Helmut Müller nimmt uns mit auf eine Gedankenreise über Gottesbilder: vom Dorfgott bis zu einem wilden Gott; manche Theologen meinen, dass er in Kirchlichkeit gezwängt wurde. Am Ende kommt der Autor zu dem Schluss, dass sein eigener Kinderglaube ein tragfähiges Fundament war. Müllers Devise: Gott im Dorf lassen UND hinaustragen!

Die Redewendung „Die Kirche im Dorf lassenmeint ursprünglich, die Prozessionen (etwa die Fronleichnamsprozession) außerhalb der Dörfer auszutragen, sodass die Kirche sich aus dem Dorf herausbegeben musste. Das stieß jedoch auf Widerstand. Viele meinten: Nein, die Kirche – das Kirchenleben – gehört ins Dorf. Da soll man es doch belassen, auch wenn die Prozession dann eben kleiner ausfallen mag. Das passt auch zur heutigen Bedeutung des Ausdrucks im Sinne von: Lasst es uns nicht übertreiben, es geht auch eine Nummer kleiner. Ist es daher besser, Gott im Dorf zu lassen, als ihn dem Streit unter Gebildeten und seinen Verächtern auszusetzen? Das fragen sich nicht wenige, die in einem geschützten Dorfglauben mit Fronleichnamsprozession und Flursegen groß geworden und erleichtert aus dem Beichtstuhl nach Hause gegangen sind.

Wie ich meinen Dorfglauben verloren hatte

Jetzt müssen viele erleben, wie dieser Dorfglauben am Katheder theologischer Fakultäten regelrecht zerpflückt wird. Nicht nur da. Mittlerweile scheint auch bei dem einen oder anderen Bischof dieser Glaube Federn gelassen zu haben. Kein Wunder, sie sind mit derselben Theologie konfrontiert worden, die bei mir zu einer Glaubenskrise geführt hat. Da ich sehr viel „Dorfglauben“ mitbrachte, begann ich mein Studium mit einem großen Erosionsschutz. Mein Glaube war zu Beginn des Studiums bei weitem nicht so magersüchtig, wie der vieler Kommilitonen, die mit mir begonnen hatten. Als Student an der katholisch-theologischen Fakultät in Bonn musste man in den ersten beiden Semestern einen Grundkurs besuchen. Wissenschaft und Glaube sollte darin vermittelt werden, eigentlich eine weise Voraussicht. Spirituell mit Glauben vollgepumpt wie wohl kein Zweiter, gab ich meine Erfahrungen im Grundkurs zum Besten. Dem Leiter des Grundkurses war das nicht geheuer. Ziemlich dünnlippig bemerkte er nur, nach fünf Semestern würde ich nicht mehr so daherreden. Wie recht er haben sollte! Im Moment jedoch war ich nur empört, wie ein Lehrer des Glaubens – was doch ein Theologe sein sollte – so ohne jede erkennbare Glaubensfreude daherreden konnte. Doch nach und nach gewann diese Ernüchterung auch bei mir Raum. Der Jesus meines Glaubens verschwand ungreifbar im sich langsam oder schnell wandelnden Konsens des Mainstreams von Neutestamentlern, dass das Grab voll gewesen ist und er vornehmlich in die Köpfe seiner Jünger auferstanden ist, bei Paulus aufgrund eines Gefühlsstaus und den übrigen infolge von Trauerarbeit, so nach Gerd Lüdemann

 

Der von der Kindheit klare Begriff von Gut und Böse löste sich auf in einer gigantischen moraltheologischen Beckmesserei. Wenn sich wirklich noch das Gewissen meldete, fand ich genügend Gründe, es auch anders sehen zu können. Gott war ja ein so netter Mensch (im Mann aus Nazareth), dass er das größte Verständnis für mein Tun und Unterlassen hatte, eben weil er so hinreißend menschlich war (was er auch ist!). Schließlich erfuhr man aus der Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit so viel Schreckliches, dass man nur noch misstrauisch auf jede Verlautbarung aus Rom reagieren konnte. Dass auch damals nicht minder Schreckliches geschah, blieb einem verborgen, wenn man nicht selbst betroffen war.

