Der genialen Intuition von Papst Benedikt verdanken wir die Einsicht, dass es nicht nur eine Ökologie der Natur, sondern auch eine Ökologie des Menschen gibt. Der Philosoph Helmut Müller nennt sie die Wirklichkeit 1.0. Erst wenn man weiß, was dem Menschen vom Ursprung her guttut, kann man sich in unserer gebrochenen Wirklichkeit 2.0 sicher bewegen und das Maß des Menschlichen bestimmen.
Eine Ökologie des Menschen spielt auf einer Bühne und hinter deren Kulissen
Wenn von 2.0 die Rede ist, geht es immer um die Weiterentwicklung eines bis dahin Bewährten. Oder anders gewendet, versteht man darunter eine Anpassung an neue Verhältnisse, einen Einbezug innovativer Erkenntnisse oder eine Erneuerung überholter Ansichten. Eine Gegebenheit, eine Version, ein Schema, irgendeine Realität oder Wirklichkeit 1.0 ist dann nicht mehr brauchbar oder nicht mehr auf dem neuesten Stand, so dass diese Gegebenheit 1.0 den Anforderungen neuer Herausforderungen nicht mehr gerecht wird und eine Version 2.0 angesagt ist. Das ist in den folgenden Überlegungen nicht der Fall. Wirklichkeit 1.0 bleibt die maßgebende für 2.0. D. h. in Anwendung dieses Begriffsschemas sind die beiden Wirklichkeiten nur wie die Seiten einer Münze zu verstehen. Wirklichkeit 1.0 ist dann qualitativ die Kopfseite und repräsentiert alles Sinnfällige in dieser Welt und Wirklichkeit 2.0 ist dann die Zahlseite der Münze, sozusagen quantitativ die Expertensicht, wie sie die Natur- und Humanwissenschaften auf den Begriff bringen.
2.0 in diesem Sinne ist also nichts Grundstürzendes, sondern nur ein bewährter Grund in einer anderen Sicht Erweiterndes und selbst nicht neuer Grund. In einer Theatermetapher ausgedrückt ist und bleibt die Wirklichkeit 1.0 die Bühne der unseren fünf Sinnen zugänglichen Wirklichkeit, auf der Altes und Neues gespielt, inszeniert und aufgeführt wird. Requisiten, Bühnentechnik und Schauspiel ändern sich, bleiben aber auf die Bühne hingeordnet. Eine Ökologie des Menschen als Maßstab unseres Verstehens und Handelns umfasst also die Schauspielbühne und die Kulissen dahinter.
Geist und Materie
Welche Parameter sind nun maßgebend für Welt und Wirklichkeit unserer Spezies und für uns selbst? Zunächst muss einmal mit einem Grundmissverständnis aufgeräumt werden: Wir denken gemeinhin alle materialistisch, obwohl nicht jeder in philosophischem Sinne Materialist ist. Wenn wir von Welt und Wirklichkeit sprechen, dann zählen, messen, wiegen, berühren, schauen, fühlen, riechen und hören wir, wie und in welchen Perspektiven sie sich zeigt. Und selbst wenn wir denken oder sogar träumen, sind Klötzchen, Substanzen, Stoff in Gestalt von Materie, auch wenn sie noch so fein strukturiert ist, irgendwie das Maß. Ohne – ich sage einmal –„Klötzchendenken“ haben wir keine Vorstellung, von was wir reden. Das beginnt schon, wenn wir auf die Welt kommen: Wir werden vermessen nach Gewicht, Größe, Kopfumfang und – wie das neue „Klötzchen“ aussieht, wird es nach zwei Geschlechtern einsortiert. Dennoch kommt auch schon ein anderes Maß ins Spiel. Wie soll denn der oder die Kleine heißen, wird gefragt. Und dann wird ein Name genannt. Die feinstoffliche Luftschwingung, die mit dem Aussprechen einhergeht, ist dann sekundär.
