Früh waren die Wanderer losgelaufen, der neue Tag war noch in Dämmerung eingehüllt. Die Kühle des Morgens hatte sie berührt, sogar ein kleines Frösteln war über manchen Körper gehuscht. Den Morgen des strahlenden Sommertages hatten sie genossen, ihre Kraft gespürt, gespürt wie ihre Glieder allmählich warm und beweglich wurden. Bild auf Bild der durchwanderten Landschaft tat sich auf, Begeisterung und Entzücken weckend. Nach einer Pause spürten sie erstmals die Schwere in ihren Gliedern.

Die erste Wegstrecke hatte mehr Energie gekostet, als im Gehen selbst und in der Kraft des Anfangs wahrzunehmen gewesen war. Aber im erneuten Gehen verging auch noch einmal die Schwere. Nur untergründig war sie jetzt da, die Ahnung der Müdigkeit, doch noch waren die Reserven nicht aufgezehrt. Die Sonne stieg höher, die Wärme verwandelte sich in Hitze, die über dem Land flimmerte. Allmählich verwandelte sich auch die Ahnung von Müdigkeit in eine sehr reale und spürbare. Alle Frische war verbraucht. Das mittlerweile lauwarme Wasser ihrer mitgebrachten Vorräte löschte den Durst nur noch unzulänglich. Man trank es aus widerwilliger Vernunft. Man trank es – und eigentlich wurde dabei der Durst grösser, der Durst nämlich, der nicht nur nach lauwarmer Flüssigkeit verlangte, sondern immer drängender nach Kühle und neuer Frische.

Irgendwann am hohen Mittag zeigte sich dann in der Ferne ein Hügel, mit einem lichten Bestand an Bäumen überstanden, schattenspendend, aber ohne Finsternis. In der Annäherung wurde der Hügel für die Wanderer, weniger wissend, denn ahnend, zum Ort ihrer ganzen, mehr und mehr wachsenden Sehnsucht. Als sie sich seinem Fuß näherten, wurde ihre Sehnsucht unverhofft überboten. Zunächst für ihre Ohren als nur geahntes, dann immer deutlicher werdendes Gurgeln und Plätschern wahrnehmbar, wurde schließlich eine Quelle sichtbar, sprudelnd und im Spiel von Licht und Schatten glitzernd. Die Kühle und Frische des Wassers sogen die Ermüdeten förmlich in sich hinein und ließen sie alle Eingeweide durchdringen. In diesem Augenblick war es für sie, als ob sie das Leben selbst getrunken hätten.

Gott spricht: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ (Offenbarung des Johannes 21,6).

Das ist eine große Verheißung. Gott selbst sagt sie zu. Er spricht ganz persönlich. Im griechischen Originaltext ist das „Ich“ sprachlich sehr betont vorangestellt. Was aber verheißt er? Gott will Leben geben und er gibt es gratis, umsonst, aus reiner und unbegrenzter Freigebigkeit. Es ist das Leben des Auferstandenen. Österliches Leben.

Er schenkt es dem Dürstenden. Durst – das ist ja eine der elementarsten Formen, in der sich die Bedürftigkeit und die Gefährdung des Lebens zeigt. Wir wissen ja, dass wir immerhin einige Wochen ohne Nahrung auskommen können, aber nur wenige Tage, ohne zu trinken. Wird der Durst brennend, dann spüren wir schnell und dramatisch, wie uns die Kraft verlässt und die Lebendigkeit entzogen wird. Das Leben ist gefährdet.

Gott ist die wahre Quelle

So wird der Durst aber auch zum Bild. Er ist das Bild für die Intensivform der Sehnsucht, der Sehnsucht nach Leben überhaupt, nach Stillung dieser Sehnsucht. Wir gieren nach Leben wie der Verdurstende nach Wasser. Und im Bild der Quelle wird die Verheißung für diese Stillung unserer elementaren Lebenssehnsucht sichtbar, nicht irgendeine Flüssigkeit, sondern frisches, klares, glitzerndes, sprudelndes Wasser. Gott sagt sich als diese Quelle und als das Wasser dieser Quelle zu. Denn sein Leben allein kann diesen Durst stillen. Alles andere ist Surrogat. Bestenfalls das lauwarm gewordene Wasser, das uns auf der Wanderung unseres Lebens vor dem Verdursten schützt, schlimmstenfalls etwas, das uns in den Süchten und falschen Bindungen unseres Lebens davon abhält, das wahre Wasser des Lebens zu finden.

Das Wort von der Quelle, die Gott auftut, ja, die letztlich er selbst ist, ist in der Offenbarung des Johannes in die ganz große Perspektive der Verwandlung und Vollendung der Schöpfung gestellt, in der Gott alle Tränen abwischt und uns in ein unüberbietbar bergendes, ganz und gar persönliches Verhältnis zu sich hineinnimmt, weil er endgültig und nicht mehr überbietbar bei uns, in seiner verwandelten Schöpfung, wohnen wird. Der Text spricht für sich und man sollte ihn immer wieder lesen, um seine tröstende Kraft an sich lebendig werden zu lassen. Das jedoch, was hier für die Vollendung der Schöpfung verheißen wird, das gratis geschenkte, frische, kühle, glitzernde Lebenswasser, das schenkt er uns schon jetzt immer wieder als Unterpfand auf der Wanderung und Pilgerfahrt unseres Lebens zu diesem Jerusalem der Vollendung:

1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. 3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! 6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. 7 Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.

 

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von Dr. theol. Martin Brüske

Der Autor ist 1964 im Rheinland geboren, lebt in Fribourg/Schweiz und unterrichtet Ethik am TDS Aarau.

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