Über neue Sexualpädagogik im Kindergarten
Heute ist Dr. Juliana Bauer Kulturwissenschaftlerin und Historikerin. In ihrem Erstberuf war sie Erzieherin. Ihre Liebe zu Kindern hat die Autorin darüber nicht vergessen. Ihr Blick auf aktuelle Konzepte der Sexualerziehung, wie sie auch in katholischen Einrichtungen unkritisch übernommen werden, ist ein bewegender Appell an die Wachsamkeit aller Verantwortlichen.
Geheimnis Kindheit – Die 50er und 60er Jahre
Als ich selbst Kind war, war das Thema Sexualität ein Tabu. Ein unnatürliches Tabu. Etwas auf dunkle Weise Verbotenes. Und doch interessierten wir uns, als wir etwa vier, fünf Jahre alt waren, wie jedes Kind, für die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen. Heimlich! Als wir Nachbarskinder miteinander spielten, kam es vor, dass wir uns gegenseitig betrachteten! Bereits hier gab es eine natürliche Grenze. Wir ließen es vielleicht zu, wenn wir miteinander besonders vertraut waren, ohne jedoch aneinander herumzufingern. Dann war es gut. Meistens. Manchmal auch nicht … Dennoch berührten wir manchmal die „verbotene Stelle“ unseres Körpers, wenn wir alleine waren. Es blieb unser Geheimnis, ein Geheimnis, von dem offenbar nicht einmal der heilige Nikolaus wusste…
Als Acht- und Neunjährige gingen viele von uns zur Erstkommunion. Vor dem Festtag war Beichten angesagt. Da wälzten wir miteinander, manchmal auch alleine, den Kinderbeichtspiegel. Am sechsten Gebot und den „unkeuschen Gedanken“ blieben viele von uns Kindern hängen. Das darin aufscheinende, die Leiblichkeit abwertende Menschenbild belastete. Obwohl unser junger Kaplan, der uns in vielen Stunden auf die Erstkommunion vorbereitete, und den wir sehr liebten, nie von diesem Gebot sprach. Was sollte man davon in das Sündenbekenntnis aufnehmen, wo man nicht einmal genau wusste, um was es da geht?
Die Umwälzungen beginnen …
Zwanzig Jahre später war ich selbst Erzieherin (Kindergärtnerin). Die Studentenrevolte der 68er hatte tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzungen eingeleitet. Erinnert sei an die antiautoritäre Bewegung und ihre „Kinderläden”, in denen es – wie man heute weiß – zu sexuellen Übergriffen kam. Damals wurde das ausgeblendet; man war schließlich stolz auf die „freie Erziehung”, die der Repression und der „kranken Moral von Kirche und Bourgeoisie” ein Ende setzte.
In den kirchlichen Kindergärten spielten diese Konzepte lange Zeit keine Rolle. Der Pädagogik dort lag das christlich-biblische Menschenbild zugrunde, das die Sexualität des Kindes in ihrer Ganzheitlichkeit wahrnahm, wie man es nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wieder besser verstand: der Mensch als Ganzheit von Leib, Seele und Geist. Diesem Menschenbild war man als Erzieherin in katholischen und evangelischen Bildungseinrichtungen verpflichtet. Das wurde gelehrt und diesem Ideal versuchte man, sensibel und achtsam vor der Würde der Kinder zu entsprechen.
