Hausaufgaben für den Papst
Im Rahmen einer Privataudienz vor der Generalaudienz am 7. Januar haben Franziska Harter, Chefredakteurin der „Tagespost“, sowie Martin Brüske und Bernhard Meuser von der Initiative „Neuer Anfang“ Papst Leo XIV. eine Sammlung von Briefen gläubiger Katholikinnen und Katholiken aus Deutschland überreicht. Rund 200 Zuschriften waren im Zuge der Aktion „Wir schreiben dem Papst“ eingegangen, gebündelt, exzerpiert und dem Heiligen Vater zusammen mit einem begleitenden Anschreiben übergeben worden.
Die Briefe geben einen eindringlichen Einblick in die geistliche Not vieler Katholiken, die sich in der gegenwärtigen kirchlichen Situation in Deutschland nicht mehr vertreten, teilweise sogar marginalisiert fühlen.
Die Übergabe erfolgte im Rahmen einer Privataudienz unmittelbar vor der großen Mittwochsaudienz, bei der die Initiative „Neuer Anfang“ und die „Tagespost“ anschließend ebenfalls in der prima fila vertreten waren. Trotz der besonderen Arbeitsbelastung unmittelbar vor einem anstehenden Konsistorium war es Papst Leo wichtig, die Gruppe aus Deutschland zu empfangen. In der Privataudienz sollten jene Stimmen hörbar werden, von denen der Heilige Vater selbst gesagt hatte, dass sie in der Kirche in Deutschland häufig nicht mehr wahrgenommen würden.
Die eingereichten Briefe sind persönlicher Natur und unmittelbar an den Papst gerichtet; sie können daher nicht veröffentlicht werden. Das begleitende Anschreiben, das die Grundlinien der Zuschriften zusammenfasst, dokumentieren wir im Folgenden.
Übrigens: Bei der Übergabe der Briefe soll der Heilige Vater lächelnd bemerkt haben, er nehme nun wohl seine „Hausaufgaben” entgegen.

Heiliger Vater! Lieber Papst Leo,
wenn katholische Christen aus Deutschland in diesen Tagen zum Grab Petri pilgern und die Begegnung mit Ihnen suchen, tun sie es nicht in erster Linie, um Klage über die Erosion der Kirche in Deutschland zu führen. Sie kommen als Pilger. Sie kommen, um zu beten, um ihre Treue zur Kirche zu bekunden und neuen Mut zu fassen. Und sie kommen, um ihre Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen, dass Sie, Papst Leo, nun die schwere Bürde des Petrusamtes auf sich genommen haben. Mit vielen anderen Rompilgern sind wir voller Freude, zu sehen, wie Sie mit Ruhe, Klugheit und Kraft die Geschicke der Kirche in die Hand nehmen.
Die „Tagespost“ und die Initiative „Neuer Anfang“, in denen sich katholische Christen sammeln, die sich in ihrer Liebe zu Christus und seiner Kirche nicht beirren lassen möchten, haben im Vorfeld der Pilgerreise zu einer Aktion aufgerufen „Wir schreiben dem Papst!“ Wir waren selbst über die Flut von Zuschriften überrascht, in denen sowohl Freude und Dank für das Geschenk des Glaubens, als auch tiefe Bestürzung über den Niedergang der Katholischen Kirche in Deutschland zum Ausdruck kommen. In einem eigenen Dokument, das Ihnen auch in englischer Sprache vorliegt, können Sie einen Blick in die Seele der einfachen Gläubigen werfen. Um Sie nicht mit zu viel Text zu belasten, haben wir jeweils nur Kernstellen aus den Briefen der Leute zusammengetragen.
