In Fragen der Sexualmoral, der Vielfalt der Geschlechter und der Bewertung von Homosexualität als Variante menschlicher Lebensformen, scheiden sich die Geister. Muss die Lehre sich ändern, oder der Mensch? Helmut Müller erklärt, warum Gott jeden von uns liebt, in all unseren Zerwürfnissen, biologischen und sozialen Herkunftsgeschichten, Verletzungen und auch im selbstverschuldeten Unglück.

Alle Bischöfe, die die Lehre der Kirche verteidigen, stehen mit dem Rücken zur Wand. Und da steht es sich nicht gut. Einige Bischöfe möchten sich aus dieser Wand herauslösen und lassen sich zu unüberlegten Äußerungen hinreißen. Ich hoffe, dass es nur unüberlegt ist. Zugegeben: Ein Diskurs über queeres Lieben in dieser Gesellschaft zu führen, ist mit differenzierten Äußerungen nicht mehr möglich. Um eine gefühlte Mehrheit nicht zu verärgern, entscheiden sich einige Bischöfe offenbar für eine Pastoral, die auf schiefer Sachgerechtigkeit beruht[1] und bedenken anscheinend nicht, dass die Pastoral dann auch schief wird, sobald tiefer darüber nachgedacht wird.

Gottgewollte Unfruchtbarkeit?

Vor allem bei der Forderung nach einer Neubewertung der Sexualität, wie sie auf dem Synodalen Weg auch gefordert wird, stellt sich die Frage: Will Gott eigentlich jeden so, wie er ihn trotzdem liebt? Will er vielleicht, dass die Liebe gleichgeschlechtlich Liebender im Akt per se unfruchtbar ist, wie allerdings nur manchmal auch die Liebe heterosexueller Paare unfruchtbar bleibt? Ist das auch hin und wieder sein Wille?

Nach Aussage gleich mehrerer Bischöfe scheint ersteres so zu sein. Nach Bischof Kohlgraf hat Gott „sie alle so gewollt.“[2] Und Bischof Dieser spricht von „gottgewollt im selben Maß wie die Schöpfung selbst.“[3] Zu diesen Auffassungen hat sich dann auch Bischof Ackermann gesellt in der Sache aber weniger angreifbar. Allerdings formuliert er selbst angreifend, wenn er den Akzent so setzt, dass die Lehre der Kirche gleichgeschlechtlich Liebende als Schadensfall[4] behandelt. Schließlich muss auch Bischof Overbeck[5] noch genannt werden, der meint Fruchtbarkeit sei verzichtbar.

Im Baukasten der Schöpfung fehlt das „schwule“ Gen

Was daran meiner Einschätzung nach unüberlegt ist und worüber nachgedacht werden soll, wird Thema dieser Ausführungen werden. Im Baukasten von Gottes Schöpfung, biologisch in unserem Genom, das seit 40 000 Jahren unverändert ist, gibt es kein Gen[6], das bei der Vereinigung von Ei- und Samenzelle beginnt, gleichgeschlechtliches Lieben zu inszenieren.

Inszenierungen von charakteristischen Eigenschaften von jedwedem Lebendigen beginnen allerdings schon in der Zygote[7]. Darauf wies kürzlich der emeritierte Bonner Moraltheologe Gerhard Hoever[8], mit Bezug auf ein Themenheft von 2016 der britischen Royal Society[9] hin. Was Aristoteles immer schon wusste, der Biologe Adolf Portmann[10] in den 70er Jahren und davor schon vermutet hatte, ist offenbar sachhaltig. Es ist mit guten Gründen anzunehmen, dass „ein koordinierendes Ganzes als Grund vorausgesetzt werden [muss] und das von der Verschmelzung von Ei und Samenzelle an“.

Der Embryo ist nicht sexuell divers

Das wiederum heißt: Weder im Laufe unserer Stammesgeschichte, der Phylogenese, noch zu Beginn der je individuellen Embryogenese ist ein Prozess zu entdecken, der hinführt zu gleichgeschlechtlichem Lieben. Gleichgeschlechtliches Lieben ist also im Schöpfungsbaukasten weder in der Tiefe der Zeit noch in den unmittelbaren Anfängen jedes Menschen im Mutterschoß – als Plan Gottes – zu erkennen. Alle weiteren Differenzierungen – selbst wenn sie richtig beschrieben werden wie vom Mainzer Moraltheologen Stefan Goertz[11], kranken daran, dass diese Entwicklungen nicht anfänglich schon vom Genom unserer Spezies oder vom Keim unserer Person inszeniert werden.