Ein Blick in Alltagsszenen „meines“ Kindergartens
Mehrere Jahre arbeitete ich als junge Erzieherin in einem katholischen Kindergarten, Schwerpunkt Vorschulbereich. Die Kinder dort waren fröhliche Kinder, Mädchen und Jungen, die sich in ihrer Haut wohlfühlten und sich für die große Vielfalt an Spielen und für alles Schöne begeisterten, ohne auch nur irgendeinen sexuellen Bezug zu den Dingen herzustellen. Die Kinder liebten besonders Reigen- und Rollenspiele. Da schlüpften sie auf natürliche Weise in andere Rollen. Da wurden aus der Carina die Prinzessin „Tausendschön“ oder die Königstochter „Dornröschen“ und aus dem Philipp der Königssohn, der den Drachen besiegte oder der Bauernsohn, dessen Knüppel dem räuberischen Wirt den Hosenboden versohlte. Die Kinder tauschten durchaus auch schon einmal das „Geschlecht“, was jedoch eher zu den Seltenheiten gehörte: Chantal wurde dann zum Königssohn oder zum Räuber und Christoph zur Königin oder zu Kasperls Großmutter…
Doch die Verwandlung war kein manipulatives, durch Erzieherinnen gesteuertes Verwirrspiel sexueller Identitäten. Die Wahl der Verwandlung entsprang den Ideen der Kinder und es oblag allein ihnen, ihre jeweilige Rolle zu bestimmen. Es waren Rollen, die sich lediglich auf ein spezielles Spiel und die dafür erforderliche kreative „Verwandlung“ der Gewänder beschränkten. Die 4-, 5- und 6-jährigen Kinder hatten einen Riesenspaß, jeweils dazu passende Gewänder auszusuchen, um dann beim Spiel den „Mann” oder die „Frau” nochmals eigens zu betonen, indem sie tiefe Männerstimmen oder hellere Frauenstimmen imitierten, was nicht enden wollende Lachsalven bei den Kindern auslöste. Bevorzugt wurden aber letztlich die eigenen Geschlechterrollen. Die kleinen Mädchen spielten am liebsten Königstöchter und Königinnen, Kauffrauen oder Zauberinnen…, die Jungen bevorzugten die Rolle des Königssohns, des Königs, des Großvaters, des Wirts oder des Räubers.
Sexualität – Was interessiert Kinder? Was wollen Erwachsene?
Das oberste Gebot lautete: Achte das Kind! Sexualität beschäftigte die Kinder durchaus, jedoch keineswegs permanent, – und wenn, dann war sie eingebunden in ihre Welt. Mitunter fragten Kinder nach dem Unterschied zwischen Jungen und Mädchen oder zur Geburt der Babys usw. Sie erhielten normale Antworten. Dann war das Thema für sie erledigt. Hin und wieder saßen zwei, drei Kinder auf dem Spielteppich und unterhielten sich darüber, dass sie z.B. den Papa oder die Mama unter der Dusche gesehen hatten. Sie erklärten einander, wie sie „aussehen“ und stellten, im Vergleich mit sich selbst, die Unterschiede fest. Dann war es gut. Es waren Gespräche, in die wir Erzieherinnen uns nicht einmischten. Kein einziges Kind wäre während dieser Unterhaltung auf die Idee gekommen, sich selbst oder ein anderes Kind auszuziehen, ihm die Hose herunterzuziehen oder es betatschen zu wollen.
Vor dem Eingang unseres Kindergartens gab es drei Brunnenbecken, die im Sommer immer mit frischem Wasser gefüllt waren. An heißen Tagen plantschten die Kinder eine Weile nackt in den Becken; sie plantschten, hüpften, spritzten sich nass und hatten großen Spaß. Hin und wieder betrachteten sich zwei Kinder gegenseitig, doch das Interesse daran war schnell zu Ende. Das Rumplantschen und Späße machen war viel interessanter…
Sie waren Kinder. Und wir respektierten die Kinder!
Nie wäre es uns Erzieherinnen eingefallen, die Kinder sexuell zu animieren. Nie wäre es uns eingefallen, „Kuschelecken zur körperlichen Entdeckung“ oder gar „Masturbationsräume“ einzurichten, am Ende gar Kinder anzuregen oder „ihnen zu ermöglichen“, die Geschlechtlichkeit, die eigene oder die eines anderen Kindes zu erkunden. Wir kamen nicht entfernt auf die Idee, die Kinder zu stimulieren, damit sie „angenehme, entspannende Gefühle“ beim Spielen an den Genitalien „erfahren”. Nie wäre auch nur ein einziges Kind auf den Gedanken gekommen, nach einer Kuschelecke zu fragen, oder sich in einen dunklen Winkel zu verziehen, um dort an den Genitalien zu spielen …
Diese Ideen, die pädagogischen „Vordenkern“, aber auch Politikern derzeit entspringen, nehmen in vielen Kitas und Kindergärten reale Form an – schlimmerweise auch in katholischen Einrichtungen, die mit der Zeit gehen wollen. Doch mit der Installation solcher Kuschelecken, als Rückzugs- oder Entspannungsräume getarnt, stacheln die Pädagogen ein überzogenes, nicht kindgemäßes Interesse der Kinder an Sexualität an. Sie provozieren geradezu eine Fixierung auf Sexualität, die mit dem kindgemäßen Interesse am eigenen Körper nicht übereinstimmt und – so sehe ich es aufgrund meiner Beobachtungen – gerade bei sensiblen Kindern zu seelischen Störungen oder Auffälligkeiten führt.
