Ein Herz für schwule Priester, Gendersprache für die liebe Göttin und mehr sexuelle Vielfalt unter der Soutane. Der Synodale Weg geht derzeit den Weg jeder großen Institution, oder wollen wir eher sagen: Sie wird überrannt von derselben wildgewordenen identitären Lobby, die sich ans Werk gemacht hat, den „Neuen Menschen“ und seine sexuelle Freiheit zum Top-Thema der Zukunft zu erheben. Mehr Sex für alle. Jetzt auch für Priester. Es ist nahezu logisch, dass man vor dem letzten gesellschaftlichen Bollwerk, der Katholischen Kirche, nicht Halt machen kann, wenn man eine gesellschaftliche Ordnung komplett auf den Kopf stellen will. Auch diese Bastion muss gebrochen werden, will man Naturrecht oder auch eine höhere Ordnung oberhalb menschlicher Größe verneinen.

Gott ist tot, oder wenigstens entmündigt

Gott ist tot, hoch lebe der Mensch. Ich bin, was ich sein will. Ich darf, was ich will. Wer mich kritisiert, verbreitet Hass und grenzt aus. Die Argumentationskette ist denkbar infantil und kurz, wenn man sich dem nähert, was gemeinhin unter sexueller Vielfalt, Geschlechtergerechtigkeit oder gar Antidiskriminierung subsumiert wird. Gott ist noch hilfreich, aber nur wenn er nett ist. Nahezu irre, wenn sich eine jahrtausendealte Religion, die die Kultur des halben Erdballes mitbegründet hat, auf dies pubertäre Geschrei einlässt als habe man dem intellektuell nichts mehr entgegenzusetzen, nicht einmal einen kleinen Exorzismus. Nachdem die evangelische Kirche bereits derart restlos mit Regenbogenfahnen aus der Abteilung Gender-Theologie eingekleidet wurde, dass selbst der Verhüllungskünstler Christo posthum noch verblassen würde, sind nun also die Katholiken dran.

Rebellion gegen die eigenen Versprechen

Sollte es noch Zweifel gegeben haben, dass die Katholische Kirchen von einer Invasion der LGBT-Lobby betroffen ist, kann dies nun in die Gewissheit überführt werden angesichts immer neuer Papiere, die eiligst zur Debatte für die 4. Vollversammlung des Synodalen Weges vom 8. bis 10. September in Frankfurt noch eingereicht wurden. Man macht sich nicht einmal die Mühe, eigene Gedanken anzutäuschen, sondern bezieht sich teilweise direkt auf die Forderungen der Lobby-Gruppe #outinchurch. Eine Art Ansammlung nicht-heterosexueller Kirchenmitarbeiter, Funktionäre und auch Priester, die zwar alle gerne die Arbeitsverträge mit den satten Gehältern der Katholischen Kirche unterschreiben, jetzt aber die Vertrags-Bedingungen nachträglich verändern wollen. Gerne wird davon geredet, Kirche müsse „angstfreier“ Raum sein für die Mitarbeiter. Auch für jene, die zwar unter klaren Voraussetzungen und Bedingungen freiwillig unterschrieben haben, dass sie den Prinzipien und Glaubensgrundsätzen ihrer Kirche dienen wollen, es heimlich aber gar nicht so gemeint hatten. Man will jetzt auch offen die Prinzipien brechen wollen. Die Lebensführung und auch explizit das Privatleben oder die sexuelle Orientierung sollen keine Rolle mehr spielen dürfen, alles andere sei Ausgrenzung und Angst vor Denunziation.

Neues aus dem Papierberg des Synodalen Weges

Der Passauer Bischof Stefan Oster war es, der erst kürzlich doch sehr nüchtern, aber zielsicher zusammenfasste, dass sich „die inhaltlichen Weichenstellungen beim Synodalen Weg in allen vier Foren direkt oder indirekt auf Sexualität und/oder das Verhältnis der Geschlechter zueinander beziehen – und dass sie damit womöglich, ohne es deutlich zu sagen oder auch ohne es zu sehen (oder ohne es sehen zu wollen?), letztlich die sakramentale Verfassung der Kirche wenigstens antasten oder in der Konsequenz auf lange Sicht sogar aushöhlen.“

Man könnte dazu endlos aus den bereits verabschiedeten Papieren des Synodalen Weges zitieren, damit dieser Text aber nicht ausufert, sei die Aufmerksamkeit auf die neuen Handlungstexte und noch nicht beschlossenen Vorschläge gerichtet, die alle aus der „queeren“ Ecke kommen – ein Sammelbegriff für jene politischen Forderungen analog auch im säkularen und parlamentarischen Raum, die sich im Wesentlichen auf „nicht-heterosexuelle“ Lebensentwürfe und auch Personen beziehen, die sich entsprechend neudeutsch derart „identifizieren“.

