Die Amtszeit von Georg Bätzing als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz begann mit Optimismus und endete in einem gewaltigen Desaster. Faktisch ist die Kirche in Deutschland in einem schmutzigen Schisma. Die Bischöfe sind zerstritten und kaum noch in der Lage, mit einer Stimme zu sprechen. Eine Analyse mit Ausblick von Peter Winnemöller.
Es war eine Erleichterung, den eloquenten Bischof von Limburg im März 2020 vor die Presse treten zu sehen. Der Vorgänger, Kardinal Marx, hatte sich in den Monaten vor seiner Abwahl auch der Presse gegenüber nur noch maulig gezeigt. Nun trat einer mit erkennbar guter Laune und viel Elan vor die Journalisten. Das war es dann auch schon mit den guten Nachrichten. Der Neue ließ dem Synodalen Weg freien Lauf und sprach sich auch selbst für Reformen aus, die in der Kirche schlicht nicht möglich sind. Abgesehen von einem Postulat des Frauenpriestertums vertrat der Bischof von Limburg auch die Ansicht, die Sexualmoral der Kirche müsse sich ändern. Mit diesem Bischof, so die Hoffnung der Laienfunktionäre, würde man die Uraltreformagenda samt Umbau der Kirche zu einer parlamentarischen Demokratie endlich umsetzen können.
Ein Bischof rennt gegen Stoppschilder
Zum Leidwesen des Vorsitzenden stellte Rom auf dem Synodalen Weg ein Stoppschild nach dem nächsten auf. Am Ende kam sogar das Aus für den Synodalen Rat. Aber nicht mit diesem Vorsitzenden. Es wurde so lange an Begriffen, Namen und Normen gefeilt, bis am Ende ein Synodaler Rat kreiert war, der nur noch Synodalkonferenz heißt und an einigen Stellen kleine Disclaimer enthält, ansonsten aber nichts als eine faktische Brüskierung Roms und aller glaubenstreuen Katholiken ist.
Auf dem Synodalen Weg baute man unter der Ägide des Vorsitzenden einen Druck auf Bischöfe auf, den ganzen Reformfantasien zuzustimmen, indem vor jeder Abstimmung zum Rapport gerufen wurde, da zuvor eine Abstimmung gescheitert war, wie die Funktionäre die Ablehnung des Grundtextes zur Sexualmoral deuteten. Das durfte nicht passieren. Dieses Vorgehen erinnerte an die alte Regel von Walter Ulbricht: Es muss alles demokratisch aussehen, aber wir müssen es jederzeit unter Kontrolle haben. Vier Bischöfe blieben standhaft, der Rest kippte. Mögen sie zum Teil mit der Faust in der Tasche gekippt sein, sie sind gekippt. Unter solchen Bedingungen kann eine Konferenz von Hirten nicht auf Augenhöhe arbeiten. Folglich ist die Stimmung schlecht.
Eine Folge dieses Zustandes der Konferenz ist die Unmöglichkeit, in allen bedeutenden Fragen als Kirche in Deutschland die Stimme zu erheben. Egal ob es um bioethische, anthropologische, familienpolitische, kulturpolitische oder andere Themen geht. Es war bestenfalls eine Kakophonie flacher Anbiederung an den linken Mainstream, den die Kirche in den letzten Jahren noch zuwege brachte. Hatte der Skandal um die Vertuschung von sexuellem Missbrauch die Kirche schon moralisch sehr diskreditiert, die intellektuell demontierte Konferenz konnte die gesellschaftlichen Wirren nur vergrößern. Das volle Ausmaß des Dramas wurde erkennbar, als der Erzbischof von Bamberg im Shitstürmchen schon umkippte, obwohl er das Richtige gesagt hatte, weil ihm seine Mitbrüder entweder aktiv in den Rücken fielen oder betreten schwiegen. Diese Kirche ist gesellschaftlich nur noch eine längst nicht mehr satisfaktionsfähige Lachnummer.
