Die Synodalversammlung ist zu Ende. Die Diskussionen um die Deutungshoheit sind in vollem Gange. Hannah Kohn schlägt vor, das Momentum nicht für Revierkämpfe, sondern zum Guten zu nutzen – Brücken bauen, statt Grabenkämpfe.
Das Momentum des Scheiterns zum Guten nutzen
Es geht heiß her in den Kommentarspalten katholischer Medien und Gruppendiskussionen verschiedener Social-Media-Kanäle. Vieles bleibt erfreulich sachlich und drückt Aufatmen nach langer Hilflosigkeit im deutschsynodalen Dilemma aus. Teils kommt es aber auch zum Schlagabtausch und einem offenen Kampf um Deutungshoheit. Oder auch zu Überlegungen, mit den Waffen des “Synodalen Weges” zurückzuschlagen: im Organisieren von Mehrheiten der Nichtverbandskatholiken, um sicherzustellen, als Gegengewicht in einer eventuellen Synodalkonferenz sichtbar zu werden.
Einladend sein für die Wahrheit
Ich verstehe den Wunsch, das Momentum zu nutzen. Nur, wollen wir denn wirklich in einem demokratischen Deutschkatholizismus vertreten sein? Ich nicht.
Ich bin vor 18 Jahren römisch-katholisch konvertiert. Wenn ich auf Jesus schaue und nach Rom, dann heißt das in der aktuellen Situation für mich:
- treu bleiben in der Nachfolge Jesu – egal, wie widrig die Umstände sind.
- selbst gegenüber “dem Feind” immer den Brückenbau in diese Nachfolge anbietend bleiben. Die Hand ausgestreckt halten für den, der umkehren möchte.
Jesus ist nicht in Feindesland gegangen, um es zu erobern. Sondern um Zeugnis zu geben für und einzuladen in die Wahrheit, die Er selbst ist.
Das Momentum im Sinne Jesu nutzen
Auch ich spüre regelmäßig eine Häme in mir aufwallen wegen Vorgehen und Denkart des sogenannten “Synodalen Weges”, nach all den Verletzungen und Framings, die ja dazu dienten, das lehramtstreue Kirchenvolk auszugrenzen aus der eigenen Kirche und uns in unserer Würde herabzusetzen. Und ja, ein Teil von mir will zurückschlagen und denen jetzt auch mal so richtig den Kopf waschen.
Aber ich glaube, in Jesu Sinne wäre es, das Momentum anders zu nutzen. Nämlich, um Zeugnis von ihm in unserem Umgang mit den Verlierern des “Synodalen Weges” zu geben.
Mich hat bei allem Frust über die Borniertheit der Verantwortlichen trotz aller Einigungsversuche aus Rom doch berührt, dass es eine Irme Stetter-Karp persönlich verletzt hat, dass nicht wenige ihr Handeln als “Heiland bespucken” empfinden. Damit habe ich bei ihr gar nicht gerechnet. Etwas in ihr glaubt offenbar, mit dem, was sie tut, Jesus zu folgen. So irrational uns das erscheinen mag.
Mir sind im beruflichen Kontext mehrere leitende Verbandskatholiken begegnet, nicht wenige auch im “Synodalen Weg” engagiert und gerade erschöpft, erschüttert und tief verletzt. In der Anwendung, im Umgang mit Armen und Schwachen, leben sie seit vielen Jahrzehnten beeindruckend christliches Handeln.
Bei aller persönlicher Verletzung sollten wir dieses beständige tätige Wirken als Hände und Füße Christi nicht verkleinern oder übergehen. In aller Regel sind solche Vertreter des Verbandskatholizismus sehr überrascht, dass jemand mit meiner “kirchenpolitischen Ausrichtung” ihrer Sache und ihnen in ihrer Sache so nah sein kann. Und dass so jemand doch die grundsätzliche Verfasstheit der Kirche nicht in Frage stellt, sich als Frau nicht systematisch benachteiligt fühlt und die Theologie des Leibes sogar als Befreiung erfahren hat.
In den Schuhen des anderen gehen
Ich weiß auch aus meiner persönlichen Konversionsgeschichte, dass es solche Begegnungen sind, die ein Herz bekehren.