Das neue Arbeitsrecht für Menschen im Dienst der Kirche ist der erste Baustein der Agenda. Auf dem Synodalen Weg werden zudem zwei neue Papiere in die erste Abstimmung gehen: Der Text zur „Enttabuisierung und Normalisierung – Voten zur Situation nicht-heterosexueller Priester“ aus dem Synodalforum II und der Text zum „Umgang mit sexueller Vielfalt“ aus dem Synodalforum IV. Und damit das künftig alles auch gleich in der richtigen Tonlage erscheint, existiert jetzt auch ein „Leitfaden für geschlechtersensible Sprache in Beschlüssen des Synodalen Weges“. Dem Präsidium sei die Anwendung „sehr wichtig“; erlaubt seien „vielfältige und kreative Mittel: Abwechseln der Geschlechter, Sternchen* oder Doppelpunkt: (um alle mit einzuschließen), Paarformen, Partizipien, geschlechtsneutrale Begriffe, Funktion statt Person, Verben statt Substantive, „alle“ statt „jeder“, neutrale Formulierungen, Passivkonstruktionen, Abkürzungen, symmetrische Bedeutungszuweisung“ für das perfekt katholische Gender-Esperanto.

Gemeinsam ergeben alle diese Pläne einen durchgemischten queeren Brei. Nur eines zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Thematik: Am Ende sollen auch in der katholischen Kirche dieselben Maßstäbe von Antidiskriminierung und LGBT-Rechten gelten wie im Rest der Gesellschaft. Den meisten Bischöfen dürfte die Brisanz der Suppe, die sich da zusammenbraut, nicht einmal klar sein, wird sie ja auch schluckweise verabreicht statt der gesamten Dosis auf einmal. Betrachten wir die „Zutaten“ dieser feindlichen Übernahme also einmal im Einzelnen.

Mit dem Geld, aber nicht im Namen der Kirche unterwegs

Erster Angriffspunkt auf die Katholische Kirche ist sehr klar der Versuch, flächendeckend ein neues Arbeitsrecht für die Katholische Kirche einzuführen („Grundordnung des kirchlichen Dienstes“) wobei die entscheidende Änderung darin bestehen soll, dass die persönliche Lebensführung der nahezu 800.000 Mitarbeiter in kirchlichen Einrichtungen nicht mehr den katholischen Moralvorstellungen entsprechen müssten. Derzeit besitzt die Kirche ein rechtlich garantiertes eigenes Arbeitsrecht, im Sinne ihrer Lehre passendes Personal anzustellen und Unpassenden den Zugang zu verweigern. Irgendwie auch logisch, dass man als christliche Religion nicht Humanisten, Atheisten, Hindus oder Muslime beschäftigen will, geht es doch um Verkündigung der eigenen Lehre. Jeder Rabbiner und jeder Imam würde übrigens dazu analog nicken.

Das geht uns nichts an

Konkret geht es aber vor allem um die persönliche Lebensführung und das Intimleben, um homosexuelle Mitarbeiter, die gar verpartnert oder säkular „verheiratet“ sind, Geschiedene und Wiederverheiratete usw. „Keiner muss mehr Angst haben, seinen Job zu verlieren, wenn er seine persönliche Intimität lebt. Die geht mich nichts an.“, formulierte etwa Bischof Georg Bätzing, immerhin Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz. Sünde war gestern, Morallehre wird eingestampft. Die Kirche würde sich damit selbst einen Maulkorb verpassen und müsste Mitarbeiter behalten, einstellen und mittragen, die dem christlichen Ehe- und Familienbild nicht entsprechen oder dies selbst von ihrem katholisch finanzierten Schreibtisch aus mit Ansage bekämpfen.

