Anlässlich der Serie Babylon Berlin und der Erfolge der Links- und Rechtsparteien meint Helmut Müller eine rechte und linke Pathologie der Vernunft ausgemacht zu haben in Erinnerung an den Begriff von Kardinal Ratzinger, den dieser den sattsam bekannten Pathologien der Religionen entgegenstellte. Er stellt auch eine liberale Variante in der Serie fest, die politisch machtvoll in der Obama-Administration jenseits des Atlantiks begann, dort eine unsägliche Antwort durch Donald Trump befördert hat, und die bei uns zunehmend eine ehemals christliche Mitte besetzt.

Gleich vier Folgen der vierten Staffel hintereinander wurden am letzten Abend vor dem Wahlsonntag gesendet, mit großer Sympathie für die linke Variante der Pathologie. Dazu kommt, dass die angebliche Mitte in der Serie von bunten Lebensstilen geprägt wird. Irgendwie bezeichnend ist, dass Sozialismus als bindendes Glied der Liaison einer Nationalsozialistin und eines Klassensozialisten vonseiten der Frau genannt wurde. Das fiel mir auf, und ich sehe mich darin bestärkt, dass aus dem sozialistischen Klassen- und Rassensumpf der 20er Jahre zwei Vernunftpathologien auch heute wieder Sumpfblüten mit verschiedenen Farbvarianten hervortreiben.

Vernunft minus Glaube ergibt Vernunftpathologien

Pathologien des Glaubens sind sattsam bekannt. Beim Blick in die Vergangenheit werden sie einem ständig als in Form der legenda negra oder der Kreuzzüge vorgehalten. Der Markenkern eines wahren Christentums ist in einem Verbund von Glauben und Vernunft, die sich gegenseitig befruchten und begrenzen erkennbar. Wäre dieser Markenkern noch auf dem „Markt politischer Entscheidungen“ wirksam, wäre nicht passiert, was der Jesuit Godehard Brüntrup wie folgt auf den Punkt bringt:

„In Sachsen-Anhalt erreichte die AfD 43,8 Prozent, während die CDU auf 17,2 Prozent zurückfiel. In Berlin wurde „Die Linke“ erstmals stärkste Kraft. Die Parteien, die die Bundesrepublik seit 1949 regiert haben, verlieren an beiden Flanken an Boden. Die Öffentlichkeit löst sich nicht in unzählige kleine Blasen gleicher Größe auf. Sie gruppiert sich an den Rändern zu großen Clustern neu. Warum? Peter Sloterdijk liefert in „Zorn und Zeit“ einen Anhaltspunkt. Parteien, so argumentiert er, verhalten sich zur Wut wie Banken zum Geld: Wir hinterlegen unseren Groll bei ihnen, und sie investieren ihn. Wut lässt sich am leichtesten gegen einen Feind mobilisieren. Die Rechte nennt das Establishment und die Migranten. Die Linke nennt das Kapital und die Konzerne. An beiden Flanken tauchen alte antisemitische Muster wieder auf, oft unter dem Deckmantel einer Meinung über Israel.“

Der Blick über den Atlantik

Nachdem die Bush-Administration auf der anderen Seite des Atlantiks Christentum noch nicht verabschiedet hat, sich aber fatalerweise auf ihren christlichen Glauben beruft, um einer terroristischen Bedrohung, die sich auf den muslimischen Gott beruft, Herr zu werden, ist es nicht verwunderlich, dass die Befürworter der vom Glauben gereinigten Vernunft reagieren. Mit dem Titel „Der Herr ist kein Hirte – Wie Religion die Welt vergiftet“ schaffte es ein Buchtitel im Jahr 2007 zum Bestseller Nr. 1 in die New York Times. Denn der Herr scheint ja – den Psalm 22 gegen den Strich gelesen – eben nicht auf „grüne Auen“ zu führen, dafür aber geradezu in „finstere Schluchten“, in denen uns dazu noch alles „Unheil“ erwartet. Das viel anspruchsvollere und seriösere Werk Peter Sloterdijks Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen, auch von 2007, argumentiert geradezu genüsslich für einen Atheismus, indem es seine Finger in die Wunden der drei Monotheismen legt und behauptet, dass alles Elend der Welt in der Unduldsamkeit derselben läge, sofern sie noch nicht durch ein zivilreligiöses Reinigungsbad gegangen seien: Sein Buch endet mit den Worten: „Ich wiederhole es wie ein Credo und wünsche ihm die Kraft, sich mit Feuerzungen auszubreiten: Der zivilisatorische Weg allein ist noch offen.“ Nicht anders sieht es das „Manifest des Evolutionären Humanismus“, in dem Michael Schmidt-Salomon provokativ fragt „Glaubst Du noch oder denkst Du schon?“ Vernunft und Glauben werden hier in einen kontradiktorischen Widerspruch gebracht. So weit drei ausgewählte Autoren, für die Religion eine ausgemachte Glaubenspathologie ist.

