Lassen Sie sich nach Narnia, in eine Kindheitserzählung und vielleicht schließlich an einen der besonderen diözesanen Wallfahrtsorte zum Heiligen Jahr entführen! Eine Leseranfrage bzw. Bitte zur Veröffentlichung der „Ablasskirchen“ der deutschen Bistümer im Heiligen Jahr, veranlasste Peter Esser zu diesem herrlich anschaulichen Beitrag zum Thema Ablass. In wunderbaren, beinahe selbsterklärenden Bildern, behandelt er das schwierige Thema.
Das Tor nach Narnia
Die kleine Lucy Pevensie entdeckt in einem Kleiderschrank den Zugang zu einer zauberhaften Welt – und damit zu einer Geschichte von Erlösung und Gnade, in der sie zu bestehen hat. Diese Geschichte kam mir prompt in den Sinn, als ich im Begriff war, die Hauskapelle des Klosters Brandenburg an der Iller, das unseren Young Missio Kurs beherbergte, zu betreten. Neben der Tür zur Kapelle las ich den Hinweis, hier befände sich während des Heiligen Jahres 2025 eine vom Bischof von Rottenburg-Stuttgart eingerichtete Pforte der Barmherzigkeit.
Prophetische Zeichenhandlung
Sofort kam mir die kleine Lucy in den Sinn, die mit dem Wandschrank das Portal zum Land Narnia aufgestoßen hat. Natürlich geschieht dieser Ortswechsel immer, wenn wir eine Kirche betreten – oder im Alltag, wenn wir einen Ort betreten, mit dem alte Erinnerungen verknüpft sind. Aber hier wurde das Durchschreiten der Pforte zu einer »prophetischen Zeichenhandlung« (Marie Benkner) in der Annahme von Gottes Barmherzigkeit. In der Abschlussrunde luden wir also unsere Young Missionaries dazu ein, durch die Heilige Pforte zu gehen.
Der Ablass im Glashaus
Natürlich führte das auch bei den katechetisch gut ausgerüsteten Kursteilnehmern zu der Verständnisfrage:
»Wie funktioniert das eigentlich mit dem Ablass?«
Ein einfaches Prinzip kann helfen, die zeitlichen Folgen der Sünde zu verdeutlichen:
Pascal zerdeppert mit seinem Fußball das Gewächshaus im Garten. Niemand hat Pascal beobachtet. Zumindest meint er das. Er versucht zunächst, seine Tat geheim zu halten, besinnt sich aber doch und beichtet das Missgeschick seinen Eltern. Allzusehr lastet das Geheimnis auf seinem Gewissen und auch die Eltern sorgen sich um den plötzlich so stillen Jungen. Froh über seine Ehrlichkeit schließen sie ihn in die Arme und es ist alles wieder gut zwischen Eltern und Sohn. Nur das Glasdach hat sein Teil. Als Folge der Tat verspricht Pascal, den angerichteten Schaden von seinem Taschengeld zu bezahlen. Nachdem Pascal eine Zeitlang gezeigt hat, dass es ihm ernst mit seiner Wiedergutmachung ist, erlassen ihm seine Eltern den Rest der Schuld.
Wie jede Analogie, so hat auch diese ziemliche Ungenauigkeiten und reicht nicht aus, den Unterschied zwischen der Wirkung der Beichte und des Ablasses gründlich zu erläutern. Da helfen der Katechismus der Katholischen Kirche und die Verkündigungsbulle des Heiligen Jahres von Papst Franziskus:
Wie wir jedoch aus eigener Erfahrung wissen, „hinterlässt die Sünde Spuren“, sie hat Folgen: nicht nur äußere, im Sinne von Folgen des begangenen Bösen, sondern auch innere, insofern als „jede Sünde, selbst eine geringfügige, eine schädliche Bindung an die Geschöpfe nach sich [zieht], was der Läuterung bedarf, sei es hier auf Erden, sei es nach dem Tod im sogenannten Purgatorium“. Daher bleiben in unserem schwachen, vom Bösen verführten Menschsein „Folgen der Sünde“. Diese werden durch den Ablass beseitigt, und zwar immer durch die Gnade Christi, der, wie der heilige Paul VI. schrieb, »unser ›Ablass‹« ist.
(Papst Franziskus, Verkündigungsbulle »Spes non confundit«)
Aber Lucys Geschichte? Für Lucy bleibt ihr Leben lang »Narnia« stets der reale Ort der Christusbegegnung, in dem sie dem »wahren Mythos« (C.S. Lewis) von Kreuz und Auferstehung begegnet. Wenn Papst Franziskus uns zum Ablass einlädt, dann lädt er uns ein, sich einer Wirklichkeit zu öffnen, in der wir die göttliche Barmherzigkeit erfahren und lernen, in Jesu Nachfolge Barmherzigkeit zu leben. Dieser Einladung sind auch unsere Young Missionaries gefolgt.
Peter Esser
ist 1962 am Niederrhein geboren, arbeitet als Cartoonist und Illustrator und begeistert sich für die Werke von J. R. R. Tolkien. Peter Esser ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.
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