Zahlreiche Bistümer, nicht nur das von Bätzing, haben sich bereits in einem Akt von Selbstaufgabe zu einem „freiwilligen Selbstverzicht“ auf Anwendung des bestehenden Arbeitsrechtes drängen lassen. Man hat es also noch nicht abgeschafft, wendet es aber nicht an.  Es erinnert ein bisschen an den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton, der angesichts von Drogenvorwürfen aus der Jugend vorgab, zwar gekifft, aber nicht inhaliert zuhaben. Alles geschieht natürlich nicht im Namen einer Selbst-Säkularisierung, sondern im Dienst von Toleranz und „angstfreier Kirche“. In Folge darf jetzt der Firm-Unterricht, der Religionsunterricht, Schulleitungen, Kitaleitungen und genaugenommen jeder Dienst auch von jenen vorgenommen werden, die bei der Arbeit eigentlich katholische Grundprinzipien verkörpern und lehren sollten, dies aber aus Überzeugung anders leben. In der freien Wirtschaft wäre es etwa so, als würde die gesamte Marketingabteilung von Audi jetzt mit Mercedes zum Kundengespräch fahren. In der Wirtschaft ein Kündigungsgrund. In der Kirche soll es Standard werden. Das geht uns nichts an. Die moderne Kirche rettet keine verlorenen Seelen mehr, sondern verletzte Egos.

Die selbst-bestimmte Frau unter der Soutane

Richtig spannend würde das neue Arbeitsrecht aber erst an einem ganz neuen Punkt werden, der im Zusammenspiel mit säkularen neuen Gesetzgebungen im Namen der Geschlechtergerechtigkeit gedacht werden muss. Längst haben die Aktivisten von #outinchurch offenbart, dass mit der Akzeptanz für homosexuelle Mitarbeiter oder auch Funktions- und Amtsträger das Ende der geschlechtergerechten Fahnenstange noch lange nicht erreicht wird und die echte Vielfalt der Geschlechter aus ihrer Sicht erst dann vollendet sein wird, wenn explizit alle Geschlechter nach säkularer Definition auf allen Ebenen gleichgestellt sein werden. Zentrale Forderung ist ja ebenfalls die Gleichberechtigung der Frau auf allen Ebenen, also in letzter Konsequenz bis ins Priesteramt und auf den Bischofsstuhl.

Man kann es als besonderes Opfer für die Kirche betrachten, dass ich mich regelmäßig durch einschlägige Publikationen der schwulen Presse lese. Im Szene-Fachblatt „Siegessäule“ fand sich dann auch ein Interview mit Veronika Gräwe , „feministische, queere Katholikin“, lesbische Aktivistin bei #outinchurch und Sprecherin des kirchenpolitischen Arbeitsbündnisses “Katholisches LGBT+Komitee“ die dort auch gleich monierte, es sei im Entwurf zum neuen Arbeitsrecht zwar von Gleichstellung von Mann und Frau die Rede und dass niemand aufgrund seines Geschlechtes“ diskriminiert werden dürfe, es sei aber „nicht klar, ob der Begriff Geschlecht auch trans*, nicht binäre und inter+ Personen einschließt“. Dabei wäre es „superwichtig sie mitzudenken“. Außerdem sei da so viel von „christlichen Werten“ und vom „christlichen Gottes- und Menschenbild“ die Rede, das seien „schwammige Begriffe“, dabei sei das katholische Menschenbild doch sehr „divers“.  Nun könnte man einwenden, dass sich in über 2000 Jahren Theologie und Überlieferung durchaus ein klares christliches Menschenbild längst definiert hat, aber sicher ist noch Luft nach oben. Aber Frau Gräwe stellt auch eine richtige Frage: „Was ist, wenn ich als trans*Person mit der Transition beginne? Verstoße ich dann schon gegen das Menschenbild?“ Was Frau Gräwe nicht fragt, sollte aber angefügt werden: Was, wenn es sich bei der „Trans*Person um einen Priester handelt, der jetzt zur Priesterin wird? Will man ihm seine Weihe dann nehmen? Ginge das überhaupt, oder haben wir dann die erste Priesterin der katholischen Weltkirche in Deutschland?  Was ist mit Frauen, die als „Transmänner“ am Priesterseminar klopfen? Wird ihre Männlichkeit anerkannt? Oder geht uns das auch alles nicht an?

