Keine noch so gelungene Strukturreform sichert der Kirche Zukunft. Es ist Jesus Christus selbst, der das tut. Anna Diouf über die Zukunft einer entweltlichten Kirche, die durch Bekenntnis statt aus Gewohnheit aus der Krise kommen muss.

Der heilige John Henry Newman formuliert in einem Fürbittgebet: „Herr, wir glauben und bekennen voll Zuversicht, dass du deiner Kirche Dauer verheißen hast, solange die Welt besteht. Darum haben wir keine Sorge und Angst um den Bestand und die Wohlfahrt deiner Kirche.“ Das Vertrauen, das in diesem Bekenntnis zum Ausdruck kommt, fordert uns und unser modernes Selbstverständnis heraus: Keine noch so gute Idee, kein noch so perfektes Management, keine noch so gelungene Strukturreform sichert der Kirche Zukunft. Es ist Jesus Christus selbst, der das tut. Daraus folgt nicht, dass wir bloß die Hände in den Schoß legen sollten. Doch am Beginn jedes Prozesses, der sich einer Zukunftsperspektive verschreibt, muss eben jene Einsicht stehen: Wir empfangen unsere Zukunft von Christus her. Wenn der Herrscher über das All auch Herr der Kirche ist, was könnte uns dann existenziell bedrohen?

Den Blick auf falsche Parameter gerichtet

Obwohl wir also furchtlos voranschreiten könnten, scheint ein genereller Konsens darüber zu bestehen, dass die Aussichten düster seien. Hier sind sich der eingefleischte Kirchenfeind und die treue Kirchgängerin, die beklagt, dass keine jungen Leute mehr zum Gottesdienst kommen, seltsam einig. Beide haben die Zusage Christi nicht im Blick und machen „Erfolg“, Aufbruch und Erneuerung an weltlichen Parametern fest. Sie halten fälschlicherweise das aktuelle Erscheinungsbild der Kirche für ihren Wesenskern.

Doch Kirche kann sich nicht über Mitgliederzahlen, große Wohlfahrtsverbände, ja nicht einmal über grandiose Kirchenbauten definieren. All das ist auf Neudeutsch „nice to have“, aber sicher kein „Must-have“. Im Gegenteil. In seiner Ansprache im September 2011 in Freiburg machte Benedikt XVI. deutlich, dass die Konzentration auf derlei weltliche Aspekte die Sendung der Kirche sogar hemmen kann. Dann nämlich, wenn Ansehen und Geschäftigkeit in der Welt dazu führen, dass sich die Kirche primär als Teil der Welt betrachtet und ihren göttlichen Ursprung und Auftrag vergisst.

Sterben, um zu leben

Mit seinem Begriff von Entweltlichung schenkt uns der emeritierte Papst einen Maßstab, um die Position der Kirche in der Gesellschaft einordnen zu können. Verbunden damit sind der Wunsch und die Forderung, der Kirche zu neuer Lebendigkeit und echter Relevanz zu verhelfen. Zuletzt weist der Ruf nach Entweltlichung auf einen Aspekt hin, der das Evangelium und die ganze Heilige Schrift durchzieht: Es gilt, zu sterben, um zu leben, abzunehmen, damit Christus zunehmen möge.

Dieser Prozess des Absterbens ist schmerzhaft: Die Kirche wird weniger Gehör finden und weniger Mitglieder haben. Sie wird ärmer sein. Daraus folgt, dass sie weniger Kirchengebäude unterhalten kann. Wohlfahrtsverbände, Krankenhäuser und Schulen werden in private Trägerschaft entlassen oder aufgegeben werden müssen. Die Kirche wird ihre Rolle als bedeutender Arbeitgeber im sozialen und wohltätigen Bereich womöglich verlieren.

Von der Gewohnheit zum Bekenntnis

Zugleich aber wird sie dadurch mit neuen Möglichkeiten beschenkt: Menschen werden nicht mehr aus Gewohnheit oder Konvention Mitglied der Kirche sein, sondern aus dem persönlichen Bekenntnis heraus. In Zukunft wird damit auch die persönliche Beziehung zu Christus und die Bindung an ihn an Bedeutung gewinnen. Caritative Aufgaben werden nicht mehr aus dem Herzen der Kirche herausgerissen und an Verbände und Vereine delegiert. Auch das apostolische Wirken wird nicht hauptamtlichen Mitarbeitern obliegen, sondern seinen Sitz unter allen Gläubigen haben, wo jeder mit seinen Charismen daran teilhaben wird. Das vom Zweiten Vatikanischen Konzil so liebevoll herausgearbeitete Bild der Kirche als Gottesvolk wird überhaupt erst ausgeschöpft und entfaltet werden können, wenn jeder Katholik sich auch tatsächlich und mit seinem ganzen Sein als Glied des mystischen Leibes Christi empfindet, wenn die „Institution Kirche“ mit Amtsträgern und Verwaltungsangestellten nicht mehr als Gegenüber der Gläubigen empfunden wird.

