Ach? … Das geht? … Ja natürlich, sagt Bernhard Meuser, es wäre sogar ganz einfach. Wir bräuchten dazu nur einen etwas anderen Papst, ein etwas größeres Konzil und zwei völlig neuartige Dogmen, – Dogmen wie es sie noch nie gab. Eines heißt „Ex-Se-Se-Dogma“, das andere „Ordinatio-Feminarum“. Sie finden diese Dogmen schon mal in der Rohfassung im Text. Okay, sie müssten halt noch offiziell abgenickt werden. Aber das dürfte ja kein Problem sein. Oder? Ehe ich es vergesse: Vorsicht, Satire!

Um die Frauenordination in der Katholischen Kirche Wirklichkeit werden zu lassen, fordern nicht wenige Katholikinnen und Katholiken ein Ökumenisches Konzil. Sie verbinden damit die Hoffnung auf einen alles verändernden menschlichen und kirchlichen Kraftakt. Ein „Go!“ für Frauenpriesterinnen könnte nicht nur den Auszug der Frauen aus der Kirche stoppen, sondern auch ein Zeichen sein für die Versöhnung der Kirche mit der Moderne. 

Also, – wie eliminiert man das aus dem traditionellen Lehrbestand der Kirche, – diese provokante Feststellung in Ordinatio Sacerdotalis? Noch einmal im Wortlaut:

„Sie (die Kirche) hält daran fest, dass es aus prinzipiellen Gründen nicht zulässig ist, Frauen zur Priesterweihe zuzulassen. Zu diesen Gründen gehören: das in der Heiligen Schrift bezeugte Vorbild Christi, der nur Männer zu Aposteln wählte, die konstante Praxis der Kirche, die in der ausschließlichen Wahl von Männern Christus nachahmte, und ihr lebendiges Lehramt, das beharrlich daran festhält, daß der Ausschluss von Frauen vom Priesteramt in Übereinstimmung steht mit Gottes Plan für seine Kirche“.

Wichtige Vertreter der Kirche wie Kardinal Hollerich gehen von der Möglichkeit einer lehramtlichen Kehrtwende aus: „Es kann geändert werden.“ Gehen wir diesem Hinweis nach!

Von Konzilien und Dogmen

An das letzte große Konzil – das Zweite Vatikanische Konzil – erinnern sich nur noch ältere Menschen. Etwa 2.500 Kardinäle, Bischöfe und Konzilsväter zogen damals in den Petersdom ein. Heute würde der Petersdom aus den Nähten platzen, müsste man doch Raum allein für 5.398 Bischöfe finden; seither hat sich die Katholische Kirche nämlich nahezu verdoppelt (1,39 Milliarden Mitglieder). Entsprechend schwierig dürfte sich ein wie immer gearteter Einigungsprozess unter den Teilnehmern gestalten. Würde man sich um „Runde Tische“ versammeln, wie das ja bei der Weltsynode geschah, könnte man gleich das Stadio Olimpico anmieten. 

Nun stellen sich viele Menschen unter einem Konzil eine Art demokratisches Kirchenparlament vor, das mit umfassenden konstitutiven Vollmachten ausgestattet ist. Aber beim Einzug der Bischöfe werden keine grün/roten Karten ausgeteilt. Die Art, wie dort beraten wird, hat nur entfernt mit politischen Gepflogenheiten zu tun. Während es in der Politik um Mehrheiten für Meinungen geht, sucht ein Konzil nach Wegen für Wahrheiten. Wahrheiten, die auf eine seltsame Weise in der Welt sind, nämlich durch Mitteilung von Gott. Die dieser Mitteilung glauben, nennt man Christen. Nicht die Sozio-Logie macht sie zur „Kirche“, sondern die Theo-Logie. Ihr Zusammensein geht vom Logos aus und ist Berufung in die heilige Versammlung. Darum ist ihr Organisationsprinzip auch nicht die autonome Selbstverwaltung, bei der gewählte Repräsentanten zusammenkommen, um den Gottesvolkswillen theodemoskopisch nachzujustieren. Die sündigen Menschen, die auf Einladung des Herrn zur Kirche Gottes hinzutreten, leben im permanenten Zustand einer heiligen Überforderung; sie (re)präsentieren gewissermaßen Christus im Heiligen Geist, sind sein „Leib“, vergegenwärtigen und symbolisieren ihn in Wort und Sakrament und einer von Christus selbst gesetzten apostolischen Struktur. Es gehört wesenhaft zur Kirche, dass die Strukturgesetze institutionellen Selbsterhalts hinter der einmal ergangenen, aber jetzt wirksamen Selbstmitteilung Gottes, der Offenbarung, zurücktreten. Ihre Kernüberzeugung lautet: In Jesus ist die Wahrheit über Gott und über den Menschen zu finden. Er ist die Wahrheit in Person. Er ist da. Die Kirche ist in guter Verfassung, wenn sie sich nicht aufplustert, sondern maximal hinter seiner Gegenwart verschwindet.