Predigst du noch, oder verklagst du schon?

Man erspare mir bitte die Einwände, dass es doch so weit gar nie käme und dass das ein surreales Beispiel sei, denn ich bin schon so alt, dass ich mich noch gut an die Zeit erinnern kann, als man mir erzählte, dieser ganze Genderquatsch werde sich nie durchsetzen, das sei nur ein irrer Gedanke von durchgeknallten Lesben an der Universität. Faktisch plant unsere Bundesregierung nämlich gerade ein sogenanntes „Selbstbestimmungsgesetz“ das jedem Menschen, auch Priestern, das Recht gäbe, auf dem Standesamt durch einen reinen Verwaltungsakt das eigene Geschlecht zu wechseln.

Ich bin sicher, es findet sich unter den Protagonisten der #outinchurch-Gemeinde genug Böswilligkeit, um so etwas strategisch einfach aus Prinzip einmal mit einem Priester durchzuexerzieren, sobald dies Gesetz da ist. Einfach nur, um die versammelte katholische Welt vor ein Problem zu stellen. In Kombination mit einem Arbeitsrecht, das laut Bischof Bätzing formuliert „Das geht mich nichts an“, könnte sich jede Transfrau samt Transmann irgendwann im Namen der Antidiskriminierung durch alle Instanzen klagen und die Kirche juristisch auf Jahrzehnte beschäftigen. Die Zukunft des Sagbaren innerhalb der katholischen Kirche wird in absehbarer Zeit nicht mehr von Theologen, sondern von Richtern vor Obersten Gerichtshöfen entschieden werden.

Frau Gräwe sieht das übrigens auch so, man hat Klagen im Namen der „Menschenrechte“ längst auf der Agenda. Zitat: „Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat in den letzten Jahren viele Urteile zugunsten von LGBTIQ*-Angestellten gefällt und damit viele Regeln kassiert, die in Deutschland bisher unter das kirchliche Selbstbestimmungsrecht fallen. Die Grundordnung muss angepasst werden, bevor sie vom höchsten europäischen Gericht in Frage gestellt wird.“  Nur der Vollständigkeit halber fordert Frau Gräwe im Namen der LGBT-Bewegung natürlich auch „eine Änderung des Katechismus: Gleichgeschlechtliche Orientierungen und Handlungen sollen nicht mehr Sünde sein.“

Ein Herz für schwule Priester

Damit sind wir nahtlos beim Handlungstext zur Enttabuisierung und Normalisierung nicht-heterosexueller Priester angelangt, der sich vom ersten Satz an auf #outinchurch bezieht (Nicht erst seit der Initiative #OutInChurch ist bekannt, dass ein nicht unerheblicher Teil der katholischen Priester homosexuell, bisexuell oder in anderer Weise nicht heterosexuell orientiert ist.“) Man geht in den Fußnoten von einem 20-Prozent-Anteil aus, freilich ohne statistischen Evidenznachweis, andere Mitglieder der Bewegung verkünden in den sozialen Netzwerken mutig die kühne These, es seien sowieso drei Viertel der Priester schwul.

Weiter im Text: „Nicht-heterosexuelle“ Kleriker führten „Schattenexistenzen, in welche sie durch die geltenden kirchenrechtlichen Bestimmungen und eine diskriminierende kirchliche Praxis gezwungen werden.“ Man spricht von „institutioneller Heuchelei“. Die Betroffenen müssten „einen Teil der eigenen Identität verheimlichen und tabuisieren“, was die „geistige und körperliche Gesundheit“ beeinträchtige. Das sei „ein gravierender Eingriff in die Persönlichkeitsrechte und ein Verstoß gegen die Menschenwürde.“ Die Katholische Lehre ist damit als Menschenrechtsverstoß überführt. „Denunziationsängste“ seien ständige Begleiter vieler „nicht-geouteter nicht-heterosexueller Priester.“ Und deswegen seien sie in Gefahr, „Opfer von Machtmissbrauch zu werden“.