Von der feinstofflichen Luftschwingung zum Geist
Mit dem Namen kommt eine andere Dimension als Materie ins Spiel, nämlich Geist. Denn unser Name ist ein Ausdruck dessen, was wir eigentlich sind: Wir sind “Person”, die sich als ganz besondere Persönlichkeit darstellt und entwickeln wird. Und genau diese Dimension – Geist – verschwindet und verbirgt sich wieder in der sinnenhafthaptischen Materialität und Stofflichkeit, die man sehen, hören, anfassen oder angenehm bzw. unangenehm riechen kann. Unser Name steht dann dafür, uns mit allem, was wir sind, zum Ausdruck zu bringen. Oft gibt es schon eine Auswahl von Namen, bevor irgendetwas von dem neuen „Klötzchen“ vorliegt. Das „Klötzchen“ wächst in solchen Fällen schon in den „Namen“, die Person und werdende Persönlichkeit hinein. Die Zygote ist die erste winzig kleine strukturelle Klötzchenbildung des Namens, der dann später dem Neugeborenen zugesprochen wird. Und so sollte auch das Verhältnis von Geist und Materie sein: Die Luftschwingung sollte sekundär bleiben, wenn unser Name ausgesprochen wird. So sollte es sein und bleiben, wenn wir die Welt, in der wir leben und uns selbst vermessen.
Von Elementarteilchen zu Wirks
Das heißt, auf das Ganze unserer Welt und Wirklichkeit und uns selbst bezogen, sollte Geist das Maßgebende sein. Auf den Maßstab eines Jahres heruntergebrochen haben wir zwar erst in den letzten Minuten der Evolution die Bühne dieser Welt betreten. Das sollte uns aber nicht einschüchtern. Jedenfalls können wir auch mit diesem Maßstab die Jahrmilliarden vor uns messen. Dass das nicht überheblich ist, darauf hat der 2014 verstorbene Heisenberg-Schüler Hans Peter Dürr schon verwiesen. Mit seinem Lehrer war er der Auffassung, dass im Anfang nicht das Teilchen war. Mittlerweile spricht man von einem regelrechten Teilchenzoo. Er schlägt vor, nicht von Materie zu sprechen – dieselbe gäbe es nach Dürr gar nicht, sondern Wirks, wie er dies radikal Erste in einer eigenwilligen Wortprägung nannte. Weil weder Teilchen noch Wellen, bzw. Schwingungen gleichzeitig miteinander gemessen werden können – nämlich nur das eine oder das andere – spricht er lieber von Wirkung. Kompakt zusammengefasst, liest sich das so:
„Dürr erforschte das kleinste Teil der Materie. Er wollte wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Und er fand – WIRKS. Im ganz Kleinen gibt es keine Materie mehr, sondern nur das, was üblicherweise zwischen Materieteilchen passiert – Schwingungen, Wellen, Magnetismus. Das kann man messen. Die dazugehörende Materie aber fehlt. Dürrs Conclusio: Die Welt wird nicht von Materie zusammengehalten, sondern von dem, was dazwischen ist – von Beziehungen. Die kleinste Einheit des Kosmos war für ihn daher nicht ein Atom oder ein Quark, sondern ein WIRKS – eine Wirkungseinheit.“ (Harald Koisser).
Wirklichkeit 1.0 und 2.0
Erstaunlicherweise begegnen uns also an der vermeintlich radikalsten und kleinsten materiellen Wurzel von Wirklichkeit, den Elementarteilchen, nicht mehr die radikal winzigste Dimension von Materie, bzw. Mini-Mini-Klötzchen, sondern die andere – philosophisch mit Materie konkurrierende Dimension – Geist. Hans-Peter Dürr nennt sie mit Bezug auf Heisenberg Beziehungen und in eigener Wortschöpfung Wirks.
Sie und ich, lieber Leser, stehen jetzt auch in einer Beziehung – Sie lesend und ich schreibend, aber in der gleichen Wirklichkeit, einer Wirklichkeit 1.0, während die Wirks Hans Peter Dürrs eine Wirklichkeit 2.0 abbilden, die die Wirklichkeit 2.0 Isaac Newtons revolutioniert hat. Durch Zeit und Ort getrennt, befinden wir uns beide – schreibend oder lesend – in einer für homo sapiens und die Nachkommen Adam und Evas typischen Wirklichkeit, um ein Bild zu gebrauchen in einer Spirale von abertausend möglichen Wirklichkeiten – allerdings jeder in einer anderen und originellen Schwingung derselben.