Wir bewegen uns also im Raum eines Herrschaftswechsels. Herr der Kirche ist Christus, der auferstandene, in der Kirche fortlebende und fortwirkende Herr. Das macht den im Kern heteronomen Charakter der Kirche aus. Das kommt auch in synodalen Versammlungen und erst recht in einem Konzil zum Ausdruck, dessen „wahrer Protagonist“ der Heilige Geist ist, wie Papst Franziskus immer wieder betont. Er hilft den Konzilsvätern in einem geistlichen Prozess herauszufinden, wie sich die Wahrheit Gottes im Heute darstellt. Ein Konzil geht also niemals von „Kundenwünschen“ aus, sondern vom Willen Gottes.

In der Tat kann ein Konzil in der höchsten Form verbindlicher Lehre lehren; es kann ein „Dogma“ erlassen. Dogmatisierungen treten im Leben der Kirche höchst selten und eigentlich nur dann auf den Plan, wenn in einer Frage des Glaubens oder der Sittenlehre große Verwirrung herrscht und die Einheit der Kirche in Gefahr ist. Das haben wir momentan; insofern ist der Ruf nach einem Konzil verstehbar. Zustande kommt ein Dogma durch die präzise Formulierung und allgemeine Anerkennung einer bestimmten Lehre. Das geschieht auf eine höchst feierliche Weise. In einem Dogma ist sich die Kirche so absolut sicher über eine bestimmte ergangene Wahrheit, dass sie diejenigen aus der Kirche ausschließt, die das nicht glauben wollen, was da verkündigt wird. Festgestellt wird nie etwas komplett Neues; definiert wird vielmehr etwas Genaueres zu einem Vorhandenen im Raum der Offenbarungsreligion Christentum. Ein Dogma ist nicht irrational; es erklärt keineswegs, dass aus Kirschkernen Apfelbäume wachsen. Ein neues Dogma muss mindestens implizit in der Heiligen Schrift und der fortdauernden Überlieferung der Kirche nachzuweisen oder mit ihr kongruent sein. Jeder katholische Christ ist danach im Gehorsam verpflichtet, explizit zu glauben, was er implizit ohnehin schon in der Gemeinschaft der Kirche glaubte und was die nun herausgestellte „geoffenbarte Glaubenswahrheit“ noch einmal deutlicher sagt.

Neue Dogmen braucht das Land …

Um die Möglichkeit zur „Frauenordination“ als eine immer schon vorhandene, nur noch nicht enthüllte Glaubenswahrheit in der Katholischen Kirche einzuführen, müsste die Heilige Versammlung aber nicht nur ein Dogma, sondern gleich zwei erlassen. Um das zu verstehen, müssen wir noch einmal auf die Formulierung zurückgreifen, die Papst Johannes Paul II. in „Ordinatio Sacerdotalis“ wählte, dem Dokument, in dem der Papst einen kirchlichen Entscheid in der Frage der Frauenordination ausschloss. Er wählte dazu eine Formulierung, von der ein Dogmenhistoriker sagte, sie sei „knapp unterhalb eines Dogmas“ anzusetzen. Er sprach nicht etwa ein Verbot der Frauenordination aus, sondern stellte vielmehr fest:

„… dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben.“ 

Keine Vollmacht? Um Johannes Paul II. eines Besseren zu belehren und diese Entscheidung „dogmatisch“, also allerletztgültig zu überbieten, müsste es – Rolle rückwärts – zu einer neuerlichen Aufwertung ekklesialer Eigenmacht und einer stärkeren Emanzipation der Kirche von ihrem Ursprung kommen. Die Kirche müsste sozusagen ihr Autonomielevel upgraden. Nun zeichnete sich das Zweite Vatikanische Konzil aber gerade durch die Rückkehr in den Ursprung, die entschiedene Abkehr vom Triumphalismus vergangener Kirchenzeiten, die Verurteilung jeder kirchlichen Selbstherrlichkeit und die konsequente Unterordnung der Kirche unter das Wort Gottes aus. 

