Was ist eigentlich das „Gute“, von dem so viel die Rede ist und von dem offensichtlich historisch verschiedene Definitionen existieren. Helmut Müller nimmt mit auf eine Reise durch die verschiedenen Denkschulen vom Guten. Wer sie geschaffen, vertreten und auch verworfen hat.

Wer ist nicht schon so gefragt worden, wie es ihm geht? In der Regel antwortet man nicht so schroff wie die ehemalige evangelische Bischöfin Margot Käßmann 2010, als der Westen noch am Hindukusch (Peter Struck 2004) verteidigt werden sollte: „Nichts ist gut in Afghanistan“. Vor Ort könnte sie heute sehen – als Frau mindestens im Hijab – dass doch einiges gut war, damals in Afghanistan. Jetzt, wo die Verteidigung des Westens unter anderen Vorzeichen auf dem Schlachtfeld schon viel näher am Don, genauer im Donbass, geschieht, wird klar, dass natürlich nicht alles gut ist. Aber was gut in genanntem Fall ist, wird in seltsamen Allianzen (Anton Hofreiter und Friedrich Merz) und Mesalliancen (Lars Klingbeil und Kevin Kühnert) diskutiert.

Da gerade schon von entfernten Orten, dem Hindukusch, Afghanistan und dem Donbass die Rede ist, möchte ich meine Reflexion über das Gute – was das eigentlich ist – mit Orten fortfahren. Ich beginne mit einer „Reise nach Jerusalem“. Der Anklang an das Gesellschaftsspiel, das wohl jeder kennt, ist nicht zufällig. Wenn im Spiel jeder Mitspieler einen Stuhl für sich hätte, wäre „alles gut“. Das ist nicht der Fall, sonst wäre es ja auch kein spannendes Gesellschaftsspiel. Bis zum Schluss wird um Plätze gerungen und auch um den letzten Stuhl, damit dann wenigstens einer „gut“ sitzen kann.

Jerusalem

Warum beginne ich mit Jerusalem? Als Christ glaube ich, dass von diesem Ort die Botschaft des Guten schlechthin, nämlich vom Mensch gewordenen Gott ausgegangen ist. Nach Mk 10,18 ist nur einer gut, nämlich Gott. Das ist schon der Gipfel einer langen Geschichte Gottes mit dem auserwählten Volk Israel. Mit der Geburt in Bethlehem, dem Kind aus Nazareth, seiner Verkündigung hauptsächlich in Galiläa und der Besiegelung seiner Botschaft in Jerusalem ist das Gute durch den Gottessohn zur Gänze entfaltet worden. Diesem Menschen aus unserem Fleisch und Blut sollen wir folgen. An den Christen aller Zeiten ist es gelegen, das allzeit Gültige und immer neu zu Sagende diese Botschaft zu entfalten. Jetzt liegt es an unserer Generation, dieser Aufgabe gerecht zu werden. Guardini nannte das zu Enfaltende das heilig Gute.

Athen

Im Imperium romanum wurde das Christentum groß, begegnete und kommunizierte über die ersten Jahrhunderte hinweg mit der Weisheit Griechenlands. Schon im 5. Jahrhundert v. Chr. fragten die alten Griechen nach der eudaimonia, dem guten Leben und unterschieden zwischen aretē (gut ist das, was vollendet ist), das ist das Wort für Tugend und hedonē, (gut ist das, was mir Genuss verschafft), das ist das Wort für Lust. Schon Platon entschied sich in Auseinandersetzung mit den Sophisten dafür, dass die Tugend die Lust dominiert und kultiviert. Athen steht also für das vernünftig Gute. Schon die christliche Antike stellte eine Verbindung des heilig Guten aus Jerusalem mit dem vernünftig Guten aus Athen her.

Rom

Das junge Christentum wuchs im Imperium romanum nicht nur in die Weisheit Athens hinein, sondern auch in die Rechtskultur Roms. Schon Paulus profitierte von dieser Rechtskultur, indem er als römischer Bürger in seinem Rechtsstreit mit den römischen Behörden Palästinas und der jüdischen Tempelaristokratie an den Kaiser in Rom appellierte und so auf Staatskosten nach Rom reiste. Durch den letzten Römer Papst Gregor auf dem Stuhl Petri fand das heilig Gute aus Jerusalem und das vernünftig Gute aus Athen in Rom schließlich seine Integration auch in das juristisch Gute. Man könnte auch sagen, in das gerichtsfeste Gute einer entwickelten Rechtskultur auf hohem Niveau.

Rom, Paris, Neapel

Der Kenner weiß, dass hier von Thomas von Aquin die Rede ist, der alles bisher Genannte in einer einzigartigen Synthese zusammengedacht und entfaltet hatte, sodass auch noch das II. Vatikanische Konzil als einzigen Theologen Thomas nannte, der in der Ausbildung von Theologen berücksichtigt werden sollte. Gerade derjenige aber, der wie kein anderer alles bisher Entfaltete der ursprünglichen Jerusalemer Botschaft in einer philosophisch/theologischen Synthese vereinte, hörte nach einer Vision mit den Worten auf zu schreiben, „dass alles bisher Geschriebene ihm wie Stroh vorkäme“ im Angesicht des göttlich Wirklichen. Wir haben es hier also mit dem in Jerusalem Fleisch gewordenen Guten in visionärer Sicht zu tun. Ich nenne es, obwohl es nicht in Worte zu fassen ist – das vollendet Gute. Thomas hatte es beatitudo – das vollkommene Glück genannt. Ab jetzt – man kann es nicht anders sagen, erfolgt ein Abstieg