Kopf und Zahl der gleichen Münze
Diese Wirklichkeit teilen wir allerdings auch mit anderen Lebewesen: Für einen Haustierbesitzer ist das ganz offensichtlich. Mit seinem Hund etwa kann er für beide verständlich kommunizieren. D. h. auf Töne bezogen zwischen den Frequenzen 20 bis 20 000 Herz, mit Fledermäusen allerdings nur etwa zwischen 15.000 und 20.000 Herz, der Obergrenze menschlichen Hörvermögens, Hunde dagegen teilen mit Fledermäusen noch eine Klangwelt bis gut 40.000 Herz, während Fledermäuse in einer Hörwirklichkeit bis 200.000 Herz leben. Kein Mensch weiß, was dieser Einschnitt in den – sagen wir – Kuchen der Wirklichkeit für eine Fledermaus bedeutet. Jedes Lebewesen macht einen solchen Ausschnitt in unsere gemeinsame Wirklichkeit und lebt darin seine Wirklichkeit 1.0. Wir sind dabei, all diese Ausschnitte zu messen und können auf die Akustik bezogen all diese Frequenzen auch erzeugen, aber was für eine Wirklichkeit sich über 20 000 Herz auftut, dafür fehlt uns jede Wahrnehmung. Für jeden Kopf der Münze in der Wirklichkeit 1.0 gibt es auch eine Zahl der Wirklichkeit 2.0., sozusagen auf der Rückseite der gleichen Münze. Für uns ist das eine Wirklichkeit 2.0. und zudem noch ein Einschnitt in eine für uns komplett fremde Welt. All unser Fühlen, Empfinden und Sinnen findet nämlich auf der Kopfseite der Münze statt. Für die Fledermaus gibt es nur eine Kopfseite. Das ist ihre Wirklichkeit 1.0. Der Mensch ist das Wesen, das als einziges Lebewesen über seine Wirklichkeit 1.0 hinaus auch in eine Wirklichkeit 2.0 mit seinen Messgeräten vordringen kann. Die Welt der Fledermaus kann er allerdings nur vermessen, nicht erleben.
37° – unser “Normal 0” der Wirklichkeit 1.0
Nur diese Wirklichkeit 1.0 kann er erleben als eine Welt von Tönen, Farben, Wärme, Kälte, Festig-, Flüssig- und Luftigkeit. „Riechigkeit“ ist jetzt eine eigenwillige Begriffsbildung von mir. Aber die passt hierher. Gefühlszustände, Emotionen, Ekstasen in dieser Wirklichkeit 1.0 lassen sich nur mittelbar messen, durch Blutdruck, Herz- und Pulsfrequenz, Fieberthermometer, Hitzewallungen, Zittern, Augenflattern, Schweißausbruch, Hirnaktionsströme oder Harndrang. Und dazu kommt, wenn mehr als 37° Körpertemperatur gemessen wird – sagen wir 40°, dass man vielleicht weiße Mäuse sieht, die kein anderer im gleichen Raum wahrnehmen kann. Gleiches gilt für Substanzen, die man im Blut messen kann, die aber eigentlich nicht dahin gehören.
Wissen durch Bekanntschaft und Wissen durch Beschreibung
Um Wirklichkeiten 1.0, von solchen von 2.0 unterscheiden zu können, sollte man auch zwei Arten von Wissen kennen, die der Philosoph Bertrand Russell unterscheidet. Wissen durch Bekanntschaft und Wissen durch Beschreibung. Wissen durch Bekanntschaft ist genau das Wissen, das meiner ganz persönlichen Schwingung in der Spirale der Wirklichkeit von homo sapiens entspricht. Wenn ich Zahnschmerzen empfinde, ist das ganz ureigenes persönliches Wissen, das nur mir bekannt ist, daher der Begriff Wissen durch Bekanntschaft, die entsprechende Arztrechnung zu den Schmerzen – wenn ich sie nicht simuliert habe – mit der kassenärztlichen Codierung, ist dann das dazu adäquate Wissen durch Beschreibung, das in diesem Fall Expertenwissen ist.
Da wir in einer Ökologie des Menschen Solidarwesen sind, ähnlich wie Wolfsrudel in ihrer Ökologie eine ausgeprägte Sozialität aufweisen und keine Solitärwesen wie arktische Eisbären es sind, kann dieses Wissen durch Bekanntschaft nicht bei dem Einzelnen bleiben, sondern muss sozial kommunikabel sein. Deshalb muss es auch ein Wissen durch Beschreibung geben, das nicht bloß Expertenwissen ist. Wissen durch Beschreibung kann also noch zur Wirklichkeit 1. 0 gehören; nur wenn es Expertenwissen ist, gehört es zur Wirklichkeit 2.0. Im Laufe der Menschheitsgeschichte hat Expertenwissen durch den Aufstieg der Naturwissenschaften so an Macht gewonnen, dass es die ausbalancierte Ökologie des Menschen in seinen Weisen, Wirklichkeiten wahrzunehmen, durcheinander bringt. Es besteht dann zunehmend die Gefahr, dass Wirklichkeiten von 2.0 den Rang von Wirklichkeiten von 1.0 einnehmen, obwohl das Wissen in der Wirklichkeit 2.0 gemäß deren Methode nur hypothetisch sein kann.
