Der Weg der Heilung und Versöhnung braucht Zeit. Franz-Josef Roth reflektiert die Missbrauchsaufarbeitung im Kontext der Diskussion um Synodalen Weg und notwendiger Evangelisierung und mit Blick auf die Ergebnisse der seit Beginn des Synodalen Weges erschienen Aufarbeitungsstudien in deutschen Bistümern, Landeskirchen und Jugendverbänden. Aus der Perspektive des Glaubens baut er dabei eine Brücke zwischen den verschiedenen Positionen. Seine Empfehlung, nicht nur für die Fastenzeit: das Kreuz Christi betrachten!
Ich erlebe die aktuellen Debatten über Missbrauch, Aufarbeitung und kirchliche Erneuerung nicht nur als Anfrage an die Struktur und auch nicht nur als geistliche Herausforderung, sondern vor allem aus dem Konflikt, dass beide Strömungen konträr gegeneinander zu stehen scheinen. Je länger ich mich damit beschäftige, desto klarer wird mir: Wenn wir uns gegenseitig erklären, welches kirchliche Lager „recht“ hat, nimmt das sowohl die Kraft zur angemessenen Aufarbeitung als auch zur notwendigen geistlichen Erneuerung der Kirche in unserem Land. Zu offensichtlich ist inzwischen, dass Missbrauch nicht nur im priesterlichen Kontext geschehen ist, sondern ebenso in Verbänden, in Peergroups und kirchlich unabhängigen Strukturen jenseits der katholischen Kirche bis in die Breite unserer Gesellschaft.
Alle sind Teil der gefallenen Menschheit
Diese Erkenntnis tut weh. Aber sie ist auch heilsam. Denn sie nimmt den gegenseitigen Schuldzuweisungen den Boden. Sie zwingt uns, tiefer zu schauen, auch über die zwei gegensätzlichen Strömungen der Kirche hinaus. Eine, die den Schwerpunkt auf strukturelle Ursachen legt: Machtgefälle, mangelnde Kontrolle, problematische Systeme. Die andere, die die geistliche Dimension betont: Glaubensverlust, fehlende Umkehr, eine Verkürzung des Evangeliums.
Der Vers aus dem Römerbrief:
„Denn alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren.“ (Röm 3,23),
weist in diesem Fall darauf hin, dass das Gegeneinander der beiden Strömungen nicht nur kontraproduktiv ist, sondern ganz und gar ungeistlich.
Dieser Vers relativiert jede moralische Überlegenheit. Er sagt nicht: Einige haben gesündigt. Er sagt: Alle. Auch ich. Auch wir als Kirche. Auch jede Gruppe, die sich für besonders aufgeklärt oder besonders fromm hält. Wenn ich diesen Satz ernst nehme, kann ich nicht mehr bequem auf „die anderen“ zeigen – auf Kleriker, auf Funktionsträger, auf Verbände oder auf abstrakte Systeme. Dann stehe ich selbst mit im Raum der Schuld. Nicht als Täter, sondern als Teil einer gefallenen Menschheit, die leider immer wieder fähig ist, wegzusehen, zu schweigen, sich selbst zu schützen. Paulus bleibt nicht bei dieser Diagnose stehen. Er schreibt weiter:
„und (alle) werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, aufgrund der Erlösung in Christus Jesus. Ihn hat Gott dazu bestimmt, sein Blut zu vergießen, und durch den Glauben ist sein Blut wirksam. Gott erweist damit seine Gerechtigkeit, indem er die Sünden, die früher begangen wurden, nachlässt.“ (Röm 3,24–25)
Das Kreuz ist die Lösung
Genau das ist entscheidend. Die Lösung liegt weder in perfekten Strukturen noch in moralischer Selbstoptimierung, auch nicht in kirchenpolitischen Siegen. Die Lösung ist verborgen in Jesus Christus – und in seinem Kreuz. Das Kreuz ist der Ort, an dem Schuld ernst genommen wird, ohne Menschen aufzugeben. Der Ort, an dem Wahrheit und Barmherzigkeit sich begegnen. Der Ort, an dem Gott selbst die Konsequenzen menschlicher Schuld trägt.
Systeme begehen keinen Missbrauch
Wir können Missbrauch nur dann wirklich aufarbeiten, wenn wir beides zulassen – die ganze Wahrheit über das Böse und die ganze Tiefe der göttlichen Gnade. Ja, es gibt systemische Ursachen. Und sie müssen benannt und verändert werden. Aber Systeme begehen keinen Missbrauch. Menschen tun das. Menschen entscheiden sich zu handeln, zu schweigen, zu vertuschen oder hinzusehen.