Es ist selbstverständlich – und es stellt einen Teil der kindlichen Entwicklung dar – dass die Kinder an ihrem Körper interessiert sind, dass sie ihre Geschlechtlichkeit untersuchen möchten. Wie mir meine Erfahrung zeigte, wollen sie das aber zu Hause tun, in ihrem Zimmer, in ihrem geschützten Raum, wo sie sich sicher fühlen. Sie tun das alleine (!). Und – was für ein Kind wesentlich ist – mit der Möglichkeit im Hintergrund, sich an die Eltern wenden zu können, denen das Kind in einer natürlichen Eltern-Kind-Beziehung Fragen stellen kann (leider ist diese Beziehung heute nicht selten gestört). Grundsätzlich ebbt das Interesse aber an der Erkundung der Geschlechtsteile nach einer Weile ab, da bei einem Kind ganz andere Interessen von Bedeutung sind und im Vordergrund stehen.
Zu einem die Intimität respektierenden Verhalten zählt gerade auch der Toilettengang. Kinder untereinander, Jungen wie Mädchen, sehen zunächst kein Problem darin, mit einem Freund oder einer Freundin zusammen zur Toilette zu gehen. Oft erfolgt dies spontan, manchmal auch aus Neugierde, vor allem bei Einzelkindern: ein Mädchen will wissen, wie ein Junge aussieht und umgekehrt. Doch ab etwa dem fünften Lebensjahr ziehen sie sich dort gerne zurück; das „stille Örtchen“ wird in der Tat für eine Weile zum „stillen Örtchen“, wo Kinder niemanden mehr in der Nähe haben möchten, – auch keine Erwachsenen, vor allem keinen fremden. Darin zeigt sich ein natürlich ausgeprägtes Schamempfinden.
Der Körper des Anderen – Den Anderen achten
Ich halte die gerade in Kindereinrichtungen grassierende grün-woke Sexualpädagogik für einen fatalen Irrweg. Wenn es in solchen Konzepten heißt: „Einige moderne Kita-Konzepte sehen geschützte, einsehbare Rückzugsorte vor, in denen Kinder ungestört und ohne Druck spielen und sich körperlich entdecken können”, halte ich das weder für modern, noch für pädagogisch geboten. Und wenn es heißt: „Kinder sind neugierig und erkunden ihren Körper sowie den von anderen Kindern spielerisch“, widerspreche ich besonders dem zweiten Teil dieses Satzes – und zwar aus Erfahrung. Ich betrachte ihn als Ausdruck einer ideologisch motivierten Grenzverletzung.
Denn – angefasst werden möchten Kinder in ihrem Intimbereich normalerweise nicht. Auch nicht von ihrem Freund oder der Freundin. Nicht einmal von den eigenen Geschwistern. Erzieherinnen und Erzieher bezeugen: Kommt es zu solchen Grenzverletzungen (etwa von Spielkameraden), baut das Kind eine ablehnende Haltung auf, es beschwert sich oder es weigert sich sogar, weiterhin in die „Kita“ zu gehen. Was Kinder in keiner Weise wollen, ist die Animierung ihrer Sexualität durch Erwachsene. Sie wollen von Erwachsenen in Ruhe gelassen und nicht bedrängt werden. Sie wollen die intime oder eine Intimität forcierende Nähe von Erwachsenen nicht. Überschreiten Erwachsene diese Schranke, werden sie paradoxerweise, was sie nie sein wollten: repressiv.
