Über den deutsch-katholischen Umgang mit kirchlichen Texten
Und wieder die befremdliche Argumentation: Franziskus und Leo gehe es bei der Frage der Segensfeiern hauptsächlich um die Abgrenzung von der Ehe. Das ist in der Tat ein Motiv, aber es ist bloßes Märchen, wenn die komplexe Argumentation in Fiducia supplicans darauf reduziert wird. Unfähigkeit oder Unwilligkeit, einen lehramtlichen Text zu lesen?, fragt Martin Brüske.
Komplexe Texte bedürfen sorgfältiger analytischer Lektüre
Zur zünftigen Lektüre eines lehramtlichen Textes gehört die Identifikation seines logisch-argumentativen Gefüges. Bei Fiducia supplicans handelt es sich überdies um einen normativen Text. Es ist also zu fragen: Auf welchen Grundannahmen beruht er? Werden die verwendeten Grundbegriffe definiert oder ist ihre semantische Füllung, ihre Bedeutung also, anders erkennbar? Welche prinzipiellen Normierungen liegen den speziellen Normen zugrunde, auf die der Text hinaus will? Und schließlich: wie kommt man von A nach B, also wie ist das argumentative Gefüge implizit oder explizit strukturiert, um von den Grundannahmen lehrmäßiger und normativer Art zu den Ergebnissen zu kommen – und ist dieser argumentative Weg konsistent, ist er schlüssig? Das Verstehen des Textes, seine „Hermeneutik“, ist nur in der Wechselseitigkeit mit dieser logisch-semantischen Analyse möglich. Rote Fäden, Grundtendenzen, mögliche Intentionen, Bedeutungen, die sich aus dem Zusammenspiel von Text und Kontext ergeben, sind immer nur im Text – und nicht daneben oder dahinter – zu finden. Sonst landet man in der Beliebigkeit. Mit einem Wort: Man muss einen Text ernst nehmen. Wer ihn aber ernst nimmt, nimmt sich Zeit. Er liest ganz, mehrmals, gründlich. Der Leser ist – alles in allem – sorgfältig. Erst in dieser Sorgfalt erschließt sich das logische Gefüge eines Textes. Wir sehen wieder: Verständnis und Analyse eines Textes greifen von Beginn an ineinander. Hermeneutik und Logik sind nicht zu trennen.
Was wir indes im Umgang mit lehramtlichen Texten seit etlichen Jahrzehnten sehen – in der allgemeinen wie in der kirchlichen Öffentlichkeit, bei Journalisten ebenso wie bei Bischöfen, Laienfunktionären und auch, ausdrücklich, in der Theologenschaft – ist leider etwas ganz anderes. Mag sein, dass dann irgendwann für kleinste Zirkel die Fachaufsätze, Sammelbände und Kommentare erscheinen, die sich den oben genannten Forderungen nach einer zünftigen Textlektüre wenigstens annähern (auch das ist leider im akademischen Betrieb alles andere als zwingend). Das Publikum hat sein Urteil längst gesprochen. Und zumeist weit jenseits des wirklichen Textes.
Theologische Leseschwäche – ein Beispiel
Ich habe in der katholischen Akademie in Bayern in den 90ern beim Erscheinen des Weltkatechismus eine Tagung erlebt, bei der damals sehr bekannte und angesehene Professoren der Theologie die wüstesten Vorhaltungen machten, was hier und dort fehle – und wieso der Text deshalb hochdefizitär sei. Ich traute meinen Ohren und Augen nicht: Das als fehlend Beschworene fand sich gleich mehrmals auf derselben Seite weiter oben oder unten. Ich hatte mir den Band gleich besorgt – und war sofort darin verliebt – und konnte deshalb mitlesen. Und fand die schwer inkriminierten Defizite sofort, beim bloßen Überfliegen. Waren diese Theologen Lehramtslegastheniker oder Lernverweigerer oder vielleicht sogar beides?
„Verschwörung“ hinter dem Text?
Was passiert da? Journalisten, auch theologisch vorgebildete, sind auf die Schnelle, nicht unbedingt auf die sorgfältige Lektüre trainiert. (Entschuldigung, liebe Journalisten, ich beschreibe eine Tendenz, die natürlich nicht für Euch alle gilt. Ich achte Eure Zunft sehr!) An der Komplexität und Eigenart lehramtlicher Dokumente scheitern sie regelmäßig. Oberflächlich werden Texte auf Ergebnisse zu heißen Eisen abgeklopft. Und dann wird hinter dem Text eine wirkliche, wahre, eigentliche Intention „gefunden“ (eher hineingelesen), das, was der Text eigentlich sagen und erreichen wolle. In Wahrheit funktioniert das – heiterer- oder beklemmenderweise – wie eine Verschwörungstheorie. Weil man unfähig oder unwillig ist, den Text zünftig zu lesen, verfällt der Text gesamthaft zum bloßen Ornament seiner wahren Intention, die bestenfalls einen sehr äußerlichen Anlass im Text selbst findet. Was der Text wirklich sagt, was aber erst durch sorgfältige analytische Lektüre freigelegt werden müsste, wird zum bloßen Schein, der die wirkliche Intention umhüllt. Die angestrengte Arbeit am Text kann man sich dann vorgeblich sparen. Und man wird auch noch zum Wissenden, der dem Publikum sagt, was es mit diesem kryptisch-merkwürdigen Text auf sich hat – auch wenn man ihn selbst nicht einmal ansatzweise verstanden hat. Und das kirchliche Publikum macht fröhlich mit – selbst, wie gesagt, die Theologenschaft beteiligt sich am Spiel. Keine Korrektur. Keine Sorgfalt. Keine Anstrengung des Begriffs. Nicht überall (selbstverständlich!), aber eben viel zu oft. Noch einmal: Lehramtslegasthenie oder Lernverweigerung oder beides?