Wie könnte sich – um in Sachen Frauenordination „beraten und entscheiden“ zu können und eine kirchliche Legitimation für einen positiven Bescheid zu haben – die Kirche „vollmächtiger“ aufstellen? Sie müsste – um dem Kind einen passenden Namen zu geben – eine Art von „Ex-Se-Se-Dogma“ (Ganz-aus-sich-heraus-Dogma) erlassen, das etwa so lautet: 

„Nachdem Wir nun immer wieder zu Gott gefleht und den Geist der Wahrheit angerufen haben, verkünden, erklären und definieren wir zur Verherrlichung des allmächtigen Gottes … es ist eine von Gott geoffenbarte Wahrheit, dass die Kirche ganz aus sich heraus, freilich nach sorgfältiger Überlegung und  in Übereinstimmung mit neueren theologischen Erkenntnissen sowie einer gründlichen Befragung des Volkes Gottes eigene Lehren erlassen kann, auch wenn sie aus der Heiligen Schrift nicht unmittelbar hervorgehen oder in einem Bruch mit der kontinuierlichen Überlieferung oder Praxis der Kirche erfunden werden. Wenn daher, was Gott verhüte, diese Wahrheit, die von Uns definiert worden ist, zu leugnen oder bewusst in Zweifel zu ziehen wagt, so soll er wissen, dass er vollständig vom göttlichen und katholischen Glauben abgefallen ist.“ 

Man könnte das, wie es Martin Brüske einmal auf die Formel gebracht hat, als „dogmatischen Darwinismus“ bezeichnen: Der Organismus der Kirche gehorcht dem gesellschaftlichen Selektionsdruck und passt sich im Laufe der Zeit komplett an seine Umwelt an. Er startet als Kirschkern und endet als Apfelbaum. Natürlich wird es niemals ein solches, für die Kirche suizidales „Ex-Se-Se-Dogma“ geben, auch wenn sich eine Reihe von Theologen die Versöhnung der Kirche mit der Moderne nicht anders vorstellen können als in einer Hermeneutik des Bruchs und in der schlichten Aufkündigung ihres konstitutiven Prinzips der Unterordnung unter Schrift und Tradition. Man erinnere sich nur an das denkwürdige Vorwort Goertz/Striet zur Buchreihe „Katholizismus im Umbruch“. Das Kuriosum besteht ja darin, dass ausgerechnet liberale Theologen, die sonst Begriffe wie „Dogma“, „Lehramt“, „Hierarchie“ und „Kirche“ nur ironisierend anfassen, eine hypertrophe Verkirchlichung des Glaubens benötigen, damit es in der Kirche zur Implementierung der „Prinzipien moderner Lebensführung“ (Stephan Goertz), der Anerkennung der unbedingten Freiheitsrechte des autonomen Subjekts und zur Augenhöhe mit dem Heute kommen kann. Mit anderen Worten: zum Gewaltakt ihrer selbsterhöhenden Selbstabschaffung.

Geht doch …

… nicht. Gesetzt den Fall, wir hätten ein solches „Ex-Se-Se-Dogma“, auf Grund dessen die Kirche aus sich heraus (und ohne den sicheren Nachweis aus Schrift und Tradition) befugt wäre, allerlei modernestörende Kontinuitäten abzuschaffen und durch „neue Lehre“ zu ersetzen – man denke nur an „authentischer Sex in der lebenslangen, treuen Ehe“ – gäbe es das also, diese lehrtechnische Grundlage, so wäre auch ein „Ordinatio-Feminarum-Dogma“ möglich, das dann vielleicht so lauten würde: 

Nachdem Wir nun immer wieder zu Gott gefleht und den Geist der Wahrheit angerufen haben, verkünden, erklären und definieren wir zur Verherrlichung des allmächtigen Gottes … es ist eine von Gott geoffenbarte Wahrheit, dass die Kirche nach sorgfältiger Überlegung und in Übereinstimmung mit neueren theologischen und anthropologischen Erkenntnissen, sowie einer gründlichen Befragung des Volkes Gottes nun bestimmt hat, dass auch nichtmännliche Personen das Sakrament der Priesterweihe empfangen können. Wenn daher jemand, was Gott verhüte, diese Wahrheit, die von Uns definiert worden ist, zu leugnen oder bewusst in Zweifel zu ziehen wagt, so soll er wissen, dass er vollständig vom göttlichen und katholischen Glauben abgefallen ist.“ 