Verantwortung und das Entgegenkommen Gottes
Deshalb bleibt individuelle Verantwortung unverzichtbar. Und zugleich gilt:
„Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ (Röm 5,8)
Das ist das Berührende. Gott wartet nicht, bis wir alles im Griff haben. Er geht uns entgegen – mitten in unsere Unfähigkeit hinein. Gerade an dieser Stelle wird für mich die besondere Verantwortung gegenüber Betroffenen sichtbar. Opfer, Überlebende und Betroffene sind Einzelne. Und sie sind es in einem massiven Ungleichgewicht der Kräfte. Während Täter oft Macht, Stimme und Schutzsysteme hatten, standen Betroffene häufig allein da – nicht gehört, nicht ernst genommen, zum Schweigen gebracht. Deshalb genügt es nicht, sie „mitzudenken“.
Strukturen müssen Betroffene schützen
Ihnen muss die größte Aufmerksamkeit zukommen – von den handelnden Personen ebenso wie von allen Beteiligten in den verschiedenen Systemen. Wenn wir über Schuld sprechen, dürfen wir nie vergessen: Die Verletzungen sind real. Lebensgeschichten wurden gebrochen. Vertrauen zerstört. Glaube erschüttert. Darum heißt Umkehr konkret:
- Zuerst zuhören, nicht erklären.
- Zuerst anerkennen, nicht relativieren.
- Zuerst schützen, nicht institutionell absichern.
Strukturen müssen sich daran messen lassen, wie gut sie Betroffene schützen. Geistliche Erneuerung muss sich daran zeigen, wie wir mit Verwundeten umgehen. Alles andere bleibt leer.
Ich glaube nicht, dass geistliche Erneuerung strukturelle Reformen ersetzt. Ebenso wenig glaube ich aber auch, dass Reformen ohne geistliche Tiefe tragen. Prävention braucht klare Regeln – und Menschen mit geformtem Gewissen. Aufarbeitung braucht Transparenz – und Demut.
Neuanfang mittels geistlichem Prozess
Gerade die Erkenntnis, dass Missbrauch überall vorkam und -kommt, kann, ja muss die unterschiedlichen Strömungen zusammenführen. Denn sie macht deutlich, dass niemand außerhalb des Problems steht – und deshalb auch niemand außerhalb der Verantwortung. Vielleicht liegt hier eine verbindende Klammer zwischen allen gegensätzlichen Strömungen in der Kirche: Wir stehen gemeinsam unter dem Anspruch Gottes. Wir sind gemeinsam angewiesen auf seine Gnade. Und wir sind gemeinsam gerufen zur Umkehr.
Ich wage die Hoffnung, dass aus der Haltung, Schuld gemeinsam anzunehmen und Verantwortung individuell zu tragen, neues Gespräch wachsen kann.
Nicht als taktisches Annähern, sondern als geistlicher Prozess. Wenn wir aufhören, unsere Positionen zu verteidigen, und anfangen, uns selbst in Frage stellen zu lassen. Wenn wir den Mut haben, nicht nur Strukturen zu verändern, sondern auch und zuerst unsere inneren Haltungen.
Und ich glaube noch mehr: Wenn dieser versöhnende Weg in der Kirche gelingt – wenn wir lernen, Wahrheit und Barmherzigkeit zu verbinden, Verantwortung zu übernehmen und zugleich auf Gnade zu vertrauen – dann kann die Kirche wieder genau das werden, wozu sie berufen ist:
Sakrament sein, sichtbares Zeichen dafür,
- dass Heilung und Versöhnung möglich sind.
- dass Schuld nicht das letzte Wort hat.
- dass Umkehr zu Gott Wege öffnet.
Versöhnung entsteht nicht dadurch, dass eine Seite „gewinnt“, sondern dadurch, dass alle anerkennen: Das Problem ist größer als unsere Lager. Versöhnung entsteht nicht dadurch, dass Unterschiede verschwinden, sondern dass wir uns gemeinsam unter das Kreuz stellen. Der Weg der Heilung und der Versöhnung braucht Zeit, nicht nur vierzig Tage lang, eher schon vierzig Jahre. Das ist der Horizont für eine angemessene Bußzeit der Kirche, die genau dort beginnt, wo wir uns nicht länger gegenseitig messen, sondern gemeinsam von Christus und seinem Kreuz her leben.
Franz-Josef Roth
Pastoralreferent in Dinslaken, Bistum Münster. Franz-Josef Roth ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.
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