Homo duplex – „… männlich und weiblich schuf er sie“ (Gen. 1,27)

Teil II Die Ordnung des Seins – der ordo essendi

Gott hat ein Drehbuch des Menschseins geschrieben. In diesem Drehbuch spielt Gott nicht „blinde Kuh“ mit uns, sodass wir blind umhertappen, sondern er hat dafür gesorgt, dass wir unsere Rollen verstehen und sie auch kreativ gestalten können. In Teil II des Vierteilers schreibt Helmut Müller über die Ordnung des Seins.

Der ordo essendi in der Perspektive reflektierten Erkennens

Christliche Welt- und Lebenserfahrung lebt von großen, gottgewollten Ordnungen, die nicht als Gebote, Gesetze und Zwänge missverstanden, sondern als Wegweisungen des Schöpfers zu einem gelingenden und erfüllenden Menschsein erfahren werden sollten. Auf die Gefahr hin, dass diese Rede von gottgewollten Ordnungen defensiv und apologetisch klingt, sollte der Charakter der Bedrohung dieser Ordnungen nicht verschwiegen werden. Selbst dieser Art von Apologetik ganz unverdächtige Zeitzeugen wie Jürgen Habermas reden wieder von einer „Natur“, die vor dem (gen)technologischen Zugriff des Menschen geschützt werden soll. Auch George Steiner teilt in seiner Grammatik der Schöpfung das gleiche Anliegen. Allein schon deshalb, um auch weiterhin ein Maß zu haben, an dem sich menschliches Handeln zu orientieren vermag. Orientierungen sind also eine große Hilfe für Menschen in Zeiten der Orientierungskrise. Ein philosophischer Zeitgenosse, der heute 99-jährige Hermann Lübbe, hat den modernen Menschen einen „Orientierungswaisen„ genannt. Sollte jemand Ordnungen mit Zwängen assoziieren, dem sei gesagt: Der homo sapiens lebt gar nicht in so strengen Ordnungen wie etwa Schmetterlinge, von denen einige auf eine ganz bestimmte Futterpflanze ausgerichtet sind, oder wie Zugvögel mit einer einzigen Landkarte des Bosporus oder der Straße von Gibraltar im Hirn und die keine andere Alternative haben, den Wintern Mittel- und Nordeuropas zu entgehen.

Der Homo duplex ist komplex

Andererseits hat aber Gott diese engen Ordnungen für sie geschaffen, in denen ihr Leben gelingen kann. Die Identifizierung dieser evolutiv entstandenen Ordnungen mit Gottes Schöpferhandlungen sollte für Christen nicht unter naiver Rede subsumiert werden, sondern als Vereinfachung verstanden werden, die die empirische Evolutionstheorie nicht unterschlagen will, aber auf Schöpfung hin durchsichtig machen möchte. Wie phantastisch diese Ordnungen sein können, ist spätestens seit den Tierfilmern Bernhard Grzimek und Heinz Sielmann nicht mehr auf die Fachwelt beschränkt, sondern einem breiten Publikum bekannt. Schon Jesus selbst hat auf diese wunderbaren Ordnungen in seinem Gleichnis von den Vögeln des Himmels und den Lilien des Feldes hingewiesen. Und eine dieser faszinierenden Ordnungen ist auch die Tatsache, dass es den Menschen in zwei Versionen gibt: als homo duplex, männlich und weiblich. Gott hat diese Ordnungen so geschaffen, dass der Mensch als Mann oder Frau jeweils bloß ein Halbfertigprodukt ist. Er hat gewollt, dass Männer oder Frauen in gewissen Hinsichten „stark“ und in anderen Hinsichten „schwach“ sind, und er hat Stärken und Schwächen komplementär über die Geschlechter verteilt.

Ein klein wenig gleicht der Mensch hierin auch den anderen Kreaturen. Denn die Ordnung der Geschlechtlichkeit ist keine exklusive Ordnung für homo sapiens, sondern überzieht beinahe die gesamte lebendige Kreatur. Deshalb „balzen“ Vögel mit ihrem Gefieder, ihrer Stimmgewalt oder -modulation. Das ganze Gehabe, Balzzeiten bei den Vögeln, Rauschzeiten beim Schwarzwild und Brunftzeiten beim Rotwild hat als Adressaten das andere Geschlecht, das dann „schwach“ und in dieser „Schwäche“ erkannt wird und zudem seine „Stärken“ anbietet:

– Fruchtbarkeit,
– Revierdominanz,
– Beziehungsfähigkeit,
– Wiege neuen Lebens zu sein.

Der Homo duplex in der Spannung von Natur und Kultur

Diese Ordnungen lassen sich auf den Menschen nur bedingt übertragen. Aber dennoch: Ist es so schwer, Balz-, Rausch- und Brunftzeiten nachzuempfinden? Wer kann sich nicht des Herzklopfens entsinnen beim ersten Rendezvous – oder Zeiten, in denen man glaubte, auf Wolken zu gehen, aber auch (bei misslungenem „Balzen“) ohne Fallschirm aus selbigen abzustürzen? Bleiben wir bei diesem grandiosen Bild, dass die gesamte lebendige Kreatur „Hochzeit“ feiert; mit anderen Worten: es gibt „hohe Zeiten„, die den grauen Alltag der Daseinsvorsorge unterbrechen. Es ist die wunderbarste aller Ordnungen, die Gott in seine Schöpfung hineingeschaffen hat.