Die Geburtshelfer der Vernunftpathologien

Ein hellsichtiger Geist, Antoine Rivarol, hatte aber schon 200 Jahre davor, 1789 geahnt: „Die Laster des Hofes haben die Revolution eingeleitet, die Laster des Volkes werden sie vollenden.“ Nur wenige Jahre später brauchte er nicht mehr prophetisch zu reden, sondern warf den Berufsrevolutionären vor: „Hunderte Neros hätten in zehn Jahrhunderten weniger Verbrechen begangen.“ Ein deutscher Sympathisant derselben Revolutionäre, Georg Forster, hat ebenfalls schon 4 Jahre später, am 16. April 1793, hellsichtig erkannt:

„Die Tyrannei der Vernunft, vielleicht die eisernste von allen, steht der Welt noch bevor … Je edler das Ding und je vortrefflicher, desto teuflischer der Missbrauch. Brand und Überschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird.“

Das 20. Jahrhundert hat dann diese Prophezeiung bestätigt. In den Schwarzen Heften wurde deutlich, dass Martin Heidegger – ein herausragender Philosoph des 20. Jahrhunderts – den verbrecherischen Charakter der nationalsozialistischen Bewegung – von rechts – nicht erkannte. Nicht besser erging es Ernst Bloch – von links –, der noch nach Stalins Tod von der Sowjetunion als einem „Reich der Freiheit“ sprach. Beide politischen Systeme sahen sich jeweils in unterschiedlicher Weise Philosophen in der Tradition der Aufklärung verpflichtet, die Nationalsozialisten Nietzsche, der Marxismus-Leninismus Hegel, Feuerbach und Marx.

Im Fernen Osten verdankte die Elite des kommunistischen China, Tschou en Lai, Mao-tse-Tung und weitere Parteikader, ihre intellektuelle Ausrichtung dem geistigen Klima des Frankreichs der 20er Jahre und deutschen Philosophen des 19. Jahrhunderts. Die Elite des Pol Pot Regimes wiederum studierte ebenfalls im Land der Aufklärung, nur zwei bis drei Jahrzehnte später. Das Unheil der daraus resultierenden Terrorregime ist bekannt und wird wenigstens in Kambodscha seit Ende 2008 aufgearbeitet. „Reine“ Vernunft, ohne das Korrektiv des Glaubens, stand diesen Systemen Pate. Das griechisch-christliche Erbe des Abendlandes war für diese „Morgenländer“ nicht mehr prägend, vermutlich gar nicht mehr erkennbar.

Vernunft braucht Glauben, Glauben braucht Vernunft

Kardinal Ratzinger machte in seinem berühmten Gespräch mit Jürgen Habermas in der Münchener Kath. Akademie 2004 auf eine „Pathologie der Vernunft“ aufmerksam, die er den sattsam bekannten „Pathologien der Religion“ entgegenhielt. Als Lösung schlug er die Verbindung von Glauben und Vernunft vor, wie sie sein Vorgänger Johannes Paul schon 1998 in seiner Enzyklika „Fides et Ratio“ formuliert hatte. Beide Vermögen – Glaube und Vernunft – sollten jeweils als Korrektiv des anderen dienen:

„Ich würde demgemäß von einer notwendigen Korrelationalität von Vernunft und Glaube, Vernunft und Religion sprechen, die zu gegenseitiger Reinigung und Heilung berufen sind und die sich gegenseitig brauchen und das gegenseitig anerkennen müssen.“

Liberale Varianten der Vernunftpathologien

Die Irrtümer des 20. Jahrhunderts und ihre Folgen sind mittlerweile offensichtlich geworden. Eine Vernunft, die Menschenrechte auf Rassen und Klassen einschränkt, ist als pathologisch offensichtlich geworden. Im 21. Jahrhundert gibt es – dieses Mal dem politischen Liberalismus zuzurechnende Kräfte –, die weltweit im Begriff sind, Menschenrechte am Anfang und am Ende des Lebens einzuschränken. Die US-Administration unter Barack Obama und die Europäische Union fördern in Entwicklungsländern Programme, die Freiheitsrechte von Frauen gegen das Lebensrecht ihrer ungeborenen Kinder ausspielen, ohne Rücksicht darauf, dass die eingeklagten Freiheitsrechte der Frau in hohem Maße ein Resultat vorhergegangener Repression gewesen sind. Dem Zweitschwächsten wird gegen den Schwächsten geholfen. Das ist umso tragischer, da der Zweitschwächste, die Frau und Mutter, bisher der verlässlichste Partner des Schwächsten, nämlich ihres Kindes, gewesen ist.

