Lange haben Katholiken in Deutschland darauf gewartet, dass Rom Farbe bekennt. Nun überstürzen sich die Ereignisse. Die Kardinäle Fernández, Parolin – der Papst selbst – werden deutlich. Bernhard Meuser skizziert die Ereignisse der letzten Tage und ordnet sie in den Gesamtzusammenhang ein. Daraus ergeben sich viele, teils unangenehme Fragen.

Kardinal Fernández oder der Ernstfall der Kirche

Sie hatten vor, die Kirche mit der Moderne zu versöhnen, von Deutschland aus die Theologie auf den Kopf zu stellen. Der 6. Mai 2026 wird als der Tag im Kirchenkalender stehen, an dem der große Traum platzte und die (von einigen deutschen Bischöfen, Theologen und Funktionären) angezettelte Kirchenrevolte kläglich in sich zusammenfiel. Eine scheinbar harmlose Anfrage zu einem scheinbar harmlosen Nebenkriegsschauplatz ließ das gesamte Kartenhaus des deutschen „Synodalen Weges“ einstürzen.

Wer fragt, bekommt eine klare Antwort

An diesem 6. Mai erlaubte sich „Vatican News“ eine Nachfrage beim Präfekten für die Glaubenslehre, Victor Kardinal Fernández. Es ging um ein Schreiben, das Fernández bereits im Oktober 2024 an Bischof Stephan Ackermann gesandt hatte. Darin bekräftigte der Kardinal die Lehre von „Fiducia supplicans“ und verweigerte jedwede Zustimmung zu liturgischen Segensfeiern für Paare in „irregulären Situationen“, wie sie in der deutschen Handreichung „Segen gibt der Liebe Kraft“ vorgesehen waren. Vor wenigen Tagen hatte Kardinal Fernández das brisante Schreiben nun noch einmal öffentlich gemacht, – wohlgemerkt in Abstimmung mit Papst Leo. Spätestens hier trat eine Bruchlinie zu Tage, die über Jahre hinweg von süßlicher hermeneutischer Rhetorik verdeckt wurde, wie sie etwa von Bischof Bätzing oder dem Theologen Thomas Söding regelmäßig in die Öffentlichkeit getragen wurde. Man sei mit Rom in bestem Einvernehmen, pflege den Dialog auf Augenhöhe und bade gewissermaßen in päpstlichem Wohlwollen. Als nun der Brief veröffentlicht wurde, war es besonders der Pressesprecher der DBK, Matthias Kopp, der die Sache mit dem Hinweis herunterspielte, Fernández habe sich in besagtem Schreiben ja nur auf eine unmaßgebliche erste Version der Handreichung „Segen gibt der Liebe Kraft“ bezogen. Kopp erweckte den Eindruck, als sei der in der Presse gefeierte und in einigen deutschen Diözesen – namentlich in München – wie ein neues Evangelium gehandhabte Text selbstverständlich verbessert und mit Rom abgestimmt.

Das wollte „Vatican News“ nun genau wissen. Der Kardinal ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Er habe gegenüber Bischof Ackermann, dem Vorsitzenden der DBK-Liturgiekommission, bereits im November 2025 deutlich gemacht, dass sich das römische Veto gegen die liturgische Segnung von außerehelichen Gemeinschaften auch auf das „Vademecum“ (O-Ton Fernández) „Segen gibt der Liebe Kraft“ erstrecke. Das Schreiben vom 18. Oktober 2024 sei „die einzige und letzte Antwort“ des Heiligen Stuhles in dieser Angelegenheit.

Das Veto im Herzenskämmerlein

Schauen wir uns den 12. November 2025 noch einmal genauer an. An diesem Tag weilte nicht nur Bischof Ackermann, sondern gleich eine ganze Gruppe von deutschen Bischöfen im Vatikan. Thema war der deutsche „Synodale Weg“. Nun ist nur schwer vorstellbar, dass Bischof Ackermann das klare Stoppsignal des Präfekten für die Glaubenslehre in seines Herzens Kämmerlein verbarg. Eher ist anzunehmen, dass er mindestens einige der in Rom weilenden Mitbrüder in die Sachlage einweihte, also vor allen anderen das Haupt der Runde: Georg Bätzing.

