Der Messias kommt in seinen Tempel und begegnet dem Gottesvolk des Alten Bundes, vertreten durch Simeon und Hanna. Helmut Müller meint, die Dramaturgie der Landnahme Gottes in seiner Welt scheint zum Abschluss gekommen zu sein: Simeon bringt es auf den Begriff: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zum Preis deines Volkes Israel“. Die Dramaturgie selbst war für Simeon und Anna als gläubige Juden überraschend, da er nicht auf den Wolken des Himmels (Dan 7,13) kam.
Der allmächtige Gott als Bittsteller vor einer Frau aus Nazareth
Ganz unerwartet kam er, wie Lukas berichtet, in Niedrigkeit, in einer ganz anderen Dramaturgie in die Welt. Die Dramaturgie des Alten Testamentes wird abgelöst und konstituiert damit sogleich auch ein neues Gottesvolk, das mit seinem „Festkalender“ der Ankunft Gottes in der Welt schon neun Monate zuvor am 25. März beginnt.
Die Ouverture ist das “Ja” einer jungen Frau aus Nazareth auf eine Anfrage Gottes durch einen Botenengel, ob er in ihr (!) – in doch eigentlich seine (!) Welt – kommen darf. Das ist alles andere als triumphal – wie etwa eigenmächtig auf den Wolken des Himmels zu kommen.
Er will, wie wir alle, aus dem Mutterschoß einer Frau den Boden dieser Welt betreten. Bis zum 2. Juli, der Begegnung zweier schwangerer Frauen, wird im Festkalender der Ankunft Gottes in seiner Welt nicht mehr gedacht.
Die eine, Elisabeth, ist schwanger mit Johannes, dem letzten Propheten des alten Testaments und die andere, Maria, die Frau aus Nazareth, ist schwanger mit der Erfüllung dieser Prophetie. Sie setzt damit in dieser Begegnung einen neuen Anfang, den Beginn eines Neuen Testaments.
Liturgische Dramaturgie
Das alles prägt natürlich den Anfang des neuen Kirchenjahres im Advent. Darin wird die Dramaturgie noch einmal gesteigert bis zu seinem Höhepunkt an Weihnachten, der dann 40 Tage lang gehalten wird bis eben zum 2. Februar. Wenn es nach mir ginge, stünden Baum und Krippe immer bis zum 2. Februar.
Christen aller Konfessionen sind mit mehr oder weniger Unterschieden in diese Dramaturgie eingespannt. Der Höhepunkt an Weihnachten ist so eindrücklich, dass fast die ganze Welt mitfeiert – immer mehr jedoch nur um des Feierns willen und nicht mehr um den eigentlichen Inhalt des Festes wissend oder ihn bewusst ignorierend. Gar nicht zu reden von dem Festgeheimnis des 2. Februars, an dem die Ankunft des erhofften Erlösers der ganzen Welt festlich präsentiert wird, die sich leider immer mehr schon anderen Dingen zugewandt hat – in diesem Jahr im Rheinland schon recht früh dem Karneval.
Peter Sloterdijk will den Himmel zum Sprechen bringen
Weil das so ist, möchte ich im Folgenden die festliche Feier der Ankunft Gottes in unserer Welt in einem Bewusstsein spiegeln, das sich bewusst und sogar spöttisch dagegen entschieden hat, dass so etwas überhaupt stattgefunden hat. Ich habe mir einen der einflussreichsten agnostischen, ja sogar atheistischen Philosophen der Gegenwart ausgesucht, das zu spiegeln.