Die Auszüge aus Briefen, die wir Ihnen nachfolgend zusammengestellt haben, sind fast durchweg von zwei Momenten charakterisiert: von tiefer Liebe zur Kirche und von einer großen geistlichen Not. Sie vernehmen darin die Stimmen jener, die von der offiziellen Kirche in Deutschland, von der Kirche des Synodalen Weges nicht mehr gehört werden, die an den Rand gedrängt, ja aktiv bekämpft werden. Sie fühlen sich von einem großen Teil der deutschen Bischöfe allein gelassen, missachtet, ja in gewisser Hinsicht sogar verraten. Dabei vertreten sie keineswegs radikale Positionen. Im Gegenteil: Sie repräsentieren eine breite kirchliche Mitte. Noch vor wenigen Jahren hätte man dieses Meinungsspektrum als „moderat reformorientiert bis moderat konservativ“ charakterisiert. Es sind die Stimmen von Katholiken, die zu dieser Kirche halten und sich mit ihr, ihrer Lehre und heiligen Überlieferung identifizieren, ohne dabei blind zu sein für ihre Fehler, Makel, Schwächen und manchmal auch schlimmen Entstellungen.
Nach wie vor gibt es in Deutschland eine breite kirchliche Mitte, die elementar an Erneuerung und Reform aus der Tiefe des Evangeliums interessiert ist. Es sind Laien, die an intensiver Teilhabe in Jüngerschaft und authentischer Synodalität im Hören auf den Geist interessiert sind. Sie suchen nach dem Willen Gottes für seine Kirche heute. Aber genau diesen Aufbruch einer Kirche der Jünger, wie sie in Evangelii Gaudium vorgezeichnet ist, will man in Deutschland nicht. Die „Jünger“ stehen im Weg. Man grenzt sie aus, behandelt sie wie Parias. Deutsche Bischöfe und Laienfunktionäre gehen einen anderen Weg; sie glauben, ihn in radikaler Anpassung an eine woke Gegenwartskultur und in einer Parlamentarisierung kirchlicher Verantwortung gefunden zu haben. Sie versprechen sich die Rettung der Kirche vor ihrer Verdunstung in einer Stabilisierung des „sozialen Systems katholische Kirche in Deutschland“. Sie gießen Beton in immer stärkere administrative Strukturen. Wer für Erneuerung aus der geistlichen Mitte eintritt, wer für die biblisch und lehramtlich bezeugte Anthropologie und Ethik eintritt, passt nicht in die Kirche einer vermeintlichen Moderne. Andersdenkende Priester und Laien im kirchlichen Dienst werden zum Schweigen gebracht, ihrer Wirksamkeit beraubt und an den Rand gedrängt. Kein Wunder, wenn es mittlerweile säkularisierte Bistümer gibt, in denen die Funktionäre herrschen und in denen kein junger Mann mehr Priester werden möchte.
Durchgängig benutzt man den Topos der „Synodalität“ als Ermächtigung zu einem demokratischen Umbau der sakramental-hierarchischen Struktur der Kirche, zur Schwächung des Bischofsamtes und zur Marginalisierung des Priesters. Dieses Modell einer quasi-parlamentarischen Scheinsynodalität hat man zuletzt mit einer Rhetorik umgeben, die es als dogmatisch und kanonistisch „korrekt“ erscheinen lassen soll. Aber am Ungeist dahinter und am psychologischen Druck auf zögernde Bischöfe, sich der zwar nicht rechtlichen, aber faktischen Entscheidungsgewalt dieses Gremiums zu beugen, hat sich absolut nichts geändert. Eine Billigung der Satzung dieser sogenannten „Synodalkonferenz“ durch römische Instanzen würde jede Chance auf authentische Erneuerung der katholischen Kirche in Deutschland auf unabsehbare Zeit blockieren. Eine Katastrophe für die deutschen Katholiken: die scheinsynodale Errichtung einer Funktionärsoligarchie!
Das alles, lieber Papst Leo, werden Sie vielfältig und authentisch in diesem Dokument finden. Sie haben es in Ihrer ersten fliegenden Pressekonferenz selbst angesprochen: Die Stimme der Ungehörten soll gehört werden. Bitte hören Sie diese Stimmen!
Bitte lassen Sie uns in unserer Not nicht allein!
Im Namen der Pilger der „Tagespost“ und des „Neuen Anfang“ grüßen Sie herzlich:

Franziska Harter, Bernhard Meuser, Martin Brüske
Beitragsbild: ©Vatican Media