Das Amt entpolitisieren
Die Ursache für das Desaster des Vorsitzenden liegt in der Politisierung des Amtes. Das Sekretariat baut den Vorsitzenden der Konferenz, der im Grunde nur ein Moderator der Versammlung ist, quasi zu einem deutschen Oberbischof auf. Jedes Wortwölkchen des Vorsitzenden wird zu einer Pressemeldung. Was interessiert es die Medien, was der Provinzbischof von Limburg an Weihnachten gepredigt hat? Sechs Jahre Amtszeit, das ist das 1,5-fache einer Legislaturperiode im Bund, sind zu lang. Und warum wird der Vorsitzende gewählt? Ein turnusmäßiger Wechsel im Vorsitz, äquivalent zum Bundesratsvorsitz, könnte das Amt erheblich entspannen. Jedes Jahr zum selben Zeitpunkt wechselt der Vorsitzende. Man könnte die Bischöfe der Metropolitansitze im jährlichen Wechsel in alphabetischer Reihenfolge zum Vorsitzenden bestimmen. So hält sich die Arbeitsbelastung der jeweiligen Vorsitzenden im Rahmen. Nach einem Jahr ist ein anderer dran. Das Kirchenrecht zeigt, wie sehr das Amt des Vorsitzenden ein Dienstamt gegenüber der Konferenz ist und wie wenig es politisch sein sollte.
Logischerweise sollte es dann dem ins Kraut geschossenen Sekretariat an den Kragen gehen. Die Kommissionen von 14 auf 8 zu reduzieren, ist ein guter Anfang. Die Arbeitsstellen gehören ebenso auf den Prüfstand. Der VDD hat ebenfalls begonnen, still und heimlich sein Firmengeflecht zu entwirren. Wenn das Ganze – Sekretariat, Arbeitsstellen, Kommissionen und Firmen im Eigentum des VDD – jetzt auch noch transparent würde, wäre viel gewonnen. Eine schlankere Bischofskonferenz könnte weitaus aktiver ihren Evangelisierungsauftrag erfüllen als das derzeitige Schlachtschiff. Ein Bischof, der für ein Jahr Sprecher des Ladens ist, entwickelt weitaus weniger Eitelkeit und Ehrgeiz. Es gibt mit Bischof Voderholzer zumindest einen Befürworter einer Reform des Vorsitzes in der Konferenz. Er dürfte so ziemlich allein sein. Von daher wird man uns im Februar nach der Wahl einen strahlenden neuen Vorsitzenden präsentieren, der alles viel, viel besser machen wird.
Vorhersehbares Scheitern
Da die Probleme der Kirche in unserem Land nicht weniger werden, darf man ohne allzu viel Skrupel zu entwickeln, vorhersagen, dass der nächste Vorsitzende – bei was auch immer – genauso scheitern wird wie Kardinal Marx und Bischof Bätzing. Letzterer hat sich in der Pressemitteilung, in der er seinen Rückzug vom Vorsitz ankündigt, in geradezu orwellscher Manier selbst beweihräuchert, wenn er behauptet, er habe gemeinsam mit den Bischöfen und mit vielen anderen aus dem Volk Gottes einiges bewegen und eine tragfähige Zukunftsgestalt von Kirche in unserem Land realisieren können. Wer bei dieser Behauptung nicht mindestens in leichtes Kichern ausbricht, hat vom realen Zustand der Kirche in unserem Land gar keine Ahnung.
Ob sich die Bischöfe zu einem radikalen Kurswechsel durchringen können oder nicht, das wird man Ende Februar in Würzburg erleben. Eines jedoch ist sicher, die Bischöfe, die es unbedingt werden wollen – ja, die gibt es – werden jetzt einen Überbietungswettbewerb in Understatement austragen, denn in der Kirche gilt nach außen hin schließlich immer noch „Volentes nolumus“ (Die wollen, die wollen wir nicht). Realisten sehen derzeit keinen Grund zum Optimismus in der Kirche in Deutschland. Das ist gut so, dann ist nämlich die Enttäuschung nicht so groß.
Peter Winnemöller
Journalist und Publizist. Autor für zahlreiche katholische Medien. Kolumnist auf dem Portal kath.net. Im Internet aktiv seit 1994. Eigener Weblog seit 2005. War einige Jahre Onlineredakteur bei „Die Tagespost“. Und ist allem digitalen Engagement zum Trotz ein Büchernarr geblieben.
Cartoon: Peter Esser