Allein die Charakterisierung der Wissenschaft, die sich mit der Menschwerdung Gottes befasst oder befassen sollte, ist schon sarkastisch: Daniel Kehlmann rezensiert ein Buch dieses Philosophen – es handelt sich um Peter Sloterdijk und das Buch hat den Titel Den Himmel zum Sprechen bringen -, das während der Pandemie erschienen ist. Kehlmann beginnt ganz im Sinne des spöttischen Tonfalls von Sloterdijk seine Rezension:
„Zu den Tatsachen unserer Zivilisation, die man außerirdischen Besuchern nur schwer erklären könnte, gehört der Umstand, dass es an unseren Universitäten neben Fakultäten für Philosophie, Wissenschaft, Sprache und Medizin immer noch solche für Theologie gibt. Warum dann nicht auch Alchimie, Drachenkunde oder Astrologie, könnten die Besucher fragen, und sie würden es wohl auch sehr merkwürdig finden, dass man in so vielen Ländern unter dem Druck der Pandemie die Theater schließt, die Kirchen aber offen hält.“
… und auch eine Sehnsucht aus dem Mutterschoß
Mit dieser Ouverture beginnt die Spiegelung dessen, was Christen bewegt, in einem Bewusstseinshorizont, der gerade das nicht feiern will, was Christen bewegt, aber die Sehnsucht kennt, die Christen glauben in der Menschwerdung Gottes erfüllt zu sehen:
Sloterdijk spricht als Atheist von einer „anthropologischen Mystik“, die jeder Mensch erleben könne und schon erlebt hat, nämlich die tiefe Geborgenheit, das „Insein“, im Uterus. Das sei ein Vergangenes Insein, das nie mehr im Leben erreicht wird. Deshalb meint Sloterdijk, Religion würde diese einmalige Innigkeit in die Zukunft denken und zwar als „Insein in Gott“:
In der Religion „wird die Urbekanntschaft erneuert, dann kann die Seele sich zurücksinken lassen an ihren Ort jenseits aller physischen Orte, in der Gewissheit, daß der große Andere [Gott] ihr tiefer innewohnt als sie sich selbst: interior intimo meo“. So zitiert er Augustinus.
In seinem Buch „Nach Gott„ folgen weitere Beispiele tiefen Verständnisses davon, was Religion für die, die an sie glauben, eigentlich ist. Auch die essentielle Verschiedenheit von Mann und Frau über jedes Gendern und jeden platten Funktionalismus hinaus kann so verstanden werden. Diese Ursehnsucht nach dem Insein in Gott kann eigentlich nur der Leib einer Frau sinnfällig abbilden. Deshalb haben auch Männer und Frauen in allen Religionen der Welt unterschiedliche Rollen, die nicht austauschbar sind.
Und nach dem Mutterschoß beginnt der Geburtsfatalismus
All das bringt er in seiner anthropologischen Mystik zum Ausdruck und will Den Himmel zum Sprechen bringen, den er allerdings spöttisch auf die Erde herunterbricht. Sloterdijk meint nämlich, um die Ungeheuerlichkeit der Welt bestehen zu können, phantasieren sich Gläubige einen transzendenten Uterus und nennen ihn Gott. Religion wäre dann bloß transzendierte Tiefenpsychologie.
Im Anschluss an Nietzsche, den er überholt, glaubt er, dass wir Gott gar nicht getötet haben. Denn was es gar nicht gibt, kann man ja nicht töten. „Gott“ ist quasi mit dem Menschen auf die Welt gekommen, der es nicht ertragen hat, aus der Geborgenheit des Uterus entlassen zu sein. Aus diesem Grund spricht er auch von Geburtsfatalismus in einem arte-Interview. Nietzsches „letzter Mensch“ – im Gegensatz zu dessen Übermensch – erträgt diese fatalistische Existenz nicht und erschafft sich einen Gott.
Ertragen des Unerträglichen
Allerdings wird der homo sapiens säkular für ihn in „sozialen Brutkästen groß„, wie er im Interview beschreibt, oder auch in „Verwöhnungskokons“ gepackt. Das alles muss er sich selber schaffen, um den Fatalismus zu ertragen, der mit jeder Geburt beginnt. Das sei die Wahrheit, die wir begreifen und die jeder ertragen muss. Er nennt es „das Ertragen des Unerträglichen.”
Sein ganzes Lebenswerk trägt dieses uterale Insein in die „Sphären“ genannte Trilogie mit den Bänden „Blasen„, „Globen“ und „Schäume„: In jeder sozialen Blase steckt ein Kern von Insein, ebenfalls in den „Globen“ politischen Handelns und in „Schäumen“ kritisiert er die Moderne, dass es ihr in den „Brutkästen“ nicht gelungen ist, in sozialen und politischen Gebilden das Insein von Religionen abzubilden, ohne jeglichen Glauben, dass die ursprüngliche Sehnsucht, die in jedem Uterus gebildet worden ist, Realität werden könne, deshalb das Wort vom Geburtsfatalismus.