Nachfolge als Kraftquelle

An diesen Aspekten kann man ablesen, dass in den Veränderungen, die wir gemeinhin als bedrohlich empfinden, eine ungeheure Chance liegt. Der saturierte, bürokratisierte Kirchenapparat kann und will ganz offensichtlich keine echte Reform, keine Wiedergewinnung der Sendung der Kirche, keine Rückbesinnung auf Christus hervorbringen. Dies zeigt sich symptomatisch zum Beispiel in der ablehnenden Haltung des Synodalen Weges gegenüber dem Anliegen der Neuevangelisierung. Denn wo, wenn nicht in der Verkündigung des Evangeliums findet die Kirche zu sich und zu ihrer Kraft?

Dort, wo Kirche nicht säkularisiert und verbürgerlicht ist, entfaltet sich diese Kraft bereits in beeindruckender und wirkmächtiger Weise: Die Christen in Afrika und Asien, auch im Nahen Osten, tragen oft einen geradezu frühkirchlich anmutenden Funken der Christusnachfolge in sich: Ihr Festhalten an der Wahrheit trotz teils massiver Verfolgung, ihre Bereitschaft zum Martyrium, ihre Armut und ihr Ja zum Leben geben ein unwiderstehliches Zeugnis für die bleibende Aktualität von Schrift und Tradition. Das Wachstum der Kirche auf anderen Erdteilen beweist, dass von mangelnder Zukunftsfähigkeit der katholischen Lehre nicht die Rede sein kann.

Auch bei uns finden wir Aufbrüche, die auf eine quicklebendige, dynamische Kirche verweisen: Es gibt zahlreiche Laienapostolate; Gebetsbewegungen haben regen Zulauf. Die Jugend sitzt nicht in Gitarrengottesdiensten mit Siebzigerjahre-Charme, sondern sucht die Anbetung, das Gespräch mit Jesus Christus. Sie entdeckt die Liturgie, erkennt den Wert der geistlichen Nahrung durch die Sakramente und pflegt den Lobpreis. Das mag selbsternannten Kirchenreformern primitiv und gestrig erscheinen. In diesen einfachen Formen gläubigen Lebens aber ist Christus präsent, und wo Christus präsent ist, ist die Kirche lebendig und wirksam.

Durst nach verbindender Botschaft

Trotz all der zu erwartenden positiven Aspekte einer entweltlichten Kirche bleibt der Einwand, dass „Weniger” nicht in allen Bereichen „Mehr“ ist. Wir stehen einer Gesellschaft gegenüber, deren Ordnung in vielerlei Hinsicht immer menschen- und lebensfeindlicher wird. Handelt die Kirche nicht doch gegen den Auftrag Christi, wenn sie angesichts dessen auf weltlichen Einfluss verzichtet? Wird sie dann nicht erst recht stagnieren und in Bedeutungslosigkeit abgleiten?

Eher das Gegenteil ist wahrscheinlich. Es hat den Anschein, dass sich die Not unserer Zeit in naher Zukunft noch verstärken wird. Der Relativismus fordert seinen Tribut. Der Mensch steht zerrissen zwischen dem Materialismus unserer Zeit und den Bedürfnissen seiner Seele, die immer gewaltsamer unterdrückt werden. Wer die Einheit mit sich, seinem Nächsten und mit Gott verloren hat, kann auch in der Schöpfung keine kohärente Ordnung mehr erkennen, und in seinem Inneren sieht er Ratio und Emotion, Glauben und Intellekt in unvereinbarem Gegensatz zueinander.

In dieser Dunkelheit kann die Ganzheitlichkeit ausstrahlende Lehre der Kirche wieder aufleuchten, denn die Menschen werden nach einer heilenden und verbindenden Botschaft dürsten. Deshalb muss die Kirche rechtzeitig ihre Botschaft wiederfinden, wieder lernen, sich freimütig zu ihr zu bekennen und sie zu verteidigen.

Es stimmt also, wenn Benedikt XVI. die Säkularisierung als indirekte Hilfe charakterisiert, die die Kirche dazu zwingt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Auf die Verkündigung der Erlösung durch Christus, auf die Vermittlung der sakramentalen Gnaden, und vor allem auf die Anbetung Gottes. Und so liegt die Zukunft letztlich doch auch darin, dass wir die Hände in den Schoß legen – gefaltet im Gebet.

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von Anna Diuof

Die gebürtige Rheinländerin und Halbsenegalesin studierte Gesang und Gesangspädagogik an der Hochschule für Musik Detmold und arbeitet als Solistin, Konzert- und Liedsängerin. Aus einer muslimisch-evangelischen Familie stammend, konvertierte sie als junge Erwachsene zum katholischen Glauben, dessen Vermittlung ihr ein besonderes Anliegen ist. Sie schreibt für die Tagespost u.a. katholische Publikationen und betreibt den Blog „Katholisch ohne Furcht und Tadel.“ Link: https://bineta-diouf.com/535-2

Diesen Beitrag ist erstmalig erschienen bei der Wochenzeitung Die Tagespost.
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