Es stellt sich mir die Frage, ob nicht wenige dieser progressiven pädagogischen „Vordenker“, die ihre Idee mit dem Schutz vor Missbrauch begründen, nicht vielleicht Opfer ihrer eigenen schlecht integrierten Sexualität sind – und ob wir es hier nicht mit klassischen Formen von Projektion zu tun haben. „Projektion“, meinte Sigmund Freud einmal, „bedeutet, die eigenen Wünsche im Verhalten anderer wiederzuerkennen.“
Elternrecht versus Pädagogen-Diktatur
Was im pädagogischen Konzept unseres Kindergartens unerlässlich war: Die Eltern wurden in alle unsere Entscheidungen mit eingebunden. Es wäre uns nicht eingefallen, etwas ohne die Eltern zu entscheiden. Besonders nicht bei delikaten Themen wie dem Thema Sexualität (das jedoch nicht zu den ständigen Hauptthemen zählte). Ebenso wäre es für uns ein Unding gewesen, mit außenstehenden Organisationen wie „Pro Familia“ pädagogische oder gar sexualpädagogische Konzepte zu entwickeln. Das war Aufgabe der Erzieherinnen in enger Zusammenarbeit mit den Eltern, denen gerade in Fragen der Sexualerziehung ein primäres Recht zusteht. Regelmäßig luden wir zu Elternabenden ein – zu denen die meisten Eltern auch immer kamen. Bei dieser Gelegenheit luden wir auch Psychologen, Theologen, Ärzte, Kunsterzieher, aber auch die Träger der Einrichtung ein.
Wie ich höre, gibt es heute Einrichtungen, die kritischen oder nachfragenden Eltern „empfehlen“, ihre Kinder aus der Einrichtung abzumelden. Ihre Einwände – auch das ist bezeugt – werden mit dem Argument niedergebügelt, man müsse die Kinder vor Missbrauch schützen. Nicht selten werden diese Eltern in die rechte Ecke gestellt.
„Nein! Lass das!“ Gegenwehr der Eltern
Hier ein Beispiel von engagierten Eltern gegen das zweifelhafte, von Pro Familia für die städtischen Kitas entwickelte Sexualkonzept in Schwäbisch Hall, wo auch der katholische Kindergarten mit involviert gewesen sein soll: „Nein! Lass das!”
Und hier ein Beispiel aus Frankreich zu ablehnenden und verstörten Reaktionen von Grundschulkindern angesichts von aufoktroyierter Frühsexualisierung, aufgezwungener unsensibler Sexualaufklärung und Verletzung der kindlichen Schamgrenze: „Sexualkunde an Grundschulen: schockierende Exzesse“ (deutsche Übersetzung eingeben)
Was mich besonders freute, von der beliebten Kinderbuchautorin Astrid Lindgren folgendes zu lesen:
„Als im Jahr 2001 ein schwedischer Filmversuch unternommen wurde, in den alten Pippi Langstrumpf-Verfilmungen angebliche ‘sexuelle Untertöne‘ oder erotische Aspekte zu interpretieren, reagierte Lindgren tief empört. Für sie … war und blieb Pippi ein Kind, und jede Form der Sexualisierung von Kinderfiguren war eine absolute Grenzüberschreitung.“ Rechtspopulismus konnte man Astrid Lindgren – sie stand zeitlebens der Sozialdemokratie nahe – wahrhaftig nicht nachsagen…
(Quelle: Beitrag in der Rheinischen Post vom 19.07.2001 „Dreckig und widerlich” und Spiegel-Artikel: „Pädophilie bei Pippi Langstumpf?”)
Dr. Juliana Maria Bauer,
Jg. 1953, ist Kunst- und Kulturhistorikerin sowie Philologin und Pädagogin.
Ausbildung als Erzieherin, Promotionsstudium der Kunstgeschichte (auch der „Christlichen Kunstgeschichte und Archäologie“ an der Universität Freiburg/Br.), Volkskunde/Kultur- und Traditionsgeschichte und der Romanistik in Freiburg/Br., München und Rom. Tätigkeitsbereiche: Vorschul- und Museumspädagogik, Erwachsenenbildung (VHS), wissenschaftliche Museumsarbeit. Verschiedene Publikationen zu kunst- und kulturhistorischen Themen, mit Schwerpunkt Theologie und christliche Kunst und Kultur.
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