Noch nicht und nicht mehr im Vernunftbesitz – die liberale Gefährdung

Der anfangs wie ein Messias gefeierte und liberalen Ideen anhängende Präsident der Vereinigten Staaten, Barack Obama, war nach Godehard Brüntrup nur ein Präsident der Geborenen, nicht der Ungeborenen. Das wird in der medialen Öffentlichkeit so gut wie nicht wahrgenommen. Brüntrup schreibt dazu in der Tagespost vom 6.12.2008:

„Präsident nur der Geborenen. Noch nie hat es ein derartig extremer Abtreibungsbefürworter ins Weiße Haus geschafft wie Barack Obama […] Senator Barack Obama wendet sich explizit gegen das Verbot der Spätabtreibungen mit (partieller) Extraktion. Er hält das Verbot für einen alarmierenden Mangel an Bereitschaft seitens der Konservativen, die gesundheitlichen Interessen von Frauen zu respektieren, obwohl es tatsächlich keine medizinische Indikation für diese Prozedur gibt. In einer Rede vor einem Pro-Abtreibungs-Aktionsbündnis am 17.7.2007 sagte Barack Obama, das Verbot dieser Art der Spätabtreibungen sei Teil einer konzertierten Aktion gegen die hart erkämpften Rechte der amerikanischen Frauen. […] Seine erste Handlung als Präsident werde es sein, jegliche Einschränkungen, die zurzeit noch das Recht auf Abtreibung begrenzen, durch ein Bundesgesetz aufzuheben. Dieses Bundesgesetz, der Freedom of Choice Act 5, will nicht nur das Verbot einer besonders grausamen Methode der Spätabtreibung wieder aufheben, sondern auch jegliche Gesetzgebung, Regulierung oder Praxis, die bisher das Recht auf Abtreibung einschränken. Dazu gehören zum Beispiel alle Gesetze auf Ebene der Bundesstaaten, die Ärzten und Pflegepersonal das Recht geben, aus Gewissensgründen die Teilnahme an einer Abtreibung zu verweigern, ohne dadurch um ihren Arbeitsplatz fürchten zu müssen. Obama will sogar den Kriseninterventionszentren, die schwangere Frauen materiell unterstützen, wenn sie das Kind austragen, jegliche öffentliche finanzielle Unterstützung entziehen. Noch nie zuvor hat es auf der nationalen Ebene einen amerikanischen Politiker gegeben, der in der Frage der Abtreibung derart extreme Positionen vertritt wie Barack Obama. Am 4.11.2008 wurde er zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt.“

Drei Tage nach Antritt seiner Präsidentschaft kündigte er den Mexico City Policy Pakt auf, der bis dahin verhinderte, dass amerikanische Steuergelder in der dritten Welt Abtreibungen finanzieren. 200.000 demonstrierende Abtreibungsgegner zum gleichen Zeitpunkt in Washington wurden von der internationalen Presse einfach nicht wahrgenommen (oder bewusst ignoriert?) und das zu Beginn der Amtszeit eines amerikanischen Präsidenten.

Andererseits ist die Berliner Republik, wenn man genauer hinsieht, alles andere als ein Erfolgsmodell. Und das Brüsseler Gegenstück, das sich vehement gegen eine nominatio Dei und erst recht gegen eine Invocatio Dei in ihrer Verfassung wehrt, ist ebenfalls kein Glanzstück menschlicher Staatskunst.

