Von Menschen und „Nochnichtmenschen“

Maria durch ein Dornwald ging … Ein wunderschönes Lied! Das Fest Mariä Heimsuchung, das die Kirche am 2. Juli feiert, ist aber nicht nur voller Schönheit. Es ist auch geladen mit ethischer Brisanz. Eine Hinführung von Bernhard Meuser, ergänzt durch einen Hinweis von Martin Brüske.

Der Besuch einer jungen Frau, die das Geheimnis Jesu in ihrem Leib trägt, bei einer etwas älteren Verwandten, die ebenfalls von Gott mit einem besonderen Kind überrascht wurde, hat immer tiefe Gefühle bei Gläubigen hervorgerufen. Zwei Frauen, die gleiche Erfahrung. Ein Kind kündigt sich an. Eine unerhörte Verheißung. Ein Wunder. Wahrscheinlich können nur Frauen tiefer verstehen, dass in ihnen das Leben einen neuen Ursprung feiert, dass da etwas zuinnerst von ihnen Besitz ergreift, was nicht sie selber sind, was aber doch ihre letzte Liebe und äußerste, zärtliche Aufmerksamkeit erfordert. Das Wort „Heimsuchung“, das sich im Deutschen dafür eingebürgert hat, klingt auf den modernen ersten Blick falsch. Wir werden von Katastrophen „heimgesucht“, nicht vom Glück eines Kindes.

 Aber ist das Kind wirklich ein Glück?

 Im zeitgenössischen Kampf um ein vermeintliches Recht auf Tötung des eigenen Kindes, hat niemand verheerenderen Einfluss genommen als die Ikone von Existenzialismus und Feminismus, die französische Literatin Simone den Beauvoir (1908-1986). In „Das andere Geschlecht“ – das verhängnisvolle Buch musste ich in einem Pädagogikseminar lesen, wo es wie ein neues Evangelium zelebriert wurde – schrieb sie 1949: „Der Foetus ist ein Teil ihres Körpers und auch wieder ein Parasit, der auf ihre Kosten lebt.“ An anderer Stelle sagt sie: „… dieser Embryo, der in ihr haust, ist ja nichts wie Fleisch.“ Tatsächlich bekannte sie sich zu einer (oder mehreren?) eigenen Abtreibung(en); und sie stellte in den frühen Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts ihre Pariser Wohnungen für tödliche Eingriffe an anderen Frauen zur Verfügung.

 Nicht erst seit dieser monströsen Initiative könnte man auf den Gedanken kommen, der Mutterleib sei der unheimlichste Ort der Welt. Hier aber – beim Festum in visitatione Beatae Mariae Virginis, das der hl. Bonaventura 1263 für den Franziskanerorden einführte – haben wir es keineswegs mit einer sentimentalen Fortsetzung der Jesuskindliebe des hl. Franziskus zu tun. Kultur- und geistesgeschichtlich kommt es zu einem Gipfelpunkt des Humanen: Höchste Aufmerksamkeit für die schon im Kind aufscheinende „Person“. Die Antike kannte durch die Bank keine unantastbare Würde von Kindern. Kinder wurden wie Nochnichtmenschen behandelt; sie wurden häufig ausgesetzt oder nach der Geburt getötet. Heute noch sterben jedes Jahr schätzungsweise zwei Millionen Mädchen in Indien. „Weibliche Föten werden gezielt abgetrieben, Mädchen als Babys getötet oder so schlecht versorgt, dass sie nicht überleben“, bekundet Shubha Murthi, Leiterin von SOS-Kinderdörfern in Asien.  

Die Entdeckung der Person im Kind

 Robert Spaemann hat immer auf den Unterschied zwischen „jemand“ und „etwas“ hingewiesen; er wurde deshalb als „Fundamentalist der Menschenwürde“ bezeichnet – eine Schmähkritik, die Spaemann gerne annahm. Ein Kind ist ein jemand – und kein etwas. Punkt. Spaemann, der eine „Ethik der Heiligkeit“ vertrat, war es letztlich um die nur durch Gott gesicherte Würde aller Menschen zu tun. Von den Kindern im Leib der Maria und Elisabeth strahlt die letzte Menschen- und Kindernot wendende Heiligkeit zu uns herüber, die Licht auf alle Kinder dieser Erde wirft. 

Was für ein schönes Fest!

Aber vergessen wir über der Not unserer Tage nicht den theologischen Gehalt  einer scheinbar höchst privaten Szene! Ein neues Zeitalter beginnt … Papst Benedikt hat einmal von der „ersten eucharistischen Prozession“ in der Geschichte des Christentums gesprochen, und die amerikanische Theologin Mary Healy nannte den Besuch der Maria bei Elisabeth „die erste Missionsreise der Welt“. Martin Brüske entfaltet die ganze Schönheit und Größe der Miniatur aus dem Lukasevangelium (Lk 1,39-56) aus dem Alten Testament heraus:

„Maria findet ihren Weg durch das Bergland Judäas zu Elisabeth. So wie einst die Lade des Bundes durch Judäas Bergland nach Jerusalem durch König David heimgeholt wurde. David tanzte vor der Lade. Und so hüpft der kleine Johannes prophetisch im Schoß Elisabeths vor Maria, der neuen Bundeslade, die den Messias der Gottesgegenwart und Bundeserneuerung in sich trägt. Die frommen Juden aus der Familie Jesu, die diese Geschichte von der ersten Zeugin, die das alles in ihrem Herzen bewegte, hörten, aufgeschrieben und theologisch geformt haben wie einen Midrasch, haben die ganze Kindheitsgeschichte mit einem wunderbaren, überreichen Netzwerk solcher Bezüge durchzogen.“

Die Lektüreempfehlung: von Martin Brüske: René Laurentin , Struktur und Theologie der lukanischen Kindheitsgeschichte, Stuttgart 1967 („… ein Buch, seiner Zeit weit voraus.“)


Bernhard Meuser
Jahrgang 1953, ist Theologe, Publizist und renommierter Autor zahlreicher Bestseller (u.a. „Christ sein für Einsteiger“, „Beten, eine Sehnsucht“, „Sternstunden“). Er war Initiator und Mitautor des 2011 erschienenen Jugendkatechismus „Youcat“. In seinem Buch „Freie Liebe – Über neue Sexualmoral“ (Fontis Verlag 2020), formuliert er Ecksteine für eine wirklich erneuerte Sexualmoral. Bernhard Meuser ist Mitherausgeber des Buches “Urworte des Evangeliums”


Beitragsbild: Domenico Ghirlandaio, Visitazione, Wikimedia

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