Nun kann naturgemäß nur dann jemand „denunziert“ werden, wenn er ein sichtbares und aktives Sexualverhalten an den Tag legt, denn was und wen interessiert eigentlich der Sex, den ein zölibatär lebender Mensch nicht hat? Eben. Hat er doch Sex, ist das wiederum nicht nur für homosexuelle, sondern für alle Priester ein Bruch mit ihrem Gelübde. Verstörend bleibt der Wunsch dieser Lobby, ihre sexuelle Neigung jedem mitteilen zu wollen, obwohl die Enthaltsamkeit in sexuellen Dingen ihre eigene Entscheidung als Priester wäre.

Wenn homosexuelle Übergriffe nichts mit Sex zu tun haben…

Der statistische Fakt, den alle Missbrauchsstudien weltweit zutage geführt haben, dass es sich bei 70 bis 80 Prozent aller Missbrauchstaten um homosexuelle Übergriffe auf junge Männer handelt, will man nicht im Zusammenhang mit einer Häufung von homosexuellen Männern im Priesteramt verstanden wissen. Man fühlt sich als „Sündenböcke“ zusätzlich diskriminiert. Dass vor allem männliche Jugendliche Opfer sind, sei „hinreichend“ damit erklärbar, dass ja früher rein männliche Ministrantenarbeit und katholische Internate existierten und außerdem habe die MHG-Studie gezeigt, dass diese sexuellen Übergriffe nicht im Zusammenhang mit sexuellen Bedürfnissen stünden, sondern der „Demütigung“ unter Verwendung von sexualisierter Gewalt und dem „Ausleben von Macht“ dienten.

Übersetzt ist das die steile These, dass homosexuelle Übergriffe in der Kirche, immerhin drei Viertel aller Taten, nichts mit homosexueller Neigung zu tun haben, und die männlichen Missbrauchsbetroffenen bloß naheliegende Gelegenheitsopfer zur Ausübung von Machtgelüsten waren. Bestimmt fühlen sich die Opfer jetzt gleich viel besser. Sexueller Missbrauch hat also gar nichts mit Sex zu tun. Man bleibt nahezu sprachlos zurück, dass solche Thesen ernsthaft in Papieren des Synodalen Weges formuliert werden. Die Gegenfrage sei erlaubt: Wieso hatten die heterosexuellen Priester, immerhin die Mehrheit des Klerus, keine Machtgelüste, die sie sexuell ausleben mussten?

Ein Angriff auf Lehre und Kirchenrecht

Es folgt die Forderung, die Katholische Kirche solle die Diskriminierung nicht-heterosexueller Priester aufarbeiten und ihren „institutionellen Schuldanteil“ an dieser Diskriminierung anerkennen. Die „Leidensgeschichten“ der Betroffenen sollen ebenso aufgearbeitet (und vielleicht entschädigt?) werden, wie „die negative Sicht auf Homosexualität und Verteidigung der negativen Sicht auf Homosexualität“. Durch homosexuelles Outing soll mehr „Diversität im Bischofsamt“ sichtbar werden. Man darf gespannt sein, welches Mitglied der Bischofskonferenz hier mutig den ersten Schritt tut.

Wer weiterhin diskriminiert, soll keine „keine Verantwortungs- und Leitungsposition innehaben“ können – das richtet sich als Auftrag an alle Amts- und Verantwortungsträger, sprich an die Priester und Bischöfe. Um das durchzusetzen und zu überwachen, soll die katholische Kirche „mit kirchlichen, staatlichen und zivilgesellschaftlichen Antidiskriminierungsstellen“ zusammenarbeiten.

Der Sprengsatz allein dieser Forderung ist enorm: Es ist eine Einladung an all jene LGBT-Verbände und Antidiskriminierungsstellen, die bereits im säkularen Raum mit staatlichem Geld jeden Widerspruch gegen Genderpolitik mit dem Vorwurf der Hassrede oder gar des Rassismus labeln und mit Gesetzen und Anzeigen zu Leibe rücken. Nicht nur, dass man damit die größten Feinde der katholischen Sexualmoral selbst einlädt, man überreicht den derzeit aggressivsten Lobbygruppen im politischen Diskurs gar die Definitionshoheit darüber, was noch geglaubt und ausgesprochen werden darf. Jeder Bischof, der das unterstützt, kann seine gesamte theologische Bibliothek verbrennen, sie wird nicht mehr gebraucht.