Es ergeben sich weitere Fragen. Warum versiegelten die (man muss dazu sagen: informierten) deutschen Bischöfe die Nachricht und verbargen sie vor den Gläubigen? Besonders das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hätte sich gewiss brennend dafür interessiert. Auch Thomas Söding hätte sicher gerne gewusst, was Sache ist.

Angenommen, alle wussten, was Sache ist

Dann ergeben sich wiederum Fragen, die dringend geklärt werden sollten:

  • Was dachten sich die besagten deutschen Bischöfen, als sie über den Rom-Besuch hinaus so taten, als sei da nichts gewesen? Warum nahmen sie das römische Veto nicht ernst? Warum machten sie die Augen zu vor der epidemischen Ausbreitung illegitimer liturgischer Handlungen? Warum machten sie einfach munter weiter mit der praktischen Einpflanzung einer Sonderlehre? Warum ermunterten sie dazu? Woher nahmen sie das Recht zum Ungehorsam? Glaubten sie, Rom sei fern, sei theologisch hinter dem Mond, sei nicht auf Höhe der Humanwissenschaften? Glaubten sie an einen pragmatischen ethischen Modus unterhalb der Radarschwelle des römischen Lehramtes?
  • Nachdem sich der ehemalige DBK-Vorsitzende Georg Bätzing, – wie sich nun im Nachhinein herausstellt – selbst abgeschossen hat, richten sich alle Blicke auf seinen Nachfolger, auf Heiner Wilmer. Die Bewältigung der nun auf dem Scheitelpunkt angekommenen Krise wird zur ersten großen Probe seiner Amtszeit werden. Wird er die richtigen Worte finden, wo ihm nicht viel mehr übrig bleibt, als eine der entscheidenden Hoffnungen des Synodalen Weges zum Platzen zu bringen? Er kann weder die alte Karte ziehen: „Das böse Rom hat alles versaut“ (sie würde den glühenden Zorn der Liberalen mildern), noch kann er die neue Karte spielen: „Lasst den Papst reden, wir machen, was beschlossene Sache ist“. Das würde die Kirche spalten.
  • Ebenso gespannt darf man auf die Reaktion von Irme Stetter Karp und dem ZdK sein. Zumindest die jakobinische Fraktion wird sich kaum zu einer Ergebenheitsadresse bereitfinden.

Der Rest vom Schützenfest

Vom deutschen „Synodalen Weg“, dem es nur oberflächlich um Missbrauch, in Wahrheit aber um einen theologischen und ethischen Paradigmenwechsel ging, ist nicht mehr viel übrig. Weder scheinen sich die feministischen Hoffnungen von Maria 2.0 zu erfüllen, noch wird es eine fundamentale Transformation der Sexualmoral geben, noch findet der deutsche Ruf nach einer Demokratisierung der Kirche auf allen Ebenen Widerhall in Rom und der Welt. Von einem missionarischen Ruck, der durch die Institution geht, kann nicht gesprochen werden. Die Erosion des Glaubens geht unvermindert weiter und die Jungen, die kommen, sind an Strukturdebatten, Gremienarbeit und innerkirchlichem Machtgerangel nicht interessiert.

Die Zerstörung des deutschen Exzellenzprojektes einer neuen Sexualethik – nichts Anderes ereignet sich in diesen Tagen – dürfte das klägliche Ende des deutschen „Synodalen Weges“ besiegeln. 


Bernhard Meuser
Jahrgang 1953, ist Theologe, Publizist und renommierter Autor zahlreicher Bestseller (u.a. „Christ sein für Einsteiger“, „Beten, eine Sehnsucht“, „Sternstunden“). Er war Initiator und Mitautor des 2011 erschienenen Jugendkatechismus „Youcat“. In seinem Buch „Freie Liebe – Über neue Sexualmoral“ (Fontis Verlag 2020), formuliert er Ecksteine für eine wirklich erneuerte Sexualmoral. Bernhard Meuser ist Mitherausgeber des Buches “Urworte des Evangeliums”


Beitragsbild: game over
Lizenz unter: Foto von Leon-Pascal Jc auf Unsplash

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