Das Gleichnis vom verlorenen Vater  – oder vom unbarmherzigen Sohn

Eine Glosse von Helmut Müller

Es gibt offenbar zwei Weisen, die Zeichen der Zeit zu deuten: Aus der Perspektive des himmlischen Vaters und aus jener, seiner Kinder. Der Vater deutet die Zeichen der Zeit in einer Einbettung menschlichen Lebens in Zeit und Ewigkeit. Der Sohn meint, die Zeit gleiche einer Offenbarung unbegrenzt formbarer neuer menschlicher Möglichkeiten. Das Gleichnis vom barmherzigen Vater und seinem verlorenen Sohn (Lk 15, 11– 32) will offensichtlich nicht auf einer solchen „Höhe der Zeit“ und der gerade zeitgemäßen Vernünftigkeit des Menschen ausgelegt werden, sondern aus der Tiefe seiner herkünftigen Bezeugung.

Bunte Verlockungen….

Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Die Welt, in der du lebst, ist nicht mehr die meine. Ich lass deine alte Welt hinter mir und werde zeitgemäß in der neuen leben.

Da sagte der Vater zum Sohn. Vertrau auf meine Lebenserfahrung. Menschsein muss nicht in jeder Generation neu erfunden, sondern in den Herausforderungen der Zeit gelebt werden, bis diese in der Ewigkeit endet.

Ganz und gar nicht, sagte der Sohn. Du hast dir dein ganzes Leben all die bunten Verlockungen versagt, und mit den neuen Herausforderungen kommst du auch nicht zurande.

Ich bin jung und flexibel, und ich muss mich neu definieren, dass ich in Zeit und Gesellschaft passe. Ein Rahmen für die Ewigkeit ist nicht erkennbar und warum auch.

… und unbeliebige Herausforderungen

Da wurde das Land, in dem beide lebten von Krankheit, Krieg, wirtschaftlicher und sozialer Not erschüttert.

Der Sohn vertraut Parteien und unterstützt kirchliche Reformen, die Sitten und ihren Verfall neben einander stellen und sogar Verfallsformen fördern. Er glaubt, dass die von den Vätern und Müttern erwirtschafteten Güter von Staat und Kirche auf diese Weise gerechter verteilt werden.

Er hätte gern sein Leben gemäß den Anforderungen der Gesellschaft geführt, die Wirtschaft gab aber nicht her, was man gerecht zu verteilen gedachte. Die Güter wurden knapp und die neuen solidarischen Bande entpuppten sich in der Not als Egoismen solitär handelnder Individuen. Niemand half ihm in seiner Not.

Da dachte er: Ich wende mich an meinen Vater, der wird mir helfen. Doch der Vater war alt und gebrechlich geworden, seine wirtschaftlichen Rücklagen waren aufgebraucht worden und er lebte jetzt im Haushalt seines älteren Sohnes. Er litt an Altersbeschwerden, aber er lebte in der Hoffnung, dass das Leben nicht in dieser Welt endet.

Sitten und ihr Verfall werden gleichrangig

Dem Sohn wurde dabei klar, die familiären Bande aus dem Weltbild seines Vaters waren stärker als die neuen.

Er wollte aber sein Leben und das seines Vaters den neuen Bedingungen anpassen. Dem alten Vater wollte er die Gebrechlichkeit seiner Existenz und dem älteren Bruder dessen Versorgung durch Euthanasie ersparen.

Der Glaube daran, dass Menschsein zwischen Erde und Himmel[1] ausgespannt ist, war ihm fremd geworden, ebenso, dass der Vater seinem Schöpfer dafür in der Eucharistie dankte.

Da er sich von diesem Glauben verabschiedet hatte, ist die Erde zu einem garstigen Ort geworden. Er kann nicht wie sein Vater, einem Schöpfer für dieses Leben in der Eucharistie danken, sondern plant es in Verzweiflung durch Euthanasie zu beenden. Einen Weg in den Himmel kennt er nicht, weil er sein Menschenbild nur den Verlockungen der Zeit angepasst hat und nicht den Herausforderungen, nach denen das Menschenbild seines Vaters schon von den Generationen davor immer wieder neu erprobt und geformt worden war.

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von Dr. phil. Helmut Müller

Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz-Landau. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag, Link: https://www.fe-medien.de/hineingenommen-in-die-liebe

[1] https://www.amazon.de/Menschsein-zwischen-Himmel-Erde-Theologischen/dp/3897104903

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