Vom schwachen zum starken theologischen Denken

Mein Denken war also ab dem „5. Semester“ nicht mehr „unterkomplex“, wie ich jetzt weiß, und wie Magnus Striet vorschlägt, bestimmt von einem „vernunftkritischen Vorbehalt vor aller Gottesrede“, so dass es meinem Dorfglauben erging wie dem Land Phantasien in Michael Endes unendlicher Geschichte. Ab da – sagen wir – betrieb ich eine „metaphysisch bescheidene Theologie“, wohl ähnlich dem pensiero debole (schwaches Denken) in der Philosophie von Gianni Vattimo, das ich jetzt nach Jahren, Gott sei dank, überwunden habe. Wer mehr darüber wissen will und wie Fronleichnamsprozession und Flursegen mit „starkem theologischem Denken„, das die Offenbarung als Kern theologischen Denkens einbezieht, vereinbar ist, kann das in „Hineingenommen in die Liebe“ nachlesen.

Dieses – ich nenne es einmal eigenwillig – schwache theologische Denken wird landauf landab mit wenigen Ausnahmen von Münster bis Freiburg an katholisch-theologischen Fakultäten favorisiert und als zukunftsträchtig proklamiert. Das bedeutet, Gotteserfahrung wäre kein externer Einbruch ins Bewusstsein, sondern reflektierbar wären nur „innere Vorstellungen von der Wirklichkeit Gottes“. 

Es ist schlimm, dass bei vielen Theologen so wenig von Gott zu hören ist. Gottseidank dafür mehr von Philosophen, von Robert Spaemann sowieso, aber seit einiger Zeit auch von dem emeritierten Berliner Wissenschaftstheoretiker Holm Tetens, der regelrecht von Pfarrgemeinden und Akademien herumgereicht wird. Klar, Holm Tetens spricht über den, wie ich sagen würde, wilden Gott, nicht über den von Kirchen domestizierten, gezähmten, in Kirchlichkeit geradezu eingezwängten Gott, wie manche meinen. Theologen wie Magnus Striet oder Michael Seewald werden vielleicht sagen: Das Lehramt hat den wilden Gott, wenn es ihn überhaupt gibt – so Magnus Striet in Endlosschleife – in diese Kirchlichkeit schon vor Zeiten mit geistlicher Macht gepresst. Nein, möchte ich sagen, der christliche Gott hat sich durch seine Menschwerdung selber domestiziert, geradezu zum Dorfgott meiner Kindheit hinabgeneigt und sich machen lassen

Vom Wort Gottes zu unseren Wörtern in Heiratsanträgen

Und nicht bloß durch Inspiration: Denn das Wort zu Beginn des Johannesevangeliums ist nicht Geist geblieben, wie es sich für Wörter schickt, sondern Fleisch geworden, wie wir alle es geworden sind in der weiteren Folge von Heiratsanträgen (oder auch nicht) zu bestimmten Zeiten, Gesellschaften, Kulturen und Räumen. Ja, in jedem von uns sind dann auch Wörter „Fleisch geworden“, wenn wir sprechen, daherreden, schimpfen, ja sogar lügen. Aber in Maria ist das Wort Fleisch geworden, das Wort, das auch ausgesprochen hat: „Es werde […] und es wurde []“ (Gen 1, 3). Dieses Wort hat sich in einen Männerleib pressen lassen, durch Inkarnation, nicht bloß unterkomplex durch Inspiration. Wäre das Wort bloß Geist (Inspiration) geblieben, hätte der Geist sowohl in einem Männer- wie auch in einem Frauenleib inspiriert werden können. Mancher wird fragen: Warum um alles in der Welt nicht so „unterkomplex“, wie eine Inspiration es zugelassen hätte? Das Wort wäre Geist geblieben, oder wie der ehemalige Osnabrücker Bischof (der beim selben Professor wie ich eine seiner Qualifikationsschriften abgeliefert hat) meint und immer mehr andere, nur geschlechtsunspezifisch „Mensch geworden“ ist – weiß Gott, wie das zu denken ist. Aber nein, das Wort hat geradezu skandalös konkret, zwar in einem Frauenleib Fleisch angenommen, ist aber in einem Männerleib auf die Welt gekommen. Wie in der Natur liebt dieser Gott sichtlich die Asymmetrie. Diese Asymmetrie hat er offensichtlich gewählt, um beiden Geschlechtern in seiner Menschwerdung – eben so alternierend aufeinander bezogen – gerecht zu werden. In Zeiten tumben Gleichheitsstrebens oder von Genderstudies geht allerdings dafür jedes Verständnis verloren. Hätte er uns vielleicht viel Leid erspart, wenn er das Fortpflanzungsmodell der Meeresschildkröten auch für uns gewählt hätte, nach einer Paarung im Ozean bis zu 100 Eier an einen einsamen Strand legen, von der Sonne ausbrüten lassen, wieder im Ozean Sex haben und dazu noch steinalt werden? Er hat’s nicht, hat sich selbst all diesen Ärger eingehandelt, hat nachgebessert, wie wir glauben, durch seine Menschwerdung. Und ist es besser geworden? Bleiben wir bei den Gedanken, wie es geworden ist, wenn wir an diesen christlichen Gott glauben.

