Frosch im Ozean oder: das Herz brennt auch heute noch

Im Anfang war das Wort! (Joh. 1,1)

Als Neuer Anfang interessiert uns natürlich, wie es im Anfang und was das Wort war, das nicht nur „unter uns gewohnt“, sondern sich auch nach Ostern zunächst lokal, dann regional, imperial und schließlich global verbreitet hat. Helmut Müller beleuchtet, was das Wort so attraktiv gemacht hat, unter aberwitzig vielen Worten, denen man im Imperium Romanum folgen konnte und auch heute noch kann. In den Texten der Lesungen nach Ostern sind die Jünger unterwegs in einer Welt, in der an jeder Straßenecke ein anderer Gott verehrt und ein anderer Lebensstil gewählt werden konnte. Parallelen zu heute sind (nicht) rein zufällig.

Der Frosch im Tümpel und der Wal im Ozean

Viele Götter, viele Lebensstile. Eine Übung in Kosmopolitismus und religiösem Pluralismus könnte naheliegen, zumal etwa Paulus als römischer Bürger kosmopolitisch groß geworden ist. Aber bei Licht besehen ist beides so lächerlich, als ob ein Frosch seinen heimischen Tümpel für den atlantischen Ozean aufgeben wollte. Beides ist zwar Wasser, aber in den Tümpel gehört der Frosch und in den Atlantik der Wal und nicht in die Ostsee, wie wir seit Timmy alle wissen. Kosmopolitismus und Religionspluralismus sind schlicht immer wieder auftretende Denkfehler, da nicht begriffen wird, dass Menschsein U-topie, Ortlosigkeit, schlecht verträgt. Auch ein Wal ist nicht ortlos global, schon in einem flachen Meer findet er den Tod. Nur von einem Ort her gewinnen wir das wirklich Weite und aus einer Religion die Transzendenz des wahren Gottes. 

Eine Religion, in der sich Gott zum Affen macht!?

Als Christ weiß ich, dass Gott nicht aus Spaß in diesem Mann aus Nazareth Mensch geworden ist, um die unteren Ränge seiner Schöpfung touristisch zu erkunden. Der Futtertrog am Anfang und der Galgen der Antike am Ende vertragen sich nicht mit einer Einerleiheit Gottes in den Religionen der Welt, und trotzdem ist eine Erfolgsgeschichte daraus geworden. Es kann nicht sein, dass Gott sich so für die Menschheit zum Affen macht und zugleich andere Glaubenssysteme gleichwertig sind. Entweder gehört die Religion, in der solches geschieht, in den Mülleimer der Religionsgeschichte, oder sie hat eine Botschaft, die alle anderen Glaubenssysteme schlicht überbietet. Wenn im Mann aus Nazareth etwas vom Glanz Gottes in der Welt sichtbar geworden ist und gleichzeitig in seinem Schmerz etwas von seiner Liebe zu uns spürbar wurde, dann kann das Leben jedes Menschen von nirgendwoher sonst mehr Glanz und Liebe erfahren. 

Der Tausch von Ewigkeit für Ort und Zeit am Rande der Wüste?

Im Mann aus Nazareth hat Gott seine Ort- und Zeitlosigkeit aufgegeben, um für uns Ort- und Zeitsakramentale zu sein, aus dem wir allein Weite und die Fülle des Lebens gewinnen. Der Zeitkern seiner Menschwerdung ist der Kairos schlechthin. 1781 – das Jahr der Erscheinung der Kritik der reinen Vernunft – ist meinetwegen auch ein Kairos, aber er toppt auf gar keinen Fall den Zeitkern und den Kairos schlechthin der Menschwerdung Gottes im Mann aus Nazareth. Es ist daher ein Irrtum, Schimmer von Glanz in allen möglichen Religionen aufzusammeln und in Mosaikstückchen zusammenzulegen. Das wäre Manichäismus in neuem Gewand. Genauso ist es Unsinn, die Fülle des Lebens summierend in Nachtlokalen, Meditationswochenenden, an einer boomenden Börse, in der Karibik, einem Kinderlachen oder auf einem Alpengipfel zu sammeln und das dann die Fülle des Lebens zu nennen. Wenn in diesem Mann aus Nazareth Gott Mensch geworden ist, berührt in ihm der Himmel die Erde. Und nur an diesem Ort und in dieser Zeitkoordinate wird erfahrbar, was alle Religionen erhoffen, keine aber wirklich schenkt, nur die allein, in der Gott einer von uns geworden ist.

Wenn Tote nicht im Grab bleiben und Herzen erneut brennen

Er behält diesen Glanz, die Weite und Fülle des Lebens nicht für sich selbst, sondern will sie uns allen schenken. In seinem Leben ist offensichtlich geworden, was und wer tatsächlich unter uns gewohnt hat: Das Wort ist nämlich Fleisch geworden, weder bloß Geist und erst recht nicht Druckerschwärze geblieben.

Wörter transportieren Botschaften, in IHM ist jedes Wort auch Tat, d. h. Wirklichkeit geworden und sogar das letzte Schicksal von uns allen, was wir in Worten Tod nennen, der alles Leben vernichtet, ist nicht sein endgültiges Schicksal geblieben. Er ist nicht, wie es jedem von uns – ohne seinen Erlösertod – bevorstehen würde, in der Grube geblieben. Er hat aus dem letzten Wort, Tod, das unser Schicksal besiegelt und das der ärgste Feind des Lebens ist, noch einmal eine Wirklichkeit werden lassen.
Als die Emmaus-Jünger ihm “in Fleisch und Blut” begegneten, ist deutlich geworden, was es heißt:

Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt:

Wort und Tat haben seine Botschaft, quasi von der Wiege bis zur Bahre – und darüber hinaus, verkündet. Deshalb brannte ihr Herz (Lk 24,32).  Wir sind Zeugen, dass auch in unseren Tagen das Herz von jungen Menschen brennt. Der Mann aus Nazareth ist offensichtlich weiter als Brandstifter tätig.  Denn eine Botschaft von diesem Kaliber, in der auch noch Wort und Tat als Einheit erfahren wurden, sorgt offenbar auch heute noch für einen neuen Anfang.


Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag.  Helmut Müller ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.


©Peter Esser, unter Verwendung eines Holzschnitts von Katsushika Hukusai (Wikipedia, gemeinfrei)

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