Vorfreude kündigt Freude an. Helmut Müller zeigt, wie ein Mariä Geburtsmarkt in seiner Kindheit für Freude gesorgt hat und die Geburt der ersten Enkelin heute für Freude sorgt. Beides erinnert ihn daran, dass Freude als Heil im Plan Gottes fest verankert ist. Mariä Geburt ist einer dieser Festgipfel im Alltag.
Berggipfel der Freude im Ill- und Theeltal
Wenn ich an den 8. September – Mariä Geburt denke, katapultiere ich mich regelrecht in meine Kindheit zurück. Da kommt mir zuerst eine regelrechte Auenlandschaft zu Gesicht, die durchaus mit der Auenlandschaft im Herrn der Ringe konkurrieren kann. Ich meine das morgendliche Auf-den-Weg-Machen durch das Bachtal von Ill und Theel zwischen meinem Heimatort Bubach nach Lebach zum Mariä Geburtsmarkt. In diesem Jahr feiert er schon seinen 476. Geburtstag. Es handelt sich um einen Markt, der saarlandweit bekannt ist. Meines Wissens war im Nachbarort schulfrei, sonst würde mich meine Erinnerung trügen, dass ich schon morgens unterwegs war. Für mich als Kind war dieses Fest nach Weihnachten, der Kirmes im Dorf und meinem Geburtstag ein wichtiger Marker von Freude in meinem kindlichen Alltag. Da bekam man Taschengeld, um allein auf dem Markt mit seinen vielen Verlockungen unterwegs zu sein und dann noch mal mit den Eltern nachmittags. In einer medienarmen Zeit ragten Feste wie Berggipfel aus dem Alltag und am 8. September in Lebach schon seit nun 476 Jahren. Ja, man muss schon Kind sein oder gewesen sein, um solche Freude wirklich erfassen zu können.
Berggipfel im Alltag
In postchristlicher Zeit – das kann man wohl über die Gegenwart sagen – weiß man eigentlich kaum noch, dass alle Festtage – beim Sonntag angefangen–, religiöse, christliche Ursprünge hatten. Und im Christentum war es nun einmal so, dass alle Feste einen Christusbezug hatten und haben. In katholischen Landen gab es so etwas wie einen Vorfeldbezug zum Fest: Alle Marienfeste weisen und steigern die Vorfreude auf Christusfeste, Mariä Geburt natürlich auf Christi Geburt, Weihnachten. Für mich als kleiner Junge damals war klar: All diese Feste waren Berggipfel im Alltag.
Das Schweigen der Evangelien und das festliche Feiern in der Liturgie
In den Evangelien wird nichts über die Geburt Mariens berichtet. Die Feier des Geburtstags und noch mehr die Freude darüber haben in christlicher Zeit aber tiefe Spuren in der Liturgie hinterlassen. Dieser Freude oder Vorfreude könnte man auch etwa so auf die Spur kommen: Schon neun Monate vor der Geburt, am 8. Dezember, freut man sich über die Empfängnis Mariens im Schoß ihrer Mutter Anna. 1854 hatte man das lehramtlich als unbefleckte Empfängnis dogmatisiert. Jetzt an diesem Festtag hält eine Mutter ihre neugeborene Tochter in den Armen, die Gott – im Glauben der Christenheit – ausgewählt hat, dass ihr Schoß einmal als erwachsene junge Frau die erste Wohnstatt des Mensch werden wollenden Gottes sein sollte. Am 25. März feiert die Kirche das Fest – ich verfremde einmal – dass Gott als Quartiermeister den Engel Gabriel schickt, um die junge Frau zu fragen, ob sie bereit ist, ihren Leib für die Einwohnung zur Verfügung zu stellen und in dieser Folge dann ihre Liebe und Sorge walten zu lassen, dass in einem Kind das Heil der Welt heranwächst. Sie hat “Ja” gesagt. Die Liturgie ist deutlicher als das Evangelium es bezeugt.
Der Stammbaum des Heils mit Macken
Da ein Stammbaum Mariens fehlt, muss der Stammbaum des Pflegevaters Josefs im Tagesevangelium herhalten, um zu zeigen, dass das Heil der Welt, nachdem es bei Adam und Eva schon einmal verloren gegangen war, von langer Hand und immer auch mit Erwählungen, die verschlungen, merkwürdig und auch skandalös sein konnten, weiter in Planung ist. Das Skandalöse und Merkwürdige und nicht Geradlinige zeigt, dass immer auch menschliche Freiheit im Spiel war, und dadurch der Stammbaum des Erlösers nicht immer „clean“ war. Wäre der Stammbaum Mariens im Evangelium greifbar, könnte man sicherlich ähnliche Merkwürdigkeiten feststellen. Da wir über die Geburt Mariens so wenig wissen, sollten wir die Vorfreude in den Mittelpunkt dieses Festes stellen.