Fiducia supplicans wird wieder entstellt!
So war es auch von Beginn an mit Fiducia supplicans (FS). Und so ist es jetzt wieder, nachdem Papst Leo in denkbar größter Klarheit der deutschen Segenspraxis und ihrer lehrmäßigen Legitimation in „Segen gibt der Liebe Kraft“ und den Dokumenten des Synodalen Wegs die Zustimmung verweigert hat. Die „Lesart“ von FS, die jetzt wieder vorgetragen wird, um die deutsche Lehre und Praxis stur zu verteidigen – weit jenseits sorgfältiger Lektüre – ist dabei von erwartbar gröbster Primitivität.
1. FS erlaube ganz grundsätzlich die Segnung von Paaren in sogenannten irregulären Beziehungen, insbesondere queeren.
2. FS hebe (derogiere) damit das Verbot von 2021 auf.
3. FS mache lediglich Einschränkungen im Blick auf die Verwechselbarkeit mit der Ehe. Dieser Einschränkung habe man in „Segen gibt der Liebe Kraft“ Rechnung getragen. Und selbstverständlich sei das mit Rom „abgestimmt“.
Framing lebt von Wiederholung
Das wurde und wird so, mit geradezu grotesker Penetranz, insbesondere von Bischof Bätzing und jetzt erneut vom Präsidium des ZdK vorgetragen. Nun, das ist in der Sprache der Kommunikationswissenschaft ein Framing. Möglicherweise wird es deshalb so penetrant wiederholt. Denn ein Framing – das haben die Dame und die beiden Herren wohl gelernt – lebt bekanntlich von notorischer Wiederholung. Sie hoffen, dass niemand das Framing am Text von Fiducia supplicans überprüft. Denn es ist – in aller notwendigen Deutlichkeit sei es gesagt – schlicht und ergreifend primitiver und offensichtlicher Quatsch, Unsinn und ein Aberwitz, wenn man das Dreierschema von oben am Text von Fiducia supplicans überprüft.
Nein, Fiducia supplicans geht es nicht nur um die Abgrenzung von der Ehe!
Liebe Leserschaft, tun Sie das, wagen Sie die Überprüfung am Text, schauen Sie genau hin, lesen Sie sorgfältig Abschnitt für Abschnitt und Satz für Satz! Eine Lesehilfe finden Sie hier. Dort habe ich die tragenden definitorischen und normativen Aussagen und die normativen Zielaussagen, das Grundgefüge also, noch einmal zusammengestellt und auch eine Zusammenfassung gegeben, die Sie ausdrücklich noch einmal durch Ihre eigene Lektüre überprüfen sollten!
Das Ergebnis ist jedenfalls im Blick auf die obigen drei Punkte: Es geht FS keineswegs nur um die Abgrenzung von der Ehe. Ausgehend von der Geltung der klassischen Ehelehre einschließlich der Aussage, dass die Ehe zwischen Mann und Frau der einzig sittlich legitime Ort praktizierter Sexualität ist, wird in aller Klarheit die segnende Zuwendung zu Paaren in einer irregulären Situation von einer Legitimation ihrer Lebensform abgegrenzt. Denn auch die ethische Bewertung dieser Lebensformen hat sich nicht verändert. Überdies ist die Erklärung von 2021 nicht aufgehoben worden. Denn hier ging es um Liturgie. Und auch FS schließt weiterhin auf der gerade genannten Basis völlig konsequent jede Form gottesdienstlicher Gestaltung explizit und nachdrücklich aus.
Und jetzt auch noch Gedächtnisschwund …
Die penetrante Wiederholung des Framings ist schon dreist. Aber Thomas Söding hat jetzt noch eins draufgesetzt. Nachdem Georg Bätzing mit großem Pathos behauptet hatte, „Segen gibt der Liebe Kraft“ sei mit Rom abgestimmt worden, sah Kardinal Fernández sich genötigt – ein sehr ungewöhnlicher Vorgang – ihm öffentlich und direkt zu widersprechen. Thomas Söding hat das wohl „vergessen“. Denn er wiederholt dieses Märchen wieder, ohne mit der Wimper zu zucken. Er sollte einfach ein Dokument vorlegen, in dem Fernández die beschlossene (!) Fassung von „Segen gibt der Liebe Kraft“ tatsächlich billigt. Dann wissen wir, wo die Wahrheit liegt. Vielleicht leidet er aber nun auch noch an Gedächtnisschwund – oder sollte er eher auf das schlechte Gedächtnis und die Unaufmerksamkeit der Zeitgenossen hoffen? Lehramtslegasthenie? Lernunwilligkeit? Vermutlich beides!
Dr. theol. Martin Brüske
Martin Brüske, Dr. theol., geb. 1964 im Rheinland, Studium der Theologie und Philosophie in Bonn, Jerusalem und München. Lange Lehrtätigkeit in Dogmatik und theologischer Propädeutik in Freiburg / Schweiz. Unterrichtete bis 2025 Ethik am TDS Aarau. Martin Brüske ist Mitherausgeber des Buches “Urworte des Evangeliums”.
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