Die Kirschblüte im Frühjahr ist an dieser Stelle ebenso zu nennen wie die Balz des Auerhahns und das Röhren der Hirsche. Bis zum Menschen zieht die Natur alle Register ihrer Ausstattung durch den Schöpfer. Alle Kreaturen legen sich mächtig ins Zeug: Der Hahn wirft sich in die Brust und kräht, der junge Mann be„tont“ mit den Zylindern seiner Harley Davidson – wenn er sich die schon leisten kann – seine Männlichkeit und die junge Frau „unterstreicht“ im wahrsten Sinne des Wortes stundenlang vor dem Spiegel (ein eigener Industriezweig liefert dafür die Produkte) ihre Weiblichkeit. Die Geschlechter rüsten sich für die „Hoch-zeiten“ des Lebens, in denen ein Austausch der „Stärken“ stattfindet und „Schwächen“ ausgeglichen werden. Seit es Geschlechtlichkeit gibt, wird das spannungsreiche Zueinander der Geschlechter auf den Bühnen des Lebens aufgeführt: Ein „Longseller“ von der Erfindung der Sexualität an bis heute. Immer das gleiche Stück, aber mit den phantastischsten Bühnenbildern, exzellenten, originellen und exotischen Hauptdarstellern. Für jede Spezies hat Gott das Stück, das Bühnenbild und die Rollen geschrieben. Allein der Mensch kann das Stück seiner Art in verschiedenen Varianten aufführen. Das ist sowohl Chance als auch Gefahr. Es ist sattsam bekannt, wie oft die Aufführung misslingen kann. Die Scheidungszahlen sprechen Bände, wie oft Menschen den Longseller miserabel aufgeführt haben. Das zeigt, dass das Stück nicht x-beliebig realisiert werden kann. In irgendeiner Art und Weise hat Gott die Rollen so geschrieben, dass nicht alles an ihnen geändert werden kann. Der Hinweis eines innerkirchlich leider noch zu wenig beachteten Meisters christlicher Spiritualität, des Gründers der Schönstattbewegung Joseph Kentenich auf eine Ordnung des Seins – „dem Drehbuch Gottes“ – ist daher nicht von ungefähr. Joseph Kentenich spricht von einem ordo essendi, der die Grundlage für eine Ordnung des Handelns (ordo agendi) sein soll. Vermutlich sind die Begriffe aus der thomistischen Tradition von Scheeben übernommen worden. Wenn Menschen das Stück in der Ordnung des Handelns inszenieren, sollte das Drehbuch Gottes – der Ordnung des Seins – zugrunde gelegt werden. Eigentlich ganz vernünftig, denn das Denken sollte dem Handeln vorausgehen.

Wer schreibt das Drehbuch – Gott, Natur oder wir selbst?

Bis in die Neuzeit war es unstrittig, wie das Drehbuch im abendländischen Kulturkreis gelesen werden sollte. Erkenntnisse der modernen Natur- und Humanwissenschaften, das Kennenlernen anderer Kulturen und ferner Bräuche machten es notwendig, sich Gedanken über die Umsetzung der Seinsordnung in die Ordnung des Handelns zu machen: Wie wird das Drehbuch gelesen und wie das Stück inszeniert? Wie lässt sich über alle Varianten der Inszenierungen hinweg das gemeinsame zugrunde liegende Stück wiedererkennen? Die thomistische Tradition, die Kentenich über Scheeben vermittelt wurde, machte sich über eine notwendige „Erkenntnisordnung“, einen ordo cognoscendi, noch keine – in unserem Sinne – kritischen Gedanken. Bevor auf die Frage nach der Erkenntnisordnung explizit eingegangen wird, hier ein erster Versuch, etwas über das schlechthin Gemeinsame aller Inszenierungen zu sagen.

Erst im vergangenen Jahrhundert haben Menschen begonnen, diesen Stil der Natur zu verwässern, Ordnungen bis zur Unkenntlichkeit zu verschleifen und immer mehr stil- und kulturlos Partnerbeziehungen zu knüpfen und zu leben. Freiheit und größere Lust hatte man sich versprochen, Triebversklavungen und Lustlosigkeit waren oft die Folgen. Aber schon am Ende des letzten Jahrtausends, 1999, sorgte die damals 23-jährige Amerikanerin Wendy Shalit mit einem Buch für Aufmerksamkeit, indem sie, wie sie sagt, den alten Stil wieder einklagt:

„Wir wollen unsere Weiblichkeit zurück haben und den männlichen Anstand dazu.„

In ihrem Buch A Return to Modesty. Discovery the lost Virtue fordert sie ein Zurück zur Bescheidenheit, so in der deutschen Übersetzung mit dem Untertitel Die Wiederentdeckung der Tugenden. Das amerikanische Nachrichtenmagazin Time vom 3.1.1999 schreibt: „Das Buch trifft einen empfindlichen Nerv in einer sexuell überdosierten Gesellschaft, die sich von den Skandalen des letzten Jahres endlich erholen will„. Gemeint ist die Lewinsky-Affäre des amerikanischen Präsidenten. Wer solches, zumindest im Deutschland dieser Tage, wie die Influencerin Jana Highholder von sich gibt, wird belächelt.