Offen wird zudem gefordert, das Verbot der Weihe für nicht-heterosexuelle Priester „auf weltkirchlicher Ebene“ aufzuheben und dass alle „Negativaussagen hinsichtlich ihrer sexuellen Orientierung in amtskirchlichen Dokumenten gestrichen werden“.  Man fordert also Geschichtslöschung in Dokumenten und die Änderung der „Ratio Fundamentalis Institutionis Sacerdotalis Nr. 199 bis 201“, weil sie die „kirchenrechtliche Grundlage für Diskriminierung“ sei.

„Wir nehmen niemandem etwas“?

Im Fazit: Nicht nur der katholische Katechismus steht auf dem Spiel, alle anderen Bestimmungen, aber auch Dokumente zum Thema Homosexualität sollen mit eliminiert werden, denn sie begründen Menschenrechtsverletzungen, die man im Zweifel vor weltlichen Gerichten klären lassen muss. Hier liegt ein Papier zur Abstimmung vor, das jedem Priester und auch jedem Bischof in totalitärer Manier Negativsanktionen und das Karriereende androht, wenn er noch die Position des katholischen Katechismus zur Frage der Homosexualität gerade unter Klerikern vertritt. „Wir nehmen niemandem etwas“ sagte Bischof Bätzing in der Abschlusspressekonferenz nach der letzten Vollversammlung des Synodalen Weges im Frühjahr. Wenn man Religionsausübung, Meinungsfreiheit und Verkündigung der katholischen Lehre für „nichts“ hält, stimmt dieser Satz natürlich durchaus. Faktisch werden jedoch Bischöfe aufgefordert, ihre Mitbrüder mit Hilfe von staatlichen Antidiskriminierungsstellen in ihrer Religionsausübung einzuschränken, sollten sie beim Thema „schwule Priester“ noch widersprechen wollen.

Die Schöpfungsgeschichte als Wegbereiter der Gewalt

Und wir sind immer noch nicht am Ende, denn das Papier „Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt“ hat auch noch ein paar Forderungen parat, um den Themenkomplex abseits von Homosexualität auch auf alle weiteren Geschlechter auszuweiten. Explizit werden Transgeschlechtlichkeit, Intergeschlechtlichkeit und völlig undefinierte „nicht-binäre“ Varianten von „Geschlechtsausdruck“ und „Geschlechtsidentität“ mit Handlungsbedarf versehen, wird also eine Gender-Black-Box aufgemacht. Das „römisch-katholische Lehramt kenne nur die „ausschließliche Zweigeschlechtlichkeit in Form von Mann und Frau“, das Lehramt „missachte“ und „verkenne“ dabei die Erkenntnisse aus Psychologie, Medizin und Anthropologie. Diese Haltung sei „Verächtlichmachung und Ausgrenzung“ und „mutwillig negative Politisierung von inter- und transgeschlechtlichen Personen in Kirche und Gesellschaft.“

Betroffene unterlägen damit auch in der Kirche der erhöhten Gefahr „Opfer sexualisierter und/oder spiritualisierter Gewalt zu werden, da die Lehre und das Recht der Kirche aufgrund der naturrechtlichen Festlegung der Binarität für ihre Identitäten überhaupt keinen Platz“ vorsehe. Mal abgesehen von der Nachfrage, was denn bitte „spiritualisierte Gewalt“ sein soll, wird hier der göttlichen Schöpfungsgeschichte und allen Naturrechtlern vorgeworfen, Wegbereiter für Gewalt zu sein. Ein Schema, das man im säkularen Gender-Diskurs zur Genüge kennt, dort konzentriert sich der Vorwurf auf „Genderkritik ist rechts“, denn sie stachele zu Hass und Gewalt gegen LGBT-Personen an.

Die Forderungen umfassen dann die Geschlechtseinträge in Taufregistern, die weggelassen werden oder auch veränderbar sein müssten. Segensfeiern für trans- und intergeschlechtliche Paare, falls man ihnen das Sakrament der Ehe verweigere. Die Folgeforderung nach Eheöffnung stehen damit bereits im Raum und konsequent fordert man, die kirchliche Ehevorbereitung auch für Paare, „in denen eine oder beide Personen trans- und/oder intergeschlechtlich sind“ zu ermöglichen. Man fordert eine „von Akzeptanz geprägte geistliche Begleitung für trans- und intergeschlechtliche Gläubige (…). Dazu sollen in allen (Erz-) Diözesen LSBTI*-Beauftragte etabliert“ werden. Priester sollen entsprechende Haltungen und Kompetenzen integral in der Ausbildung erfahren. Keine geschlechtliche „Identität“ soll künftig vom „pastoralen Dienst oder anderen Beschäftigungsverhältnissen ausgeschlossen werden. Die geschlechtliche Identität stellt keinen Loyalitätsverstoß im Sinne der Grundordnung des kirchlichen Dienstes im Rahmen kirchlicher Arbeitsverhältnisse dar.“ Damit dürften dann auch Frau Gräwe und ihre Bündnispartner zufrieden sein in Sachen Arbeitsrecht, denn eine schwammige Selbstidentifikation von Geschlecht fände damit offiziell Einzug in die Kirche.