Dies bewirken nicht Parolen, Demonstrationen und Kämpfe um Deutungsmacht. Vielleicht haben “die Anderen” Christus einfach noch nicht kennengelernt, wie ich ihn kennen darf. Vielleicht können sie ihn mit Taten besser verkünden als mit Worten. Vielleicht haben sie nie eine Sprache vermittelt, nie vorgelebt bekommen, wie menschlich nah Gott ihnen sein kann, wenn sie ihm einfach zu Füßen sitzen statt Kirche nach ihrer menschlichen Denkart zu organisieren.
Und vielleicht kennt keiner von uns regelmäßigen Kirchgängern und Romtreuen das Leid und die Not der physisch Armen so gut wie sie. Nicht, weil es uns nicht interessieren würde, sondern weil bei uns vielleicht eher Menschen Zuflucht suchen, die sich spirituell arm fühlen und unsere Aufgabe das tätige und betende Handeln an ihrer Armut ist.
Was könnten wir voneinander lernen, wenn wir das Scheitern des “Synodalen Weges” nun zum Anlass nehmen, einladend für die Sicht des Anderen zu sein oder zu werden?
Das wirkliche Hören im Heiligen Geist zu lernen, in dem ja alle Positionen als Sehnsucht sein dürfen – ohne, dass WIR einander korrigieren – als ein Raum, in dem das Hören der Not – nicht der Forderungen – des Anderen unser eigenes Herz bekehren kann. Genau da kann der Heilige Geist wirken. Und das Zueinanderkommen wird Geschenk Gottes, statt vom Anderen errungenes Terrain für mich selbst.
Impulse aus den Schriftworten nach der 6. Synodalkonferenz
“Das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen.” (1 Kor 1,26-31)
So erinnert uns Paulus in der zweiten Lesung am Sonntag nach Ende der 6. Synodalkonferenz.
In der Kirche, so wie ich sie verstanden habe, geht es nicht um Mehrheiten, um oben und unten, sondern darum, in unserer Unterschiedlichkeit gemeinsam Gott zu suchen. Gott, den ich mir niemals nach meinem Gusto selbst bauen kann wie ein goldenes Kalb. Gott, den ich niemals besitzen kann. Gott, der nie aufhört, sich als der, der er immer schon war, zu offenbaren. Den wir gerade deshalb im Hier und Heute immer tiefer kennen und verstehen lernen dürfen, obwohl er immer der ganz Andere bleibt. Gott, der Tradition und Gesetz eben nicht ersetzt oder abgeschafft, sondern erfüllt hat und in dem gerade darin das Antlitz der Erde neu geworden ist.
“Selig die Handwerker des Friedens”,
so wird in der französischen Übersetzung der Abschnitt aus den Seligpreisungen des Evangeliums von besagtem Sonntag wörtlich übersetzt.
“Ich lasse in deiner Mitte übrig ein demütiges und armes Volk. Sie werden Zuflucht suchen beim Namen des HERRN als der Rest von Israel. Ja, sie gehen friedlich auf die Weide und niemand schreckt sie auf, wenn sie ruhen,”
verheißt der Prophet Zefanja in der ersten Lesung jenes Sonntags.
Lasst uns also Handwerker solchen Friedens sein!
Lasst uns Jesus ins Zentrum unseres Handelns stellen. Lassen wir unsere eigenen Herzen von ihm bekehren, wo wir selbst aus Verletzung oder Stolz hart geworden sind. Lassen wir uns berühren von der Not unseres Gegenübers. Lasst uns mutig und in Treue sichtbar leben, was wir schon verstanden haben von der Nachfolge Jesu.
Lasst uns einladend werden, ohne dem Irrglauben zu erliegen, schon zu besitzen oder zu wissen, wie Gott dem Anderen begegnen will. Und überlassen wir die Bekehrung der anderen Herzen dem, der sie ebenso wie die unseren zur Liebe geschaffen hat. Kurzum, lasst uns Gottes Wirken kein Hindernis sein auf dem Weg all seiner Kinder zurück in die Einheit in ihm.
Möge er unsere Herzen dabei leiten. Gott weiß, wie sehr wir ihn (alle) dafür brauchen.
Hannah Kohn,
Jahrgang 1979, ist als junge Erwachsene nach intensivem Ringen von theoretisch-evangelisch nach fröhlich-katholisch konvertiert. Sie hat knapp drei Jahre in Ordensgemeinschaften gelebt und engagiert sich in kirchlichen Gremien ebenso wie in der (Neu-)Evangelisierung. Brücken bauen ist auch in ihrem Beruf als Beraterin für Transformationsprozesse ihr täglich Brot.
Beitragsbild: bunte Hängebrücke – Bildrechte ©Adobe Stock / Vectorville