Sollte es ein Vater sein (ab Minute 10.55), der das Neugeborene empfängt, hat er dafür nur Worte wie das von der realen Tyrannei übrig. Vermutlich stand dafür ein biographisches Ereignis Pate. Denn sein Vater hatte die Familie verlassen, als er selbst gerade zehn Jahre alt geworden war. Er hat ihn nie mehr gesehen.
Er feiert regelrecht den Vaterverlust in besagtem arte-interview mit Bezug auf Sartre, der in seinem Buch Les mots froh ist, nicht wie Äneas in der griechischen Sage seinen Vater Anchises auf dem Rücken durch die Welt tragen zu müssen. Denn man wäre jetzt von der eventuellen realen Tyrannei eines Vaters (ebd.) befreit. Man könne selbst frei in Büchern seine Väter wählen. Soweit die Negativspiegelung einer ursprünglichen Sehnsucht.
Weihnachten beginnt im Mutterschoß Mariens und endet schließlich im Vaterschoß Gottes
Am Lichtmesstag schauen Christen aber nicht auf einen Geburtsfatalismus zurück, sondern beginnen mit dem Mutterschoß einer Frau,und da sind wir mit Sloterdijk einig: Wir genießen dieses Insein am Anfang unserer Existenz. Mit der Geburt ist dann die Innigkeit zu Ende. Der aus dem Mutterschoß der Jungfrau Geborene ist allerdings jemand, der sein Insein im himmlischen Vater mit uns teilen möchte.
Das Johannesevangelium entschlüsselt uns nämlich dieses Insein des Sohnes im Vater. Im griechischen Original heißt es: Der Sohn ruht im kolpon tou theou – wortwörtlich im Vaterschoß Gottes. Er teilt in Bethlehem im Stall mit uns die Ausgesetztheit in der Welt. Aber schon da wird klar, dass diese Ausgesetztheit im Stall eigentlich eine Hineinnahme in die Feier der himmlischen Liturgie ist, wie der Koblenzer Neutestamentler Rainer Schwindt in seinem Buch der Gesang der Engel die Szene mit den Engeln im Lukasevangelium (13f) deutet.
Mit den Worten Sloterdijks wird so der „Himmel zum Sprechen“ gebracht, nicht spöttisch wie bei ihm, sondern liturgisch. Alle Anwesenden bei der Geburt werden so in dieses Insein hineingeholt. Da bleibt nichts mehr von einem Geburtsfatalismus übrig. Schließlich wird dieses Insein am Lichtmesstag proklamiert für die ganze Welt: Am Lichtmesstag soll dieser Welt ein Licht aufgehen, dass der aus der Jungfrau Geborene, dieses Insein im himmlischen Vater für uns “mitbringt”.
Das ist mehr als es bloß in einem der Brutkästen Sloterdijks zu erleben, an deren säkularer Gestaltung wir sozialethisch tatsächlich mitwirken sollen. Dieses Insein im himmlischen Vater – und damit ist Sloterdijk sicher nicht einverstanden – ist letztlich das Reich Gottes, die communio sanctorum.
Man sollte Sloterdijk dankbar sein, in seiner Trilogie Sphären, die communio sanctorum in säkularen Überlegungen wenigstens als Sehnsucht widergespiegelt zu haben, auch wenn er selbst nicht an die Erfüllung dieser Sehnsucht geglaubt hat, die am Lichtmesstag für die ganze Welt proklamiert wird.
Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor a. D. am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Helmut Müller ist Mitautor des Buches Urworte des Evangeliums“. Zuletzt ist von ihm erschienen: Menschsein zwischen Himmel und Erde – Dominus-Verlag mit einer eindrücklichen Illustration von Peter Esser, in der der Wanderer nicht mehr seine Hand in das leere Räderwerk hinter dem Horizont streckt, sondern in das Deckengewölbe der Wieskirche schaut mit dem auf sein Herz zeigenden Christus. Die Spannung des Hineingenommenseins in die Liebe und das Hinaushängen Heideggers ins Nichts bestimmt die Thematik des Buches.
Beitragsbild: Simeon, (c) Adobe Stock, Carlos Santa Maria