„Wir empfehlen dem Heiligen Vater“

Was wären die Deutschen, hätten sie für die Welt nicht dringende Empfehlungen zur Errettung derselben? Was uns auf säkularer Ebene als Deutsche weltweit so unglaublich beliebt macht, wird auch im weltkirchlichen Raum nicht ausgelassen. Entsprechend hat man direkte Empfehlungen an Papst Franziskus eingefügt, er möge Sorge tragen, dass die Kirche sich „explizit von Ansichten“ distanziert, „die Inter- und Transgeschlechtlichkeit als krankhafte, negative und / oder gar sündhaft angesehene darstellen.“ Man empfiehlt ihm zudem „eine offene, ernsthafte und grundlegende theologische und humanwissenschaftliche Auseinandersetzung zur in Gottes guter Schöpfung vorhandenen Geschlechtervielfalt anzustoßen.“ Ja, bestimmt hat er noch nie über solche Dinge nachgedacht und vor ihm auch keiner in den letzten 2.000 Jahren. Zitat: „Die normative naturrechtliche Geschlechteranthropologie und ihre Legitimation durch Rekurs auf biblische Schöpfungstexte bedarf der Überprüfung mit den Erkenntnissen moderner Bibelwissenschaft und Theologie.“

Die Kausalkette zur drohenden Gewalt durch katholische Überzeugungen ist auch zum Abschluss noch einmal denkbar simpel aufgebaut: Der Vorwurf und die Nutzung von Begriffen wie „Gender-Ideologie“ und „LSBTIQ Agenda“ schaffe nur Feindbilder, „in manchen Fällen sogar mit Menschenrechtsverletzungen – etwa in Form physischer und psychischer Gewalt“ und das nutzten „Akteur*innen“ und „Politiker*innen“ dort, wo die katholische Kirche noch argumentativ Gewicht habe für ihre „gruppenbezogenen menschenfeindlichen Narrative“. Naturrecht und Schöpfungsgeschichte schaffen also Menschenrechtsverletzung und können gar zur Gewalt führen!

Kein Bischof ist derzeit zu beneiden angesichts dieser Flut an Forderungen, die hier von genau jener „LSBTIQ-Agenda“ an die Katholische Kirche herangetragen werden und sie bereits auch personell geflutet hat. Sie sollten aber zumindest zur Kenntnis nehmen, dass sie sich nicht in einer synodalen Debatte, sondern in einem Angriffskrieg befinden.

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Birgit Kelle

publiziert als freie Journalistin und Kolumnistin für verschiedene Print- und Onlinemedien in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zu den Themen der Frauen-, Familien- und Genderpolitik. Kelle ist Autorin diverser Bücher („Gendergaga“, „MUTTERTIER. Eine Ansage“, „NOCH NORMAL? – Das lässt sich gendern!“ und zuletzt „CAMINO. Mit dem Herzen gehen“). Sie wurde 1975 in Siebenbürgen, Rumänien geboren und ist Mutter von vier Kindern. www.vollekelle.de

 

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Birgit Kelle
publiziert als freie Journalistin und Kolumnistin für verschiedene Print- und Onlinemedien in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zu den Themen der Frauen-, Familien- und Genderpolitik. Kelle ist Autorin diverser Bücher („Gendergaga“, „MUTTERTIER. Eine Ansage“, „NOCH NORMAL? – Das lässt sich gendern!“ und zuletzt „CAMINO. Mit dem Herzen gehen“). Sie wurde 1975 in Siebenbürgen, Rumänien geboren und ist Mutter von vier Kindern. www.vollekelle.de

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