Designer und Design

Egal wie man dazu steht: Die Begegnung der Geschlechter verläuft über beinahe alle Kreaturen hinweg asymmetrisch: Ein Geschlecht zeugt, das andere wird schwanger, Körperproportionen, Haut, Feder- und Schuppenkleid variieren, Sozialität ist unterschiedlich entwickelt, Eisbärenmänner sind extreme Einsiedler, Hyänenweibchen außerordentlich sozial. Durch die Geschlechtlichkeit ist den Kreaturen Verschiedenheit schlechthin in die Glieder geschrieben. Wir sollten davon ausgehen, dass das so gewollt ist. Wenn nicht, hätte Gott für uns ja die wenigen annähernden Symmetrien wählen können, die es auch in der Natur gibt: Er hätte uns wie die Schnecken als Zwitter schaffen können, d. h. abwechselnd schwanger werden oder zeugen können oder wie die Seepferdchen, die sowohl zeugen als auch in ihrer Bauchtasche die Eier austragen können, die von einem Weibchen hineingelegt wurden. Wenn es also so um unser geschlechtliches Sein bestellt ist, sollte es heißen: „es lebe der Unterschied„. Mit Joseph Kentenich gesprochen: ordo essendi est ordo agendi, die Ordnung des Seins bestimmt die Ordnung des Handelns, deutlicher: der ordo essendi bestimmt die Erziehung zu Mann- und Frausein, ja disponiert selbst die Berufswahl. Das ist das genaue Gegenteil dessen, was etwa in der Berufung auf Sartre gefordert wird. Die Existenz geht der Essenz voraus, d. h. mein Denken richtet sich nicht nach Vorgegebenem, der ordo essendi ist damit keine Vorgabe des Schöpfers, sondern allein das „Geschöpf“ – ich – bin der Designer meines Schicksals und wähle das Design, das zu mir passt. Es gibt keinen ontologischen Unterschied mehr zwischen einem ordo essendi und einem ordo agendi: Beide „Ordnungen“ entspringen demselben Ich: Design und Designer sind identisch.

Kleiner Unterschied im homo duplex, statt nur noch Unterschied im homo multiplex

In der „alten Ordnung“ gedacht: Natürlich, eine Frau kann eine Fleischerin, Berufsboxerin, Jagdfliegerin werden. Wenn sie diesen Beruf jedoch Jahrzehnte ausübt, wird er sicherlich auch auf ihr Wesen abfärben, falls hier nicht schon zu Beginn der Berufswahl eine ungewöhnliche Prägung der Person vorliegt. Nicht jede Person passt in ein binäres Raster. Im Gegensatz zu den Tieren ist menschliches Sein nämlich weit weniger fixiert. Leiblich wird der Geist des Menschen geschlechtlich-hormonell und neuronal nur disponiert, nicht fixiert. Ordo essendi est ordo agendi bedeutet jedoch, dass Dispositionen nicht abgeschliffen, sondern ausgefaltet werden. Gegengeschlechtliche Ergänzungen durch die Partnerschaft sollten nicht als Ziel die symmetrische Deckungsgleichheit von animus und anima haben, sondern die geschlechtliche Asymmetrie sollte weiter akzenthaft die gegengeschlechtlichen Anteile dominieren.

Der Reichtum der Schöpfung, dass Lebendiges die Spannung, Attraktivität und Polarität des Geschlechtlichen besitzt, macht das Leben reicher, schöner, attraktiver, schöpferischer, aber auch gefährlicher und damit alles andere als langweilig. Der sogenannte „kleine Unterschied“ sollte kultiviert werden, damit der vielfältige, nicht nur leiblich/anatomische Reiz, nicht verloren geht. Dass dies nicht geschieht, dafür ist hormonell und neuronal vorgesorgt. Für die geistig-seelische Verschiedenheit der Geschlechter aber sind wir verantwortlich in der Erziehung unserer Kinder und der eigenen Selbsterziehung. Denn Gott hat uns zu Mitarbeitern seiner Schöpfung berufen und uns nach dem Ruhetag in die Pflicht genommen, die sensibelste, aber auch beseligendste Differenz nach seiner schöpferischen Vorgabe weiterzuentfalten. In der Partnerschaft erfolgt dann allerdings ein Wandel von Mann- und Frausein, nicht nur leiblich, sondern auch geistig-seelisch zu Vater- und Muttersein. Die Asymmetrie von Männlichkeit und Weiblichkeit wird dabei nicht aufgehoben, sondern auf der reiferen Ebene von Väterlichkeit und Mütterlichkeit ausgewogener neu gesetzt.


Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag.  Helmut Müller ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.


Beitragsbild: Peter Esser

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