Krippe jedoch darf und soll für uns ein Hoffnungsbild sein: ein Bild, das uns darauf vorbereiten möchte, dass das Schöne zur Vollendung gelangt ist, wenn wir IHN in der Ewigkeit schauen.


Franz-Josef Roth,
Pastoralreferent in Dinslaken, Bistum Münster. Franz-Josef Roth ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.


Beitragsbild: Alamy, Roman Milert

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