Morgenröte des Glaubens nach der Götterdämmerung Nietzsches

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch”, möchte man mit Hölderlin sagen. Überraschend ist die Reaktion einer Reihe bekennender „religiös Unmusikalischer“, allen voran der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz in seinem Buch „Das Wissen der Religion – Betrachtungen eines religiös Unmusikalischen (2008)“. Er sehnt sich geradezu nach dem, was Schmidt-Salomon zutiefst verabscheut: „Man kann sich nicht vornehmen zu glauben. Aber es gibt einen Glauben […], der auch den trägt, der nicht hoffen kann, ein Christ zu sein. Das ist der Glaube an den einzigartigen Wert der von Griechentum und Christentum geprägten europäischen Kultur.“ Ein anderer, Botho Strauß, sieht gar eine neue Morgenröte des Glaubens nach Nietzsches Götterdämmerung anbrechen: „Ist die Mitternacht der Abwesenheit überschritten?“, fragt er. Der bekannteste religiös Unmusikalische, Jürgen Habermas schließlich, musste sich sogar von einem Gesinnungsgenossen in elf harschen Thesen die Leviten lesen lassen, dass er in religiöser Sprache Sinnressourcen ausgemacht habe. 

An dieser Stelle soll der These von Norbert Bolz nachgegangen werden, der in der Verbindung von Christentum und Griechentum in der europäischen Kultur den Königsweg sieht, anders gewendet in der Verbindung von 

  • Liebe und Wahrheit (Johannes Paul II, Benedikt XVI.),
  • Beziehung und Sachlichkeit.

Im Gegensatz zu Schmidt-Salomon, für den Glaube und Vernunft kontradiktorische Gegensätze sind, ist Bolz der Auffassung, dass eine Korrespondenz von Vernunft und Glaube unter dem „So wahr mir Gott helfe“ aus der veruntreuten Gesellschaft herausführt. Schlechte Erfahrungen mit oder ohne den Beistand Gottes wären dann einem misslungenen Verhältnis von Glaube und Vernunft zuzuschreiben. Geradezu delikat ist die Tatsache, dass offenbar zwischen bekennenden religiös Unmusikalischen ein Streit darüber ausgebrochen ist, inwieweit und ob religiöser Glaube wieder in seine Rechte eingesetzt werden kann.

Die Rettung der Philosophie durch eine rationale Theologie

2015 hat sogar ein ehemals religiös Unmusikalischer die Seiten gewechselt. Der emeritierte Berliner Wissenschaftstheoretiker Holm Tetens hat in seinem vielbeachteten Reclamheftchen „Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie“ sogar den Niedergang der Philosophie damit in Verbindung gebracht, weil sie sich um Gottesfragen nicht mehr kümmere. Im Klappentext des Heftchens schreibt er: „Es werde erst dann um die Philosophie ‚wieder besser bestellt sein als gegenwärtig […] wenn Philosophen mindestens so gründlich, so hartnäckig und so scharfsinnig über den Satz ‚Wir Menschen sind Geschöpfe des gerechten und gnädigen Gottes, der vorbehaltlos unser Heil will’ und seine Konsequenzen nachdenken, wie Philosophen zur Zeit pausenlos über ein Stück hochkompliziert organisierter Materie in einer rein materiellen Welt’ und seine Konsequenzen nachzudenken bereit sind.’“

Wenn das so ist wie Bolz und Tetens anmahnen, darf die grundlegende These dieser Ausführungen zur Abwechslung auch einmal von einem dezidiert religiös Musikalischen formuliert werden:

„Zum europäischen Erbe gehört schließlich eine Denktradition, für die eine substanzielle Korrespondenz von Glaube, Wahrheit und Vernunft wesentlich ist, … am Beginn aller Dinge steht die schöpferische Vernunft Gottes, der beschlossen hat, sich uns Menschen mitzuteilen. … Aus der Einmaligkeit seiner Berufung erwächst Europa aber auch eine einmalige Verantwortung in der Welt. Dazu darf es sich vor allem nicht selbst aufgeben. Der demographisch rapide alternde Kontinent soll nicht ein geistig alter Kontinent werden. Europa wird seiner selbst auch dann besser gewiss werden, wenn es eine seiner einzigartigen geistigen Tradition, seinen außerordentlichen Fähigkeiten und seinem großen wirtschaftlichen Vermögen angemessene Verantwortung in der Welt übernimmt. Die europäische Union sollte darum eine Führungsrolle bei der Bekämpfung der Armut in der Welt und im Einsatz für den Frieden übernehmen. [Hervorhebungen von mir]“

Die Neuentdeckung des griechisch-christlichen Erbes

Der Autor dieser Zeilen ist kein geringerer als Benedikt XVI.. Der Name Benedikt des Theologenpapstes steht u. a. für Benedikt von Nursia, den Vater des Abendlandes. Er gründete 529 seine Benediktinerabtei auf dem Monte Cassino. Das war im selben Jahr, als die Akademie in Athen nach fast tausendjährigem Bestehen geschlossen wurde. Das Wissen der Akademie wurde dabei nicht abgelöst oder ausgelöscht vom christlichen Glauben, sondern gerade von den geistlichen Söhnen Benedikts gerettet. In den nachfolgenden Jahrhunderten wurde der christliche Glaube sogar in Denkformate griechischer Vernunft gefasst und weitergereicht.

