Im Karfreitag verharren oder den Mut haben, auf das leere Grab und in den Himmel zu blicken? Manchmal ist es nur eine Frage der Perspektive oder der Entscheidung. Patricia Haun über ein ganz persönliches alltägliches Ostererlebnis und Gotteserfahrungen am Wegrand des Lebens.
Geänderte Pläne
Dienstag nach der Osteroktav. Ich bin auf dem Weg zum Fitness-Center. Ich gehe oft die 25 Minuten zu Fuß, weil ich mir dadurch das Aufwärmen an einem Gerät erspare und dabei noch frische Luft und den Kopf frei bekomme. Im Laufen spüre ich in mich hinein und merke, dass ich weder Motivation noch Lust auf Sport habe. Mir stecken noch die drei Tage harte Arbeit im Restaurant in den Knochen und in den Muskeln. Außerdem frustriert mich, dass ich aktuell wenig Inspiration für meine journalistische Arbeit verspüre. Intuitiv laufe ich am Sportstudio vorbei, verlasse die Straße und wechsle auf einen Radweg, der an einem schön geschwungenen Bachlauf entlang führt. Ich laufe einfach immer weiter mit dem Ziel, mich auf der nächsten Bank niederzulassen und meinen Tagesplan neu zu überdenken. Im Laufen nehme ich das saftige Grün der Wiesen wahr, die knospenden Bäume und ich spüre die wärmende Sonne auf meiner Haut.
Überall nur Müll
Nach einem kurzen Wegstück erblicke ich auch schon eine Bank. Doch die ist alles andere als einladend. Trotzdem setze ich mich und lass meinen Blick schweifen: Rechts neben mir ein Abfallbehälter. Daneben hat jemand einen gelben Sack aus dem Plastikhausmüll abgelegt. Links neben der Bank ein Hundekotbehälter inklusive Plastiktütenspender für die Hinterlassenschaften der Vierbeiner. Und geradeaus schaue ich auf mehrere Glas- und Altkleidercontainer, dahinter ein Industriegebäude. Die Müllcontainer trennt ein halb verrotteter Maschendrahtzaun vom Radweg. Tolle Perspektive! Welcher Trottel hat denn HIER eine Bank aufgestellt? Da kann man ja beim Ausruhen depressiv werden. . . Ich ärgere mich und nehme dabei ein Geräusch wahr.

“Küchenphilosophie”
Hinter mir plätschert das Bächlein lustig vor sich hin. Ich stehe auf, drehe mich um und lehne mich stehend an die Rückenlehne der Bank und siehe da: Da ist sie wieder, die idyllische Schönheit der Natur, die mir schon beim Laufen aufgefallen war. Die Sonne spiegelt sich im Wasserlauf. Prompt steigen etliche „küchentisch-philosophische“ Gedanken in mir auf:
Wie einfach doch manchmal ein Perspektivwechsel ist und welche Wirkung das mit sich bringen kann! Ich verbinde diese Erkenntnis mit mehreren Überlegungen.
- Zum Beispiel die Kar- und Ostertage betreffend: Ich kann im Karfreitagsgeschehen und in der Finsternis der Betrachtung des Todes stecken bleiben und Trübsal blasen. Genauso gut kann ich aber auch darüber hinaus auf Ostern blicken, auf das leere Grab, das Licht der Auferstehung, die Erlösungsidee des Schöpfers, die Hoffnung, die wir haben dürfen, usw.
- Ich habe die Wahl, mich auf die Bank zu setzen und Maschendrahtzaun mit Müllcontainern anzuschauen oder mich umzudrehen und die idyllische Schöpfung Gottes zu betrachten.
- Ich habe auch die Wahl, zu glauben, dass mit dem Tod alles aus ist oder mich an der Auferstehungshoffnung aufzurichten.
- Ich habe die Wahl, mich über den verwässerten oder bei vielen auch verschwundenen Glauben zu grämen oder meinen Blick zu wenden zu den vielen Neuaufbrüchen und Neugetauften, die sich wirklich für den Glauben entscheiden und nicht nur Taufscheinchristen sein wollen.
- Ich habe die Wahl, auf das Hässliche zu schauen, das mir täglich TV, Zeitungen und Internet zeigen und das es sicher auch in der Welt zur Genüge gibt. Ich habe aber auch die Verantwortung zu beachten, wie viel ich davon verkraften kann. Die andere Perspektive, das Schöne in der Welt zu suchen und zu betrachten, ist sicher heilsamer und erquicklicher für die Seele.
Ich habe die Wahl. Alles eine Sache der Perspektive und der Entscheidung.
Ein inspirierendes Ostererlebnis
Nebenbei ist noch etwas anderes geschehen, während ich meinen persönlichen kleinen Perspektivwechsel vorgenommen habe: Seit Tagen quälte mich eine Schreibblockade, meine Kreativität war im Keller und ich hatte keine Inspiration für meine journalistische Arbeit. Sobald ich mich umgedreht hatte und auf das plätschernde, frische Wasser sah, strömten Ideen in mich hinein und aus mir heraus, so dass ich mein Handy nahm und meine Gedanken aufsprach. Denn die Inspiration sprudelte, dass ich die Gedanken gar nicht schnell genug fassen konnte. Wow! Irgendwie ein ganz spezielles Ostererlebnis. Die Künstler unter den Lesern verstehen sicher, was ich meine. Dieser Beitrag ist übrigens ein Ergebnis dieses „fruchtbaren Wasser-Anblickes“.

Das düstere und trostlose Bild der Müllcontainer war mit einem Male überlagert von Auszügen aus Psalm 23:
Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
Meine Lebenskraft bringt er zurück. / Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, getreu seinem Namen.
Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab, sie trösten mich.
Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, übervoll ist mein Becher.
Ja, übervoll war plötzlich mein „Becher“ mit Inspiration und neuer Schaffenskraft. Ohne dieses kleine „Alltagserlebnis“ überstrapazieren zu wollen, ist es doch (m)ein kleines persönliches Auferstehungserlebnis – im übertragenen Sinne natürlich. Aber ist das nicht die Stimme Gottes, mit der er in unserem Alltag gerne flüsternd in Erscheinung tritt? Ich will das jedenfalls glauben und vielleicht inspiriert es Sie ja auch, die Augen offen zu halten und die Ohren zu spitzen für kleine und große Gotteserfahrungen am Wegrand Ihres Lebens.
Patricia Haun
Jahrgang 1971, ist freie Journalistin, Mutter von vier Kindern und Großmutter dreier Enkel. Sie hat sich jahrelang in der Lebensrechtsarbeit, in kirchlichen und caritativen Organisationen engagiert und wirkt mit bei der Initiative „Neuer Anfang“.
Fotos: Patricia Haun