Königsberg

Von Thomas von Aquin bis Immanuel Kant hat die philosophia perennis – das immerwährende philosophische Denken – einen weiten Weg zurückgelegt und hat unterwegs die Theologie verloren. Das vollendet Gute kommt bei Kant nur noch hypothetisch „als der gestirnte Himmel über mir“ und das „moralische Gesetz in mir“ vor. Immerhin, muss man sagen, nach dem was philosophiegeschichtlich noch folgen wird. Das Gute verliert jede sinnliche, materiale und werthaltige Grundlage und wird nur noch formalisiert zum kategorischen Imperativ, etwa in folgender Formulierung: Benutze einen Menschen nie als bloßes Mittel, sondern immer schon als Zweck an sich. Ich nenne es einmal das kategorisch Gute. Zum Schluss noch einige ausgewählte, sehr eigenwillige Stationen:

Paris

Damit ist natürlich nicht das Paris von Thomas von Aquin gemeint, sondern das von Michel Foucault, der wieder das griechische hedonē, nicht mehr durch aretē gezügelt als désir, von Schockenhoff u. a. Begehren genannt, zu einem Ausgangspunkt seines Philosophierens macht. Foucault lässt die ganze kunstvolle göttliche Architektur des Guten, an der die christliche Tradition Maß genommen, sich auflösen. In einem viel zitierten Satz schreibt er: Das „Bild des Menschen verschwindet am Meeresufer wie ein Gesicht im Sand“. Er meint damit: Es gibt kein allgemeines und wesentliches Bild des Menschen mehr, nur Einzelne, der in der souci de soi, der Sorge um sich selbst, das Begehren, das in jedem waltet, genussvoll groß werden lässt. Foucault thematisiert nur noch das lustvoll Gute.

Lingen, Freiburg

Leider hat Eberhardt Schockenhoff diesen Gedanken Foucaults nicht mehr im Sinne von Thomas aufgegriffen – was er ja jahrzehntelang in seinem ethischen Hauptwerk getan hat. Die Spannung von Tugend und Lust hat er in seinem letzten Werk Die Kunst zu lieben gänzlich in Lust und Begehren aufgelöst. 112 Einträgen von Begehren und 376 Einträgen von Lust stehen ganze 21 Einträge von Tugend entgegen. Was ist das für eine Kunst zu lieben, wenn ein so großes Missverhältnis besteht? Schockenhoff hat Christus allenfalls auf einen Sokrates reduziert, wenn er nicht schon hinter Platon bei den Sophisten gelandet ist. Sein bekannter Lingener Vortrag macht aus dem lustvoll Guten ein gänzlich gutes Begehren, obwohl die Einladung der Bischöfe zum Vortrag in Lingen anlässlich eines wirklich aus dem Ruder gelaufenen Begehrens, nämlich Missbrauch entstanden ist.

Köln dieser Tage

Am letzten Sonntag im Juni zählte man eine Million Besucher zur Parade zum Christopher Street Day. Bilder, Berichte und auch die Konzeption erwecken den Eindruck, als wäre hier aus einem gänzlich gut geredeten Begehren eine neue Version des Guten entstanden: Ein unterleibsfixiertes Gutes.

Moskau dieser Tage 

Sollte diese Parade in Moskau wahrgenommen worden sein, etwa vom Patriarchen Kirill, und von ihm nicht nur physisch, wie er sein Ausrutschen im Weihwassser genannt hat, sondern metaphysisch, luziferisch, dann wäre es ihm ein Leichtes, sein einheimisches Publikum zu verführen. Ich will nicht wissen, was das bei seinen Gläubigen anrichten, die ja seit Jahren mit fake news gefüttert werden und glauben, man müsste den Westen, bzw. die Menschheit vor dem schlechthin verkörperten Bösen retten, und wenn das nicht möglich wäre, wenigstens den Osten davor schützen. Das ist eigentlich brandgefährlich. Putin hat schon einmal durch eine fehlerhafte Einschätzung einen Krieg begonnen. Wenn das Gute oder das vermeintlich Gute mit Gewalt erzwungen wird, landen wir am Ende beim barbarisch Guten.

 Über die Methodik des barbarisch Guten klärt C. S. Lewis auf. In seiner „Dienstanweisungen für einen Unterteufel“ hatte er dazu angeregt, Missbräuchen falsch zu begegnen, etwa aus dem Ruder gelaufenes Begehren nicht durch Tugend zu bändigen, sondern noch genussvoll zu steigern:

„In jeder Generation machen wir es modern, sich über Laster zu entrüsten, zu dem sie am wenigsten neigt, und fixieren umgekehrt ihre Bejahung auf eine Tugend, die demjenigen Laster am nächsten liegt, das wir gerade pandemisch machen möchten. Bei diesem Spiel lässt man sie alle bei Hochwasser mit Feuerlöschern herumrennen oder sich alle auf die Seite des Bootes drängeln, wo die Bordkante schon fast unter Wasser liegt.“ (C. S. Lewis: Dienstanweisung für einen Unterteufel. Freiburg 2022, 163)


Dr. phil. Helmut Müller 
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz-Landau. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag, Link: https://www.fe-medien.de/hineingenommen-in-die-liebe

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