Wäre es so, dann könnte man nämlich von einem Plan Gottes sprechen, der nur ausdifferenziert wird. So ist es aber nicht, denn gleichgeschlechtliches Lieben kommt in der späteren Entwicklung nur zufällig vor. Oder Goertz muss einen Pseudo-Plan annehmen, irgendwo beim späten Embryo angesiedelt, dem Fötus oder in der nachgeburtlichen Epigenese[12].  Das tut er wohlweislich nicht. So ist etwa Farbenblindheit beim Menschen ganz gewiss kein Plan Gottes, sondern pures Faktum, das sich auch differenziert und facettenreich erklären lässt, aber nicht beim Menschen „vorgesehen“ ist, allerdings bei Spinnen zum „Plan“ gehört. Spräche man von Farbenblindheit beim Menschen von einem Plan- bzw. Pseudoplan Gottes, dann wäre Farbenblindheit die Schwarz-Weiß oder Grau-Variante des Sehens.

Lebenswirklichkeit ist nicht Lebensordnung

All dies sind Erkenntnisse der viel gerühmten Humanwissenschaften, die offensichtlich immer mehr, nicht nur von Bischöfen, in gewissen Aussagen, ignoriert werden. Sexuelle Fruchtbarkeit – und es gibt nur eine heterosexuelle[13] – ist dagegen 2 Milliarden Jahre alt.

Keine Frage – gleichgeschlechtliches Lieben kommt als Lebenswirklichkeit[14]vor, gehört allerdings nicht, wie gezeigt, damit auch schon zu Lebensordnungen. Lebensordnungen, wenn sie mit Sex verbunden sind, gehen in Phylo- und Ontogenese[15] mit Fruchtbarkeit einher, nicht anders in den Schöpfungserzählungen: In Genesis 1 heißt es: „Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar, und vermehrt euch…“(Gen. 1,27f).

Nicht anders wird in Genesis 2, in der jahwistischen Erzählung, gleich nach der Erschaffung Evas sofort erwähnt, dass die ersten Menschen, Mann und Frau, „ein Fleisch“ (Gen 2,23f) werden. Wie wurde also gleichgeschlechtliches Lieben eine Lebenswirklichkeit, obwohl es weder biologisch noch schöpfungstheologisch als Lebensordnung bezeichnet werden kann?

Ein antiker Literaturnobelpreis für Genesis 3

Dass das Sechstagewerk der Schöpfung nicht mit der Lebenswirklichkeit übereinstimmt, muss schon in Genesis 3 einem oder mehreren biblischen Autoren aufgefallen sein. Der Autor oder die Autoren sehen in der Begabung mit Freiheit, die das Geschöpf des sechsten Tages von Gott empfangen hatte, einen Grund, dass der gut gesagte Anfang in vielfältiger Weise offensichtlich anders verlaufen ist, als vom Konzept des Sechstagewerks im ersten Genesiskapitel und auch im zweiten zu erwarten war. Der Oxforder Philosoph Leszek Kolakowski fand die Erzählung in Genesis 3, die vom Ungehorsam des Menschen gegenüber Gott handelte, so genial, dass der Erzähler posthum eines antiken Literaturnobelpreises würdig gewesen wäre.

Ein Riss durchzieht Himmel und Erde

Der Verfasser der Johannesapokalypse (Apk 12,3ff) machte dann in der Gestalt der Schlange, die er Satan nennt, einen weiteren Akteur aus, der für die in jeder Gegenwart vorfindliche Korruption des Anfangs zu benennen ist. Eine Art himmlische Palastrevolution wäre in dieser Lesart die Ursache, dass der ursprüngliche Heilsplan Gottes für die Menschen mit Verwerfungen zu kämpfen hat.

Die ganze Lebenswirklichkeit des Menschen ist von Brüchen durchzogen. Diese Brüche machen vor der Liebe des Menschen nicht halt, egal wie Menschen ihre Liebe gestalten. Der Seher von Patmos drückt es so aus: „Weh aber euch, Land und Meer“ (Apk, 12,12). Damit meinte er, dass es einen ursprünglichen Konflikt im Himmel nicht mehr gibt, dafür aber jetzt auf Erden Konflikte ausgefochten werden. Dieser Überlegung schließt sich der Evangelist Lukas offensichtlich an: »Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen« (Lk 10 18).

Ein Riss[16] durch Himmel und Erde durchzieht offensichtlich die ganze Schöpfung und betrifft auch die Lebenswirklichkeiten in den Lebensordnungen.