Die These dieser Ausführungen zusammengestrafft, lautet dann: Die substantielle Korrespondenz von Glaube und Vernunft, wie Benedikt XVI. das griechisch-christliche Erbe aufnimmt, ist in ihrer Herkunft von und in Verantwortung vor Gott Auftrag und Wegweisung, Gerechtigkeit und Frieden in der menschlichen Gesellschaft herzustellen. Dem griechisch-christlichen Erbe verdankt Europa seine Berufung. Es gilt also, die besondere Korrespondenz von Glaube und Vernunft im griechisch-christlichen Erbe aufzuzeigen und in aktueller Hermeneutik anzuwenden. Das nicht zu tun, und sich sogar davon zu lösen, ist Tatbestand der Veruntreuung.

Eine sinnstiftende Geschichte

Eine gute Geschichte stiftet Sinn, die beste, die wir kennen, ist die von Jesus Christus.

Alles später Hinzugekommene und noch Kommende sollte in diesen griechisch/christlichen Ursprung integriert werden. Eine so das Neue und Kulturfremde integrierende Gesellschaft ist eine, die erkennt, dass Gerechtigkeit und Frieden nicht allein im bloß vernünftigen Für und Wider ausgehandelt werden können. Gerechtigkeit und Frieden sind nämlich göttliche Gaben. Das zeigt sowohl die griechische als auch die jüdisch-christliche Tradition. Es gilt, diese Gaben als rationabile obsequium – in vernünftigem Gehorsam – anzunehmen, mit dem Auftrag, das im Glauben Aufgenommene vernünftig zu gestalten. Wer glaubt, diese Gaben allein in der Tradition aufgeklärter nachmetaphysischer Vernunft herstellen zu können, hat von ihrer Krise noch nichts begriffen. Er unterschlägt den Geber der Gaben und wird damit der Verantwortung vor dem Geber und den Empfängern der Gabe nicht gerecht, handelt selbstgerecht und veruntreut sie. Dazu wird das sinnstiftende „Wissen der Religion“ gebraucht. Was damit gemeint ist, noch einmal religiös unmusikalisch von Norbert Bolz auf den Begriff gebracht: „Sinnfragen lassen sich nicht mit Informationen beantworten. Aber eine gute Geschichte stiftet Sinn und die beste aller Geschichten, die wir kennen, ist die von Jesus Christus.“ Ein weiterer Agnostiker stimmt Norbert Bolz in dieser Weise zu: Auf dem Grab des Begründers des absurden Theaters, Eugene Ionesco, steht: „Prier le Je Ne Sais Qui – j’espère: Jésus-Christ.„ Prier le Dieu – jemanden flehentlich bitten, ist eine feste Redewendung. Ionesco lässt das le Dieu weg und ersetzt es durch je ne sais qui – ich weiß nicht wen. Frei übersetzt heißt es dann: Ich bitte flehentlich den ‚ich weiß nicht wen‚ – ich hoffe: Jesus Christus.

Dieses Bekenntnis verhindert, Opfer von Pathologien der Vernunft und des Glaubens zu werden, auch wenn sie dem Christlichen noch so ähnlich erscheinen sollten. Daran erinnerte mich ein Student, als er mich fragte: Was ist denn eigentlich der Unterschied von Christentum und Sozialismus? Es wurde ein längeres Gespräch. Angesichts der letzten Staffel von Babylon Berlin und den Landtagswahlen würde ich sagen: Die Linke sucht, nachdem sie das Arbeiterproletariat verloren hat, neue Proletariate: Das waren in Babylon Berlin bunte („diskriminierte”) Lebensstile. Statt „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“, hatte man den Eindruck: Ihr Mühseligen und Beladenen [alle Opfer, egal welcher Couleur] vereinigt euch! Jeder, der euch dabei im Wege steht, ist ein Täter.

Christlich gewendet heißt das allerdings nach Mt 11,28

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 


Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag.  Helmut Müller ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.


Beitragsbild: KI-generiert

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