Für manche mag das aussehen, als ob sich hier jemand einen Spaß auf Kosten von Frauen macht. Das ist absolut nicht der Fall. Es ist ein etwas deutlicheres Plädoyer dafür, dass Menschen, die in der Kirche lehren (sei es im Hirtenamt, sei es an den Fakultäten), damit aufhören, gutgläubigen Katholikinnen und Katholiken ein X für ein U vorzumachen. Es führt kein Weg um die nüchterne Erkenntnis herum: Typische Aussagen wie: „Jesus würde heute Frauen weihen“ oder: der Wille Jesu, allein Männer zu bestimmen, sei „durch die Forschung der letzten zwei Jahrhunderte widerlegt“, oder: Jesus werde durch „Menschen, nicht durch Männer“ in persona repräsentiert, oder: der Ausschluss von Frauen verdanke sich „klerikalem Dominanzgehabe“, gar dem „sexistischen Willen zur Männerkirchenherrschaft“ (und so endlos weiter), sind vom Aussagetypus her Konjunktivismen, Hypothesen, Postulate, Konstrukte, Mutmaßungen, Interpretamente, freie Interpolationen in den Willen Gottes, in das Bewusstsein Jesu oder der Apostel und Apostelnachfolger, unbewiesene und auch nicht beweisbare Annahmen, dazu unzulässige Historismen, jedenfalls zu keinem Zeitpunkt genügende Grundlage, um per Dogma die Praxis Jesu, der Apostel und der Kirche von Stund an geschlechtsneutral zu interpretieren. Was gilt, gewinnt die Kirche nicht über den Optativ, nicht über funktionale Setzungen der instrumentellen Vernunft, nicht durch progressive Lehrbeherrschung oder als Beschlusssache, sondern durch Kontemplation.

Das Beste, was man mit Illusionen machen kann, ist: Sie zeitig und höchst gründlich zu zerstören. Manche Frauen werden das nicht verstehen und weiter daran festhalten, die Katholische Kirche sei die letzte Institution, die Frauen durch ein Berufsverbot diskriminiert, auch wenn man tausendmal darlegt, dass das apostolische Amt kein Beruf, keine Chefposition und nicht „das Ding am Drücker“ ist, sondern eine Berufung vom Herrn her und ein Dienst in Sichtweite des Kreuzes. Andere werden – entlastet vom Schwebezustand einer populistisch vorgetragenen Illusion – sich der wirklichen Zukunftsaufgabe widmen: die Kirche von Jesus her neu zu denken, so dass Frauen wirklich in ihr eigenes, sehr schönes Charisma finden, statt sich in einem Machtspiel zu verbrauchen, das immer noch daran festhält, die Kirche sei eine noch nicht von Amazonen eroberte Pyramide.

Es würde von allen Männern und Frauen in der Kirche den Respekt verlangen, der da lautet: Jesus, der endzeitliche Bräutigam, könnte sich etwas dabei gedacht haben, dass er „die Zwölf“, darunter so seltsame Adepten wie Petrus und Judas, in den Abendmahlssaal mitnahm, um ihnen das „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ aufzutragen, aber nicht die ihm menschlich so nahestehenden Frauen und Freundinnen. Nicht die eigene Mutter, nicht Frauen, die ihn am Kreuz verbluten sahen, nicht die große und erste Auferstehungszeugin: Maria Magdalena. 

Ein „Ja“, das größer ist als das „Nein“

Die Kirche wird Frauen freilich nur eine Vision geben können, wenn das „Ja“, das sie anzubieten hat, größer ist als das „Nein“, das sie in Treue zu ihrem Ursprung sagen muss. Aus eben diesem Ursprung muss sie Frauen einen Raum eröffnen, in dem sie ganz zu sich und ganz zum Herrn kommen. In dem sie etwas Unersetzliches, von Männern nicht zu Erbringendes in das Gesamtkunstwerk der Kirche einbringen können. Es mag komisch klingen, – aber vielleicht brauchen wir einen Feminismus, den es noch nicht gibt unter den Feminismen in Welt und Kirche – eine Art mariologischen Feminismus, der nicht in den Kirchenputz und die Pfarreranbetung zurückführt, sich aber auch deutlich und selbstbewusst vom lila verknarzten Maria-2.0-Feminismus abhebt.