Vorfreude/Freude aus erster Hand, bzw. im Arm
Vor gerade knapp zwei Monaten bin ich zum ersten Mal Opa geworden. Es ist schon lange her, dass ich eigenes Fleisch und Blut so anfänglich – wie bei der Geburt Mariens die Eltern Anna und Joachim – in den Armen hatte. Wenn man den lieben langen Tag am Schreibtisch sitzt, fragt man sich natürlich: Was ist jetzt deine Aufgabe als Opa? Was ist mir da wohl eingefallen? Ja, jetzt einen Brief an dieses kleine Wunder in meinen Armen zu schreiben. Das kann man einfach nicht so hinnehmen, ohne darüber nachzudenken, vor allem, wenn man aus Nachdenken einen Beruf gemacht hat. Nachdenken kann ja auch ein Ausdruck von Freude sein. Irgendwann wird sie es wohl einmal neugierig lesen, hoffe ich:
„Was für ein Wunder”, waren die ersten spontanen Äußerungen zu dir, als du gerade das Licht der Welt erblickt hattest und jetzt in meinen Armen liegst: Vor langer, langer Zeit haben die Menschen gemeint, dass wir alle, Du, Deine Mama, Dein Papa, deine Omas und Opas, deine Tanten, ja alle Menschen – wie die Menschen damals geschrieben haben – in den Tiefen der Erde gewoben wurden. (Psalm 139,15) So steht es in dem dicken Buch, aus dem Mama und Papa dir sicherlich einmal Geschichten vorlesen werden. Sie werden dir auch erklären, was „weben“ heißt (Ich beneide sie nicht darum) und wenn du noch größer bist, weshalb die Menschen das damals so komisch ausgedrückt haben. Und dann wirst Du fragen – wahrscheinlich schon bei anderer Gelegenheit nach dem, der – in diesem Wortspiel – gewoben hat. Ja, wer hat denn da „gewoben“? Wundere dich nicht, wenn sie sagen: der liebe Gott. Ich vermute, dass deine Mama und dein Papa dann das gleiche Problem haben, wie es dein Opa und deine Oma hatten, als dein Papa und deine drei Tanten ähnliche Fragen gestellt haben. Ja, wer ist denn das, der liebe Gott? Ist bei Gott „lieber“ vielleicht schon der Vorname – weil man immer zusammen sagt „lieber Gott“. Bei Mama und bei Papa sagst du ja nicht immer liebe Mama, lieber Papa. Manchmal schreist du ja bloß ganz laut Mama und ganz laut Papa, ohne liebe oder lieber davor zu sagen und manchmal mit Werfen von Brei oder sonst was, je nachdem wie groß du dabei warst. Ja, das mit dem lieben Gott ist anders und doch nicht anders und je älter du wirst, ist es ganz schwierig. Aber das lernst du dann nach und nach. Wenn du deine Mama und den Papa damit zu sehr nervst, kannst du auch mich fragen, oder besser die Oma. Alle sagen nämlich, ich sei so kompliziert bei dem Thema. Aber du hast ja noch eine Oma.“
So weit. „Was für ein Wunder”, wird vielleicht auch Joachim gesagt haben. Den Opa von der kleinen Maria kennen wir ja nicht. Aber das mit „in den Tiefen der Erde gewoben” wird er als gläubiger Jude gekannt haben.
Als Christen haben wir das Gute noch vor uns
Ich hoffe, dass in diesem Beitrag etwas von der Vorfreude rübergekommen ist – 476 Jahre lang war Vorfreude klar ein Thema in vor- und nachchristlicher Zeit in Lebach und drumherum. Heute muss man schon selbst so ein kleines Wunder in den Armen halten, um noch zu wissen, was Vorfreude auf ein neues Menschenleben bedeutet. Die Sorgen kommen später ungerufen und von selbst. Das soll die Vorfreude nicht trüben. Wir sind ja Christen und haben das Gute noch vor uns.
Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag. Helmut Müller ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.
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