Vom wilden Gott zum häuslich gewordenen Gott

Wenn wir diesen Gott domestiziert hätten und er sich nicht selbst, wäre er wie so oft in der Religionsgeschichte zum Götzen geworden. Wildtiere werden von Menschen zu Haustieren gemacht. Der christliche Gott hat sich für jede aufgeklärte Religion skandalös selbst domestiziert, zu einem Hausgott – für mich zu einem Dorfgott – machen lassen. Aber auch im Dorf blieb seine Universalität und Dreifaltigkeit erhalten, mit der manche Theologen Probleme haben.

Im Haus Israel hat seine „Biographie“ begonnen. Was hätten wir auch sonst von ihm, wenn er nicht in dieser Weise „häuslich“ geworden wäre? Wer wälzt schon so kluge Gedanken wie Magnus Striet skeptisch und wie Michael Seewald undogmatisch oder wie Holm Tetens messerscharf und klug? Der protestantische Theologe Helmut Thielicke hat vor Jahrzehnten auf den Begriff gebracht, wie Gott sich für uns domestiziert hat: „Ich lebe im Namen des Wunders, dass Gott kein schweigender Weltgrund ist, sondern dass er zu mir in die Tiefe kommt“. Und an anderer Stelle noch konkreter: „Wer im Leben ‚Schiffbruch’ erleidet, der darf wissen: Jesus schläft auch in meinem Boot“. Oder einem Kind den Wunsch nach einem Ballonroller erfüllt. Ähnliches kann ich bezeugen. Er ist immer wieder in meinem Boot aufgewacht, wenn ich mit ihm in Untiefen zu versinken drohte. Urplötzlich fühlte ich mich wieder hineingenommen in die Liebe. Sakramental lässt er sich sogar auf der Zunge zergehen und durchläuft unseren Verdauungstrakt. Skandalöser geht es wirklich nicht. Wie ist es aber, wenn man keine so ursprüngliche Erfahrung gemacht hat und so „naiv“ im Glaubensdogma verorten kann? Oder noch schlimmer, sie in einem Raum von Kirchlichkeit, wie sich Kirche gegenwärtig zeigt, verorten muss und möchte? Das wäre geradeso, als würde man wie seinerzeit Tilman Moser unter einer wahren „Gottesvergiftung leiden und sich dann Gott noch einmal „antun“, nachdem man die Vergiftung überlebt hatte, weil man ihn schon einmal argumentativ losgeworden ist.

Von der Gottesvergiftung zu Gegengiften

Meine „Vergiftung“ durch das Theologiestudium war Gott sei Dank nicht tödlich. Ich habe Gegengifte kennengelernt und kann damit vielleicht anderen Vergifteten helfen. Mit Gegengiften braucht man Gott nicht im Dorf zu lassen und kann ihn überallhin tragen. Ich schäme mich meines wiedergefundenen Dorfglaubens nicht.


Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag.  Helmut Müller ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.


Beitragsbild: Phalgunn Maharishi auf pexels

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