Ein solcher Gedanke ist freilich nur denkbar im Rahmen einer zeitgenössischen Häresie, – der Annahme nämlich, dass Frauen und Männer verschieden sind. Vielleicht wird man in hundert Jahren die momentane Planierung und Banalisierung geschlechtlicher Unterschiede mit der gleichen schmunzelnden Distanz betrachten, mit der wir heute die Perückenportraits unserer barocken Vorfahren betrachten. Natürlich bedeutet es etwas, ein Vater zu sein. Oder ein Mutter. Und natürlich sind wir dann auf der Spur, wenn es in der Kirche – wie in jeder guten Familie – weder ein Patriarchat und noch ein Matriarchat gibt, auch kein paternalistisches Matriarchat oder ein maternalistisches Patriarchat, wohingegen Mütterlichkeit und Väterlichkeit ganz unersetzliche Ingredienzen sind. Wer im Haus – jenseits von naiven Zuordnungen und Geschlechterschablonen – wirklich bestimmt, wird oft erst auf den zweiten Blick deutlich: der eher „repräsentative“ Vater oder die eher raum- und kulturschaffende Mutter? 

So ist es auch in der Kirche. Eine rein von Männern oder männerimitierenden Frauen bestimmte Kirche verliert ihren Wohlgeruch und zerstört ihr humanes Milieu. „Ohne Mariologie“, hat Hans Urs von Balthasar einmal gesagt, „droht das Christentum unter der Hand unmenschlich zu werden. Die Kirche wird funktionalistisch, seelenlos, ein hektischer Betrieb ohne Ruhepunkt, in lauter Verplanung hinein verfremdet. Und weil in dieser mann-männlichen Welt nur immer neue Ideologien einander ablösen, wird alles polemisch, kritisch, bitter, humorlos und schließlich langweilig, und die Menschen laufen in Massen aus einer solchen Kirche davon.“ Die Kirche ist eine Mutter. Und es wird erst richtig schön in ihr, wenn sich in ihr feinere Aromen, wärmere Töne und ein liebevollerer Umgang etabliert.

Die Kirche darf sich nie wieder den Anschein von Männerherrschaft geben, nie wieder in Klerikalismus zurückfallen, und auch nicht in die Pyramide, es sei denn, wir stellen sie (nach der Empfehlung von Papst Franziskus) auf den Kopf. Besonders Frauen müssen sonst den Eindruck haben, die Kirche sei tatsächlich ein Männerchor, eine patriarchale Hierarchie mit dem Priester an der Spitze, eine Spitze, die ihnen verweigert wird. Wer Frauen heute aus funktionalen Gründen von bestimmten Diensten ausschließt, weil er noch immer der Ansicht ist, Männer „könnten es besser“ und Jesus habe die Besserkönner zu Kirchenherren bestimmt, ist nicht ganz bei Trost. Er sieht nicht, dass Frauen alles können, was Männer auch können. Manches können sie einfach besser, weil sie vielleicht doch sorgender, einfühlsamer, liebevoller und weniger übergriffig sind. Entsprechende Räume für Seelsorge, Katechese, Initiation in den Glauben muss man ihnen erschließen. Und diese Räume sind nicht untergeordnet.

Wäre die „Funktion“ alles, man müsste Männer vom Priesteramt geradezu ausschließen. Es ist aber nicht alles. Es gibt im Herzen kirchlicher Selbstvollzüge noch eine symbolisch-sakramentale Ebene, in der sich Christus als eine reale Gegenwart zeigen soll. In allen Sakramenten ist er in Person der eigentlich Handelnde – und nur so kann man das Faktische plausibel machen, dass der Bräutigam Christus eben Männer in eine bestimmte „ikonische“ Rolle gebracht hat. Ihr steht die Braut Kirche gegenüber. Der ”Priester” hängt isoliert in der Luft, wenn seine Rolle nicht dankbar angenommen wird in einem Milieu, das geprägt ist von einer Fülle von Charismen und Gaben von Männern und Frauen, Jüngerinnen und Jüngern. Den Krieg der Geschlechter in das sakramentale Herz der Kirche zu tragen, ist eine schlechte Idee. Besser ist die Einsicht, dass Männer und Frauen etwas Besonderes sind. Im Leben, der Liebe und der Religion.


Bernhard Meuser
Jahrgang 1953, ist Theologe, Publizist und renommierter Autor zahlreicher Bestseller (u.a. „Christ sein für Einsteiger“, „Beten, eine Sehnsucht“, „Sternstunden“). Er war Initiator und Mitautor des 2011 erschienenen Jugendkatechismus „Youcat“. In seinem Buch „Freie Liebe – Über neue Sexualmoral“ (Fontis Verlag 2020), formuliert er Ecksteine für eine wirklich erneuerte Sexualmoral.

 

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