Wissen durch Beschreibung wird Herrschaftswissen
Dieses Wissen ist der Natur, auch der Menschennatur durch experimentelle Forschung regelrecht abgerungen worden. Scheler nannte es daher auch Herrschaftswissen. Goethe war skeptisch und meinte, man hätte damit die Natur durch Experimente auf die Folterbank gespannt und wer garantiere, dass die so Erpresste auch sagt, was sie ist. Gegenwärtig erleben wir in der Abtreibungsdiskussion, anlässlich der gescheiterten Nominierung von Frauke Brosius-Gersdorf für das BVG, dass dieses erlangte Wissen verführerisch ist. Die gescheiterte Juristin meinte dem Klötzschen Zygote noch keine Menschenwürde zubilligen zu können – ein Paradebeispiel dafür, was man sich einhandelt, wenn man die Wirklichkeit 1.0 – schwanger sein mit einem Kind – mit einer Erkenntnis, die eigentlich Wirklichkeit 2.0 ist, – vulgär: Zellhaufen – einhandelt und ihr nicht mit der Dimension Geist beginnt. Die Zygote ist potentiell schon Namensträger. Wir waren ausnahmslos alle einmal Zygote, die schon rückbezüglich unseren Namen trug.
Vom Abbild Gottes zur genetischen Verwandtschaft mit Schmeißfliegen
Konkret: Irgendwann, wohl im September 1928 hatte in der Wirklichkeit 2.0 eine Zygote, ein Bio-Klötzchen, die Anlage einer Gaumenspalte und bekam in der Wirklichkeit 1.0 erst am 18. Juni 1929 den Namen Jürgen. Die Eltern Habermas hatten sicherlich davor noch einen Mädchennamen parat. Aber die Zygote in der Wirklichkeit 2.0 aus dem Jahr 1928, war rückbezüglich immer schon der in der Wirklichkeit 1.0 weltberühmte Philosoph Jürgen Habermas, den niemand nach diesem körperlichen Merkmal bemisst, sondern vornehmlich daran, dass aus dieser Zygote schon damals dieser gewaltige Geist heraus wuchs. Und da wir glauben, dass wir nach dem Abbild Gottes geschaffen sind, müsste man eher sagen, jede Zygote wächst schon in einen Geist hinein. Außerdem gehörte diese Zygote nicht zu den zwei Dritteln der Menschheit, die gar nicht geboren werden, weil keine Einnistung stattfand, wie Horst Dreier, der Lehrer von Frauke Brosius-Gersdorf, in einer Possibilienspekulation einmal bemerkte – sodass sie gar nicht in einen „Geist“ hineinwachsen konnten. Aber wer sind wir, dass wir aus einer Erkenntnis der Wirklichkeit 2.0 entscheiden könnten, wer eine Wirklichkeit 1.0 erleben darf? Denn „Wer ist wie Gott?“
Seit biblischen Zeiten wissen wir, dass wir schwanger werden mit Kindern und nicht mit Zellgewebe. Die makkabäische Mutter bringt dieses Wissen zum Ausdruck: „Mein Sohn […] Neun Monate habe ich dich in meinem Leib getragen […] schau dir den Himmel und die Erde an; sieh alles, was es da gibt und erkenne: Gott hat das alles aus dem Nichts erschaffen und so entstehen auch die Menschen“ (2 Makk 7,27f). Jedenfalls lege ich mehr Wert darauf, nach dem Abbild Gottes geschaffen zu sein, als dass ich mit Schmeißfliegen 60 % der Gene gemeinsam habe. Da ist mir das biblische Wissen sympathischer als neue Erkenntnisse, die uns den Zugang zur Wirklichkeit 2.0 möglich machen und uns dazu verführen wollen, unsere Maßstäbe von Welt und Wirklichkeit und uns selbst unserem Herrschaftswissen anzupassen und nicht von unserem Heilswissen her zu denken. Zu einer Ökologie des Menschen gehört auch die Einbettung in eine weitere Wirklichkeit, die unsere Her- und Zukunft benennt.
Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag. Helmut Müller ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.
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