Die Liebe und das Begehren des Menschen sind davon nicht ausgenommen. Man braucht nicht die Zeitung aufzuschlagen. Jeder spürt diesen Riss, diese Brüche, in seinem eigenen Leben, Verletzungen, unerfüllte Hoffnungen, misslungene Beziehungen, Ohnmacht und Unterdrückung, Scheitern von Lebensplanungen. Kein Leben ist wirklich heil. Was ist eigentlich noch von dem heilen Anfang übrig, sagen wir es so, vom heiligen Willen Gottes?

Keiner ist so gewollt, wie er ist, aber genau so wird er von Gott geliebt

Der Philosoph Robert Spaemann spricht mit Bezug auf Thomas von Aquin vom Geschichtswillen[17] Gottes, der sich von seinem Heilswillen unterscheidet. Im Geschichtswillen schränkt Gott seine Allmächtigkeit ein, um dem Menschen ein Refugium zu lassen, in dem wir Menschen – nicht immer zu unseren Gunsten – agieren können. Und wenn man das Glaubensbekenntnis ernst nimmt, in dem wir uns zu einer sichtbaren und unsichtbaren Schöpfung bekennen, dann bleibt auch noch ein Refugium für Engel und Dämonen übrig, wie oben schon in der Johannesapokalypse (Apk 12,3ff) die Rede war.

Die Welt, in der wir leben ist nicht die des Schöpfungsmorgens. Die Freiheit der Geschöpfe hat diesen, angefangen von Raum und Zeit im Anfang bis in die Herzen des Menschen bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Das betrifft das Herz des Schreibers dieser Zeilen genauso wie den Leser derselben. Keiner ist davon ausgenommen. Dennoch liebt Gott jeden von uns, in all unseren Zerwürfnissen, biologischen und sozialen Herkunftsgeschichten, Verletzungen und auch selbstverschuldetem Unglück. Sein Heilswillen ist letztlich mächtiger als sein Geschichtswillen, der hauptsächlich dadurch gekennzeichnet ist, dass es ein Zulassungswillen ist, dass er in das Refugium seiner himmlischen und irdischen Geschöpfe nicht diktatorisch eingreift. Wir haben die Hoffnung, dass sein Heilswillen vom Schöpfungsmorgen spätestens am Abend der Schöpfung auch seinen Geschichtswillen durchherrscht. Deshalb beten wir: Dein Wille geschehe.

Er hat uns nicht gewollt wie wir sind, aber er liebt jeden von uns so wie er ist.

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Dr. phil. Helmut Müller

Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz-Landau. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag, Link: https://www.fe-medien.de/hineingenommen-in-die-liebe


[1]https://www.emma.de/artikel/viele-geschlechter-das-ist-unfug-339689

[2]https://www.katholisch.de/artikel/41426-bischof-kohlgraf-ueber-queere-menschen-gott-hat-sie-alle-so-gewollt

[3]https://www.katholisch.de/artikel/40882-bischof-dieser-duerfen-weiterentwicklung-der-lehre-nicht-verweigern

[4]https://www.katholisch.de/artikel/41474-trierer-bischof-ackermann-fuer-aenderung-kirchlicher-sexualmoral

[5]https://www.bistum-essen.de/pressemenue/artikel/bischof-bei-fels

[6]https://www.tagesspiegel.de/wissen/homosexualitat-lasst-sich-nicht-aus-den-genen-lesen-8463112.html

[7]https://www.biologie-schule.de/zygote.php

[8] Gerhard Höver, Neue Einsichten zum Lebensbeginn, in: Die Tagespost, 6. 10. 22, S. 25, Zitat eben da.

[9]https://de.wikipedia.org/wiki/Royal_Society

[10]https://elementedernaturwissenschaft.org/de/node/962

[11]https://www.katholisch.de/artikel/41203-knackpunkt-geschlechtsidentitaet-fuer-eine-dualitaet-ohne-polaritaet

[12]https://de.wikipedia.org/wiki/Epigenese

[13]https://www.mdr.de/wissen/die-erfindung-des-sex-100.html

[14]https://www.kath.net/news/51961

[15]https://de.wikipedia.org/wiki/Phylogenese

[16]http://projekttheater-westerwald.de/app/download/5795477878/Helmut+Mu%CC%88ller%2C+Su%CC%88nde%2C+ein+Riss+durch+Himmel+und+Erde.+Gedanken+zu+einem+Schauspiel+von+Peter+Wayand%2C+in+Eulenfisch+Nr.+1_13%2C+S.+119-121.pdf

[17]https://www.gaebler.info/2011/12/spaemann/

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