Zum ekklesiologischen Kategorienfehler des Synodalen Weges
Was bedeutet es, wenn ein kirchlicher Gesprächsprozess plötzlich in Legislaturperioden denkt? Auf einer Pressekonferenz im Rahmen des Synodalen Weges fiel ein Begriff, der mehr verrät, als er vielleicht sollte. Peter Esser ist darüber gestolpert und analysiert die parlamentarische Semantik, die Selbstreproduktion synodaler Gremien und die Frage, ob hier nicht ein selbstreferenzielles Gremium vom Typ eines „Weihnachtskaktus“ vorliegt – mit gravierenden Folgen für Kirche und Synodalität in Deutschland.
Auf der Pressekonferenz zum Auftakt der sechsten Synodalversammlung erklärte Thomas Söding, Vizepräsident des Synodalen Rates auf eine Frage von Benjamin Leven (Communio) nach den bisher noch fehlenden 27 Berufungen für die „Synodalkonferenz”, dass es bei allen weiteren „Legislaturperioden” so sein werde, dass die Mitglieder der bisherigen Synodalkonferenz die Mitglieder der jeweils folgenden Synodalkonferenz wählen.
Dieser Begriff mag ein Versehen gewesen sein, ist aber trotzdem auffällig, denn er ist eindeutig parlamentarisch konnotiert. Er setzt eine Legislative voraus, also die Fähigkeit eines Gremiums, verbindliche Normen oder Gesetze zu erlassen. Wer von Legislaturperioden spricht, verortet sich notwendig im Rahmen parlamentarischer Logik.
Der gremiale Weihnachtskaktus
Damit wird implizit behauptet, dass eine entstehende – oder im Entstehen begriffene – Synodalkonferenz formell legislative Aufgaben wahrnimmt. Zugleich reproduziert sie sich selbst, indem sie ihre Nachfolger aus den eigenen Reihen wählt. Die Struktur folgt damit einem Prinzip der Selbstreproduktion, das weniger an Synodalität oder Parlamentarismus erinnert, denn an ein Gremium, das sich von Legislatur zu Legislatur fortschreibt wie ein Weihnachtskaktus, der aus sich selbst heraus immer wieder neue Glieder bildet – freilich ohne neu gepflanzt oder neu legitimiert zu werden.
Dieses Prinzip steht in einem deutlichen Spannungsverhältnis zum ursprünglichen Anspruch des Synodalen Weges. Denn zu Beginn wurde dieser ausdrücklich als ein offenes Gesprächsformat beschrieben: nicht legislativ, nicht judikativ, ohne bindende Entscheidungsgewalt. Im Verlauf des Prozesses jedoch wurden die Forderungen nach Mitspracherechten und Entscheidungsrechten zunehmend lauter und unverblümter – bis hin zu dem Anspruch, über institutionelle Machtmittel zu verfügen, etwa durch den Zugriff auf Ressourcen des Verbands der Diözesen Deutschlands.
Ein ekklesiologischer Kategorienfehler
Dabei handelt es sich nicht um ein bloßes Kommunikationsproblem oder um unglückliche Wortwahl. Es liegt vielmehr ein ekklesiologischer Kategorienfehler vor. Synodalität in der katholischen Kirche ist keine Parlamentarisierung. Sie meint das gemeinsame Hören auf das Wort Gottes, die Unterscheidung der Geister, die Bindung an das Bischofsamt, an die Weltkirche und an den verbindlichen Glauben der Kirche.
Wer von Legislaturperioden spricht, kann daher nicht zugleich behaupten, keine gesetzgeberischen Ansprüche zu erheben. Wer sich selbst reproduzierende Gremien schafft, kann auch nicht ernsthaft von einem offenen Gesprächsprozess sprechen – ja nicht einmal von einer Demokratie. Der Anspruch des Synodalen Weges auf Transparenz und offene Entwicklungsbereitschaft konterkariert sich dadurch selbst. Was davon übrig bleibt, gleicht eher einem Hund, der unablässig seinem eigenen Schwanz nachjagt.
„Selbstisolation”
Besonders aufschlussreich war in diesem Zusammenhang die Reaktion des Podiums auf die Frage eines Journalisten, wie mit dem Umstand umzugehen sei, dass einige Bistümer sich aus bewusst ekklesiologischen Gründen der neuen synodalen Struktur verweigern. Auffällig war, wie geschlossen und engagiert die Wortmeldungen auf dem Podium ausfielen. So erklärte Bischof Bätzing, der vorher schon seinen eigenen Metropoliten, den Erzbischof von Köln, einem „Faktencheck” unterzogen hatte, diese Bischöfe begäben sich in eine „Selbstisolation“.
Dieser Begriff ist nicht neutral, sondern pathologisierend. Er deutet eine Gewissensentscheidung als Defizit, als Rückzug, als Störung. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch den Hinweis, man habe die Diözesanräte der betroffenen Bistümer selbstverständlich zur Synodalkonferenz eingeladen. Allerdings könne man den Laien dieser Bistümer – leider, leider – kein Mitspracherecht einräumen. Diese konditionale, bedingte Einbindung wirkt disziplinierend und erzeugt faktischen Druck auf die jeweiligen Ortsbischöfe. Das ist weder parlamentarisch noch synodal, sondern erscheint als reines Machtgehabe.
Tektonische Verschiebung des Baugrunds
Die Debatte zeigt damit exemplarisch, wie sehr sich der Synodale Weg von seinem Anfangsimpuls entfernt hat. Aus einem offenen Gesprächsformat ist ein sich verstetigendes Gremium mit parlamentarischer Semantik und politischer Agenda geworden, ohne dass dieser Wandel offen reflektiert oder kirchlich legitimiert worden wäre.
Es steht zu hoffen, dass dieser Bedeutungsdrift, diese tektonische Verschiebung des Baugrunds der katholischen Kirche in Deutschland, in Rom erkannt, beurteilt und verhindert wird, bevor es zu einer recognitio ad experimentum kommen könnte, die fatale Folgen hätte. Auch wenn Georg Bätzing Erzbischof Filippo Iannone, der als Präfekt des Bischofsdikasteriums an die Stelle seines Vorgängers Robert Francis Prevost gerückt ist, als verlässlichen Partner bezeichnet – oder meint er damit einen Erfüllungsgehilfen?
Peter Esser
Der Autor ist 1962 am Niederrhein geboren, arbeitet als Cartoonist und Illustrator und begeistert sich für die Werke von J. R. R. Tolkien. Peter Esser ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.
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